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Full text of "Des Freiherrn Alexander von Humboldt und Aimé Bonpland Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents : für die reifere Jugend zur belehrenden Unterhaltung bearbeitet"

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in 2013 



http://archive.org/details/desfreiherrnalex41humb 



Des 

Preiherrn Alexander von Humboldt 
und Aime Bonpland 



in die 



3M 



Aequinoctial- Gegen den 

des 

neuen Continenfs, 

für die 

bearbeitet 



Gr. A. Wimmer. 

'VIERTES BÄKDCHEHV' 

\ — 



Ausgabe. 



Mit Kupfern und Charten. 



HVWEM* 

Gedruckt und im yerlage bei Carl Gerold- 

1844« 



#30 



Erklärung der Kupfer 

des 

vierten Bändchens, 

welche theils zur Zierde , hauptsächlich aber zur 

Yersinnlichung der vorkommenden Gegenstände 

beigegeben worden. 



Di 



i. 

Das FJofs von-Guayaquil. 
(Titelkupfer.) 



ieses schöne Kupfer ist darum beigegeben, um den jungen 
Lesern so einen recht erfreulichen Blick in die südliche Welt thun 
zu lassen , und die ganze Pracht einer tropischen Landschaft vor 
ihnen zu entfalten. Dieses Flofs ist eines von denen, deren sich 
dte Peruaner seit den ältesten Zeiten bedienen, um an den Küsten 
des Südmeeres und an der Mündung des Flusses Guayaquil ihre 
Transporte zu verrichten. Auf dem Vordertheile ist ein Haufe der 
verschiedensten Pflanzen und Früchte der Tropenwelt zusammen- 
gehäuft : Ananas, Bananen, Passionsblumen u. s. iv. Sie gewähren 
einen heitern Anblich. Die Flofse selbst bestehen aus 8 bis 9 Bal- 
ken Ton sehr leichtem Holze , sind dem Ansehen nach schwerfällig 
aber doch sehr leicht zu regieren. Man bedient sich ihrer zum 
Fischfange wie zum Waarentransporte, Die Leute, welche auf 
diesem Flofse beschäftigt sind , erinnern durch ihre leichte Klei' 



— VI — 

düng , dafs ihre Blicke auf Palmeninseln zu ruhen gewohnt sind 
Diese Inseln stellen 6ich auch im Hintergrunde malerisch gruppirt dar. 



II. 

Briefpost der Provinz Jaen de Braccamoros. 

Dieses schöne Blatt 6oll meinen jungen Lesern die Lebens- 
weise der Menschen jener Länder vor Augen bringen, in denen der 
Mensch bis jetzt noch keineswegs als Gebieter, sondern mehr als 
ein geduldeter Gast aufgetreten ist. Keine Poststrafsen durchschnei- 
den jene Wildnisse, und nur mit Mühe bahnt sich der Wilde den 
Weg durch das verwachsene Gesträuch. Selbst den wilden Vier- 
füfsern sind manche Striche unzugänglich, wie wir bei Gelegenheit 
der Reise auf dem Apure gesehen haben Zwischen Peru und der 
Provinz Jaen de Braccamoros am Amazonenstrome liegt eine grofse 
waldige Strecke, welche keine andere, als eine Wasserstrafse hat. 
Der Courir , welcher ron einer Provinz zur andern die Briefe zu 
besorgen hat, schwimmt auf den Flüssen; zuerst im Guancabamba 
und aus diesem in den Amazonenstrom. Die Briefe, welche ihm 
anvertraut sind, hat er bald in ein Tuch, bald in den Gürtel 
(Guayuco) eingeschlagen und um den Kopf gewunden. Eben da 
steckt auch die Manchette, ein grofses Messer, das jeder Indianer 
besitzt , um sich sowohl zu vertheidigen , als hauptsächlich einen 
Weg durch die Wildnifs zu bahnen. 

Der Courir von Truxillo wird daher im Lande der schwimmende 
Bote genannt. Unsere Tafel zeigt ihn schwimmend , ein Stück 
Holz unterm Arme und auch wie er sich bereitet , die Briefe ein« 
zupacken und sich iu den Flufs zu werfen. Um im Schwimmen 
nicht zu ermüden , nimmt er ein Stück leichtes Holz von einem 
Bombax oder einer Ochroma zu 6ich ; an reifsenden Stellen und 
Wasserfällen steigt er aus, und geht die Strecke zu Lande , wirft 
sich aber wieder ins Wasser, sobald er keine Gefahr mehr sieht. 
Auch braucht er keine Lebensmittel mit 6ich zu nehmen , denn er 
rindet in den häufigen Hütten und Pflanzungen längs den Ufern 
gastfreie Aufnahme, 



— VII — 

Manchmal nimmt er , der Kurzweile wegen , noch einen Ge- 
fährten mit sich. Die Flüsse , welche sich oberhalb Pongo de 
Magasi mit dem Amazonenstrome vereinigen , haben glücklicher 
Weise keine Krokodille. Auch die Indianerhorden jener Gegenden 
reisen auf dieselbe Manier , wie der Courir von Peru. Hat er in 
Tomopenda nach vollbrachter Botschaft ausgeruht, so kehrt er durch 
den Paramo del Pareton oder über den wilden Weg, der durch 
die Dörfer San Felipe und Sagique und die Chinawälder führt, 
nach Peru zurück. 



III. 

Der Grundrifs der Stadt und des Hafens von 
Havannah. 



Reise 

in die 

Aequinoctial-Gegenden 

des 
neuen Continents. 



Kibl. naturli. Reisen. IV 



SHI232IB£!ffiI3§ SWOIIk 



Eilftes Kapitel. 

Töpfer -Waare der Indianer. — Die Landschaft bis zu den schwar- 
zen Wassern. 



D, 



er Missionär führte nun die Reisenden in eine 
Hütte der Indianer, wo dieselben eben beschäftigt 
waren , Töpfe und grofse Gefäfse aus Thon zu bren- 
nen. Dieser Gewerbzweig ist den verschiedenen 
Stämmen der Maypuresfamilie cigenthümlich und 
wird seit unendlichen Zeiten von ihnen getrieben 
Die Neigung für dieses Erzeugnifs scheint vormals 
über beide Amerika's ausgedehnt gewesen zu seyn. 
Überall, wo man nachgräbt, selbst in den tiefsten 
Wäldern, trifft man Bruchstücke von bemalter Tö- 
pferarbeit an. Auffallend ist dabei die Ähnlichkeit 
ihrer Verzierungen. Es scheint, als ob sie alle nach 
demselben Muster-gleichsam instinktmäfsig verfertigt 
worden wären. Vor den Augen der Reisenden wur- 
den dieselben Figuren und Verzierungen auf die 
Gefäfse gemalt, welche sie spater auf den Todten- 
Urnen in der Höhle von Ataruipe wahrnahmen. Es 
sind Bilder von Krokodillen, Affen und einem ele- 
phantenähnlichen vierfüfsigem Thiere , welches je- 
doch auch ein Tapir seyn kann , dann Grecken und 
Meandriten. Am gewandtesten führen die Maypurcs 
Bilder aus von geraden, verschiedentlich vereinbar- 



— 6 — 

ten Linien, denen ähnlich, die man aucb auf den 
Gefäfsen Grofs- Griechenlands und so vieler alter 
Völker aller Gegenden antrifft. 

Der Thon zu diesen Gefäfsen wird durch öfteres 
Waschen gereiniget, dann in Form eines Cylinders 
geknetet, wo sodann mit der Hand die gröfsten Ge- 
fäfse verfertigt werden. Das Töpferrad ist hier so 
unbekannt, wie auf der Halbinsel Araya. Die Fär- 
bestoffe sind Eisen- und Mangan - Oxyde , vorzüg- 
lich gelbe und rothe Ocherarten , die in den Höh- 
lungen des Sandsteins vorkommen. Zuweilen wird 
auch Chica angewandt , nachdem die Töpferwaare 
bei ganz gelindem Feuer gebrannt worden ist. Diese 
Malerei wird mit dem Algorobo- Firnisse libcrzogcn, 
■welcher das durchsichtige Harz der Hymenea Cour- 
3 aril ist. Die grofsen Gefäfse zur Aufbewahrung der 
Chiza heifsen Chiamacu, die kleinen Gefäfse heis- 
srn Mucra. 

Sehr merkwürdig ist , dafs man in Nordamerika, 
westwärts der Aleghany - Berge , beim Aufgraben 
des Bodens sehr oft neben Scherben aus Töpfer- 
waaren , Gcrälhschaften aus Kupfer gefunden hat. 
Dieses mufs befremden in einer Gegend , wo vor 
Ankunft der Europäer der Gebrauch der Metalle 
noch unbekannt war. In Südamerika wird die näm- 
liche Töpferwaare in den Einöden angetroffen, neben 
ihr finden sich aber Haken aus Nephrit und harten 
Steinen, die künstlich durchbohrt sind, nie aber 
hat man metallische Werkzeuge oder Verzierungen 
gefunden. In jenen Gegenden Nordamerika^ findet 



man auch Mauern ohne Mörtel , Schanzen und Tu- 
mulus; in Südamerika nirgend aber ein Denkmal eines 
civilisirten Volks, welches dem Zahne der Zeit Wi* 
derstand geleistet hätte , obschon man in die härte- 
sten Felsen Figuren eingehauen findet. Woher diese 
Verschiedenheit zwischen den Völkern der nördlichen 
und südlichen Gegenden? 

Heut zu Tage geht die von den Mönchen einge- 
führte Cultur wieder rückwärts. Die Tiger haben 
die Ziegen gefressen, das Hornvieh ist wieder um- 
gekommen, und nur die Schweine konnten der Ver- 
tilgung durch wilde Thiere widerstehen. Mit Ver- 
gnügen trafen sie um die Hütten der Indianer Aras 
an, die, wie unsere Haustauben, auf das Feld flie- 
gen. Es ist dies eine der schönsten und gröfsten 
Papageien - Art, die in Südamerika angetroffen wird. 
Er heifst hier Cahuei. Seine Länge beträgt, mit 
Einschlufs des Schweifes, 2 Fufs 3 Zoll, und sein 
schweres und zähes Fleisch wird häufig gegessen. 
Diese Aras, deren Federn in den lebhaftesten Far- 
ben von Purpur, Blau und Gelb glänzen, sind eine 
grofse Zierde der amerikanischen Hühnerhöfe , und 
stehen den Pfauen, Goldfasanen , Pauxis und Alek- 
tors nicht nach. Diese Gewohnheit , Aras statt Hüh- 
ner aufzuziehen, fand schon Columbus auf den An- 
tillen herrschend. 

Um das kleine Dorf von Maypures her wächst 
ein prachtvoller Baum, der über 60 Fufs Höhe hat, 
und den die Colonisten Frutta de Burro nennen. Es 
ist dieses eine neue Art der Unona. Ihre Äste sie- 



— 8 — 

hen gerade und erheben sich pyramidenförmig, fast 
wie bei der Pappel von Missisippi , die man falsch 
italienische Pappel nennt. Dieser Baum trägt eine 
aromatische Frucht, deren Aufgufs ein "wirksames, 
fiebertilgendes Mittel ist. Man zieht hier überhaupt 
gewürzhafte Mittel den zusammenziehenden gegen 
das Fieber vor, und selbst da, wo der wohlthätigc 
Chinarindenbaum einheimisch ist, sucht man aus 
Vorurfbeil andere Mittel zur Hebung des Fiebers auf. 

Maypures liegt unter 8°, i3' 32" N. Br. und 70 , 
37' 33" O. L. Diese astronomischen Beobachtungen 
waren jedoch über alle Begriffe mühsam , denn nir- 
gends hatte sich die Mosquitos - Wollte dichter ge- 
zeigt. Sie bildete eine dicke, etliche Fufs hohe 
Schichte, welche noch dichter wurde, wenn man 
die Lichter zu den Instrumenten brachte, um die 
Grade abzulesen. Meistens verlassen die Einwohner 
das Dorf des Abends , um in den Cataracten zu 
schlafen, wo die Insekten nicht so häufig sind; an- 
dere unterhalten unter ihren Hängematten Feuer, 
und räuchern sich im eigentlichsten Sinne. Der 
Thermometer stand am Tage auf 3o° und des Nachts 
auf 27 bis 29 . 

Nach dritthalbtägigcm Aufenthalt in Maypures 
bestiegen sie am 21. April von neuem ihre Pirogue. 
Obwohl sie in den Baudales stark beschädigt wor- 
den ist, fand man sie doch noch geeignet, die Reise 
auszuhallen. 

Sobald die grofsen Wasserfälle zurückgelegt sind, 
befindet man sich gleichsam in einer neuen Welt, 



— 9 — 

und man glaubt die Grenze überschritten zu haben, 
welche die Natur zynischen kultivirten Küstenländern 
und den wilden noch unbekannten Gegenden des 
innern Küstenlandes aufgeführt hat. Ostwärts in 
blaulicher Ferne stellte sich zum letzten Male die 
hohe Bergkette von Cunavami dar. Ihr langer, wa- 
gerechter Kamm erinnert an die Gestalt des Brigan- 
tin , in der Nähe von Cumanaj sie läuft aber in 
einem stumpfen Gipfel aus. Der Pik von Galitamini 
heifst er, er glänzt beim Untergange der Sonne wie 
vom röthlichen Feuer. Der Anblick ist alle Tage 
der nämliche. Niemand hat sich noch je diesem 
Berge genähert, der nicht über 600 Toisen hoch 
ist. Herr von Humboldt vermuthet, es sey dieser 
Glanz dy: Wiederschein , welcher von grofsen 
Talkplatten herrührt, oder von Gneifs, der in Glim- 
merschiefer übergeht. Die ganze Gegend enthält 
Granitfelsen , auf welchen hin und wieder ein thon« 
artiger Sandstein ruht. 

Auf dem Wege von der Mission nach dem Platze 
der Einschiffung fanden sie einen Stamm der Hevea, 
vvelcher Federharz liefert, und dann eine schöne 
buntgefärbte Froschart. Der Bauch war gelb, 
Rücken und Kopf schön dunkel purpurfarb, ein ein- 
ziger schmaler und weifser Streif ging von der Spitze 
der Schnautze über den ganzen Körper bis an die 
Hinterfüfse. Es war eine zwei Zoll lange Frosch- 
art, der Rana Tinctoria verwandt, deren Blut (wie 
man erzählt) in die Haut der Papageien, an Stellen, 
wo ihnen die Federn ausgerupft wurden, eingerie- 



— 10 — 

bcn , buntscheckige , gelbe oder rothe Federn wach- 
sen macht. Am Wege zeigten die Indianer Spuren 
von Wagenrädern , als eine in diesem Lande aller- 
dings merkwürdige Erscheinung. Sie sprachen, wie 
von einem unbekannten Geschöpfe, von den Thie- 
ren mit grofsen Hörnern, welche zur Zeit des Grenz- 
zuges die Fahrzeuge durch das Thal von Ken, vom 
Rio Toparo zum Rio Cameji zogen, um die Cata- 
racten zu umgehen und die Mühe des Waarcnabla- 
dens zu ersparen. Die Indianer von Maypures bür- 
den heut zu Tage eben so über einen Ochsen er- 
staunen , wie die Römer über den Elephanten des 
Pyrrhus , den sie lucanische Ochsen nannten, er- 
staunten. Durch einen Canal , der im Keri-Thalc 
die kleinen Flüsse Cameri und Toparo vereinigte, 
könnte das Raudal umfahren werden. Er dürfte 
nicht länger als i36o oder si85o Toisen seyn , je 
nachdem man entweder in der Nähe der Quellen oder 
der Mündungen beide Flüsse vereinigte. 

Nachdem sie noch das bei hohem Wasserstande 
gefährliche Raudal von Cameji durchfahren hatten, 
fanden sie den Flufs spiegelglatt. Sie bivouakirten 
auf einem felsigen Eilande , das erst anfing mit Ge- 
büsch zu überwachsen. Es liegt unter 5°, 4' 3i" 
N. Rr. und 70 , 37' W. L. Die Mosquitos waren 
unzählbar, wie der Sand am Meere. Folgenden Tag 
war der Morgen feucht, und die Luft, wie immer, 
ruhig, kein Blatt rauschte. In der Entfernung von sechs 
Meilen von der Piedra Raton , wo sie übernachtet 
hatten , fuhren sie östlich bei der Ausmündung des 



— 11 — 

Rio Sipapo vorbei, und hernach westlich vor der 
Mündung des Rio Wichada. In der Nähe der letz- 
teren bilden Felsen eine kleine Cascade. Der Rio 
Sipapo kommt aus einer beträchtlichen Bergkette 
her, die eine Felsmauer bilden, welche malerische 
Ansichten darbietet. Bei Sonnenaufgang ertheilj 
ihm der dicke Pflanzenwuchs das in's Braune spie- 
lende dunkelgrüne Colorit , das den Landschaften 
mit lederartigen Blättern eigenthümlich ist. Breite 
und starke Schatten stellen sich in der nahen Ebene 
dar, und stechen so gegen das helle über dem Bo- 
den, in der Luft und auf der Meeresfläche verbrei« 
tete Licht ab. 

Hinter diesen Bergen von Sipapo hatte Cruzero^ 
das mächtige Haupt der Guaypunabis, geraume Zeit 
seinen Aufenthalt genommen, nachdem er mit seiner 
Kriegerhorde die Ebenen zwischen den Rio Inirida 
verlassen hatte. Die Indianer versicherten, es werde 
das Vehuco der Maimure in den Waldungen des 
Sipapo in Menge angetroffen. Diese Lianenpflanze 
ist den Eingebornen sehr wichtig, indem sie daraus 
Körbe verfertigen und Matten flechten. Die Wälder 
von Sipapo sind noch völlig unbekannt, und die 
Missionäre versetzen das Volk der Rayas dorthin, 
welche den Mund in der Gegend des Nabels haben. 
Ein Indianer in Carichana versicherte , öfter Men- 
schenfleisch gespeist zu haben, und behauptete, er 
habe die kopflosen Menschen mit eigenen Augen ge- 
sehen. (Das konnte er übrigens leicht behaupten, 
denn waren die, welche ihm glaubten, nicht kopf> 



— 12 — 

los?) Dieses ungereimte Mährchen verbreitete sich 
bis in die Llannos, wo der Zweifel am Daseyn der 
Rayas- Indianer zuweilen übel aufgenommen wird. 
Denn zur Leichtgläubigheit gesellt sich unter allen 
Zonen Unduldsamheit, und man hönnte auf dieVcr- 
muthung geratlien , die Erdichtungen der alten Erd- 
beschreiber scheinen aus einer Halbhugel in die an- 
dere übergegangen, wenn nicht behannt wäre, dafs 
die seltsamsten Erzeugnisse der Phantasie, gleich 
den Werken der Natur , überall eine gewisse Ähn- 
lichheit in Form und Aussehen darbieten. 

An der Mündung des Rio Vichada gingen sie an's 
Land, um die Pflanzen der Gegend zu untersuchen. 
Der Wald war hier etwas lichter und zerstreute 
Felsblöche lagen umher. Die Landschaft ist sehr 
malerisch durch diese Felsen und den mannigfalti- 
gen Pflanzenwuchs. Herr Bonpland fand hier meh- 
rere Stämme des Laurus- Cinnamomoides, oine sehr 
aromatische Zimmtbaumart , die am Orinoko unter 
den Namen Varimacu und Canelilla bekannt ist. Die- 
ses köstliche Gewächs wird auch im Thale Rio Caura, 
so wie in der Nähe vonEsmeralda und ostwärts von 
den grofsen Catarakten angetroffen. Der Jesuit 
Francisco de Olmo scheint der erste gewesen zu 
seyn , welcher die Canelilla im Lande der Piaroas 
bei den Quellen des Cataniapo entdeckt hatte. Diese 
gewürzhaften Rinden und Früchte, der Zimmt, die 
Mushatnufs , der Myrtus-Pimenta und der Laurus 
pulcheri würden wichtige Handelsartikel geworden 
scyn,, wenn zur Zeit der Entdeckung Amerika's 



— 13 — 

Europa bereits an die Gewürze und Aroma's Indiens 
gewöhnt gewesen wäre. Der amerikanische Zimmt 
ist jedoch so aromatisch nicht, als der Zimmt von 
Ceylon. Jeder Erdtheil hat ihm eigenthümliche Er- 
zeugnisse und Gewächse. Es kann diese Verschie- 
denheit nicht aus physikalischen Gründen erklärt 
werden. Und die Ursachen, warum Afrika keine 
Laurineen , die neue Welt keine Heidekräuter hat, 
warum diese Thiere , die hier unter einer gewissen 
Breite vorkommen , in derselben Breite in einem 
andern Weltthcile nicht vorhanden sind? gehören 
zu den Geheimnissen der IMatur, die sie sich auch 
bisher nicht abfragen lassen, und welche auch die 
Naturphilosophie nicht so leicht ergründen dürfte. 

Die Reisenden fuhren nun bei verschiedenen 
Flufsmündungen vorbei, als beim Rio Bicbada, des- 
sen Quellen und Lauf ziemlich unbekannt sind, und 
der ein beträchtlicher Flufs ist; dann beim Canno 
Pirajavi, dann noch bei einem kleinen Flusse, end- 
lich übernachteten sie bei der Mündung des Bio 
Zama. Die Luft war schön und heiter, aber trotz 
der schwarzen Gewässer des Zama , plagten sie die 
Mosquitos jämmerlich. 

Die ausgebreitete Landschaft zwischen demMeta, 
dem Vichada oder Bichada und dem Guaviare ist 
völlig unbekannt , man glaubt sie werde von den 
wilden Indianern bewohnt, die zum Stamme der 
Chiricoas gehören , und welche zum Glück keine 
Kähne verfertigen. Vormals, so lange die Cariben 
und ihre Feinde, die Kabren, diese Gegenden mit 



— 14 — 

ihren Flöfsen durchzogen, -wäre es unvorsichtig ge- 
wesen , in der Mündung eines von Westen kommen- 
den Flusses zu übernachten. Jetzt aber, seit die 
kleinen .Niederlassungen die unabhängigen Indianer 
von den Gestaden des Ober -Orinoko vertrieben 
haben, ist die Landschaft zu so einer vollkommenen 
Einöde geworden, dafs von Carichana bis Javita und 
von Esmeralda bis San Fernando de Atabapo, auf 
einer Schiffahrt von 180 Meilen, kein einziges Fahr- 
zeug zu sehen ist. 



Zwölftes Kapitel. 

Die schwarzen Gewässer. — Sau Fernando de Atabapo. 

Wenn ein Reisender den Orinoko hinauffährt, 
und an die Mündung des Rio Zama gelangt, so be- 
gegnet er hier einer Naturerscheinung, die zwar 
nicht so auffallend und Bewunderung erregend, wie 
ein Wasserfall oder ein hoher Berg ist, aber darum 
nicht weniger die ganze Aufmerksamkeit der Natur- 
forscher in Anspruch nimmt. Es sind dieses die 
sogenannten schwarzen Gewässer. Der Zama, der 
Mataveni , der Atabapo, Tuamini, Temi , Guainia 
führen aquas negras , das will so viel sagen: ihre 
Gewässer, in grofsen Massen betrachtet, stellen sich 
braun , wie Caffee , oder schwarzgrünlich dar. Sie 
sind jedoch darum nicht minder hell und rein, wenn 
man sie &. B. in ein Glas schöpft, und dabei sehr 
gute wohlschmeckende Gewässer. Wir haben un- 



— 15 — 

scrn jungen Lesern schon oben berichtet , dafs die 
Krokodille und Mosquitos die schwarzen Gewässer 
meiden, und nur die Zaeundos sich daselbst auf- 
halten. Das Volk behauptet, dafs die schwarzen 
Wasser reine Ufer haben, wogegen die weifsen Ge- 
wässer, wie wir schon oben vielfach sahen, schwarz 
färben, und wirklich waren auch die von Herrn 
von Humboldt besuchten Ufer des Rio Negro glän- 
zend weifs, wo sie *ius Granit und Quarzmassen be- 
standen. Im Glase ist das Wasser des Mataveni, 
eines schwarzen Flusses, weifs, des vom Atabapo 
behält eine braunliche Schattirung. Setzt die Ober- 
fläche der schwarzen Flüsse ein Wind in Bewegung, 
so erscheint sie , wie die der Schweizerseen , in ei- 
nem lieblichen Wiesengrün. Im Schatten ist der 
Atabapo, der Guainia oder Rio Negro und der Zama 
schwarzbraun, wie Caffeesatz. Diese Naturerschei- 
nung ist in Südamerika so auffallend , dafs die In- 
dianer überall die Gewässer in schwarze und weifse 
eintheilen. Die schwarzen Wässer werfen die Stern- 
bilder mit bewundernswerther Klarheit zurück, 
dafs sie zum künstlichen Horizont benützt werden 
könnten. 

Es fragt sich nun , welches ist die Farbe des 
Wassers in der Natur überhaupt? Und dann, woher 
rührt die verschiedene Färbung derselben insbeson- 
dere ? Diese Fragen sind aber eben so leicht aufzu- 
werfen , als sie schwer oder vielleicht gar nicht zu 
lösen sind. Man hat vergebens gesucht, die durch- 
gehenden oder sich brechenden Strahlen des Lichts 



— 16 — 

in Anschlag zu bringen, man erhält aus der Optik 
keine Antwort auf obige Fragen. Aber auch die 
Chemie hat bisher noch immer ausweichend geant- 
wortet. Berühmte Naturforscher , welche die mei- 
sten Wasser der Oletscher und die aus den mit 
ewigem Schnee bedeckten Bergen herkommen , wo 
der Boden keinerlei Pflanzenüberbleibsel enthält, 
untersucht haben, sind der Meinung, die eigenthüm- 
liche Farbe des Wassers dürfte blau oder grünseyn. 
In der That ist auch nichts erwiesen, dafs das Was- 
ser, seiner Natur nach, weifs sey, und dafs man 
allezeit einen färbenden Grundstoff annehmen müsse, 
wenn die Wasserspiegel gefärbt erscheinen. Wenn 
in den gefärbten Gewässern auch solche Farbenstoffe 
vorhanden sind, so sind sie wenigstens in so gerin- 
ger Quantität da , dafs sie sich jeder chemischen 
Untersuchung entziehen. 

Der Ocean ist in verschiedenen Weltgegenden 
verschieden gefärbt. Man hat wohl schon öfters 
behauptet, die Farbe des Wassers rühre von der 
des Himmels her , der sich in demselben spiegelt, 
und sogar vom schwarzen Meere, seine Farbe rühre 
vom schwarzen Grunde her, auf dem es fluthet. 
Dies sind jedoch Mährchen, und so viel ist entschieden, 
dafs wirklich verschiedenen Gewässern verschiedene 
Farben eigenthümlich sind. 

Schon die Alten haben die blauen Wässer von 
Thermopytä, die rothen von Japho und die schwar- 
zen vom Astyra , Lesbos gegenüber, unterschieden. 
Die Rhone nächst Genf zeigt eine auffallend blaue 



— 17 — 

Farbe; die Schneewasser der Schweizeralpen gehen 
öfter in smaragdgrüne Farbe über. Verschiedene 
Seen in Savoyen und Peru haben ein bräunliches, 
beinahe schwarzes Colorit, und die verschieden- 
artigen Bergseen der Karpathen sind bekannt. 

In dem grofsen Flufssysteme , welches unsere 
Reisenden durchwanderten , bleiben die schwarzen 
Wasser besonders auf den Aequatorialslreif be- 
schränkt, der zwischen dem fünften Grade nördlich 
bis zum zweiten Grade südlich sich ausdehnt. Es zeigt 
sich jedoch auf diesem Erdstriche eine so auffallende 
Mischung schwarzer und weifser Wasser , dafs auch 
aus der Lage derselben unter dem Aequator kein 
Resultat gezogen werden kann. Der Cassiquiare, 
ein Arm des Orinoko , der sich in den Rio Negro 
ergiefst, hat weifse Farbe. Von zwei nur wenig 
von einander entfernt liegenden Zuflüssen des Cas- 
siquiare, der Siapa und der Pacimony, ist der eine 
weifs und der andere schwarz. 

Fragt man die Indianer nach der Ursache der 
Färbung, so antworten sie, indem sie die Frage auf 
eine andere Art wiederholen. Die Missionäre sagen: 
die Wasser färben sich, indem sie über die Wurzeln 
der Sassaparille hinfliefsen. Diese Pflanzen sind nun 
wirklich häufig an den schwarzen Flüssen , und ihre 
eingeweichten Wurzeln liefern einen braunen und 
schleimigen Stoff, allein man findet dieselben Smi- 
lax- Büsche auch an den weifsen Flüssen. In den 
sumpfigen Wäldern , wo die Pirogue zum Rio Pi- 
michin getragen werden mufste , durchwateten die 



— 18 — 

Reisenden bald weifse, bald schwarze Flüsse. Es 
ist auch kein Flufs bekannt, der nahe bei seinem 
Ursprünge weifs und hernach schwarz gefärbt wäre. 

Herr von Humboldt meint : es sey eine Mischung 
ron Kohlenstoff und Wasserstoff, ein Pflanzen -Ex- 
traktivstoff, welcher die Wasser des Zama, Metaveni 
Guainia schwarz färbe. Er legt jedoch diese Mei- 
nung zweifelnd hin, weil die Wasser des Rio Negro 
durch's Sieden nicht braun werden. 

Merkwürdig ist insbesondere noch , dafs die Er- 
scheinung der schwarzen Wasser , von der man 
glauben könnte , sie gehöre der niedrigen Region 
der heifsen Zone ausschliefslich an , auch auf den 
Plateaus der Anden, obgleich nur selten, vorkommt. 
Man bedient sich ihrer dort vorzugsweise zum Trin- 
ken und schreibt ihre Farbe gleichfalls der Sassapa. 
rille zu. 

Aus allein diesen geht hervor, dafs die Erschei- 
nung der weifsen und schwarzen Wasser zu denen 
gehört, die man noch nicht zu erklären weifs, und 
so möge denn zu den obigen Hypothesen noch fol- 
gende kommen, die, so gut oder schlecht sie ist, dem 
Rearbeiter selbst angehört. Die Farbe des Wassers, 
wenn es rein ist, ist allezeit namenlos , d.h. es ist 
die Farbe der reinen Luft, so dafs ein breiter, dich- 
ter Wasserstrahl in der reinen Luft nicht wahrge- 
nommen werden könnte. Die verschiedenen Farben 
rühren von Gasarten her, welche sich auf chemischem 
Wege aus der Verbindung verschiedener Körper 
mit dem Wasser entwickeln und mit letzterem sich 



— 19 — 

verbinden. Die dunkeln, in die beiden Farben gelb 
und schwarz sich einschattirenden Farben, kommen 
aus dem Boden, wo die Quellen entspringen und 
ihren Lauf haben , aber auch aus gerbestoffualtigcn 
Pflanzenfilzen, durch welche das Wasser sickert. 
Die lichten , dem Weifs und Grün angehörenden 
Farben , kommen aus animalischen und vegetabili- 
schen Stoffen , die keinen GerbestofF enthalten. Als 
feine Gasarten haben sie sich zwar bis jetzt der Un- 
tersuchung entzogen, besonders in schwarzen Ge- 
wässern, sie werden es jedoch nicht immer, und 
der Fleifs der Naturforscher wird auch dieses Räth- 
sel mit der Zeit lösen. 

Um drei Uhr Morgens fuhren sie von der Mün- 
dung des Zama ab. Der Strom war von beiden 
Seiten mit dichter Waldung besetzt. Die östlichen 
Berge entfernten sich immer weiter. Sie kamen nun 
vor der Mündung des Rio Mataveni vorbei und zu 
einer Insel von der seltsamsten Gestalt. Wie ein 
RofTer steht ein gewiegter Granitwürfel aus dem Was- 
ser empor, die Missionäre nennen ihn el Castillito. 
Die Nacht über verweilten sie bei dem Felsen Ari- 
cagua. Eine zahllose Menge Fledermäuse kam 
hervor und umschwärmte die Hängematten. In 
trocknen Jahren vermehrt sich ihre Menge aufscr- 
ordentlicb. 

Am 24. April langten sie Nachmittags um vier 
Uhr bei den Hütten und kleinen Pflanzungen der 
Indianer an, die nach San Fernando gehören, nach 
dem sie noch mehrere Einmündungen in den Orinoko 



— 20 — 

vorbeigekommen waren. Die guten Leute wollten 
sie bei sich behalten; sie fuhren aber vorüber, und 
bei dunkler Nacht in den RioGuaviare, und langten 
um Mitternacht in San Fernando de Atabapo an. 

Fast ohne es zu merken, hatten sie in der Nacht 
die Gewässer des Orinoko verlassen , und befanden 
sich am andern Morgen beinahe in einem andern 
Lande. Sie standen an einem Flusse, den sie kaum 
dem Namen nach gekannt hatten , und welcher sie 
an die Grenze Brasiliens führen sollte. 



Dreizehntes Kapitel. 



Neuer Reiseplan. — San Fernando de Atabapo. — Fahrt auf dem 
Guaviare in den Atabapo. — St. Balthasar. 

Den neuen Reiseplan oder vielmehr die Marsch- 
route, die sie nun zu nehmen hatten, beschrieb 
ihnen der Vorsteher der Missionen, der zu San Fer- 
nando wohnte, folgendermafsen : » Ihr werdet zuerst 
den Atabapo hinauffahren , hernach den Temi und 
zuletzt den Tamini. Wenn die Gewalt der Strö- 
mung der schwarzen Wasser das Weiterkommen un- 
möglich macht, wird man euch alsdann aufser dem 
Strombette durch Wälder, die ihr überschwemmt 
antreffet, weiter bringen. In diesen Wüsten, zwi- 
schen dem Orinoko und dem Rio Negro, sind einzig 
nur zwei Mönche angesiedelt; aber in Javita wird 
man euch Mittel an die Hand geben , um eure Piro- 
gue vier Tagereisen weit , über Land , zum Canno 



— 21 — 

Pimicliin zu schleppen. Kommt sie unversehrt an, 
so mögt ihr alsdann ungehindert den Rio Negro von 
N. W- gegen S. O. hinunterfahren bis zum Fort San 
Carlos , nachher fahrt ihr den Cassiquiare von Süd 
gegen Nord auf, und nach Abflufs eines Monats 
kommt ihr dann den Ober-Orinoko herab, von Osten 
gegen Westen fahrend, nach San Fernando zurück.« 
Dieser Plan wurde denn auch von unsern Freunden 
in zwei und dreifsig Tagen ausgeführt , wiewohl 
nicht ohne Schwierigkeit und Beschwerde. 

Der Missionär von San Fernando führt den Titel 
eines Präsidenten der Missionen vom Orinoko. Sechs 
und zwanzig Ordensmänner, die an den Ufern des 
Rio Negro , Cassiquiare , Atabapo und des Orinoko 
angesiedelt sind, stehen unter seinen Befehlen, und 
er selbst wieder unter denen des Guardians von 
Neu-Barcellona. Sein Dorf zeigte etwas mehr Wohl- 
stand, als die, welche unsere Freunde bisher ange- 
troffen hatten , doch stieg die Zahl der Bewohner 
nicht über 226. Auch diese Mission soll gleich nach 
ihrer Stiftung volkreicher gewesen seyn. Dennoch 
könnte dieser Ort einmal sehr wichtig werden. 

San Fernando de Atabapo liegt nicht weit vom 
Zusammenflusse dreier grofser Ströme des Orinoko, 
des Guaviare und des Atabapo. Wird einst an die- 
sen drei Strömen der Verhehr lebhaft, so wird die 
Stadt, welche an dem Zusammenflusse dieser Ge- 
wässer liegt , der Stapelort der Schiffe , die Nieder- 
lage der Waaren und der eigentliche Ort der Sitti- 
gung werden. Früher hausten hier eine Menge 



— 22 — 

Stämme, als mit sich selbst streitende, feindselige 
Völker. Die Jesuiten, um ihre Niederlassungen zu 
sichern , zogen mehrere Häuptlinge in ihr Interesse, 
die alsdann wieder die feindlichen Stämme bekämpf- 
ten, und so wurde die Gegend entvölkert, was noch 
mehr durch die Menschenjagden geschah , nach je- 
nem Grenzzuge, welchen .So/ano unternommen hatte. 
Viele Indianer wurden auch von andern Indianern 
an die Holländer und Portugiesen als Sclaven ver- 
kauft. Die Phönizier und Karthaginenser holten vor- 
mals in Europa Sclaven. Jetzt übt Europa hinwie- 
der Bedrückung aus, theils gegen die Länder, aus 
denen es seine wissenschaftliche Bildung erhalten 
hat, theils über jene, welchen es dieselbe fast un- 
freiwillig mit den Erzeugnissen seines Kunstfleifses 
zuführt. 

Dieses sind die Verhältnisse der Länder, wo die 
überwundenen Völkerschaften nach und nach er- 
löschen , und keine andere Spur zurücklassen , als 
einige Wörter, welche sich in die Sprache derTJber- 
winder einmischen. Am Ober- Orinoko sind früher 
die Cabren und Cariben, am Bio Negro die Mare- 
pizanos und Manitivitanos mächtige Völkerschaften 
gewesen. Der lange Widerstand, welchen die Ca- 
bren den Cariben geleistet, war ihnen seit 1720 ge« 
fahrlich geworden. Sie hatten ihre Feinde zuerst 
in der Nähe der Mündung des Bio Caura geschlagen. 
Auf der Flucht fand ein grofser Theil der Cariben 
seinen Untergang , zwischen den Bapidcs von Torno 
und der Ilölleninsel Isla de Infierno. Die Gelange- 



— 23 — 

nen wurden aufgefressen, und mit jener grausamen 
Verschlagenheit, die den Wüden beider Amerika's 
eise« ist, war nur ein einziger Caribe am Leben 
gelassen , der einen Baum besteigen mufstc , um 
Zeuge des abscheulichen Vorgangs zu seyn, und den 
Überwundenen Kunde zu bringen. Allein der Sieg 
des Tep , Häuptlings der Cabrcn , war von luirzer 
Dauer. Die Cariben kehrten in so grofscr Anzahl 
zurück, dafs nur wenige Cabren übrig blieben. 

Am Ober - Orinoko führten auch zwei Häuptlinge, 
Cocuy und Cuseru, mit der gröfsten Erbitterung 
Krieg gegen einander, als Solana mit dem denk- 
würdigen Grenzzuge an der Mündung des Guaviare 
eintraf. Der erstere stand zur Seite der Portugie- 
sen, der letztere hielt es mit den Jesuiten, und be- 
nachrichtigte sie allezeit, wenn die Manitivitaner 
einen Einfall in die Missionen vorhatten. Cuseru 
ging nur erst wenige Tage vor seinem Tode zum 
Christenthume über, aber in den Gefechten trug er 
ein Crucifix an seiner linken Hüfte befestigt, wel- 
ches er von den Jesuiten -Vätern empfangen hatte, 
und wodurch er unverwundbar zu seyn glaubte. 
Von der Wildheic seines Charakters mag Folgendes 
zeugen. Er hatte die Tochter eines andern Häupt- 
lings vom Rio Temi zum Weibe. In einem Anfalle 
von Unwillen gegen den Schwiegervater, erklärte er 
seiner Frau, er ziehe aus, um mit ihm einen Kampt 
zu bestehen. Die Frau erinnerte ihn an die aufser- 
ordentliche Stärke und Entschlossenheit des Vaters, 
Cuseru aber, ohne ein Wort zu sprechen, stöfst ihr 



— 24 — 

einen giftigen Pfeil in die Brust. Im Jahre 1756 er- 
regte die Ankunft Solano's mit einer kleinen Truppe 
Spanier bei ihm Verdacht. Er war im Begriffe 
sich mit den Spaniern in einen Kampf einzulassen, 
als ihm die Jesuiten- Väter vorstellten, dafs es ge* 
rathener sey für ihn, mit den Christen den Frieden 
zu erhalten. Cuseru wurde nun zur Tafel des spa- 
nischen Generals geladen, und durch schöne Ver- 
licifsungen für den Untergang seiner Feinde gewon. 
nen. Der König wurde nun Dorfmeier , und liefs 
sich's gefallen , in der neuen Mission von San Fer- 
nando de Atabapo mit den Seinigen sich anzusiedeln. 
Dieses ist gewöhnlich das traurige Ende der Häupt- 
linge , welche von den Beisenden und Missionarien 
so freigebig Könige genannt werden. Pater Gili er- 
zählt; »ich hatte in meiner Mission fünf Königleins 
(Kegecillos) der Tamanaken, der Avarigoten , der 
Parecas, der Quaquas und der Meepures. In der 
Kirche liefs ich dieselben alle auf die nämliche Bank 
sitzen ; aber der erste Platz ward dem Könige der 
Tamanaken, Monasli, zu Theil, weil dieser mir bei 
der Gründung des Dorfes behülflich gewesen war. 
Er schien auf diese Auszeichnung nicht wenig stolz 
zu seyn « Nicht allezeit sind jedoch abgesetzte Kö 
nige so leicht zufrieden zu stellen. 

Als Cuseru die spanischen Truppen durch die 
Cataraktcn ziehen sah, rieth er dem Solano , mit 
der Gründung der Niederlassung an den Ufern des 
Atabapo noch ein Jahr abzuwarten, und verkündigte 
ihm alles Unglück im Voraus , das hernach wirklich 



— 25 — 

eintraf. » Lafst mieh mit meinen Leuten arbeiten 
und das Land urbar machen; ich will Manioc pflan- 
zen, damit ihr nachher für so viele Leute Speise 
findet.« Solano war aber ungeduldig , weiter zu 
kommen , verachtete diesen königlichen Rath. Die 
neuen Bewohner von San Fernando mufsten grofsen 
Mangel leiden, und die Fieber rafften einen grofsen 
Theil derselben leicht dahin. Noch sind in San 
Fernando Überbleibsel alter Cultur vorhanden. Je- 
der Indianer besitzt eine Cacaopflanzung, die vom 
fünften Jahre an häufigen Ertrag liefern, aber auch 
früher, als in den Thälern von Aragua , Früchte 
zu tragen aufhören. Die Bohnen sind zwar etwas 
kleiner, aber von vortrefflichem Gehalte. Die Almuda, 
deren zwölf eine Fanega ausmachen, kostet in San 
Fernando vier Franken, an den Küsten aber wenig- 
stens zwanzig bis fünf und zwanzig. Die ganze Mis- 
sion liefert aber kaum 80 Fanegas des Jahres , und 
weil, der alten verderblichen Sitte gemäfs, der Han- 
del mit Cacao dem Missionär allein zugehört, so 
fühlen die Indianer gar keine Neigung , die Bäume 
zu vermehren , die ihnen gar keinen Vortheil brin- 
gen. Um San Fernando sind gute Viehweiden in 
den Savanen, aber die Reisenden fanden kaum noch 
acht Kühe von denen , welche der Grenzzug hinge- 
bracht hatte. Die Indianer sind um etwas gebilde- 
ter, als in den andern Missionen, und sogar ein 
Schmied vom einheimischen Stamme war vor- 
handen. 

Der Landschaft von San Fernando gewährt die 

Bibl. naturh. Reisen. IV. % 



— 26 — 

Pirrjao - Palme ein eigenthümliches Aussehen. Ihr 
mit Stacheln besetzter Stamm wird über 60 Fufs 
hoch. Die Blätter sind gefiedert, ausnehmend zarr r 
wellenförmig und gegen die Spitze gekräuselt. Die 
Früchte des Baumes sind aufserordentlich. Jeder 
Zweig trägt deren 5o bis 80. Ihre Farbe ist erst 
gelb, und wenn sie reifen, purpurroth. Sie sind 
zwei bis drei Zoll grofs und durch fehlgeschlagene 
Befruchtung meist ohne Kern. Unter den achtzig 
bis neunzig Palmarten, die der neuen Welt eigen- 
thümlich angehören, findet sich keine von so grofser 
Fruchtbarkeit. Die Frucht des Pirijao enthält einen 
Stoff, der gelb, wie das Innere von einem Eie , et- 
was zuckerhaltig und sehr nahrhaft ist. Sie wird, 
wie die Pisangfrucht oder Erdäpfel , entweder ge- 
sotten oder in Asche gebraten gegessen , und ist 
eben so gesund als schmackhaft. Die Indianer,, 
so wie die Missionäre , werden nicht satt im Lobe 
dieser köstlichen Palme , die man Pfirsichpalme nen- 
nenkönnte, und die südlich von Atabapo überall an- 
gebaut wird. Man erinnert sich hier der Äufserung 
Linnee's: »der Mensch wohnend unter den Tropen, 
lebt von Palmen, ein Palmenesser; siedelnd aufser 
denselben auf stiefmütterlicher Erde wird er ein 
Fleischfresser.« Untersucht man die Vorräthe in 
den Hütten der Indianer, so überzeugt man sich, 
dafs ihre Nahrung den gröfsten Theil des Jahres hin- 
durch aus den Früchten der Palmen besteht. Jeder 
Baum trägt jährlich nur ein Mal Früchte , aber bis 
auf drei Zweige > und also 5o bis 200. 



— 27 — 

San Fernando de Atabapo , San Carlos und San 
Francesco Solano sind die bedeutendsten Niederlas- 
sungen am Ober- Orinoko. In San Fernando, wie 
in den benachbarten Missionen, sind gutgebaute 
Pfarrhäuser , mit Schlingpflanzen bewachsen und 
mit Gärten umgeben. Die schönste Zierde dieser 
Pflanzungen waren aber die Pirijao- Palmen. Der 
Pater Prüfest machte auf einem Spaziergange eine 
lebhafte Schilderung von seinen Streifzügen zum 
RioGuaviare. Er versicherte: diese zur Gewinnung 
von Seelen unternommenen Reisen seyen den India- 
nern der Mission so erwünscht , dafs Jedermann, 
Weiber und Greise sogar, daran Theil nehmen wol- 
len. Unter dem Vorwande , die aus den Missionen 
entflohenen zu verfolgen, werden acht- und zehn- 
jährige Kinder entführt, und an die Indianer der 
Mission als Leibeigene vertheilt. 

Sobald man in's Flufsbett des Atabapo gelangt 
ist, verändert sich alles, die Beschaffenheit der At- 
mosphäre , die Farbe des ATassers und die Gestalt 
der am Ufer wachsenden Bäume. Den Tag über 
wird man nicht so sehr von den Mosquitos gequält. 
Die langbeinigen Schnaken werden zur Nachtzeit 
sehr selten und jenseits San Fernando verschwin- 
den sie ganz. Das Wasser ist rein , und nicht stin- 
kend, wie das erdige und mit Krokodillen - Aas infi- 
eirte Wasser des Orinoko. Aufser der grofsen Rein- 
heit ist das schwarze Wasser auch um zwei bis drei 
Grad kühler. Die Abwesenheit der Krokodille er- 
laubt zu baden; das Wasser ist so rein, dafs man 



— 28 — 

auf zwanzig bis dreifsig Fufs Tiefe die Fische sehen 
kann. Der Grund ist ein weifser, glänzender Quarz« 
und Granitsand. Die unvergleichlich schönen Ufer 
prangen mit gefiederten Palmen und spiegeln sich 
im klaren Flusse, und ihr Bild in diesem reinem 
Wasser ist eben so kräftig und schön gefärbt, wie 
sie selbst. 

Der Rio Guaviare ist breiter, als der Atabapo, 
er führt weifses Wasser, und gleicht durch seine 
Vögel, seine Mosquitos und Krokodille ganz dem 
Orinoko. 

Vom Ursprünge des Orinoko hegen die Indianer 
heut zu Tage noch eine ganz andere Ansicht , als 
die Erdbeschreiber. Sie behaupten : der Orinoko 
entspringe aus zwei Flüssen, dem Rio Guaviare und 
dem Rio Paragua. Dieser letztere Name wird dem 
Ober- Orinoko von San Fernando und San Barbara 
bis Esmeralda gegeben. Diesemnach halten sie den 
Cassiquiare für einen Arm , nicht des Orinoko, son- 
dern des Rio Paragua. Übrigens sind hier die Na- 
men sehr gleichgültig, wenn man nur sonst ge- 
naue Renntnifs von dem Laufe der P'lüsse hat, und 
nicht, wie vor dieser Reise des Herrn von Humboldt 
geschehen ist, Flüsse durch Bergketten von einan- 
der abschneidet, die zusammenhängen und ein Sy- 
stem bilden. Würde man jedoch den Guaviare als 
den eigentlichen Orinoko annehmen, und den Rio 
Paragua als einen Zuflufs betrachten , so würde der 
Orinoko durch eine Richtung von Südwest nacb 
Nordost einen natürlicheren Lauf darstellen. Auch 



— 29 — 

ist der Geschmack des Wassers aus dem Rio Gua- 
viarc dem des Orinoko bei den grofsen Catarakten 
ahnlich, das des Rio Paragua hingegen ist reiner 
und von besserem Geschmacke. Die Indianer wissen 
die Wässer am Geschmacke recht gut zu unterschei- 
den. » Bringt nur die Wässer von drei oder vier 
grol'sen Flüssen dieses Landes, sprach ein alter In- 
dianer der Mission am Javita, so will ich euch aus 
dem Geschmacke derselben mit Zuverlässigkeit sagen, 
wo die Wässer her sind , ob sie einem schwarzen 
oder weifsem Flusse, dem Orinoko oder dem Ata- 
bapo , dem Paragua oder dem Guaviare angehören.« 
Die Delphine und Krokodille werden im Guaviare, 
wie im Unter- Orinoko , in gleicher Zahl und Gröfse 
angetroffen , hingegen mangeln sie gänzlich im Rio 
Paragua. Dieses sind allerdings merkwürdige Ver- 
schiedenheiten in Hinsicht auf die Natur der Ge- 
wässer und die Vertheilung der Thierartcn, Die 
Indianer berufen sich darauf, um den Reisenden zu 
beweisen, dafs der Ober- Orinoko, ostwärts von San 
Fernando, ein eigenthümlicher sich in den Orinoko 
ergiefsender Strom sey, und der wahre Ursprung 
des letzteren in den Quellen des Guaviare gesucht 
werden müsse. San Fernando liegt unter 4%'* # '4® M 
N. B. und 70 , 3o' 46" W. L. Der Strom gewährt 
überall einen eigenthümlichen Anblick. Seine acht 
bis zehn Fufs hohen Ufer sind mit Gebüschen über- 
deckt, die die Oberfläche des Wassers berühren, 
und das Ufer verbergen. Zahlreiche Krokodille sind 
von der Stelle an, wo man den Orinoko verläfst, bis 



— 50 — 

zur Mission von San Fernando sichtbar, und ihre 
Gegenwart deutet an , dafs dieser Theil dem Gua- 
viare und nicht dem Atabapo angehört. Im eigent- 
lichen Bette dieses Flusses, oberhalb San Fernando, 
gibt es keine Krokodille mehr. Man trifft daselbst 
Bava's und unschädliche Süfswasser -.Delphine., aber 
weder Krokodille noch Seekühe an. Vergeblich 
sucht man hier die Chiguire, Araguaten oder gros- 
sen Brüllaffen, den Zamuro und den gehaubten Fa- 
san. Dafür ist aber leider sehr häufig die grofsc 
Wasserschlange , deren Aussehen der Boa gleich 
kommt , und den badenden Indianern oft sehr ge- 
fährlich wird. Die Beisenden sahen derselben gleich 
in den ersten Tagen mehrere um diePiroguc schwim- 
men , deren Länge zwölf bis vierzehn Fufs betrug. 
Die Jaguare an diesen Ufern sind grofs und wohl- 
genährt, aber nicht so kühn, wie die am Orinoko. 
Sie übernachteten in einer Hütte von Guapasoso ; 
gegen Morgen fing es zu regnen an. Es war den 
Reisenden auffallend, hier keine Brüllaffen zu hören, 
und sie schlössen daraus, dafs diese Wälder un- 
gleich weniger Thiere, als die des Orinoko beher- 
bergen. Um den Kahn spielten Delphine, die hier 
in einer Entfernung von 320 Meilen von der Mün- 
dung des Orinoko bemerkenswerth sind. Gegen 
Mittag kamen sie bei dem unter dem Namen Piedra 
del Tigre bekannten Granit -Hügel vorbei. Dieser 
einzelne, sechzig Fufs hohe Felsstock, ist in der Ge- 
gend weit und breit bekannt. Zwischen dem 4° und 
5° der Breite erreicht man das mittägige Ende jener 



— 31 — 

Cataracten -Kette, welche Herr von Humboldt die 
Kette von Farime zu nennen vorschlägt. Die ganze 
von dieser Kette bis zum Amazonenstrome sich aus- 
dehnende Landschaft, durchzogen vom Rio Atabapo, 
Rio Xegro und Cassiquiare nebst vielen andern Flüs- 
sen , bildet eine ungeheure, theils mit Waldung, 
theils mit Graswuchs bedeckte Ebene. Wie feste 
Schlösser stehen hin und wieder einzelne Felsslücke 
auf ihr empor. 

Bei Tagesanbruch kamen sie am 28. April bei la 
Piedra und dem Falle von Guarinuma vorbei. Er- 
sterer ist ein nackter Fels mit Flechten bedeckt. Als 
sie bei dem Raudale vorbei waren, sahen sie am 
gegenüberstehenden Ufer mitten unter indianischen 
Pflanzen einen Riesenstamm einer Ceibe oder Räse- 
baum. Sie landeten , um ihn zu messen. Er halte 
«4 bis i5 Fufs Durchmesser und 120 Fufs Höhe. 

Am 29. war die Luft kühler. Zacundos waren 
keine vorhanden ; der Himmel jedoch bedeckt und 
sternlos. Die starke Strömung liefs sie nur langsam 
vorwärts kommen, und da sio auch, um Pflanzen am 
Ufer zu suchen, verweilt hatten, kamen sie erst in 
der Nacht bei der Mission San Barbara an, oder 
wie sie die Mönche nennen , la divina Pastora de. 
Balthasar de Atabapo. Sie wurden von dem cata- 
lonischen Missionär auf das Freundlichste empfangen. 
Er war ein munterer , liebenswürdiger Mann , der 
sich mit der seiner Nation eigenthümlichen Thätig- 
keit in dieser Wildnifs einen schönen Garten ge- 
pflanzt, worin der europäische Feigenbaum, die 



Persea , der Citronenbaum dem Manioc zur Seite 
stand. Das Dorf war mit einer Regelmäfsigkeit an- 
gelegt , welche man bei den Brüdergemeinden an- 
trifft. Die Pflanzungen der Indianer waren sorgfäl- 
tiger, als anderswo bearbeitet. Hier bekamen un- 
sere Freunde auch zum ersten Male jene schwam- 
mige und weifse Substanz zu Gesicht , die sie spä- 
ter unter dem Namen Dapicho bekannt gemacht ha- 
ben. Sic bemerkten sogleiclf, dafs sie dem Feder- 
harze glich, weil aber die Landeseingebornen durch 
Zeichen zu verstehen gaben , dafs es unter der Erde 
gefunden werde , so waren sie bis zur Ankunft in 
der Mission von Javita zu glauben geneigt, es dürfte 
ein fossiles Caoutchouc (Federharz , Gummi elasti- 
cum) seyn. In der Hütte des Missionärs war ein 
beim Feuer sitzender Indianer beschäftigt, schwar- 
zes Federharz aus dem Dapicho zu verfertigen. Er 
hatte mehrere Stücke an Holzstäbe angespiefst, die 
er , wie Fleisch , röstete. Das Dapicho schwärzt 
sich in dem Verhältnisse, als es weich und elastisch 
wird. Der harzige, aromatische Geruch, womit die 
Hütte erfüllt war , schien anzudeuten , dafs diese 
Färbung die Wirkung der Zersetzung eines wasser- 
stoffigen Brennstoffes sey , und dafs der Kohlenstoff 
zum Vorschein komme , nach Mafsgabe , wie der 
Wasserstoff bei mäfsiger Hitze verbrennt. Der In- 
dianer klopfte die erweichte und schwarz gewordene 
Masse mit einer Keule aus Brasilienholz, hierauf 
knetete er sie in Kugeln von drei bis vier Zoll 
Durchmesser und liefs sie kalt werden. Diese Ku- 



— 33 — 

geln gleichen völlig dem im Handel vorkommenden 
Federharz, nur bleibt die Oberfläche etwas klebrig. 
Sie werden in den Missionen vonUruana und Enca- 
ramada zum Ballspiele gebraucht, und man mufs 
gestehen, dafs solche Kugeln, ihrer Dauer und Ela- 
sticität wegen, sich trefflich dazu eignen. Wie ma- 
jestätisch mufs sich nicht ein solcher Ball in die 
Luft erheben und wie herrlich von dem Rüchen ab- 
prallen ! Man gebraucht hier dieses Dapicho auch 
statt der Korkstöpscln , und als solche leisten sie 
viel vortrefflichere Dienste, als die Korkstöpsel. 
Der Missionär zeigte ihnen auch vor dem Versamm- 
lungshause (Casa de los solteros) eine Trommel, die 
auseinemhölzernen hohlen Cylinder, 2 Fufs lang und 
18 Zoll dich, bestand. Die Trommel wurde mit 
grofsen Dapicho - Massen , deren man sich als Trom 
melschlägel bediente, geschlagen. Sie hatte Öffnun- 
gen , die zur Veränderung des Tones mit der Hand 
willkürlich geschlossen werden konnten, und sie 
war zwischen zwei dünnen Stützen im Freien be- 
festigt. Die Wilden lieben eine Janitscharen -Mu- 
sik. Die Trommel und die Botutos oder Trompeten 
aus gebrannter Erde., worin eine drei bis vier Fufs 
lange Röhre mit ehernen Bauchungen zusammen- 
hängt, sind bei den Indianern vortreffliche Instru- 
mente, wenn die Musik auf sie wirken soll. 

San Balthasar liegt unter 3°, 14' 23" N. B. und 
70 , 14' 2»" W. L. Sie folgten am 3o. April noch 
eine Zeitlang dem Atabapo entlang, fuhren dann 
aber in den Rio Temi ein. 



34 



Vierzehntes Kapitel. 

Fahit auf dem l\io Temi. — Der Fels der Mutter. — Reise nach 
Javita. 

Vor der Einfahrt in den Rio Temi zog ein an 
sich unbedeutender Gegenstand, der aber durch 
eine schaudervolle Begebenheit ein Denkmal des eu- 
ropäischen Fanatismus und blutdürstiger Grausam- 
keit geworden ist , die Aufmerksamkeit unserer ge- 
fühlvollen Reisenden auf sich. Es ist dieses ein am 
westlichen Ufer befindlicher Granithügel, er heifst: 
der Fels der Guahiba-Indianerinn, oder auch der Fels 
der Mutter (Piedra de Madre). Wenn der Mensch 
in diesen Einöden kaum eine Spur seines Daseyns 
zurückläfst , so ist es für den Europäer doppelt be- 
schämend , wenn ein Felsslück seine Verkehrtheit 
aufbewahrt, und die Tugend der Wilden sammt der 
Barbarei des Gebildeten überliefert. 

Die Ursache der Benennung ist folgende. Der 
Vorfahr des gegenwärtigen Missionärs von San Fer- 
nando hatte seine Indianer an das Gestade des Rio 
Guaviare , in der grausamen Absicht, die eben so 
der Religion, wie den Gesetzen Spanien 's entgegen 
war, geführt, um Seelen zu erobern. Sie kamen 
in eine Hütte der Guahiba- Indianer , und trafen 
daselbst eine Mutter dieses Stammes nebst drei Rin- 
dern an, wovon zwei noch unmündig waren. Die 
Familie war eben mit Bereitung von Manioc-Mehl 
beschäftigt. Jeder Widerstand wäre vergebens ge- 
wesen. Der Vater war auf Fischfang abwesend und 



— 35 — 

die Multer suchte mit ihren Kindern zu entfliehen. 
Kaum hatte sie die Savane erreicht, als sie sich von 
den Indianern der Mission, welche auf die Menschen- 
jagd gehen, wie die Weifsen auf die Negerjagd in 
Afrika, angehalten uud umringt sah. Mutter und 
Kinder wurden nun geknebelt und an's Ufer ge- 
schleppt. Der Ordensinann hatte, in seinem Fahr- 
zeuge sitzend, den Ausgang des Unternehmens, an 
dessen Gefahren er keinen Thcil nahm, abgewartet. 
Hätte die Mutter heftigem Widerstand geleistet, so 
hätten die Indianer sie getödtet. Sie halten bei sol- 
chen Gelegenheiten alles für erlaubt, und gehen be- 
sonders auf Kinder los, um sie in der Mission als 
Sclaven der Christen zu betrachten. In der Hoff- 
nung , die Mutter würde keinen Landweg in ihre 
Heimath finden, brachte man sie in die Mission San 
Fernando. Allein die Entfernung von demjenigen 
Kinde, welches den Vater am Tage des Überfalls 
begleitet hatte, brachte das Weib zur höchsten Ver- 
zweiflung. Sie wollte die in der Gewalt des Mis. 
sionärs befindlichen Kinder zu den Ihrigen zurück- 
bringen, und sie entfloh defshalb mehrmals mit ihnen 
aus dem Dorfe San Fernando. Die Indianer holten 
sie jedoch jedesmal wieder ein , und nachdem sie 
unbarmherzig mit Peitschenhieben gezüchtigt wor- 
den war, fafste der Missionär den grausamen Ent- 
schluß, die Mutter von den zwei mit ihr eingebrach- 
ten Kindern zu trennen. Sie ward den Atabaoo 
hinaufin die Missionen am Rio Negro geführt. Locker 
gebunden safs sie im Vordertheile des Fahrzeugs; 



— 36 — 

Unbekannt mit dem Schicksale , das man ihr be- 
stimmt hatte, schlofs sie aus der Richtung der Sonne, 
dafs sie sich immer weiter von ihrer Hütte und ih- 
rem Geburtslande entferne. Es gelang ihr, die 
Bande zu lösen; sie stürzte sich in's Wasser, und 
schwamm dem linken Ufer des Atabapo zu. Die 
Strömung trieb sie an die Felsenbank , die ihren 
Namen fübrt, und ein ewiges Denkmal der Helden- 
kraft und Tugend einer Mutter ist. Sie stieg da- 
selbst an's Land , und flüchtete sich in den Wald. 
Aber der Missionär liefs seine Indianer ebenfalls 
landen , und sie im Walde aufsuchen. Am Abende 
ward sie zurückgebracht , — auf die Piedra de la 
Madre hingestreckt , und mit jenen Riemen aus La- 
mantinfell, welche in dieser Landschaft als Peit- 
schen gebraucht werden, und womit die Alcalden 
jederzeit versehen sind , gi'ausam gepeitscht. Mit 
starken Schlingen von Mavacure band man ihr die 
Hände auf den Rücken, und schleppte die unglück- 
liche Frau in die Mission von Javita. 

Sie ward hier in eines der Häuser gebracht, die 
man Casa del Rey nennt, und zur Aufnahme der 
Fremden dienen. Die Regenzeit war eingetreten, 
die Nacht stockfinster. Wälder, welche bis dahin 
für undurchdringlich gehalten wurden, trennen die 
Mission Javita von derjenigen von San Fernando 
auf 25 Meilen in gerader Richtung. Flüsse sind die 
einzigen Strafsen , die man gebrauchen kann. Nie- 
mand hatte je den Versuch gemacht, von einem 
Dorfe zum andern, wenn ihre Entfernung auch nur 



— 37 — 

wenige Stunden betrug, zu Lande zu gelangen. Alles 
dieses kann eine Mutter, die von ihrem Kinde ge- 
trennt wird, nicht abschrecken. Ihre Kinder sind 
in San Fernando deAtabapo; sie mufs wieder dort- 
hin kommen, dieselben aus fremder Gewalt befreien, 
und ihrem Vater an die Gestade des Guaviare zu- 
rückführen. Niemand hütet, durch Entfernung sicher 
gemacht, das Weib. Weil ihre Arme bluteten, hat- 
ten, ohne Vorwissen des Missionärs und der Alcal- 
den, die Indianer von Javita sie nur locker gebun- 
den. Mit den Zähnen gelang ihr's , ihre Bande zu 
lösen. Sie war in der Nacht verschwunden , und 
am vierten Morgen ward sie in der Mission von San 
Fernando in der Nähe der Hütte gesehen , wo ihre 
Kinder sich befanden. »Was dieses Weib ausge- 
führt hat, bemerkte der Missionär, der diese Ge- 
schichte erzählte, hätte der kräftigste Indianer zu 
unternehmen sich nicht gewagt.« Sie durchwanderte 
Wälder, in einer Jahreszeit, wo der Himmel be- 
ständig mit Wolken bedeckt ist , und die Sonne nur 
wenige Minuten sichtbar wird. Ist sie etwa dem 
Laufe der Gewässer gefolgt ? Allein die Überschwem- 
mungen der Flüsse nöthigten sie, sich von dem Ufer 
zu entfernen, und ihren Weg mitten durch den 
Wald zu nehmen, wo die Bewegung der Wässer 
beinahe unmerklich ist. Wie oft mufste sie durcli 
jene stachlichten Schlingpflanzen , welche ein Gitter- 
werk um die Bäume schlingen, aufgehalten werden! 
Wie oft mufste sie schwimmend über die Flüsse 
setzen , welche sich in den Atabapo ergiefsen ! 



— 58 — 

Das unglückliche Weib ward gefragt : womit sie 
sich die vier Tage hindurch genährt habe? Ihre Ant- 
wort war : sie habe , durch Anstrengung erschöpft, 
keine andere Nahrung gefunden , als jene grofsen, 
schwarzen Ameisen, die Vachacos heifsen, und in 
langen Reihen die Bäume ersteigen, an denen sie 
ihre harzigen Nester befestigen. 

Herr von Humboldt wünschte von dem Missionär 
zu erfahren, ob ihr endlich das Glück des ruhigen 
Beisammenseins mit ihren Kindern zu Theil gewor- 
den sev ? Dieser weigerte sich die Frage zu be- 
antworten , aber auf der Rückkehr vom Rio Negro 
vernahmen unsere Reisenden, dafs man der Indiane- 
rinn nicht ein Mal Zeit liefs , ihre Wunden zu hei- 
len , dafs sie nochmals von ihren Rindern getrennt, 
und in eine der Missionen am Ober- Orinoko gesandt 
ward, wo sie durch Weigerung aller Nahrung, wie 
die Wilden im grofsen Unglücke zu thun pflegen, 
sich den Tod gab. 

Dieses ist das schöne Beispiel von Mutterliebe, 
dessen Denkmal der Fels der Mutter ist, und das 
eine Mutter gab , die zu einem von lange her ver- 
leumdeten Menschenstamme gehörte. Mutterliebe 
über alles ! 

DerRioTemi richtet seinen Lauf von Süden nach 
Korden. Er ist 80 bis 90 Toisen breit, und hiefse 
in jedem andern Lande ein Strom. Die Landschaft 
besteht aus einem Walde, der den völlig flachen Bo- 
den deckt. Aus ihm ragt hervor die schöne , oben 
erwähnte Pfirsichpalme und die Mauritia mit stach- 



— 39 — 

lichtem Stamme. Diese Mauritia aculeata wird von 
den Indianern Juria oder Cauvaja genannt. Die 
fächerförmigen Blätter sind der Erde zugehehrt, je- 
des Blatt zeigt, vermuthlich in Folge einer Krankheit, 
blaue und gelbe Kreise. Diese pfauenscbweifartig 
gefärbten Blätter stehen auf niedrigen ungemein 
dichten Stämmen. Die Stacheln sind sehr holzig, 
kurz, unten breit, ähnlich denen der Akazien. Diese 
Palme wächst am Temi und Atabapo in Gruppen, 
von 12 bis 1 5 Stämmen, die jedoch einander so nahe 
stehen, als hätten sie nur eine Wurzel 3 durch Wuchs, 
Gestalt und die geringe Zahl der Blätter gleicht sie 
den Fächcrpalmen und Chamaerops des alten Festlan- 
des. Sie bemerkten einige Stämme ohne alle Früchte, 
und andere , die sehr viele Früchte trugen, welches 
eine Palme mit getrennten Geschlechtern anzudeu- 
ten scheint. 

Da das Land hier vollkommen eben ist, so ist 
auch der Wald überall, wo der Flufs sich krümmt, 
auf eine halbe Meile und mehr noch überschwemmt. 
Um die Krümmungen zu vermeiden, und die Schiff- 
fahrt abzukürzen , bedient man sich ganz besonde- 
rer Mittel. Die Indianer yerliefsen das Flufsbetf, 
und fuhren quer waldein auf einer ArtCanal , der 
vier bis fünf Fufs breit ist. Diese Canäle werden, 
so wie unsere Fufssteige, gebildet, wenn man die 
Krümmungen der Heerstrafse verläfst, um auf kür. 
zerem Wege gerade durch den Wald zu kommen. 
Da jedoch hier wenig gereist wird, so verwachsen 
sich diese Pfade oft wieder , und man wird dann 



— 40 — 

aufgehalten. Es steht daher immer auf einer sol- 
chen Fahrt ein Indianer mit einer Mache tte im 
Vordertheile des Bootes , um diesen Pflanzenwuchs 
zu zerstören, und diePirogue in dem oft nicht eine 
halbe Elle tiefen Canal flott zu erhalten. Im dich- 
testen WalfcJe wurden sie durch ein ungewöhnliches 
Rauschen überrascht, und als sie gegen das Busch- 
werk anschlugen, kam eine Bande Süfswasser- Del- 
phine zum Vorschein , die vier Fufs Länge hatten, 
und umzingelten das Fahrzeug. Diese Thiere waren 
unter einem alten Ceiba verborgen gewesen , und 
flohen jetzt nach allen Seiten , indem sie jene Was- 
ser - und Luftstrahlen ausspieen, von denen sie in 
allen Sprachen den Namen Spritzer führen. Dieser 
Anblich ist in doppelter Hinsicht seltsam. Ein Mal 
ist es wahrlich sehr spafshaft , mitten irn Walde 
Delphine zu jagen, und dann ist die Entfernung von 
drei bis vierhundert Meilen von der Mündung des 
Orinoko für das Daseyn dieser Wasserthiere eben- 
falls sehr seltsam, indem die Delphine doch eigent- 
lich eine dem Meere angehörige Form bilden. 

Mit vieler Mühe gelangten sie um fünf Uhr wie- 
der in das eigentliche Flufsbett zurück. Einige Mi- 
nuten zuvor waren sie zwischen zwei Baumstämmen 
fast sitzen geblieben, und bald darauf an eine Stelle 
gekommen, wo sich die Canäle kreuzten, und man 
nicht wufste, welchen man einschlagen sollte. Übri- 
gens machten sie auch hier eine für die Pflanzen- 
geographie wichtige Bemerkung. Sie sahen nämlich 
auch hier nirgends jene baumartigen Farrenkräuter, 



— 41 — 

sie bemerkten überhaupt, dafs dieselben vom 5° an 
gegen den Aequator zu allmählich abnehmen. Sie 
gehören einem minder heifsen Rlima an, und kom- 
men meistens nur auf einer Höhe von 3oo Toisen 
vor. Sie scheinen daher die Aequatorial -Niederun- 
gen zu fliehen. 

Am i.Mai wurde die Fahrt nach einer finstern 
Nacht durch den Wald wieder fortgesetzt, um die 
Strömung zu vermeiden. Bald darauf fuhren sie 
aus dem Toni in den Tamini über, und langten um 
eilf Uhr in der Mission Javita an. Von den Sprit- 
zern erschreckt, fiel aus dem Bote ein Saguin-ÄfF- 
chen in's Wasser, und es hostete Mühe, ihn zu ret- 
ten. In Javita war nun der Ort, wo sie Mittel fin- 
den sollten, um ihre Pirogue zu Land in den Bio 
Negro tr ansportiren zu lassen. 

Glücklicher W r eise fanden sie in der Mission Ja; 
vita einen sehr vernünftigen und überaus gefälligen 
Mönch, was um so angenehmer war, als sie genöthigt 
waren , fünf Tage in der Wohnung des Missionärs 
zu bleiben. So viel Zeit war nämlich erforderlich, 
um das Schiffchen auf dem Landwege (Portage) von 
Pimichin zu transportiren. Diese Zeit über wurde 
zu Spaziergängen benutzt, und um ihre Hände von 
einem Übel zu heilen , das sie seit zwei Tagen em- 
pfanden. Das Übel bestand in einem fürchterlichen 
Jucken der Finger und Gelenke. Der Missionär be- 
sah ihre Hände, und sagte ihnen sogleich, dafs es 
Aradores (Ackerbauern) wären , die sich unter der 
Haut eingegraben hätten. Mit dem Mikroskope konn- 



— 42 — 

len sie aber nichts, als parallele Furchen von weis- 
ser Farbe erkennen $ die Gestalt derselben hat auch 
zu der Benennung Anlafs gegeben. Es ward nun eine 
Mulattin gerufen, die in der Mission das Amt eines 
Doktors inne hatte, und die sich der Bekanntschaft 
aller der kleinen Thiere rühmte, welche die Haut 
des Menschen durchwühlen. Sie versprach auch so- 
gleich, die Insekten alle nach einander heraus zu 
holen. Zu dem Ende erwärmte sie an der Lampe 
ein sehr hartes, spitziges Stückchen Holz, und drang 
damit in die Furchen, die in der Haut sichtbar wa- 
ren. Nach langem Suchen erklärte sie gravitätisch, 
und mit einer Miene, wie kaum ein europäischer 
Quacksalber vermocht hätte: »wir haben einen Ara- 
dor gefunden.« Sie zog nun einen kleinen, runden 
Sack hervor, der wahrscheinlich der Eiersack des 
Insektes war. Sie holte auf diese Weise drei oder 
vier Aradores hervor; allein hätten alle auf diese 
Weise herausgeholt werden sollen, so würde schwer- 
lich ein Monat zugereicht haben , denn die Hände 
waren voll dieser Milben. Die Beisenden hatten 
daher weder Zeit noch Geduld zu einer solchen Ope- 
ration. Tags darauf wurden sie jedoch gründlich 
und überraschend schnell geheilt. Ein Indianer 
brachte einen Zweig von einem Strauche, welcher 
Uzao heilst , und kleine sehr lederartige und glän- 
zende Cassiablättcr hat. Von der Binde dieses Strau- 
ches bereitete er einen Aufgufs , der eine bläuliche 
Farbe und den Geschmack des Süfsholzes hatte, 
und aufgerührt viel Schaum gab. Das einfache Wa- 



— 43 — 

s-chen mit diesem Uzao - Wasser hob die Plage der 
Aradores völlig. Leider konnte man damals weder 
die Blütlie noch die Frucht des Uzao • Gewächses 
erhalten, welches zur Familie der Schotengewächse 
zu gehören scheint. Übrigens hatte sie der Schaden 
klug gemacht , und sie führten nun auf dem ganzen 
Wege Uzao -Zweige im Kahne mit sich, welche am 
Gestade des Pimichin in Menge wachsen. Möchte 
man doch auch , ruft hier Herr von Humboldt aus, 
se schnelle und sichere Mittel gegen die Mosquites 
und Zacundos erfunden haben ! — Wir hätten es 
den armen Freunden vom Herzen gegönnt. 

Vor dem Grenzzuge des Solano wurde diese ganze 
Landschaft von den Portugiesen besessen , die hier 
meistens das Handwerk der Seeleneroberung in die- 
sen Wäldern trieben, in der That aber die Indianer 
einfingen , um sie als Sclaven an die Brasilier zu 
verkaufen. Solano trieb sie jedoch nach Brasilien 
zurück, und machte sich den Häuptling Javita zum 
Freunde, mit dem auch die Mission Javita gegrün- 
det wurde. Javita war noch am Leben , als Herr 
von Humboldt in der Mission verweilte. Er war ein 
an Geist und Körper gleich ausgezeichneter Indianer. 
Er wufste sich mit Leichtigkeit in der spanischen 
Sprache auszudrücken , und hat auf die benachbar- 
ten Völkerschaften Einflufs behalten. Er begleitete 
die Fremden allezeit auf ihren botanischen Wande- 
rungen, erzählte da vieles, und die Missionäre setz- 
ten in seine Wahrhaftigkeit festes Vertrauen. Er 
hatte in seiner Jugend alle Stämme zwischen dem 



— 44 — 

Ober - Orinoko und dem Rio Negro Mcnschenfleisch 
speisen gesehen. Er sagte aber, diese Sitte scy nur 
Wirkung der Rachsucht, und sie fressen nur ge- 
fangene Feinde. Auch ist ihnen die Sitte der Scy- 
then und Massagetcn, nach welcher sie aus Achtung 
den Leichnam der verstorbenen Feinde speisen, ganz 
fremd. Auf San Domingo würde jedoch ein Wilder 
der Achtung gegen seine Verwandten zu ermangeln 
geglaubt haben, wenn er in sein Getränke nicht et- 
was vom Körper des Verstorbenen beigemischt hätte. 
Die Menschen sind doch seltsame Narren ! und wie 
ein Morgenländer sagt: vor allen Thiercn seltsam 
in ihren Sitten und ausschweifend in ihren Nei- 
gungen. 



Fünfzehntes Kapitel. 

Javita. — Reise an den Rio Negro. 

Das Klima der Mission Javita zeichnet sich durch 
seine Feuchtigkeit aus. In diesen waldigen Aequa- 
torial - Gegenden bekommt man die Sonne nur sel- 
ten zu sehen , sobald man den 3° Rreite überschrit- 
ten hat. Nur selten kann man Sterne beobachten, 
es regnet fast das ganze Jahr hindurch , und immer 
ist der Himmel bedeckt. Da im ungeheuren Walde 
von Guiana die Rrise beinahe gar nicht weht, so 
werden die nassen und von Wasserdünsten gesättig- 
ten Luftschichten niemals durch andere trockne er- 
setzt, und es findet eine beinahe ununterbrochene 



"Wechselwirkung der Ausdünstung und Niederschläge 
Statt. Der Missionär bezeugte, oft vier bis fünf 
Monate ununterbrochen Regen erfahren zu haben. 
Herr von Humboldt mafs am i.Mai das in fünf Stun- 
den gefallene Wasser, es betrug ein und zwanzig 
Linien, und am 3. Mai sogar vierzehn Linien in drei 
Stunden , und zwar nicht während eines Schlag- 
regens , sondern bei gewöhnlichem Regen. In Paris 
fallen sogar in den regnerischsten Monaten , März, 
Juli und September, nur 28 Linien Wasser. Aus 
vielen Beobachtungen, die Herr von Humboldt an- 
stellte, ergab sich: dafs gewöhnlich in einer Stunde 
Zeit zwei und drei Mal weniger Wasser auf dem 
Rücken der Anden, als in diesen Ebenen, die bei- 
nahe mit dem Oceane wagerecht sind, fällt. Es 
regnet in den Bergen öftermal, aber es fällt weni- 
ger Wasser in derselben Zeit. Am Rio Negro , in 
Maroa und San Carlos ist der Himmel merklich hei- 
terer, als zu Javita und an den Ufern des Temi. 
Die Temperatur ist hier kühler, als zu Maypures, 
und wärmer , als am Rio Negro. 

Vom 29. April bis zum 12. Mai war kein Stern 
im Meridiane zu sehen, obwohl ganze Nächte durch- 
wacht wurden , um die Ortsbreite zu bestimmen. 
Nur am 4« Mai war die Sonne einige Minuten sicht- 
bar, und gab die Länge des Orts zu 70 , 22'. 

Die 160 Indianer der Mission gehören zu ver- 
schiedenen Stämmen, und beschäftigen sich mit dem 
Baue von Canots. Zu diesem Ende werden grofse 
Stämme des Sassafras, theils durch Feuer, theils 



— m — 

durch die Axt ausgehöhlt. Die Höhe dieser Baume 
beträgt über 100 Fufs. Sein Holz ist gelb, harzig, 
im Wasser fast unzerstörbar und hat einen angeneh- 
men Geruch. Die Arbeit hann man in Javita, San 
Fernando und vorzüglich in Esmeralda sehen, wo 
die meisten Piroguen verfertigt werden, weil die 
umliegenden Gegenden die gröfsten Sassafrasstämme 
darbieten. Man bezahlt für eine Pirogue, nach hal- 
ben Toisen oder Varas , zu einen Piaster , so dafs 
eine Pirogue von 48 Fufs 16 Piaster hostet^ aber 
die Ausrüstung, die Nägel und die Bekleidung, wo- 
durch der Raum vergröfsert wird, verdoppelt die 
Kosten. 

Der Wald bietet hier eine grofse Mannigfaltig- 
keit von Riesenbäumen dar. Ocotea, eigentliche 
Laurus , die Persea, die nie unter 10 Toisen ange- 
troffen wird , die Amasonea- Arborea , das Retini. 
phyllum seeundiflorum, die Curvana, der Jacio, der 
Jacifate, dessen Holz blutroth ist, der Guamufate, 
mit schönen 7 bis 8 Zoll langen Blättern, das Colo- 
phyllum, die Amyris- Cavnana und der Mani. Diese 
Gewächse haben alle über 100 bis 110 Fufs Höhe; 
da sie jedoch erst gegen die Gipfel hin Äste treiben, 
so ist es sehr schwer, sich ihre Blüthen und Blätter 
zu verschaffen. Die Blüthen liegen wohl öfter unter 
den Bäumen zerstreut , weil aber die verschiedenen 
Arten unter einander gruppirt und mit Schlingpflan- 
zen überwachsen sind , so läfst sich nicht allezeit 
mit Gewifsheit angeben, welcher Pflanze eigentlich 
die Blüthen angehören. Zu botanisiren ist hier sehr 



schwer, was man seit Monaten sammelt und durch 
liünstliche Wärme trocknet, geht in der grofsen 
Nässe wieder zu Grunde. Die Indianer nannten die 
Baume nach ihrer Art, indem sie dieselben durch 
das Kauen des Holzes unterschieden. Sie wufsten 
die Blätter besser, als die Blumen und Früchte zu 
unterscheiden. 

Es bietet sich bei der Betrachtung des Gewächs- 
reiches die Bemerkung dar, dafs verschiedene che- 
mische Eigenschaften der Pflanzen sich in verschie- 
denen Familien und Erdstrichen gleichsam ersetzen. 
Mehrere Palmarten liefern denBewohnern der Aequi- 
noctial - Länder das Ohl, welches in der gemäfsigten 
Zone die Olive darbietet. Was den gemäfsigten 
Erdstrichen die Zapfenbäume sind, das sind den 
heifsen Ländern die Terebinthen und Guttiferen. 
In den Wäldern der heifsen Ebenen gibt es weder 
Fichten,, noch Tuja, noch Taxodium, nicht einmal 
einen Podocarpus ; dafür liefert aber dieMoronobea 
von Javita und die Amyris Harze , Balsame und 
aromatische Gummiarten. Diese Gummi und Harze 
werden in Javita häufig gesammelt, wo sie einen 
Gegenstand des Handels bilden. Das berühmteste 
dieser Harze ist das Mani r von dem man Massen 
sieht, die mehrere Zentner im Gewichte halten, und 
dem Colophonium und Mastix gleich sehen. Der 
gröfste Theil kommt von einer Art Amyris her, die 
Mararo heifst. Es ist ein starkriechendes, sehnee- 
weifses Harz , welches da , wo es mit dem innern 
Theile alter Rinden zusammenhängt, gelb wird. 



— 40 — 

Sic besuchten während des Aufenthalts in Javita 
täglich den Wald , um den Fortgang der Pirogue 
zu sehen. Drei und zwanzig Indianer waren be- 
schäftigt, dieselbe über Baumäste, die in gemefsner 
Entfernung als Rollhölzer gebraucht wurden , fort- 
zuschleppen. Ein kleiner Kahn wird in anderthalb 
Tagen aus dem Tuamini in den Pimichin übergesetzt; 
aber diese Pirogue war sehr grofs , und weil sie 
zum zweiten Male die Fahrt durch die Cataracten 
machen mufste , so mufste man die zu starke Rei- 
bung des Bodens zu vermeiden suchen. Die Fahrt 
auf der erst seit 179^ angelegten Strafse dauerte 
also vier Tage. Diese Strafse beträgt 17,180 Varas. 
Die eine Hälfte der Arbeit liegt den Indianern von 
Javita, die andere denen von Maroa , Davipe und 
San Carlos ob. 

In diesem Walde gelang es auch Herrn von Hum- 
boldt und seinen Gefährten endlich das angeblich 
fossile Federharz (Caoutchouc) , welchem die In- 
dianer den Namen Dapicho geben, zu erhalten. Der 
alte Capilän Javita führte sie an das Ufer eines Mei- 
nen Flusses , welcher sich in den Tuamini ergiefst. 
Er zeigte, dafs, um die Substanz zu sammeln, man 
in einen sumpfigen Boden , bei zwei bis drei Fufs 
Tiefe, zwischen den Wurzeln zweier unter dem 
Namen Jacio und Curvana bekannten Bäume nach- 
graben mufs. Der erste ist die Hevea, welche das 
Federharz von Cayenne in den Handel liefert; der 
zweite hat gefiederte Blätter, sein Saft ist milchig, 
aber sehr dünn und beinahe gar nicht klebrig. Der 



— 49 — 

Dapieho scheint das Produkt einer Ergiefsung des 
Saftes aus den Wurzeln, und diese Ergiefsung 
wieder eine Folge des hoben Alters der Stämme und 
ihrer innern Fäulnifs zu seyn. Indem sich nämlich 
Splint und Rinde spaltet, geschieht natürlich, was 
der Mensch künstlich zu bewerkstelligen sucht, 
dafs der Saft Gelegenheit findet, sich zu einer Masse 
zu sammeln. Herr von Humboldt glaubt, dafs diese 
Ergiefsung durch die Endtheile der längsten Wur- 
zeln geschehe ; denn er hat Stücke von zwei Fufs 
Länge und vier Zoll Dicke auf acht Fufs Entfer- 
nung vomStamme gefunden. Die Substanz ist weifs, 
korkartig , brüchig und gleicht durch ihre über ein- 
ander liegenden Blätter und wellenförmigen Ränder 
dem Feuerschwamm. Ob es wohl bis jetzt nur in 
Javita gegraben wurde , so dürfte es dennoch in 
alhm feuchten Wäldern von Guiana zu finden seyn, 
wo man sich die Mühe nähme , in den Gegenden, 
wo Heveen vorkommen, nach denselben zu graben. 
Gegenwärtig kommt im Handel ein weifsgelbliches 
Caoutchouc vor, welches sich vom Dapieho dadurch 
unterscheidet, dafs es weder trocken, wie Kork, 
noch zerreibbar, sondern mehr elastisch, glänzend 
und seifenartig ist. Dieses wird in Ostindien berei- 
tet , und dünstet einen thierischen Geruch aus. Im 
Königreiche Neu -Granada sind glückliche Versuche 
gemacht worden, aus Federharz Stiefeln und Schuhe, 
ohne Nath, zu verfertigen. Die Omaguas am Ama- 
zonenflusse sind diejenigen Leute, welche in Ame- 
rika das Federharz am besten zu bearbeiten wissen. 

Bibl.iialurh.Reisen.IV. 3 



— 50 — 

Es waren vier Tage vorüber, und noch war die 
Pirogue nicht im Hafen von Pimichin. Die Reisen- 
den wurden ungeduldig, aber der Missionär, Pater 
Cereso , tröstete sie mit folgenden Worten : »Ihr 
leidet keinen Mangel in meiner Mission. Ihr habt 
Pisang und Früchte, des Nachts stechen Euch keine 
Mosquitos , und je länger Ihr bleibet, desto eher 
möget Ihr auch die Gestirne meines Landes zu sehen 
bekommen. Wenn Euer Fahrzeug auf dem Trans- 
porte zerschlagen wird, so geben wir Euch ein neues, 
und mir wird das Vergnügen zu Theil , ein paar 
W r ochen, coti genle blanca y de razon, mit weifsen 
und vernünftigen Leuten zu verleben. <c So grofs 
auch die Ungeduld war, mufsten sie sich bescheiden. 
Der Missionär entschädigte sie durch sein Wohl« 
wollen und Nachrichten über die wilden Stämme. 
Sie leben in kleinen Horden, sind gegen einandrr 
eben so mißtrauisch,, haben keine andere Religion, 
als die Verehrung der Naturkräfte. Das gute Grund- 
wesen und das böse Grundwesen wird auch hier 
unterschieden. Mit den Kirchen und Bildern kön- 
nen sie sich nicht leicht befreunden. Der Missionär 
erzählte : »diese guten Leute lieben nur Umgänge im 
Freien. Als ich jüngst das Fest meines Kirchen- 
patrons des Dorfs, des heiligen Antonius feierte, 
wohnten die Indianer von Trinida der Messe bei. 
Euer Gott, sagten sie zu mir, bleibt in seinem 
Hause verschlossen, als ob er alt und schwach wäre; 
der unsrige wohnt im Walde , auf den Feldern, auf 
den Bergen von Sipapu , woher der Regen kommt.« 



— 51 — 

Einige alte Indianer behaupten von göttlichen Din- 
gen mehr zu wissen, als die andern. Sie sind es, 
denen das Botudo, die heilige Trompete, vertraut 
ist, von der oben die Rede war, dafs sie unter Pal- 
men geblasen wird. Um in die Geheimnisse des Botudo 
eingeweiht zu werden, dazu gehört Sittenreinheit, 
und dafs man unverehlicht geblieben sey. Die Ein- 
geweihten unterziehen sich Geifselungen , dann Fa- 
sten und anderem lästigen Aberglauben mehr. Die 
Zahl dieser Trompeten ist nicht grofs ; die von Al- 
ters her berühmteste befindet sich auf einem Hügel 
nahe beim Zusammenflüsse des Tomo und Guainia. 
Man behauptet, sie werde auf 10 Meilen weit ge- 
hört. Sie ist der Gegenstand der Verehrung meh- 
rerer Völkerschaften. Zuweilen bläst sie der grofse 
Geist selbst. Es gibt Ungläubige , die jedoch ihren 
Unglauben nicht laut werden lassen. Weiber dür- 
fen die Wundertrompete nicht beschauen. Der 
Missionär erzählte: dafs er 1798 so glücklich ge- 
wesen sey, ein junges Mädchen zu retten, das von 
einem eifersüchtigen und boshaften Liebhaber be- 
schuldiget ward, aus Neugierde die Indianer beglei- 
tet zu haben, welche das Botudo in den Pflanzungen 
erschallen liefsen. Öffentlich hätte man sie zwar 
nicht gemordet , aber wer vermochte sie vor dem 
Schwarmereifer der Eingebornen in einem Lande 
zu schützen , wo Vergiftungen so leicht sind ? Sie 
entdeckte diese Besorgnisse dem Missionär, der sie 
in eine Mission am Unter - Orinoko bringen liefs. 



So hat der Fanatismus auch in diesen Wildnissen 
seine Henker! 

Am 4- Mai brachte man einen Indianer in die Mis- 
sion , der von einer Schlange gebissen war. Die 
Micania quaco, jenes Schlinggewächse, welches Mu- 
lls berühmt gemacht hat , und welches ein Gegengift 
gegen den Schlangenbifs enthält, war hier noch un- 
bekannt. E» liefen viele Indianer nach der Hütte, 
und der Kranke wurde mit einem Aufgusse des Raiz 
de Mato geheilt. Herr von Humboldt konnte von 
dieser nützlichen Pflanze weder BJüthe noch Frucht 
sehen, und sie also auch nicht bestimmen. Sie half 
übrigens. Der Gebissene war ein starker Mann, 
und befand sich, als er gebracht wurde, sehr übel. 
Er war bewufstlos zur Erde gestürzt; Ekel, Schwin- 
del , Blutandrang zum Kopfe folgten auf die Ohn- 
macht; dennoch ward er wieder hergestellt. 

Am 5. Mai war endlich die Pirogue im Canno de 
Pimichin eingetroffen, und die Reisenden machten 
sich auf den Weg, um dahin zu gelangen. Sie mufs- 
ten viele kleine Flüsse durchwaten, und hatten, der 
häufigen Schlangen wegen, grofse Vorsicht nöthig. 
In dem feuchten Schlamme sahen sie die Fufsstapfen 
einer kleinen Bärenart, die hier häufig ist. Sie 
unterscheidet sich an Gröfse von den Ursus ameri- 
canus. Die Missionäre nennen ihn Osso cornicero, 
zum Unterschiede vom Osso palmero oder dem gros- 
sen Tamamdua (myrmecophaga jubata) und dem Osso 
hormigero oder Ameisenbär (fourmilles amandua); 
gegen diese Thicre, deren Fleisch eine gute Speise 



ist, verteidigen sich die zwei erstem, indem sie sich 
auf dieHintcrfüfse stellen. Sic fanden einige lichte und 
anPflanzen reiche Stellen im Walde, wo sie neue Ar- 
ten der CofTea und Galega-Piscatorum entdeckten, de- 
ren sich die Indianer zur Betäubung der Fische bedie- 
nen, endlich auch die in diesen Gegenden unter dem 
Namen Vejuco deMavacurc bekannte Schlingpflanze, 
von der das berüchtigte Gift, Curare, herrührt. 
Wir werden weiter unten noch von diesem Gifte 
sprechen. 

Die Bäume im Walde von Pimichin behalten ihre 
Höhe von 80 bis 120 Fufs. Gegen Abend trafen sie 
auf einem kleinen Meierhofe ein , der zunächst dem 
Landungsplatze von Pimichin lag. Man zeigte ihnen 
am Wege ein Kreuz, wo ein armer Kapuziner -Mis- 
sionär von den Wespen gelödtet worden ist. Die 
Wespen von Javita dürfen nicht mit jenen Engel- 
chen auf der Silla von Caracas verwechselt werden. 
Sie sind nicht so gutartig, und in der heifsen Zone 
sind alle giftigen Insektenstiche gefährlicher, als in 
der gemäfsigten. Übrigens dürfte wohl zu dem Tode 
des armen Mönchs das feuchte Klima und die Er- 
schöpfung eben so viel , als die Wespen beigetragen 
haben. 

Der Hafen oder vielmehr Landungsplatz von Pi- 
michin ist von kleinen Cacaopflanzungen umgeben, 
und auch hier sind diese kräftigen Bäume überall 
mit Blüthen und Früchten beladen. Sie fangen im 
vierten Jahre schon zu tragen an. Wo der Boden 
nicht sumpfig ist, ist er überall sandig und durch 



— 54 — 

wegs überaus fruchtbar. Da hier der Cacaobaum 
einheimisch ist , und die feuchte Luft des Orinoko 
ihm viel besser zusagt, als die immer trockner wer- 
dende zu Caracas, so ist es Schade, dafs dieser kost- 
bare Zweig der Colonial -Wirthschaft nicht besser 
betrieben wird. Die Missionen allein könnten jähr- 
lich 5o,ooo Fanegas in den Handel liefern , die in 
Europa sechs Millionen Franken werlh seyn würden. 

Hier wächst auch die Igua, welche mit dem Alen- 
dron von Mariquitar und der Juvia vom Amn.zonrn- 
strome die köstlichsten Mandeln Südamcrika's lie- 
fert. Diese Wälder sind voll vegetabilischer Wun- 
der!, und jeder Schritt zeigt die Natur in neuer Herr- 
lichkeit. 

Sie verweilten die Nacht über in einer Hütte, 
die leer stand , und worin noch die Fischerwerk- 
zeuge , Töpferwaarcn , Palmmatten und alles Haus, 
geräthe der sorglosen Indianer war. Um die Hütte 
war ein grofser Vorrath des Mani , jenes wohlrie- 
chenden Harzes , dessen wir schon oben erwähnt 
haben , und das hier zum Betheeren der Schiffe ge- 
braucht wird. Doch sogleich konnte die Hütte nicht 
in Besitz genommen werden , die Indianer mufsten 
erst die Schlangen daraus vertreiben , welche sich 
da einquartiert hatten. Zwei wurden getödtet. Sie 
waren schön, aber giftig, am Bauche weifs, auf dem 
Rücken aber braun und roth gelleckt. Man war die 
Psacht über nicht aulser Sorgen , da man die Hänge- 
matten nicht aufmachen konnte, und wirklich, als 
einer der Bedienten des Morgens sein Jaguarfell auf- 



hob, entdeckte er, dafs er keineswegs allein ge- 
schlafen habe, denn eine grofsc Schlange kroch 
hervor. Sie suchen die Wärme, diese Thicre. Am 
Magdalenenstrome war sogar eine solche Schlange 
in das Bett einer unserer Reisenden gekrochen, ohne 
ihn zu beschädigen. Herr von Humboldt meint, wenn 
die Nattern und Klapperschlangen so geneigt wären, 
den Menschen anzugreifen, als man glaubt, so inüfs- 
ten mehrere Gegenden Amerikas, z. B. diese Wäl- 
der , unbewohnt bleiben. 

Am 6. Mai ward endlich bei Sonnenaufgang die 
Pirogue wieder bestiegen- Der Boden der Pirogue 
war wohl dünner geworden, dennoch glaubte man 
mit ihr eine Fahrt an 3oo Meilen den Rio Negro 
hinab , den Cassiquiare hinauf und wieder vom Ori- 
noko bis Angostura herab machen zu können. Der 
Pimichin heifst hier ein Bach , hat aber die Gröfse 
der Seine bei Paris, den Tuillerien gegenüber. Er 
ist sehr stark an seinen Ufern bewachsen , so dafs 
nur ein Canal für die Schiffahrt bleibt, welche durch 
die vielen Krümmungen sehr verlängert wird. Nach- 
dem sie auf diesem Flüfschen fünf Stunden hinab- 
geschifft hatten, gelangten sie in den Rio Negro. 

Sechs und dreifsig Tage waren sie nun in einem 
engen Kahne eingeschlossen, unter den Beschwer- 
den, die wir nach einander aufgezählt haben, herab- 
geschifft , um in den Rio Negro zu gelangen. Sic 
fuhren auf Flüssen , die den Krokodillen und In- 
sekten anzugehören schienen; durch Landschaften, 
welche ein Erbgut der Affen, der Schlangen, der 



— 56 — 

Raubvögel, der Tapire, derPakari und der Jaguare 
sind, und wo des Menschen Oberherrschaft nicht 
anerkannt wird, der sich hier in Nichts zu verlieren 
scheint. Ein Soldat, der ein verständiger Mensch 
war, hatte mit ihnen an dem Ufer des Flusses über- 
nachtet* er hatte von den Sternen und von allen 
Naturgegenständen mit ihnen gesprochen, und schlofs 
also: »Was die Menschen betrifft, so glaube ich, 
es gibt deren dort eben gerade so wenig , als ihr 
solche auf dem Landwege von Javita nach dem Cas- 
siquiare gefunden habt. Ich glaube in den Sternen, 
so wie hier, eine mit hohem Grase und mit einem 
Walde bewachsene Ebene zu sehen , durch die kein 
Strom fliefst.« 



& <ö ütt tt IE ffl u <9 m« 



Erstes Kapitel. 



Fahrt, auf dem Rio Negro. — Der Teufelstanz. — Reise bis zur 
Mission Frauzesco Solauo. 



D 



er Rio Negro -würde ein Strom ersten Ran- 
ges in jedem andern Welttheile seyn, hier aber, wo 
der Amazonen- Strom in ihm nur einen Zuilufs er- 
kennt, gehört er zum zweiten Range. Seit dreihun- 
dert Jähren war er der Zankapfel zwischen der spa- 
nischen und portugiesischen Regierung, da ihn jede 
zu behaupten sich bemühte , und die Portugiesen 
durch seinen Besitz einen gebahnten Weg in das 
innere Guyanas gehabt haben würden. Die Völker, 
welche in Europa Kachbarn sind , wurden es auf 
eine seltsame Weise und beinahe in demselben Ver- 
hältnisse in Amerika. Aus dieser seltsamen Nach- 
barschaft entstanden Grenzstreitigkeiten , welche so 
lange fortdauerten, bis neue Verhältnisse eintraten, 
und in Amerika sich Staaten bildeten , die , wenn 
sie ihren eigenen Vortheil einsehen , gewifs etwas 
anders zu thun finden werden , als sich um einige 
Quadratmeilen Wildnifs die Hälse zu brechen. 

Übrigens betritt man mit dem Rio Negro ein 
neues Flufssystem. Man hat die Theilungsgräte oder 
Wasserscheide (divortiaaquarum) überschritten, und 
alle die Flüsse ergiefsen ihre Wasser nun nicht mehr 



— 60 — 

in den Orinoko, sondern in den Amazonenstrom. 
Beide Systeme werden durch die berühmte Gabel- 
theilung des Orinoko , deren ein Arm der Cassi- 
quiare ist, verbunden. Die dem zweiten Bändchen 
beigefügte Charte wird meinen Lesern ein Bild von 
den Wasserverzweigungen darstellen. 

Sobald unsere Reisenden aus dem Pimichin in 
den Rio Negro gekommen waren , sahen sie auch 
sogleich die Mission von Maroa. Dieses Dorf ist 
von i5o Indianern bewohnt, und hat ein überraschend 
nettes Aussehen von Gedeihen und Wohlstand. Sie 
kauften hier etliche schöne Arten lebendiger Tukans 
(piapoco) , eines kühnen Vogels , der , wie unsere 
Raben, viel Verstand entwickelt. Sie kamen hierauf 
bei den Mündungen der Flüsse Aquio und Tomo 
vorbei. Letzterer begünstigt die geheimen Verbin- 
dungen mit den Portugiesen. Der Tomo nähert sich 
in seinem Laufe dem Rio Guaicia , und die Mission 
von Tomo erhält dadurch zuweilen einen Zuwachs 
von Indianer - Flüchtlingen vom Unter- Guainia. Der 
Missionär Zeel erzählte bei dieser Gelegenheit, wie 
die Indianer von Tomo und Maroa einst in einen 
grofsen Aufstand geriethen, als sie gezwungen wer- 
den sollten, den berüchtigten Teufelstanz vorzu- 
nehmen. 

Der Missionär hatte nämlich den unklugen Ein- 
fall gehabt: die Ceremonien , durch welche die Pia- 
chen , die gleichzeitig Priester, Arzte und Zauberer 
sind , den bösen Geist Jolociamo beschwören , auf 
eine possierliche Art nachahmen zu lassen. Er 



— 61 — 

glaubte seine Neubekehrten dadurch auf eine treff- 
liche Art überzeugen zu können , dafs der Teufel 
nun weiter keine Gewalt über sie habe. Etliche den 
Zusagen des Missionärs vertrauende Indianer waren 
bereit, die Rolle des Teufels zu übernehmen; sie 
hatten zu dem Ende schon Jaguarfelle mit langen 
Schleppschwänzen angezogen, und sich mit schwar- 
zen und gelben Federn geschmückt. Der Platz vor 
der Kirche ward mit den Soldaten der 3Iission um- 
stellt, damit das Vorhaben der Ordensmänner desto 
leichter Eingang finden möchte. Die Indianer, wel- 
che dem Erfolg dieses Tanzes und der Ohnmacht 
des bösen Geistes nicht recht trauten , wurden dem 
Feste beizuwohnen genöthigt. Nun aber gewann 
die Partei des alten Aberglaubens die Oberhand, 
Schrecken bemächtigte sich ihrer und Jedermann 
wollte al monte fliehen , so dafs der Missionär sein 
Vorhaben , den Dämon des Landes zu verspotten, 
auf gelegenere Zeit zu verschieben für gut fand. 
Das Unternehmen des Missionärs ist um so seltsamer, 
als sich alle Missionäre bemühen , die Todtentänze, 
die Tänze der heiligen Trompete , den Schlangen- 
tanz , den Gueti auszurotten, in denen die listigen 
Thiere dargestellt werden, welche vom Walde her- 
kommen , und mit dem Menschen trinken , um sie 
zu betrügen und ihnen ihre Weiber zu rauben. 

Nach einer zweistündigen Fahrt waren sie in der 
3Iission Davipe eingekehrt, wo sie der Missionär 
mit Madera bewirthete. Ein Stück Weizenbrot wäre 
ihnen jedoch viel lieber gewesen. Der Nordländer 



— 62 — 

vermifst in diesen Gegenden das Brot aus Getreide 
mehr, als die geistigen Getränke. Der Madera Wein 
wird durch die Portugiesen den Rio Negro herauf 
gebracht. Die Missionäre, welche nicht sehr in der 
Geographie bewandert sind, wufsten nicht, ob sie 
sich des Madera bei der Messe bedienen dürften, 
denn da Madera im spanischen auch Holz bedeutet, 
so glaubten sie der Madera; Wein dürfte der ITolz- 
saft irgend eines Baumes, wie der Palmwein, seyn. 
Sie verlangten daher vom Pater Guardian Aufschlufs, 
ob der Vine de Madera Traubenwein oder Baumsaft 
scy ? Gleich im Anfange der Eroberung ward die 
Frage aufgeworfen , ob man sich eines gegohrnen 
Baumsaftes zur Communion bedienen dürfe ? Sic 
ward, wie natürlich, mit Nein beantwortet. 

In Davipe wurden Speisevorräthe gehäuft, vor- 
züglich Hühner und ein Schwein , welches letztere 
die Indianer, welche schon seit mehreren Tagen 
kein Fleisch gegessen hatten, kaum erwarten konn- 
ten , dafs es gebraten würde. Sie trieben daher so 
sehr zur Abreise , dafs Herr von Humboldt kaum 
im Pfarrhofe die Vorräthe von Mani-Harz und dem 
Tauwerke untersuchen konnte, welches aus dem 
Palmbaume, Chiquichiqui , verfertigt wird. Dieses 
Tauwerk verdiente auch in Europa bekannt zu seyn, 
denn es ist leichter und dauerhafter, als das hän^ 
fene. Es war ein Weilser, ein Officier, Don An- 
tonio Santo s , der auf seiner Beise zur Erforschung 
des Parime-Sees, im Lande berühmt geworden ist, 
welcher die Blattstiele des Chiquichiqui zu Stricken 



— 63 — 

zu benutzen gelehrt bat. Dieser Oflficier ist auch 
der einzige Weifse , welcher von Angostlira zum 
Grofspara auf dem Landwege von Rio Caroni zu 
demjenigen des Rio Rranco gelangt ist. Er hatte 
die Verfertigung des Tauwerkes in den portugiesi- 
schen Colonien erlernt, und in Guiana eingeführt. 
Etwas davon wird nach den Antillen ausgeführt, und 
in Angostura um 5o , 60 vom Hundert wohlfeiler, 
als das hänferne verkauft. Weil jedoch nur junge 
Palmbäume dafür benutzt werden können, so müfs- 
ten dieselben angepflanzt und cultivirt werden, 

Gleich oberhalb Davipe nimmt der Rio Negro 
einen Arm des Cassiquiare auf. Das Daseyn dieses 
Arms ist sehr merkwürdig. Dieser Arm des Cassi- 
quiare geht nordwärts von Vasira aus unter dem 
Namen Itinivini, und nachdem er eine flache, völlig 
unbewohnte Landschaft in einer Länge von 28 Mei- 
len durchzogen hat, ergiefst er sich in den Rio Negro, 
unter dem Namen Rio Conorichite. Der Rio Negro 
ist hier 120 Toisen breit, und es wird seine Masse 
durch die weifsen Gewässer vermehrt. Obgleich die 
Strömung des Conorichite sehr schnell ist , so wird 
doch die Schiffahrt von Davipe nach Esmeralda, lim 
drei Tagereisen abgekürzt. Diese doppelte Einmün- 
dung des Cassiquiare kann um so weniger befrem- 
den, wenn man bedenkt, dafs die meisten amerika- 
nischen Strömungen bei ihrer Einmündung Delta's 
bilden. Auf solche Art gehen der Rio Rranco und 
der Rio Jupura durch zahlreiche Arme in den Rio 
Negro und in den Amazonenstrom über. Beim Über- 



— 64 — 

gange des Jupura in den Bio Negro zeigt sich je- 
doch eine noch viel merkwürdigere Erscheinung. 
Ehe nämlich der Bio Negro in den Amazonenstrom 
ahfliefst, gibt er, welcher doch der Hauptsammler 
ist, drei verschiedene Arme, die den Namen Uara- 
napu , Manhama und Avateparana führen, dem Ju- 
pura ab, welcher doch wieder nur ein Zuflufs des 
Bio Negro ist. Welch eine seltsame Durchkreu- 
zung dieser Flufsnetze und natürlichen Canälc ! Man 
überläfst sich mit einer Art Wohlbehagen den Träu- 
men , welche die Zukunft uns enthüllen, und uns 
hier das Bild einer zahlreichen geschäftigten Bevöl- 
kerung darstellen, welche die Produkte ihres so 
überaus reichen Landes auf diesen Canälen verführen 
wird. Man sieht im Geiste die Mosquitos vertrieben, 
die Luft gereinigt, den Boden sorgfältig angebaut, 
die Achseln der Ströme mit zahlreichen Handels- 
städten besetzt und ein glückliches Volk Friede und 
Überflufs geniefsen. 

Leider bieten diese Gegenden nur traurige Er- 
innerungen dar. Hier war es, wo die Portugiesen 
den Sclavenhandel mit den Eingebornen trieben, 
und diese als Vieh jagten und als Waare verhan- 
delten. Der Grenzzug des Solano hat diesem Han- 
del 1756 ein Ende gemacht. Es hatten zwar schon 
Carl V. und Philipp II. Gesetze erlassen, wo unter 
Androhung des Verlustes aller Ämter und 2000 Pia- 
ster Geldbufse die Glaubensbekehrung der Landes- 
eingebornen durch gewaltsame Mittel und der Ge- 
brauch der Soldaten gegen sie untersagt wurde. 



— 65 — 

Allein so gcwifs ist es, dafs die wohlthätigslen Ge- 
setze und die menschenfreundlichsten Verordnungen 
der Machthaber nichts vermögen, wo die angedroh- 
ten Folgen ohne Erfüllung bleiben. Jedem Gesetze 
mufs die Genugthuung gewifs seyn , und jeder mufs 
überzeugt seyn, im Ubertretungsfalle der angedroh- 
ten Strafe auf keine Weise entgehen zu können. Da 
die Hand der Regierung von Madrid hier gar nicht 
gefühlt werden konnte, so verloren auch die Wort? 
alle Bedeutung. Die Cariben, ein kriegerisches und 
handeltreibendes Volk , erhielten von den Portugie- 
sen und Holländern Messer, Angeln, Spiegel und 
allerlei Glasvvaaren. Sie reizten die armen Indianer 
zu gegenseitigen Befehdungen an, kauften ihnen die 
Gefangenen ab , und führten mit diesen zugleich 
noch andere hinweg, deren sie sich durch List oder 
Gewalt bemächtigt hatten. Sie hatten dann nur die 
Sorge, die Armen an die Portugiesen zu überliefen?, 
welche sie dann über die brasilischen Grenzen 
brachten. 

Bei Sonnenuntergang kam die Pirogue mit unsern 
Reisenden auf der Insel Dapa an , welche mitten im 
Flusse eine sehr malerische Lage hat. Zu ihrem 
gröfsten Erstaunen fanden sie hier bebautes Land, 
und auf einem kleinen Hügel eine indische Hütte. 
Vier Eingeborne safsen um ein Feuer, und afsen 
eine Art weifsen , schwarzgeneckten Teig, der die 
Neugierde der Reisenden nicht wenig in Anspruch 
nahm. Was meinen nun meine Leser, was dieses 
für eine Speise gewesen seyn mag ? Nichts anders, 



— M — 

als — Ameisenkuchen! Es werden dazu eine grofse 
Art Ameisen, Vacbacos genannt, deren Hintertheil 
einem FettUUimpen gleicht, gesammelt; sie werden 
gedörrt und geräuchert, und unter den Teig ge- 
mengt. Es hingen mehrere Säcke dieser Kostbar- 
keit um das Feuer. Die guten Leute achteten nur 
wenig auf die Fremden. In der Hütte fanden sich 
noch vierzehn Personen, die in völlig über einander 
geschichteten Hängematten lagerten. Als der Paler 
Zeci eintrat, hatten die Indianer grofse Freude; sie 
sind überhaupt mehr den Mönchen, als Soldaten 
zugethan. Zwei junge Weiber stunden sogleich auf, 
um Cassave - Torten zu bereiten. Auf die Frage: 
ob der Boden der Insel fruchtbar scy , antworteten 
sie, derManioc gedeihe zwar nicht sonderlich, aber 
es wäre gutes Ameisenland, und sie hätte r.n Lebens- 
mitteln keinen Mangel. Diese Ameisen liefern wirk- 
lich ein kräftiges Nahrungsmittel für die Einwohner 
am Rio Negro. Als die Cassave ■ Torten bereit wa- 
ren , liefs der Pater Zea sich einen Sack mit geräu- 
cherten Vachacos geben , mischte die zerquetsch- 
ten Insekten dem Mailioc- Mehle bei, und lud nun 
die Europäer ein, diese Mischung zu kosten. Sie 
schmeckten wie Brotkrumen mit ranziger Butter; 
demnach konnten sie in das Lob dessen, was die 
Missionäre einen vortrefflichen Ameisenteig nannten, 
nicht einstimmen. 

Da der Regen gewaltig fiel, so flüchtete sich alles 
in die Hütte, welche nun genugsam bewohnt war. 
Die Indianer schliefen von 8 Uhr Abends bis 2 Uhr 



Morgens, von dieser Zeit an plauderten sie und schür- 
ten ibr Feuer an. 

Den folgenden Tag kamen sie nach zwölf Stun- 
den angestrengter Fahrt in San Carlos del Rio Negro 
an. Diese Festung liegt unter i°, 54' n" N. Br. 
Hier wurden sie nach langer Zeit wieder bei einer 
weltlichen Person einquartirt , nachdem sie bisher 
immer bei den Missionären wohnten. Es war hier 
ein Commandant, Milizlieutenant . der das Fort zu 
bewachen hatte. Von der Gallerie des Hauses ge- 
nofs man einer schönen Aussicht über drei sehr 
lange und mit dichter Vegetation bewachsene Inseln. 
Der Strom läuft hier so schnurgerade von Norden 
nach Süden , dafs man glaubte , er sey durch Men- 
schenhände gegraben worden; aber wegen des alle- 
zeit bewölkten Himmels erhält die Landschaft ein 
ernstes und düsteres Aussehen. Im Dorfe fanden 
sich mehrere Stämme der Juvia , dieses majestäti- 
schen Gewächses , von dem die dreieckigen Mandeln 
herkommen. Dieses Gewächs ist unter dem Namen 
Bertoletia excelsa bekannt gemacht worden; es hat 
schon im achten Jahre eine Höhe von 3o Fufs. Die 
Besatzung besteht aus siebenzehn Mann, wovon zehn 
zum Schutze der benachbarten Mission detaehirt 
waren. Die Luft ist hier so feucht, dafs kaum vier 
Flinten zum Feuern tauglich waren. Die Portugiesen 
haben an eben dieser Grenze eine Festung : San Jose 
de Maravitanos, und in ihr 20 bis 3o besser beklei- 
dete und besser bewaffnete Soldaten zur Besatzung. 
Das Fort San Carlos liegt dem Castello de San Fe- 



— 08 — 

lipe gegenüber, welches ein viereckiges , aus Back- 
steinen erbautes Gebäude ist, in dem sieb sechs 
Feldstücke befanden. Der Commandant trug Be- 
denken, diese gewaltigen Festungswerke Herrn Bon- 
plana zu zeigen , weil sie zwar die Erlaubnifs hät- 
ten, Berge zu messen und Höhen zu bestimmen, und 
überall trigonometrische Arbeiten vorzunehmen, aber 
nicht feste Plätze zu besehen. Aber Don Nicolas 
Solo war als spanischer OfFicier glücklicher, und 
erhielt die Erlaubnifs , über den Flufs zu setzen, 
wo er denn auf einer abgeholzten Ebene den An- 
fang zu einer Erdfestung fand, welche, wenn sie 
vollendet gewesen wäre, eine Besatzung von 5oo 
Mann bedurft hätte. Es ist jedoch weiter nichts, 
als ein Viereck mit einer fünfFufs hohen Brustwehr 
und einem kaum sichtbaren Graben, Zwei Bastionen 
auf der Flufsseite können vier bis fünf Stücke auf- 
nehmen. Das ganze Werk enthält vierzehn gröfsten- 
theils demontirte Kanonen, die von zwei Mann be- 
wacht wurden. Um das Fort stehen einige indiani- 
sche Hütten, welche die Dorfschaft San Felipe ge- 
nanntwerden. Nach dem Abendläuten ward Bericht 
erstattet, und dem Commandanten im ganz eimst- 
haften Tone gemeldet, dafs alles um die Festung 
her ganz ruhig zu seyn scheine. Es erinnert dieses 
an die afrikanischen Faktoreien, weichein ihren zum 
Schutze erbauten Fortins ebenfalls vier bis fünf 
Mann Besatzung haben. Die Soldaten befinden sich 
hier eben so übel , wie in den afrikanischen Fakto- 
reien } sie werden schlecht gekleidet und genährt 



- 69 — 

und erhalten keinen Sold in Geld, sondern alle Be- 
dürfnisse liefern die OfTiciere für grofse Preise. In 
Angostura ist die Besorgnifs, in die Grenzörter ver- 
setzt oder vielmehr dahin verbannt zu werden, so 
grofs , dafs man die gröfste Mühe hat, die nöthigen 
Rekruten zu erhalten. Die Lebensmittel sind hier 
sehr theuer , weil an den Ufern des Rio Negro nur 
wenig Manioc und Pisang gepflanzt wird, und der 
Strom, wie alle schwarzen und klaren Wässer, fisch- 
arm ist. Die meisten Vorräthe kommen aus den 
portugiesischen Besitzungen am Rio Negro , wo 
unter den Indianern Arbeitsfleifs und Wohlstand 
herrschen. 

Wenn einst die Ausrottung der Wälder die 
Feuchtigkeit der Luft und die schädlichen Insekten 
vermindern wird, dann wird auch Fruchtbarkeit in 
diesen Ländern einheimisch werden. Gegenwärtig 
gedeiht der Mais beinahe gar nicht, der Tabak, 
welcher sehr geschätzt ist, wird nur an Stellen ge- 
pflanzt, wo altes Mauerwerk und verlassene Hütten 
sich finden. Der frisch abgeholzte Boden ist zu 
wässerig und scheint ohne Kraft zu seyn. In der 
Nähe der Dorfschaften Maroa , Davipe und Tomo 
wächst der Indigo wild; einst wird jedoch unter einer 
zweckmäfsigeren Verwaltung der Indigo, Caffee, 
Cacao , der Mais und der Reis in Menge gedeihen. 
Man hätte von hier aus an die Küste Brasilien's auf 
dem Amazonenstrome eben so schnell gelangen kön- 
nen, als zurück an die Küsten von Caracas. In 
San Carlos vernahmen die Reisenden jedoch, dafs 



— 70 — 

der politischen Verhältnisse wegen, es in diesem 
Augenblicke sehr schwierig seyn würde , aus den 
spanischen in die portugiesischen Besitzungen zu 
gelangen. Erst nach ihrer Rückkehr nach Europa 
erfuhren unsere Freunde jedoch den ganzen Umfang 
der Gefahr, welcher sie eine solche Reise ausge- 
setzt haben würde. In Brasilien wufste man viel- 
leicht aus Zeitungen , deren wohlmeinende Geschäf- 
tigkeit ihnen öfter nachtheilig wurde: dafs sie den 
Rio Negro beschulen und den natürlichen Canal be- 
sichtigen wollten , der zw ei Flufssystemc verbindet. 
Bisher hatte man nur in den Händen der Grenz-Com- 
missäre Instrumente gesehen , und die Unterbeamten 
der portugiesischen Regierung begriffen nicht, wie 
ein vernünftiger Mensch sich langen Reisen aussetzen 
könnte, um Ländereien zu messen, die nicht sein 
Eigenlhum sind. Man hatte also Befehle ertheilt, 
sich der Person der Reisenden , ihrer Instrumente, 
und der besonders für die Sicherheit des Staates so 
gefährlichen Verzeichnisse astronomischer Beobach- 
tungen zu bemächtigen. Man Avollte sie auf dem 
Amazonenstrome nach Grand-Para und von da nach 
Lissabon senden. Das Ministerium zu Lissabon 
hatte freilich, sobald es von dem unberufenen Dienst- 
eifer seiner Unterbeamten in Renntnifs gesetzt wurde, 
die gemessensten Befehle ertheilt: die Arbeiten der 
Reisenden nirgends zu stören, sondern sie vielmehr 
auf alle Weise zu begünstigen , wofern sie , wo im- 
mer , durch die portugiesischen Provinzen ihren 
Weg nehmen würden. Dieses war nun recht schön, 



nur würde diese Sorgfalt eines aufgeklärten Mini- 
steriums vcrmuthlich zu spät gekommen seyn. 

Sie verweilten in San Carlos drei Tage und setz- 
ten am 10. Mai ihre Reise fort, um sie bis zur Ein- 
mündung des Cassiquiare fortzusetzen, und alsdann 
über diesen Flufs, der den Orinoko mit dem Aina- 
zonenstrome vereinbart , Untersuchungen anzustel- 
len. Obwohl der Himmel heiter war, so verdun- 
kelte er sich doch gleich wieder, als die Sonne an- 
stieg. Dieser beständig trübe Himmel betrübte die 
Reisenden sehr. Dem Herrn Bonpland gingen seine 
sämmtlichen Pflanzen zu Grunde, und Herr von Hum- 
boldt fürchtete durch die beständigen Nebel den 
Zweck seiner Reise , nämlich die astronomische Be- 
stimmung der Vereinigungspunkte des Cassiquiare 
mit dem Rio Negro und Amazonenstrome zu ver- 
lieren. Blieb der Himmel bedeckt, und ward kein 
Stern sichtbar, so war der Zweck seiner Reise ver; 
fehlt, und alle Beschwerden vergeblich erduldet. 
Die Reisegefährten hatten gewünscht, auf dem kür- 
zesten Wege durch lie kleinen Flüsse zurück zu 
kehren. Herr von Humboldt und Bonpland zogen 
es aber vor, dem Reiseplane getreu zu bleiben. 
Von San Fernando de Atabapo bis San Carlos hat- 
ten sie bereits 180 Meilen zurückgelegt gehabt, in- 
dem sie durch den Cassiquiare in den Orinoko zu- 
rückkehrten, sollten sie abermal 320 Meilen zu 
Wasser machen. Auf diesem Wege mufsten sie zehn 
Tage gegen die Strömung kämpfen , dann ging es 
den Orinoko abwärts. Der Pilote verhiefs ihnen 



auch Sonne und die grofsen Sterne, welche die Sonne 
fressen, sobald sie die schwarzen Gewässer verlas- 
sen hatten. Es ward also der Plan beharrlich aus- 
geführt , und glücklich brachten die weifsen Gewäs- 
ser heitern Himmel, Sterne, — Mosquitos und Kro- 
kodille. 

Jetzt fuhren sie zwischen den Inseln Zaruna und 
Mini durch, die mit dichtem Pflanzenwucbse bedeckt 
sind, und nachdem sie die Rapides der Piedra de 
Vicunar angestiegen waren, gelangten sie, acht Mei- 
len von San Carlos , an den Cassiquiare. 

Auf dem Felsen Uinumane , der Insel Chamanare 
gegenüber , am Rande der Wasserfälle , fanden sie 
einige Flechten , und weil der Cassiquiare sich nahe 
bei seiner Mündimg plötzlich von Ost gegen Südwest 
dreht, so sahen sie hier zum ersten Male diesen 
majestätischen Arm des Orinoko in seiner ganzen 
Breite. Er hat, der allgemeinen Ansicht der Land- 
schaft zufolge, viele Ähnlichkeit mit dem Rio Negro» 
Wie im Flufsbette dieses letzteren, dehnen die Bäume 
sich auch dort bis an's Gestade aus , und bilden da 
einen dichten Wald; aber der Cassiquiare hat weifse 
Gewässer und wechselt öfter seine Richtung. In 
der Nähe der Rapides von Uinumane erscheint er 
beinahe breiter, als der Rio Negro, und bis ober- 
halb von Vasiva ward er überall ioo bis 280 Toisen 
breit gefunden. Ehe sie bei der Insel Garigave vor- 
bei kamen, bemerkten sie nordöstlich fast am Hori- 
zonte einen Hügel mit halbkugelförmigem Gipfel. 
Diese Form ist unter allen Zonen den Granitbergen 



— 73 — 

cigenthümlicb. Erst weiter östlich aber findet sich 
ein zusammenhängendes Gebirge. Südwärts der 
Raudales von Caravine nähert sich der Cassiquiare 
abermals in der Krümmung seines Laufes dem Fort 
San Carlos. Von San Carlos bis zur Mission Fran- 
zisco Solano beträgt der Weg nur dritthalb Meilen 
zu Lande, zu Wasser aber sieben bis acht. In der 
vergeblichen Hoffnung, einen Stern zusehen, brachte 
Herr von Humboldt einen Theil der Nacht im 
Freien zu. 

Die am linken Ufer des Cassiquiare gelegene Mis- 
sion von San Franzisco Solano erhielt ihren Namen 
zu Ehren des schon öfter erwähnten zweiten Befehls- 
habers des berühmten Grenzzuges, der die Grenzen 
berichtigen, und zum Schutze derselben Missionen 
und Forts anlegen sollte. Solano ist übrigens nicht 
über San Fernando de Atabapo hinausgekommen, 
und hat diese Gegenden, in denen sie jetzt verweil- 
ten, nie gesehen. Zur Zeit dieses Grenzzuges wur- 
den Dörfer angelegt, nach Mafsgabe, wie ein Cor- 
poral mit seinen Leuten vorrückte. Ein Theil der 
Landeseingebornen zog sich, um unabhängig zu blei- 
ben, zurück; andere, deren mächtigste Häuptlinge 
gewonnen waren , schlössen sich den Missionen an. 
Wo keine Kirche war, begnügte man sich, ein gros- 
ses Kreuz von rothem Holze aufzurichten, und neben 
dem Kreuze eine Casa fuerte zu bauen, das will 
sagen , ein Haus , dessen Wände aus grofsen , wage- 
recht über einander liegenden Balken bestunden. 
Dieses Haus hat zwei Stockwerke; im obern waren 

Bibl. naturh. Reiscu. IV. A 



— 14 — 

swei Sturmböller oder Kanonen von Meinem Kaliber 
aufgestellt; im Erdgeschosse wohnten zwei von einer 
indischen Familie bediente Soldaten. Diejenigen unter 
den Eingebornen, mit denen man in Frieden lebte, 
legten ihre Wohnungen unweit der Casa fuerte an. 
Von den Soldaten wurden sie durch den Schall eines 
Horns oder einer botudo aus gebrannter Erde zu- 
sammengerufen, wenn ein feindlicher Angriff zu 
fürchten war. Auf diese Art wurden die angeblichen 
neunzehn Dörfer oder christlichen Niederlassungen, 
durch den Antonio Santos auf dem Wege von Es- 
meralda nach Erevato gestiftet. 

Zu San Francisco trafen sie zwei Indier an, die 
zwei Völkern angehörten, den Pacimonales und den 
Cheruvichahenas. Obwohl die letztern vom Rio 
IXegro herkamen, so konnte man doch von ihnen 
keine Auskunft über die Quellen des Rio Negro er- 
halten , weil sie den Sinn der Frage nicht begriffen. 
Man kaufte hier zwei schöne grofse Vögel, den Tou- 
ean und Ana, eine Art Aras , von 17 Zoll Länge, 
über den ganzen Körper purpurrote , wie der P. 
]\lacao. Sie hatten nun ein wahres Paradies in der 
Pirogue. Sieben Papageien, zwei Manakins , einen 
Motmot , zwei Guans oder Pavas de Monte , zwei 
Manaviris (Vivera caudivolula ) und acht Affen, 
Summa vier und zwanzig. Es beschwerte sich aber 
auch, wiewohl leise, der Pater Zea , über den tag* 
liehen Wachsthurn dieser Reisegefährten. Der Tou- 
ean ist in semer Lebensweise und an Verstand dem Ra- 
ben gleich, ein kühnes und leicht zähmbares Thicr. 



Sein langer und starker Schnabel dient ihm als WafTe. 
Er will Herr im Hanse seyn, stiehlt, was ihm er- 
reichbar ist, badet sich oft und fischt gerne am Flufs- 
ufer. Dieser Toucan war noch sehr jung, und hatte 
auf der ganzen Reise ein eignes Vergnügen , die Un- 
stern und zornigen Cusicusis oder Nachtaffen zu ne- 
cken. Es fand Herr von Humboldt nicht bestätigt, 
was einige naturhistorische Werke behaupten, dafs 
der Tovican , um seine Speise zu verschlingen, die- 
selbe erst in die Höhe werfen müsse. Man mufs 
überhaupt gegen die Geschichtchen und Thier- Anek- 
doten , womit die gewöhnlichen Naturgeschichten 
ausgeschmückt sind, eben so auf derHulh seyn, wie 
gegen die Wundcrmährchen alter Reisebeschreibun- 
gen. Sie sind gewöhnlich fremde Zuthat , und ver- 
schwinden bei genauer Untersuchung. So ist es auch, 
was vom Toucan erzählt wird, er müsse allezeit 
die Speise mit dem Schnabel fassen, über sich in 
die Höhe werfen, den Schnabel weit öffnen und so 
seinen Frafs sich in den Schlund fallen lassen. Das 
Wahre ist, er fafst nur mit Mühe von der Erde die 
Speise mit seinem sehr grofsen Schnabel auf, hat 
er sie aber einmal gefafst, dann hält er nur den 
Schnabel in die Höhe, und hält ihn senkrecht, so 
lange das Niederschlucken dauert. Beim Trinken 
macht er nicht weniger seltsame Geberden. Die 
Mönche sagen: er schlage über dem Wasser das 
Zeichen des Kreuzes , und dieser Volksglaube hat 
ihm bei den Greolen den wunderlichen Namen di ostc- 
de (Gott vergelt dir's) gegeben. 

4* 



Die meisten der Thiere waren in Meine Kork- 
Itäfige eingeschlossen , andere liefen in der ganzen 
Pirogue frei umher. Wenn es nun zu regnen drohte, 
so erhoben die Aras ein abscheuliches Geschrei ; der 
Toucan strebte zum Fischfange an's-Ufer hin, die 
kleinen Titis- Affen suchten den Pater Zea auf, um 
sich in den weiten Ärmeln seines Ordensideides zu 
bergen. Die burlesken Auftritte wiederholten sich 
öfter, und belustigten so, dafs sie die Plagen 
der Mosquitos darüber vergafsen, DesNachts r wenn 
man im Freien bleiben mufste , kam in die Mitte 
der lederne Proviantkasten zu stehen, neben ihm 
die Instrumente und die Käfige mit den Thieren r 
ringsum die Hängematten der Herren und aufsen die 
der Indianer.. Den Aufsenkreis bildeten alsdann 
die Feuer, welche als Schutz gegen die Jaguare an- 
gezündet wurden. So brachten sie die Nächte am, 
Cassiquiare zu., 



Zweites Kapitel. 

Die Menschenfresser. — Fahrt biö Mandavaca, 

Am ii. Mai verliefsen sie ziemlich spät die Mis- 
sion San Franzisco Solano, um eine nur kleine Tag- 
reise zu machen , weil man immer auf heiteres Wet- 
ter hoffte. Wirklich fingen auch die Wolken an aus 
der allgemeinen Dunstschichte in bestimmte Gestal- 
ten überzugehen, und ein schwacher Ostwind in den 
obern Luftregionen liefs ihnen Hoffnung schöpfen, 



kommende Nacht einen Stern durch den Meridian 
gehen zu sehen. Sie fuhren wieder bei mehreren 
Fhifsmündungen vorbei, südwärts bei dem Canno 
Daquiapo , nordwärts bei dem Guachaparu und ei- 
nige Meilen weiter die Rapides von Cananivacari. 
Sie landeten hier, und wenige Schritte vom Ufer 
fand Herr Bonpland einen prächtigen Stamm der 
Bertholetia excelsa. Dieses köstliche Gewächs, wel- 
ches jene süfsen und überaus fetten dreieckigen 
Mandeln liefert, hatten die Reisenden am Cassiquiare 
nicht vermuthet, Wahrscheinlich ist er nur der 
Vorläufer einer ganzen Waldung dieser Bäume , die 
sich liier im Lande befindet. 

Einige Meilen weiter entdeckt man Felsen von 
höchst seltsamer Gestaltung. Zuerst eine Mauer 
bei achtzig Fufs hoch, und senkrecht abgeschnitten, 
hernach am südlichen Ende dieser Mauer zwei Thürm- 
chen , deren zweite Grundschichten fast wagerecht 
liegen. Man glaubt Trümmer eines alten Gebäudes 
zu sehen. Es scheinen diese Rlippcn in dem alten 
Binnenmeere, welches diese Ebenen einst dargestellt 
haben, Eilande gewesen zu seyn , oder sind diese 
Granitthürme durch elastische Kräfte im Innern des 
Planeten emporgehoben worden ? (Sind es nicht alle 
Urgebirge auch ? ) Es mag erlaubt seyn , über die 
Entstehung der Berge auch ein wenig zu träumen, 
wenn man die Vertheilung der mexikanischen Vul- 
kane und Trachyt - Gipfel auf einem ausgedehnten 
Erdrisse gesehen hat; wenn man in den südameri- 
kanischen Anden , in der gleichen Kette , Urgebirg 



— 78 — 

und vulkanisches Gebirg an einander gereiht sab, 
und wenn man sich jener Insel von drei Meilen Um- 
fang und aufserordentlicher Höbe erinnert, die in 
unsern Tagen nahe bei Unalaschka aus dem Meeres- 
grunde emporgestiegen ist. 

Die Ufer des Cassiquiare sind geschmücltt mit 
herrlichem Baumwuchs, der seine Zierde durch die 
häufigen Chiriva- Palmen erhöht sieht, welche ge- 
fiederte und amüntertheile silberfarbneBlätter haben. 
Die Nacht verhiefs Sterne, und man bivouakirte nahe 
bei einem abenteuerlichen Granitfelsen , der Piedra 
de Culimucare genannt wird. Diese Bemerkung ist 
nothwendig für die astronomischen Beobachtungen. 
Denn da der Mensch hier ohne Spuren hinter sich 
zu lassen, vorübergeht, so müssen die Naturbeob- 
achtungen bei solchen Naturdenkmälern gemacht 
werden , die der Flüchtigkeit menschlicher Werke 
nicht ausgesetzt sind. Es gelang diese Nacht eine 
gute Breitenbeobachtung im Alpha des Südkreuzes 
zu erhalten , die Länge konnte nicht eben so gut 
mittelst der zwei schönen Sterne zu den Füfsen des 
Centaurs beobachtet werden. Der Felsen von Gull- 
roucari liegt sehr genau unter 2°, o' 42" N. Br. und 
wahrscheinlich 69 , 33' 5o" W. L. von Paris. Diese 
Beobachtunoren sind für die Grenzbestimmungen zwi- 
sehen Columbien und Brasilien wichtig. Die Grcnz- 
Commissarien nehmen gewöhnlich den Aequator zur 
Grenze an, und die meisten Charten zeigen das por- 
tugiesische Fort süd'ich vom Aequator. Die Beob- 
achtungen des Herrn von Humboldt zeigen aber, da(s 



— 79 — 

cs 25 Meilen nördlich vom Aequator liegt, San 
Carlos aber nicht o°, 53', Sündern vielmehr i°, 53' i\i" 
N. Br. zu suchen ist. 

Bei der Fortsetzung ihrer Fahrt, am 12. Mai, em- 
pfanden sie die Mosquitosplage um so heftiger, )e 
weiter sie sich vomRioNegro entfernten. Im Thale 
des Cassiquiare fanden sicli zwar lfeine Zacundos, 
aber desto mehr Simulien und alle andern giftigen 
Insekten der Schnakenfamilie: zudem war die Strö- 
mung des Flusses heftig, und erlaubte, bei der 
gröfsten Anstrengung, nur kleine Tagreisen zu ma- 
chen, so dafs sie oft vierzehn Stunden brauchten, 
um drei Meilen zurückzulegen. Bei Sonnenaufgang 
hamen sie bei der Mündung de Pacimoni vorbei, 
der in einem Berglande entspringt und schwarzes 
Wasser führt; noch schwärzer ist das des Vasiva« 
Sees, der sich auch in den Cassiquiare ergiefst; zwi- 
schen beiden schwarten Wässern ergiefst sich auch 
der Rio Idapa mit w-eifsem Wasser. 

Sie harnen nun in der Mission Mandavaca an. sie 
zählt sechzig Landeseingeborne. Der Zustand dieser 
christlichen Ansiedlung ist so elend , dafs auf der 
ganzen Länge des Cassiquiare von 5o Meilen keine 
200 Einwohner angetroffen werden. Diese nähren 
sich den gröfsten Theil des Jahres hindurch von je- 
nen grofsen Ameisen, deren oben gedacht wurde, 
also eigentliche Myrmecophagen. In Mandavaca tra- 
fen sie den alten guten Missionär, der nun schon 
zwanzig Mosquitos- Jahre in den Wäldern des Cassi- 
quiare zugebracht hatte , und dessen Schenkel der- 



— 80 — 

mafsen von Insektenstichen getigert worden, dafs 
die eigentliche Hautfarbe unkenntlich geworden war. 
Er sprach von seiner traurigen Lage und Verlassen- 
heit und der Notwendigkeit, in den beiden Missionen 
von Mandavaca und Vasiva die gräulichsten Ver- 
brechen ungestraft lassen zu müssen. So hatte in 
Vasiva ein Alcalde seine Frau gefressen , nachdem 
er sie zuvor in seiner Hütte gut genährt und gefüt- 
tert hatte. Die Sucht in Guiana, einander zu fressen, 
erwacht oft, nachdem sie lange in den Missionen 
geschwiegen und geschlummert hat. Kachstehender 
Vorfall hatte sich zu Esmeralda wenige Monate vor 
der Ankunft unserer Freunde ereignet. Ein Indianer 
aus der Waldgegend, hinter dem Duida gebürtig, 
unternahm eine Reise mit einem andern Indianer, 
welcher früher an den Gestaden des Ventuari von 
den Spaniern war gefangen genommen worden, seit- 
her aber im Dorfe , oder wie man hier sagt, unter 
dem Glockenschalle ruhig gelebt hätte. Der letztere 
litt am Fieber und mochte darum nur langsam fort- 
kommen. Der Reisegefährte, über die Zögerung 
ärgerlich, schlug ihn todt, und verbarg den Leich- 
nam in der Nähe von Esmeralda. Dieses Verbre- 
chen wäre nun wohl unentdeckt geblieben , hätte 
der Mörder nicht folgenden Tag ein Gastmal zu 
geben unternommen. Er wollte seine Kinder, die 
in der Mission erzogen und Christen geworden wa- 
ren, bereden, mit ihm einige Stücke des Leichnams 
zu holen. Die Kinder wollten nicht, es entstand 
Streit, und dieser brachte die That zur Kenntnifs 



des Soldaten, der in der Mission postirt war. Die 
abscheuliche Sitte , einander zu fressen , und die 
damit verbundene Gewohnheit, Menschenopfer zu 
bringen, wird leider in allen AYeltgegenden ange- 
troffen , und zwar unter Menschen verschiedener 
Abstammung und Cultur. Es rechnen sich's viele, 
eben nicht ganz rohe Völker, zur Ehre, ihre Ge- 
fangenen aufzuspeisen. Dieser Gedanke erregt in 
dem gesittetcnMenschen Abscheu und Schauder vor 
sich selbst. Es ist diese Sucht nach Menschenfleisch 
nicht Folge natürlicher Wildheit, denn die Erfah- 
rung hat gelehrt, dafs die Anthropophagen -Völker 
die ersten Stufen der Cultur schon erreicht hatten, 
und ganz Wilde keine Menschenfresser sind. Die- 
ses wahrhafte Lasier (denn das ist der rechte Name 
für diese abscheuliche Sitte) ist Folge menschlicher 
Verkehrtheit und Ausartung. Eben der Halbgebil- 
dete ist's , der mit ausschweifender Phantasie an 
allen Genüssen künstelt, und die Unruhe seines In- 
nern durch solche Extravaganzen zu beruhigen sucht. 
Man betrachte nur die W^ollüste der Trunkenheit 
und sinnlicher Ausschweifungen der ungebildeien 
unter den gebildeten Nationen, und man wird den 
Cannibalismus darin nicht verkennen. 

Die Verkehrtheit des Sinnes zeigt sich dem Psy- 
chologen auch in dem folgenden Ereignisse. In der 
Pirogue des Herrn von Humboldt befand sich ein 
flüchtiger Indianer vom Rio Guaisia, der sich inner- 
halb weniger W'ocben so weit ausgebildet hatte, 
dafs er den Reisenden bei der Aufstellung ihrer In- 



slrumcnle Hülfe leisten konnte. Er schien so sanft 
fcrad verständig , und Herr von Humboldt schien ge- 
neigt, ihn in seinen Diensten zu bebalten. Mit gros- 
sem Bedauern aber erfuhren sie von ihm in einem 
durch den Dolmetscher sta'tgefundenen Gespräche : 
das Fleisch der Marimondes • Affen , wenn es gleich 
schwärzlich aussehe , schmecke ihm wie Mcnsehen- 
fleisch, Er versicherte: seine Verwandten hallen 
am Menschen, wie an dem Affen, dos Innere der 
Hände für den gröfsten Leckerbissen. Während die- 
ser Erzählung drückten seine Geberden eine wilde 
Fröhlichkeit aus. Sie fragten den Indianer, der 
sonst sehr sanft und bescheiden war, ob er wohl 
auch jetzt noch Lust hätte, von Cheruvichahena-Tn- 
dianern ein Stück zu speisen. Er antwortete ganz 
ruhig: weil er in der Mission sich aufhalte, werde 
er nichts anders essen , als was er die Padrcs essen 
sehe. Macht man den Indianern Vorwürfe über ihre 
Sucht nach Menschenfleisch , so macht das auf sie 
denselben Eindruck , als wenn man einem Europäer 
gegen seine Sucht nach Völlerei und Ausschweifun- 
gen Vorstellungen macht. Der Indianer von Guai- 
sia hält den von Chcruvichahena für ein von ihm 
ganz verschiedenes Wesen , das er mit voller Be- 
fugnifs tödten und speisen kann , wie den Jaguar 
des Waldes. Kur aus Rücksicht des Anstandes wollte 
er, so lange er in der Mission war, sich des Mcn- 
schenfleisches enthalten.- Wenn aber die Eingebor- 
nen etwa wieder in ihre Ileimath zurückkehren, oder 
vom Hunger geplagt werden sollten, so nehmen sie 



— 83 — 

alsbald ihre Anlhropophagen - Sitte wieder an. Wie 
sollten wir uns aber auch über diesen Umstand bei 
den Völkern am Orinoko wundern ; wenn furchtbare 
und nur allzugewisse Beispiele uns an Ereignisse er- 
innern, die in grofsen Hungersnöthen unter gesittig- 
ten Völkern stattgefunden haben? Im dreizehnten 
Jahrhunderte hatte sich in Egpyten die Gewohnheit, 
Menschen fleisch zu essen , unter allen Clnsscn der 
Einwohner verbreitet. Insonderheit wurden den 
Ärzten Fallstricke gelegt. Hungernde gaben sich für 
krank aus, liefsen den Arzt rufen, und frafsen ihn. 
Ein völlig glaubwürdiger Geschichtschreiber erzählt 
folgendermafsen darüber. »Als arme dürftige JVIen- 
schen das Menschenfleisch zu essen anfingen, war 
der Abscheu und das Erstaunen über eine so fürch- 
terliche Erscheinung so grofs , dafs dieses Verbre- 
chen zum Gegenstande aller Gespräche wurde, und 
Niemand von etwas andern reden wollte. In der 
Folge jedoch gewöhnte man sich dermafsen daran, 
und fand an der entsetzlichen Nahrung auch so viel 
Geschmack, dafs selbst begüterte Leute und Perso- 
nen vom Stande sich ihrer zur gewöhnlichen Speise 
bedienten , ihr Lieblingsgericht daraus machten, 
und sogar Vorräthe davon veranstalteten. Es wurde 
dieses Fleisch verschiedentlich zubereitet, und der 
nun einmal eingeführte Genufs desselben . ging nun 
auch in die Provinzen über, so dafs kein Theil Egyp- 
tens übrig blieb, wo er nichtNachahmung fand. Die 
Sache erregte nun weiter kein Erstaunen mehr, der 
zuvor gefühlte Abscheu verschwand nun ganzlich. 



— 84 — 

Man sprach davon und hörte davon sprechen , wie 
von einer ganz gleichgültigen Sache 5 diese Wuth, 
sich einander zu fressen , ward in der dürftigen 
Classe so gemein, dafs sehr viele Personen auf diese 
Weise umkamen. Die Bösewichter bedienten sich 
mannigfaltiger List, um die Menschen zu überraschen 
und unter täuschendem Vorleben in ihre Falle zu 
lochen. Dieses widerfuhr drei Ärzten aus meiner 
Bekanntschaft , und ein Buchhändler , welcher nur 
Bücher verkaufte , ein bejahrter und sehr fetter 
Mann, mochte sich nur mit grofser Mühe aus der 
ihm gelegten Schlinge retten. Alle Thatsachen, deren 
wir als Zeugen gedenken, sind uns nur zufällig vor- 
gekommen, denn wir vermeiden so viel als möglich, 
Zeugen solcher abscheulichen Auftritte zu seyn.« 
Dieser Mann , den wir als Zeuge hier angeführt ha- 
ben , hiefs Abd- Allatif , und war ein Arzt aus 
Bagdad. 

Die Indianer vom Cassiquiare legen leicht ihre 
barbarischen Gewohnheiten ab , nehmen sie aber 
auch eben so leicht wieder an. Sie lernen leicht 
spanisch , was besonders dadurch befördert wird, 
dafs man Indianer von drei bis vier Stämmen, deren 
jeder eine andere Sprache hat, in den Missionen 
vereinigt. Da nun keiner den andern versteht , so 
lernen sie alle spanisch, um sich mit einander zu 
besprechen. Herr von Humboldt hörte einen Poi- 
gnave mit einem Guahibos sich unterhalten, obgleich 
beide erst seit drei Monaten in der Mission waren. 
Sie drückten sich jedoch allezeit in Gerundien aus, 



— 85 — 

z.B.: als ich gehend Padre 5 oder: Padre mir sa- 
gend. Die Jesuiten hatten eine sehr vernünftige 
Idee, da sie eine gebildete amerikanische , zu einer 
allgemeinen Sprache machen wollten, weil eine sol- 
che , sowohl den amerikanischen Organen , als der 
gewohnten Art sich auszudrücken , angemessener 
wäre, als die lateinische, welche man in einem Pro- 
vinzialkapitel in vollem Ernste vorschlug. Die In- 
dianer vom Cassiquiare werden als verständiger 
und fleifsiger, denen vom Orinoko in Angostura 
vorgezogen. Die Mandavacas sind durch die 
Verfertigung des Curare - Giftes berühmt, wel- 
ches dem Curare von Esmeralda an Stärke nichts 
nachgibt. Der Boden des Cassiquiare ist sehr frucht- 
bar , und würde angebaut, einen Überflufs der köst- 
lichsten Produkte liefern. Nur müfste die Ausrot- 
tung der Wälder im Grofsen vorgenommen werden, 
weil kleine Pflanzungen nicht sehr gedeihen , wegen 
der aufserordentlichen Feuchtigkeit der Luft- und 
der Insektenwolken , welche diese Landschaft bei- 
nahe unbewohnbar machen. Selbst bei vollkommen 
heiterm Himmel zeigte der Hygrometer nie unler 
5a°. Die Ameisen fallen in langen Zügen die safti- 
gen Pflanzen verwüstend an. Wenn ein Missionär 
Salat oder etwas europäisches Gemüse pflanzen will, 
mufs er seinen Garten gleichsam in die Luft hängen. 
Er füllt nämlich einen alten Kahn mit guter Erde, 
und wenn er sie besäet hat, hängt er ihn bei vier 
Fufs über der Erde mitSricken an Palmen auf. Nur 
wenn die Küstengegenden übervölkert und die Men- 



— 86 — 

sehen in Masse eegen das Innere des Landes vor»e- 
drungen seyn werden, wird es auch gelingen, diese 
Walder in gesegnete und dem Menschen unterthänige 
Fluren umzuschauen , und so sehr jetzt diese Be- 
richte denen gleich sehen, welchen einst römische 
Feldherren von Germanien machten, so w erden als- 
dann die Indianer, Tiger und Mosquitos zur Aus- 
schmückung der Mährchen dienen , und bei den 
amerikanischen Schöngeistern unsere Drachen , Bä- 
ren und Wölfe ersetzen. 

Mandavaca liegt unter 2°, 4'?" N. Br. und 6o°, 27' 



Drittes Kapitel. 

Fahrt J/is zur Gabeltheilung. — Kacht - Besuch vom Jaguar, 

Den i/j. Mai früh um halb drei Uhr vcrliefsen 
sie die Mission Mandavaca. Noch hatten sie eine 
Fahrt von acht Tagen gegen den rei (senden Cassi- 
quiare" vor sich, und das Land, durch welches sie 
wieder nach San Fernando dcAtabapo gelangen soll- 
Icn , war dermafsen öde, dafs sie erst nach einer 
Fahrt von dreizehn Tagen zu der Mission von San 
Barbara zu gelangen hofFcn konnten. Sie harnen 
nach sechs Stunden vor der Mündung des Itapa, 
der weifses Wasser führt, vorbei. 

Sie schlugen ihr Nachtlager nahe bei dem Rau- 
dal von Cuivuri auf, dessen Getöse die Nacht merk- 
lich verstärkte , was die Indianer für gewisse Vor- 



holen des Regens hielten. Auch die Bewohner der 
Schweizer- Alpen machen diese Bemerkung, und 
wirklich regnete es ganz tropisch, noch vor Sonnen- 
aufgang. Übrigens hatten die Affen durch ihr Ge- 
heul ebenfalls den nahen Begen verkündigt. 

Die Mosquitos und mehr noch die Ameisen ver- 
trieben sie schon um ein Uhr von ihrem Lager. Sey 
es, dafs sie auf den Stricken in die Hängematten 
krochen, oder sicli von den Bäumen in sie stürzten, 
genug sie erhielten diesen lästigen Besuch so zahl- 
reich , dafs sie Mühe hatten , diesen Insekten los zu 
werden. Der Flufs wurde nun zusehends schmäler, 
und die Ufer so sumpfig , dafs Herr Bonpland nur 
mit Mühe sich einer Carolinea prineeps nähern konnte, 
welche mit Purpurblumcn übersäet war. Dieser 
Baum ist die schönste Zierde dieser Wälder, und 
deren vom Rio Negro. Man untersuchte den Tag 
über die Temperatur des Wassers , und fand sie 
zu zwei Grad niedriger, als die der Luft, nämlich 
24 , wenn die Luft 2D°, 6 zeigte. Dieses ist die- 
selbe Temperatur des Rio Negro, hingegen 4° bis 5° 
geringer, als die des Orinoko. Nachdem sie die 
Flufsmündung des Caterico, der schwarzes Wasser 
führt, vorbeigekommen waren, verliefsc-n sie das 
Flufsbett , um an der Insel zu landen, auf welcher 
die Mission Vasiva errichtet ist. Der See, welcher 
sie umgibt, ist eine Meile breit und hängt durch 
Abflüsse mit dem Cassiquiare zusammen. Die sehr 
sumpfige Umgebung ist ein wahres Fieberland. Der 
See vertrocknet zur Zeit grofscr Hitze , und dann 



— 88 ^— 

mögen den aus seinem Schlamme sich erhebenden 
Miasmen die Indianer selbst nicht widerstehen. Ein 
Theil des Dorfes ist nach einer trocknen Stelle ver- 
setzt worden, was einen Streit zwischen dem Missio- 
när und dem Statthalter veranlagst hat; der behaup- 
tete, ohne Zuziehung der Civilbehörde könne so 
etwas nicht geschehen. Mit der geographischen Lage 
völlig unbekannt, hatte er sich mit seiner Beschwerde 
an den i5o Meilen weit entfernten Missionär von 
Carichana gewandt. Solche Mifsgriffe geschehen 
hier häufig, wo die Statthalter von dem Lande, das 
sie Statthaltern sollen, auch nicht den geringsten 
Begriff haben. So hatte man im Jahre 1783 dem 
Pater Valor die Mission Padami übertragen , mit 
dem Befehle, sich sogleich zu den Indianern zu ver- 
fügen , /die keinen Missionär hätten. Es stand der 
Ausführung dieses Befehls weiter nichts entgegen, 
als dafs die Mission seit fünfzehn Jahren von der 
Erde verschwunden , und die Indianer al monte ge- 
gangen waren. 

Vom i4- bis 21. Mai mufsten sie dieNacht immer 
unter freiem Himmel zubringen, und zwar ohne nur 
die Orte angeben zu können, wo sie übernachteten. 
Der Himmel gab auch nicht eine Sternbeobachtung. 
Wo Üer Cassiquiare den oben erwähnten Arm Iti- 
nivine aussendet, fanden sie die sumpfige Flufsachsel 
mit Bambus bewachsen. Dieses bildet eine- neue 
Gattung mit sehr breiten Blättern j es wird 20 Fufs 
hoch und ist am Gipfel gekrümmt. Als ein Bild der 
Beschwerlichkeit derReise auf dem Cassiquiare setze 



— 8Q — 

ich folgende Erzählung des Herrn von Humboldt 
wörtlich her. »Unser erster Bivak, oberhalb Va- 
siva , war bald zu Stande gebracht. Wir fanden 
einen kleinen, trocknen, von Gesträuch freien Erd- 
fleck, südwärts von Canno Guramuni, an einer Stelle, 
wo Kapuziner-Affen , durch den schwarzen Bart und 
ihr trauriges und scheues Aussehen kenntlich, lang- 
sam auf den wagerechten Ästen eines Genipa dahin 
schritten. Die fünf folgenden Nächte waren um so 
beschwerlicher, als wir der Gabeltheilung des Ori- 
noko uns näherten. Die Üppigkeit des Pflanzen Wuch- 
ses vermehrt sich auf eine Weise, von der man sich 
kaum eine Vorstellung machen kann , selbst wenn 
man auch mit dem Anblicke der Waldungen zwischen 
den Wendekreisen bekannt ist. Man hat einen bei 
200 Toiscn breiten Canal vor Augen , welcher mit 
zwei gewaltigen, durch Schiingengewächse und Laub- 
werk bekleideten Mauern eingefafst ist. Wir ver- 
suchten öfters zu landen , ohne einen Fufs aufser 
das Fahrzeug setzen zu können. Bisweilen suchten 
wir gegen Sonnenuntergang wohl eine Stunde lang 
am Gestade 5 nicht eine Lichtung im Walde (deren 
gibt es gar keine), sondern eine minder dichte Stelle 
zu finden, wo wir mit Mühe und mit Hülfe der Axt 
unserer Indianer sattsamen Raum für einen Bivak, 
der zwölf bis dreizehn Personen fassen konnte, ge- 
winnen möchten. Die Mosquitos, welche uns den 
Tag über quälten, häuften sich des Nachts unter 
denToldo, dem Dach der Pirogue, aus Palmblättern, 
das uns vor Regen und Sonne schützen sollte. Nie 



— 90 — 

hatten wir so angeschwollene Hände und Gesichter 
gehabt. Der Pater Zea, welcher sich bisher rüh- 
men mochte, in seinen Missionen der Cataracten 
die gröfsten und tapfersten (las mas feroces) Mos- 
quitos zu besitzen, legte nun allmählich das Geständ- 
nifs ab , die Insektenstiche am Cassiquiare seyen 
schmerzhafter, als alle, die er je zuvor empfunden 
habe. Mitten in dieser dichten Waldung war es eine 
gar schwierige Aufgabe, Holz für die Feuer zu er- 
halten. Denn in diesen Aequatorial - Gegenden, wo 
beständiger Regen fällt, sind die Baumäste so saft- 
reich, dafs sie beinahe gar nicht brennen. Wo es 
keine dürren Gestade gibt, bann man sich jenes 
alte Holz, von dem die Indianer. sagen , es sey an 
der Sonne gebraten , beinahe gar nicht verschaffen. 
Inzwischen bedurften wir des Feuers nur noch als 
Schutzmittels gegen wilde Thiere ; von Lebensmit- 
teln war ein so grofser Mangel bei uns eingetreten, 
dafs wir für ihre Zubereitung seiner ganz entbehren 
konnten.« 

»Am 18. Mai gegen Abend entdeckten wir eine 
Uferstelle, die mit wilden Cacaobäumcn besetzt war. 
Ihre Bohne ist klein und bitter. Die Indianer des 
Waldes saugen die Fleischhülle aus , und werfen 
die Bohne weg, welche von den Indianern der Mis- 
sionen aufgehoben wird. Man verkauft sie an solche, 
die nicht allzu lecker in der Bereitung ihrer Choco- 
ladcsind. »»Hier ist derPuerta del Cacao««, sagte der 
Pilotc, »» hier übernachten los Padres, wenn sie nach 
Esmeralda reisen , um Sarbacanen und Juvias (die 



— Qi — 

seh maekh äffen Mandeln der Bertholletia) einzukau- 
fen.«« Indessen geben das Jahr durch keine fünfFahr- 
zeuge durch den Cassiqtriare und von Maypures 
aus, also, seit einem Monate hatten wir auf den Flüs- 
sen, welche wir aufgefahren sind, aufser in der un- 
mittelbaren Nähe der Mission keine lebendige Seele 
angetroffen. Südwärts vom Duractumuni - See brach- 
ten wir die IN'aeht in einem Palmwalde zu. Der Re- 
gen fiel in Strömen, aber die Pofhos, die Arum und 
die Schlingpflanzen bildeten ein so dichtes Geflechte, 
dafs sie uns, wie unter einer gewölbten Laubdeckc 
schützten. Die zunächst an's Ufer gelagerten In- 
dianer hatten aus in einander geflochtenen Helico- 
nien und andern Musaceen eine Art Dacluing über 
ihre Hängematten errichtet. Unsere Feuer belcuch- 
teten auf 5o bis 60 Fufs Höhe die Palmbaum-Stämme, 
die mit Blumen beladenen Schlinggewächse und die 
weifslichen senkrecht aufsteigenden Rauchsäulen. Es 
war ein prachtvoller Anblick , dessen ruhigen Gc- 
nufs aber eine von Insekten freie Atmosphäre er- 
heischt hätte.« 

»Unter allen Körperleiden sind die erschöpfend- 
sten jene, welche einförmig andauernd und nur 
durch lange Geduld bekämpft werden können. Wahr- 
scheinlich hat Herr Bonpland in den Waldungen des 
Cassiquiare sich den Reim der furchtbaren Krankheit 
geholt , die ihn bald nach unserer Ankunft in Ango- 
stura dem Tode nahe brachte, Zu seinem und mei- 
nem Glücke hatten wir keinerlei Ahnung der ihm 
drohenden Gefahr. Wir fanden den Anblick des 



— 92 — 

Stromes und das Gesumme der Mosquitos etwas ein- 
förmig , aber ein Überrest natürlicher Fröhlichkeit 
half uns die Langeweile tragen. Wir machten die 
Entdeckung, dafs wenn wir kleinere Partien von 
geriebenem Cacao ohne Zucker afsen , und Flufs- 
wasser darauf tranken , damit die Efslust auf meh- 
rere Stunden gestillt ward. Die Ameisen und Mos- 
quitos beschäftigten uns mehr, als die Feuchtigkeit 
und der Mangel an Lebensmitteln. Der Entbehrun- 
gen ungeachtet, die wir während unserer Wande- 
rungen durch die Cordilleren erlitten haben , ist 
uns jedoch die Schiffahrt von Mandavaca und Esme- 
ralda als der beschwerlichste Zeitraum unsers Auf- 
enthaltes in Amerika vorgekommen. Ich rathe den 
Reisenden , die Fahrt des Cassiquiare derjenigen 
des Atabapo nicht vorzuziehen , wofern sie kein be- 
sonderes Verlangen fühlen, die Gabeltheilung des 
Orinoko zu beschauen.« 

»Oberhalb des Canno Duractumuni zeigt sich die 
Richtung des Cassiquiare gleichförmig von Nordost 
nach Südwest. Hier ist es, wo man am rechten 
Ufer das neue Dorf Vasiva zu gründen angefangen 
hatte. Die Missionen von Pacimona , von Capivari 
und von Buena - Guardia , so wie das angebliche 
Fortin beim See von Vasiva sind blofs Erdichtungen 
unserer Charten. Überraschend war uns zu sehen, 
wie durch die plötzlich eintretenden Wasserhöhen 
die beiderseitigen Ufer unterhöhlt wurden. Entwur- 
zelte Bäume bilden gleichsam natürliche Flöfse : halb 
im Schlamme versenkt, sind sie für die Piroguen 



— 93 — 

sehr gefährlich. Wer das Unglück hätte , in diesen 
unbewohnten Gegenden Schiffbruch zu leiden , der 
würde wahrscheinlich verschwinden, ohne dafs eine 
Spur von der Zeit und Art seines Untergangs übrig 
bliebe. Man würde einzig nur und sehr spät an 
den Seeküsten hören , es sey ein von Vasiva abge- 
gangenes Boot, hundert Meilen weiter in den Missio- 
nen von Santa Barbara und San Fernando de Ata- 
bapo , nicht wieder gesehen worden.« 

»Die Nacht vom 20. Mai, die letzte unserer Schiff- 
fahrt auf dem Cassiquiare , brachten wir unweit 
von der Stelle der Gabeltheilung des Orinoko zu. 
Wir hatten Hoffnung, eine astronomische Beobach- 
tung machen zu können , indem Sternschuppen von 
seltener Gröfse durch den Nebel, der den Himmel 
deckte , sichtbar wurden. Wir schlössen hieraus, 
es könne diese Nebelschichte nur sehr dünne seyn, 
weil solche Meteore fast niemals unter einer Wolke 
sind gesehen worden. Die , welche uns zu Gesichte 
kamen, nahmen ihre Richtung nordwärts und folg- 
ten sich einander beinahe in gleichen Zeiträumen. 
Die Indianer , welche die Bilder ihrer ausschweifen- 
den Phantasie durch die Sprache nicht leicht ver- 
edeln, nennen die Sternschuppen: den Harn oder 
den Speichel der Sterne. Die Wolken verdichteten 
sich neuendings , so dafs wir nun weder Meteore, 
noch die seit mehreren Tagen so ungeduldig erwar- 
teten wahren Gestirne zu sehen bekamen.« 

»Man hatte uns angekündigt, wir würden die In- 
sekten in Esmeralda noch grausamer und gefräfsiger 



— g4 — 

finden, als auf dem Arme des Orinoko, welchen 
wir aufsuchten; defsungeachtet überliefsen wir uns 
freudig der Hoffnung, endlich wieder an einem be- 
wohnten Orte schlafen, und durch Herborisiren uns 
einige Bewegung geben zu können. Diese vergnügte 
Aussicht erlitt im letzten Bivak auf dem Cassiquiare 
eine Störung. Ich erlaube mir die Erzählung dieses 
Vorfalls hier eiuzm ücken , indem er die Schiffahrt 
durch ein wildes Land charakterisirt. Unser Nacht- 
lager befand sich am Eingange des Waldes. Mitten 
in der Nacht meldeten die Indianer, das Geschrei 
des Jaguars habe sich sehr genähert , und ertöne 
von den nahestehenden Bäumen herab. Es sind die 
Wälder dieser Landschaften so dicht, dafs kaum 
andere Thicre darin vorkommen , als die auf die 
Bäume klettern, wie die Quadrumanen , die Cerco- 
leptcn , die Viverrcn und die verschiedenen Katzen 
arten. W T eil unsere Feuer gut brannten , und man 
in Folge längerer Gewöhnung sich endlich auch 
über nicht blos eingebildete Gefahren beruhigt, so 
blieben wir ziemlich gleichgültig über dieses Ja- 
guar-Geschrei. Der Geruch und die Stimme unsers 
Hundes hatte die Thiere angelockt. Dieser Hund (er 
gehörte zur grofsen Doggenrasse) bellte anfänglich, 
als der Tiger näher kam, fing er an zu heulen, und 
barg sich unter unsere Hängematten, er suchte Schutz 
bei Menschen. Seit unserem Bivak am Rio Apure 
waren wir an diesem Wechsel von Muth und Schüch. 
ternheit eines noch jungen , sanften und gern lieb- 
kosenden Thieies gewöhnt. Wir wurden demnach 



— 95 — 

sehr unangenehm überrascht , als uns am Morgen, 
im Augenblicke der Einschiffung, die Indianer an- 
zeigten, der Hund sey verschwunden! Es lag aufser 
Zweifel, dafs die Jaguare ihn geraubt hatten. Viel- 
leicht hatte er, als ihr Geschrei aufhörte, sich vom 
Feuer gegen das Ufer hin entfernt, oder wir hatten, 
in tiefen Schlaf versenkt, das Klaggeschrei des 
Hundes nicht mehr gehört. Die Anwohner des Ori- 
noko und Rio Magdalena hatten uns öfter versichert, 
die ältesten Jaguare seyen listig genug, um Thierc 
aus der Mitte eines Bivaks zu entführen , indem sie 
durch Halswürgen ihr Schreien hindern. Wir ver- 
weilten einen Theil des Vormittags , in der Hoffnung, 
das Thier könnte sich verlaufen haben. Drei Tage 
später kamen wir auf die nämliche Stelle zurück. 
Das Geschrei des Jaguars liefs sich nochmals hören, 
denn diese Thiere zeigen Vorliebe für gewisse Orte; 
aber alles unser Suchen war umsonst. Die Dogge, 
welche uns von Caracas aus begleitet hatte, und die 
so oft der Verfolgung der Krokodiile durchschwim- 
men entgangen war, ist im Walde zerrissen worden,« 
Aus dieser Probe mögen meine jungen Leser ab- 
nehmen , dafs die Reisen in entfernte und wilde 
Gegenden mit Aufopferungen verbunden sind, die 
zu bringen etwas mehr erfordert wird, als blofse 
Reiselust. Nur die ungemessene Hochachtung vor 
der Wissenschaft und die innigste Liebe zur Natur 
können den Mutli stählen und dem Gemüthe eine 
Spannung verleihen , welche nie entmutkigt wird- 
Was uns anbelangt, so können wir nur den grofsen 



— 96 — 

Mann bewundern, der selbst in diesen beschriebenen 
Situationen seinen Geist aufrecht erhielt, und das In- 
teresse der Wissenschaft wahrzunehmen wufste. . 

Am 21. Mai, drei Meilen unterhalb der Mission 
Esmeralda , hatten sie endlich den Punkt vor sich, 
um defswillen sie seit einem Monate alle die Be- 
schwerden erduldet hatten. Die Gabeltheilung des 
Orinoko lag vor ihnen. Noch hatten sie eine Was- 
serfahrt von 750 Seemeilen vor sich , aber diese 
Fahrt ging stromabwärts. Man fuhr mitten im Flusse, 
und entging dadurch den Qualen der Mosquitos und 
der schnakenartigen Insehten, welche sich am Ufer, 
an welches man sich bei der Auffahrt halten mufs, 
vervielfältigen» 






Viertes Kapitel. 

Die Gabcltheilung des Orinoko. 

Die Gabeltheilung des Orinoko ist einer derjeni- 
gen Punkte der Erdoberfläche, welcher für die Geo- 
graphie von der gröfsten Wichtigkeit ist. Ein Strom 
erster Gröfse, dem unzählige Flüsse zinsbar sind, 
von dem viele so grofs sind, als unsere gröfsten 
europäischen Ströme, sendet hier plötzlich einen 
Arm aus, um sich mit dem Amazonenstrome, dem 
gröfsten der Erde, zu verbinden. Es ist, als ob zwei 
mächtige Nachbaren freundschaftlich sich verbänden 
und vermählten. Unermefslichen Ländern hat die 
Natur dadurch Strafsen bereitet , welche nur derer 



— <J7 — 

zu harren scheinen, die sich dieselben zu Nutzen 
machen wollen. 

Die Stelle dieser Gabeltheilung ist durch die 
Schönheit und Pracht der Natur ausgezeichnet. Am 
westlichen Ufer erheben sich hohe Gebirge, und man 
erkennt von weitem die zwei Gipfel des Maraguaca 
und den Duida. Am linken Ufer des Orinoko, west- 
wärts und ostwärts der Gabel theilung bis zur Ein- 
mündung des Tamabama, gibt es keine Berge. Hier 
ist der Felsen Guaraco , von dem man behauptet, 
dafs er zur Zeit der Regenzeit Flammen speie. Wo 
der Orinoko südwärts nicht mehr von Bergen um- 
geben ist, findet sich eine gegen den Rio Negro ge- 
neigte Niederung; hier theilt er sich in zwei Arme. 
Da nun die Niederung keine Berge enthält, wo der 
getrennte Arm , wie es bei so vielen andern Flüs- 
sen der Fall ist, wieder die Richtung gegen den 
Hauptstrom erhielte, so nimmt er unter dem Namen 
Cassiquiare seine Richtung südostwärts, um durch 
den Rio Negro in den Amazonenstrom sich zu er- 
giefsen. Eben daselbst, wo eine südliche Neigung 
den Abflufs des Cassiquiare begünstigt , zieht sich 
das Terrain auch nordwärts, und verhindert den 
zweiten Arm des Orinoko gegen den Amazonenstrom 
abzufliefsen , er setzt daher seinen Lauf unter dem 
Namen des Rio Paragua in westnordwestlicher Rich- 
tung fort, und strömt als Orinoko, nachdem er sich 
nach Norden und dann gegen Osten wendet, an der- 
selben Küste bei Angostura in's atlantische Meer, 

Jlibl. oaturh. Reisen. IV. Z 



— 98 — 

an dessen Küsten er etwas weiter südwärts seinen 
Ursprung genommen hat. 

Wie schon gesagt , sind es nicht Berge , die den 
Lauf der Flüsse ändern, sondern leichte Neigungen 
des Bodens und Gegenhänge. Man ist gewohnt, sich 
den Lauf eines Flusses allezeit in ein Thal oder eine 
aNiederung zwischen zwei Gabellinien eingeschränkt 
zu denken. Darum haben auch die Erdbeschreiber 
Südamerikas sich ohne Bergketten bei Verfertigung 
der Charten nicht zu behelfen gewufst, und mitten 
in die Ebenen Amerika's Berge hingemalt, deren 
keiner da war. Es läfst sich auch bei der Gabel- 
theilung des Orinoko nur ein kleiner Gegenhang in 
der Mitte des Stromes denken, welcher die Theilung 
verursacht. Die Cordillerenkette Neu - Granada's 
ist so weit von dieser Gabeltheilung entfernt, dafs 
sie in dieser vollkommenen Ebene keinen Einflufs 
auf die Theilung des Flusses haben kann. 

Fährt man flufsabwärts gegen Angostura, so scheint 
es freilich , dafs die hohe Bergkette von Parime, 
welche man immer zur Linken hat, die Schwelle 
zwischen den zwei grofsen Flufsgebieten vom Ori- 
noko und Marannon bilden. Allein es findet gerade 
das Gegentheil Statt. Die Bergkette von Parime 
zeigt gerade an ihrem südlichen Abhänge die Quel- 
len des Orinoko. Dieser Strom zieht sich um die 
Bergkette herum, welche von beiden entgegenge- 
setzten Abhängen ihm ihre Gewässer zusenden. Aus 
den Alpenthälern von Maraguaca entspringend, nimmt 
er seinen Lauf westlich und nordwestlich, als sollte 



— 99 — 

er in das Südmeer auslaufen. Nicht weit von dem 
aus Westen kommenden Guaviare , der aber auch 
durch Ebenen fliefst , wendet er sich nach Norden 
bis zur Mündung des aus den Steppen kommenden 
Äpure, wo er wieder einen Rückkehrpunkt hat, und 
sich nun wieder nach Osten wendet, um sich nach 
einem Laufe von i35o Meilen, kaum 3oo Meilen von 
meinem Ursprünge in das Meer zu ergiefsen. Wah- 
rend seines Laufes nimmt er, aufser allen von der 
Bergkette von Parime kommenden Flüssen , auch 
loch andere Gewässer auf, welche aus den ihm um- 
gebenen Ebenen von Norden , Westen und Süd- 
westen herkommen. Um sich also einen richtigen 
Begriff zu bilden, mufs man sich folgender Weise 
den Boden Südamerika^ denken. Die Anden mit 
ihren Verzweigungen umgeben den nordwestlichen 
Theil des Continents halbmondförmig. Die Gebirge 
verflachen sich in der Richtung gegen Süden unTL 
Südost, und bilden daselbst die unermefslichen Ebe- 
nen , die bis auf einige Verengungen an's Feucrland 
sich erstrecken. Aber auch diese Ebenen sind süd- 
östlich und ungefähr auf einer Parallele zwischen 
dem i°und 2° N. Br. gegen Süden geneigt. Die Nei- 
gungen gegen Südwesten und Süden verursachen 
einen Gegenhang , welcher die Wasserscheide bil- 
det, und gerade mitten im Orinoko in einen spitzen 
Winkel ausläuft, welcher sich dann gezwungen sieht 
zur berühmten Gabeltheilung. Ohne die insel förmige 
Gruppe der Parime -Kette würde wohl kein Orinoko 
vorhanden seyn , statt dessen aber eine Menge an- 

5* 



— 100 — 

derer kleiner Ströme, die ihren Lauf unmittelbar 
in's atlantische Meer nähmen. Die Bergkette also, 
welche auf den meisten Charten gefunden wird, am 
linken Ufer des Orinoko, ist in der Natur nicht vor- 
handen. 

Aus der gegebenen Darstellung ergibt sich die 
Erklärung dreier merkwürdiger Erscheinungen am 
Orinoko - Strome. 

1. Die beharrliche Anhänglichkeit dieses Stromes 
an die Bergkette von Parime. 

2. Die Lage seiner Quellen auf einer Erdstrecke, 
von der man glauben sollte, sie gehöre zum 
Gebiete des Rio Negro. 

3. Die Gabeltheilung, wodurch er einem andern 
Strome einen Arm zusendet. 

Wenn man sich blofs von Schlüssen leiten läfst > 
so sollte man denken, dafs Flüsse, wenn sie in Ge- 
btrgen entspringen, sobald sie heraustreten, sich 
alsbald auch von den Gebirgen entfernen müfsten. 
Die Erfahrung lehrt jedoch das Gegentheil. Es ist 
in allen Strömen Indien's und China bemerkt, dafs 
es ihnen eigen ist,, sich den Gebirgen anzuschmie- 
gen, und einen mit der Bergkette parallelen Lauf 
anzunehmen. Die Bemerkung ist alt, dafs an den 
steilsten Abhängen gewöhnlich Niederungen sind, so 
wie , dafs Ströme , Seen und Meeresküsten da die 
höchsten und steilsten Abhänge bilden , wo die Ge- 
wässer am tiefsten sind, und also hohe, steile Ufer 
mit grofsen Tiefen der Gewässer zusammentreffen. 
Dem Bearbeiter dieses scheint sich aus der gegen- 



— 101 — 

seitigcn Lage der Gebirge , rvoch eine andere Ur- 
sache dieser Erscheinung zu ergeben. Die gewaltige 
Cordilleren-Masse verflächt sich gegen das atlantische 
Meer, während sie gegen das Südmeer steil abstürzt. 
Hier sieht man nur Küstenflüsse und keiner schmiegt 
sich der Cordillerenkettc an. Gegen Osten aber 
verflacht sich die Andeskctte , und bildet einen un- 
geheuren Abhang, dessen Fortsetzungen die Ebenen 
von Calabozo, Brasilien und Buenos -Ayres sind. 
Die Parimekette ist gegen die Antillenkctte zu un- 
bedeutend , als dafs sie zu dem Abhänge derselben 
eine Gegcntafel bilden könnte. Natürlich ist es also, 
dafs der Cordilleren-Abhang, der den Parime gleich- 
sam beherrscht, und die Niederung, welche zwei 
gleichmachte Gebirgsketten in die Mitte der Ebene 
versetzen würden, an den Fufs der schwächern Pa- 
rime zurückdrängt. Dieses dürfte zu einer geolo- 
gischen Regel führen, dafs die Flufsbetten allezeit 
zwischen zwei Bergkelten sich der geringern an- 
schmiegen. Man bemerkt dasselbe bei den indischen 
und chinesischen Flüssen, welche ebenfalls bei ihrem 
Austritte aus dem Gebirge sich der Bergkette an- 
schmiegen. 

Eine andere Eigentümlichkeit des Orinoko ist 
die, dafs das Wasserbecken dieses Stromes sich mit 
dem Amazonenstrome zu verbinden scheint. Wirft 
man einen Blick auf die Charte, so sieht man, dafs 
der Orinoko in derselben Ebene seinen Lauf von 
Osten nach Westen nimmt, in welcher der Amazo- 
nenstrom, aber in entgegengesetzter Richtung, sei- 



— 102 — 

nen Lauf nimmt. Aber eben der Lauf der Gewäs* 
ser zeigt uns, dafs auch grofse Ebenen ihre Thälei* 
und Niederungen, so wie ihre Erhöhungen und Abi 
hänge bilden. Diese Thaler sind durch Erhöhungen 
getrennt, welche man Ciebellinien nennen kann. 
Diese bilden nun gang eigentlich und mehr als die 
Gebirge die Wasserscheide (divortia aquarum). Der 
ganze weite Raum zwischen 3 l / 2 ° N. Br. und i4° 
S. Br. , zwischen der Bergkette vonParimc und der- 
jenigen von Chiquitos und Brasilien auf einer Strecke 
von 204,000 Quadrat - Meilen , ist mit Waldung er- 
füllt, und gibt seine Gewässer an den Amazonen- 
strom ab. Weiter nördlich hingegen wird, vermöge 
einer besondern Lage der Ebenen , alles Gewässer 
dem Orinoko zugeführt. Die Central - Ebene von 
Südamerika bilden daher zwei grofse Flufssysteme, 
deren jedes die Gewässer befafst, die sich in der 
Gesammtobcrfläche der Umgebung befinden, dessen 
Neigungslinien in das Flufsthal auslaufen; das will 
sagen: in die Längensenluing , welche das Bett des 
Hauptstromes bildet. In dein kurzen Räume, zwi. 
sehen dem 68° und 70 Länge, empfängt der Orinoko 
die von dem südlichen Abhänge der Parime kom- 
menden Gewässer. Die Zuflüsse hingegen , welche 
von dem nämlichen Abhänge östlich den 68° abflics- 
sen , fallen in den Amazonenstrom. Ungarn zeigt 
uns ein ähnliches und sehr merkwürdiges Beispiel 
von Flüssen, die, während sie auf der Südseite einer 
Bergkette entspringen, dem Wassersysteme des nörd- 
lichen Abhangs angehören. Die Wasserscheide zwi- 



— 103 — 

sehen dem baltischen und schwarzen Meere ist 
nicht, wie man glauben sollte, der Gipfel der Kar- 
pathen (wie überhaupt Berggipfel nie Thcilungsgrä- 
ten sind) , sondern sie ist südwärts von der Tatra, 
zwischen Tepliz und Ganöcz , auf einem Plateau 
von nicht 3oo Toisen Höhe. Die Waag und die Hcr- 
nöd fliefsen südwärts zur Donau ab, während der 
Poprad die Gruppe des Tatra westlich umläuft und 
sich nebst dem Dunajetz nordwärts in die Weichsel 
ergiefst. Der Poprad, welcher seiner Lage nach 
dem System der Zuflüsse des schwarzen Meeres an- 
gehört, sondert sich ab, um seine Gewässer dem 
baltischen Meere zuzuführen. 

Die dritte Eigentümlichkeit im Laufe des Orinoko 
ist die Gabeltheilung, deren Daseyn oft und nament* 
lieh vor der Abreise des Herrn von Humboldt aus 
Europa in Zweifel gezogen worden ist. Die Gabel-» 
theilung ist nun'durch Herrn von Humboldt erwahrt, 
und befindet sich unter 3°, 10' N. Br. und 68°, 37' 
W. L. von Paris. Man findet Dclta's oder Theilun- 
gen der Flüsse in mehrere Arme bei ihren Ausmün» 
düngen. Wo das Land eben ist, kommen dieselben 
Erscheinungen vor. Die Ursachen der Delta's kön* 
nen folgende seyn; die ganz kleinen wellenförmigen 
Erhebungen einer Ebene, welche gleichzeitig zwei 
Stromsysteme befafst, die Entfernung von einem 
Hauptsammler, und die Lage des Flufsbettes am 
Rande der zwei Flufsbette scheidenden Grenze. Letz- 
teres ist beim Orinoko der Fall, Sehr breite Flufs« 
betten haben ihre Tiefe nicht in der Mitte nnd köiv* 



— 104 — 

neu mehrere Furchen neben einander besitzen. Die 
kleinste entgegenstehende Gräte kann dann die Er- 
scheinung hervorbringen, von der hier die Rede 
ist. "SVo die Gabeltheilung Statt findet, durchstreift 
die Theilungsgräte der Länge nach das Strombett, 
und der Flufs theilt sich da, wo sich dieselbe su 
verlieren scheint. 

Man hat die Frage aufgeworfen : ob nicht mit 
der Zeit das Flufsbclt des Cassiquiare durch An- 
schwemmungen verstopft werden möchte ? Herr von 
Humboldt antwortet : der Cassiquiare ist keineswegs, 
wie die Dichter Latiums sich ausdrücken , ein be- 
quem schleichendes Flüischen 5 er gleicht nicht dem 
Cocytus , der träge dahin sich wälzt, indem er auf 
dem gröfsten Theilc seines Laufes die ausnehmende 
Schnelligkeit von 6 bis 8 Fufs auf die Sekunde be- 
sitzt, und so ist auch nicht zu fürchten, dafs er ein 
mehrere hundert Toiscn breites Bcfte gänzlich aus- 
füllen und verschütten sollte. 

Die Gabelthcilung des Orinoko und diese äufserst 
wichtige Verbindung zwischen dem Orinoko und dem 
Amazonenstrome war oft behauptet, oft verläug- 
nct. Portugiesische Sclavcnhändler befahren den 
Cassiquiare, ohne im Rio Paragua den Orinoko zu 
erkennen. Pater Roman, ein Jesuit, war der erste, 
der den Cassiquiare vom Orinoko aus besuchte. Er 
war allein, ohne Krieger, am 4- Febr. 1744 von Ca- 
richana abgereist. Als er an den Ort kam, wo jetzt 
San Fernando de Atabapo steht, beim Zusammen- 
flüsse des Orinoko mit dem Guaviare und Atabapo, 



— 105 — 

sab er den Orinoko eine Piroguc herabkommen. Er 
machte zum Zeichen des Friedens das Crucifix am 
Vordertheile des Schiffes fest. Die Weifsen , es 
waren portugiesische Sclavenhändler vom Rio Negro, 
erkannten unter Freudenäurserungen die Kleidung 
vom St. Ignatius- Orden. Nicht ohne Erstaunen ver- 
nahmen sie, dafs sie aut dem Orinoko seyen. Sie 
führten nun den Pater Roman durch den Cassiquiare 
nach dem Rio Negro zurück, von wo er auf dem 
nämlichen Wege, nach siebenmonatlicher Abreise 
durch den Cassiquiare nach Carichana zurückkehrte. 
Er ist der erste weifse Mensch , von dem man mit 
Gewifsheit weifs, dafs er aus dem Rio Negro, ohne 
Landschaft blos zu Wasser in den Orinoko zurück- 
gekehrt ist. Seitdem hatte man die Verbindung bald 
auf den Charten verzeichnet , bald bestritten. Noch 
auf einer 1798 bekannt gemachten Charte von Guiana 
heifst es : die von lang her geglaubte Verbindung 
zwischen dem Orinoko und dem Amazonenstrome 
ist eine geographische Ungereimtheit, um die dies- 
fallsigen Vorstellungen zu berichtigen, sey erforder- 
lich, die Richtung der grofsen Kette, welche die 
Gewässer scheidet, zu erforschen. 

Herr von Humboldt war so glücklich, an Ort 
und Stelle diese Bergkette untersuchen zu können. 
In der Nacht vom i/\. Mai ist er mit seiner Pirogue 
durch diese geographische Ungereimtheit gefahren. 
Fände sich hier eine Gabellinie, so hätte Herr von 
Humboldt von Esmeralda aus den Strom hinauffah- 
ren müssen, statt dafs er ihn wirklich bei sehr schnei- 



— io6 — 

lern Fall herabfuhr, und seinen Lauf ununterbrochen 
bis St. Barbara und St. Fernando de Atabapo fort- 
setzte. 

Hatten die Völker Guiana's an der Gesittung Theil 
genommen , welche die Hochebene Peru's und Me- 
xiko's verschönerten, so würde diese ungeheure 
Landschaft zwischen dem Orinoko und dem Ama- 
zonenstrome die Entwicklung ihres Gewerbfleifses 
begünstigt, ihren Hajidcl belebt und die Fortschritte 
ihrer Staatseinrichtungen befördert haben. In der 
alten Welt erblicken wir überall den mächtigen Ein- 
flufs der Beschaffenheit des Bodens auf die Entwick- 
lung der Cultur. Hier bleiben jedoch die Begünsti- 
gungen, welche die Natur anbot, bei den schwachen 
Horden ohne Erfolg. In Egypten , in Indien und 
Griechenland haben offenbar die Beschaffenheit des 
Bodens und der Lauf der Gewässer die Entwicklung 
der Menschheit mächtig gefördert. Wo jedoch die 
Natur etwas wirken soll , müssen ihre Begünstigun- 
gen von einer empfänglichen Menschheit dankbar 
aufgenommen werden. Dieses war in Guiana nicht 
der Fall. Diese Menschenfresser hatten sich noch 
zu keiner gesellschaftlichen Ordnung verbunden. 

»Seit ich die Gestade des Orinoko verlassen habe, <c 
schliefst Herr von Humboldt , »hat eine neue Zeit- 
rechnung für die Völker des Westens begonnen. Den 
Sturmgewittern bürgerlicher Zwiste werden die Seg- 
nungen des Friedens und eine freiere Entwicklung 
gewerbfleifsiger Künste folgen. Diese Gabeltheilung 
des Orinoko , diese Landenge des Tuamini , welche 



— 107 — 

ein künstlicher Canal so leicht durchschneiden bann, 
werden die Bliche des europäischen Handels auf sich 
ziehen. Der Cassiquiare, an Breite dem Rheine gleich 
und 180 Meilen lang, wird nicht ferner unbenutzt 
bleiben , sondern eine beschiffte Strafse zwischen 
zweien Strombetten bilden, die eine Oberfläche von 
190,000 Ouadratmeilen umfassen. Das Getreide von 
Neu- Granada mag dem Rio Negro zugeführt wer- 
den ', an den Quellen des Napo und Ucagala, aus 
den Anden von Quito und dem Obcrlande von Peru 
wird man zu Wasser nach den Mündungen des Ori- 
noko reisen, in einer Entfernung, welche derjeni- 
gen vonTumbuctu nach Marseille gleicht. Ein Land, 
neun bis zehn Mal gröfscr denn Spanien und durch 
die mannigfaltigsten Natur - Erzeugnisse bereichert, 
ist mittelst des natürlichen Canals vom Cassiquiare 
und den Gabeltheilungen seiner Flüsse in allen Rich- 
tungen schiffbar. Eine Erscheinung, welche einst 
für die Staatenverhältnisse der Völker höchst wich- 
tig sevn wird , verdiente unstreitig auch höchst 
sorgfältig geprüft zu werden.« 

Was kann der Menschenfreund noch Sehnlicheres 
wünschen , als dafs in Ländern , die von der Natur 
so reichlich ausgestattet und gleichsam mit demFüll- 
horne ihrer besten Güter überschüttet sind, statt 
Mosquitos, Tiegern und Krokodillen eine zahlreiche 
und glückliche Menschheit wohne, und den Reich- 
thum ihres Geistes mit dem der Natur zum schön- 
sten Gemälde irdischer Glückseligkeit vereinijrc. 



fc-v» -*-%-v» -^-v-*-» 1 



— 108 — 
Fünftes Kapitel. 

Der Ober • Orinoko. — Esmeralda. — Das Curare. — Das Juvia- 
fest. — Juvia. — Schilf und Bast. 

Der Gabeltheilung des Orinoko gegenüber be- 
findet sich, im Halbkreise geordnet, eine Gruppe 
Granitfelsen; aus ihr ragt imposant der Duida her- 
vor, -welchen die Missionäre einen Vulkan nennen, 
und der beinahe 8000 Fufs Höhe hat. Auf derSüd- 
und Westseite senkrecht abgestutzt, hat er ein rie- 
senhaftes Ansehen. Sein Gipfel ist nackt und fel- 
sig , allein überall, wo der weniger steile Abhang 
Erde trägt, ist er auch mit dichter Waldung be- 
wachsen, worin die Natur das Biesenmodell der 
Längenden Gärten Babyloniens vorgebildet zu haben 
scheint. Am Fufse dieses Prachtkegels liegt die Mis- 
sion Esmeralda, vielleicht der Keim einstiger Gröfse, 
jetzt nur eine Art Weiler mit achtzig Bewohnern. 
Eine reizende Ebene mit Bächen von schwarzem, 'aber 
hellem Wasser durchschnitten , umgibt den Weiler. 
Sie ist ein schöner Wiesengrund, auf der sich Ge- 
büsche der überaus nützlichen Mauritia -Palme er- 
heben. Näher am Duida wird die Sumpfwiese aur 
Savane, die sich am Fufse des Duida hinaufschmiegt. 
In dieser Savane wachsen Ananas von ausgezeichne- 
ter Gröfse und vortrefflichem Wohlgeruche. Diese 
Gattung Bromelie wachst allezeit abgesondert zwi- 
schen den Gräsern, wogegen die Baratas , eine an- 
dere Art derselben Gattung, wie unsere Heidelbee- 
ren, gesellig wachsen. Die Ananas von Esmeralda 



— 109 — 

ist in ganz Amerika berühmt, sie scheint hier den 
höchsten Grad ihrer Vollkommenheit zu erreichen. 
Die vortrefflichen Ananas von Esmeralda sind der 
Schmuck der Felder in der Havannah , wo sie in 
Reihen gepflanzt werden; in Esmeralda schmücken 
sie die Savane am Fufse derDuida. Diese köstliche 
Pflanze hat sich im sechzehnten Jahrhunderte im 
Innern von China verbreitet, und ist in neuerer Zeit 
mit andern unzweifelhaft amerikanischen Pflanzen 
im Innern Afrika's am Rio Congo gefunden worden. 
Die Ananas gehört zu den edelsten Gaben der Tro- 
pennatur , welche sich auch durch Menschen der 
weitesten Verbreitung zu erfreuen hat. 

In Esmeralda wohnt kein Missionär. Der Ordens- 
mann , der hier Messe lesen mufs , wohnt in St. 
Barbara, über 5o Meilen entfernt, und braucht vier 
Tage zur Reise hieher , wohin er auch nur drei bis 
vier Mal des Jahres kommt. Statt seiner wohnt hier 
ein alter Rriegsmann, der die Reisenden herzlich 
willkommen hiefs. Er glaubte, sie seyen catalonische 
Krämer, und machte sich über die Papierballen und 
Bücher lustig, womit er das Boot angefüllt sah. »Ihr 
kommt hier in ein Land«, sagte er lächelnd, mo diese 
Waare keinen Absatz findet. Hier wird nicht ge- 
schrieben ' } dürre Palmen- und lleliconienblätter 
reichen hin , um unsere Nadeln und Angeln aufzu- 
bewahren«. Dieser Soldat verübte bürgerliche und 
geistliche Gewalt. Er unterrichtete die Rinder im 
Rosenkränze, zum Zeitvertreibe besorgte er das 
Glockengeläute, und von christlichem Amtseifer gc- 



— 110 — 

trieben, gebrauchte er seinen Cantor- Stab auf eine 
den Eingebornen eben nicht angenehme Weise. 

Auffallend war es , hier viele Zambos und Mu- 
latten zu finden , wie auch andere farbige Leute. 
Sie nennen sich Espannoles, weil sie nicht rotb, wie 
die Indianer, sind. Sie sind Leute, die als Ver- 
brecher hieher verwiesen werden , um die Mission 
schneller zu bevölkern. 

In den Granitfelsen von Duida fanden sich sehr 
schöne Bergkrystalle in den offenen Gängen. Sie 
sind zum Theil vollkommen hell und durchsichtig, 
mitunter mit Chlorit gefärbt. Man hatte sie irriger 
Weise für Diamanten und Smaragde gehalten. So 
nahe bei den räthselhaften Quellen des Orinoko 
träumte man von nichts, als der Nachbarschaft der 
grofsen Goldstadt, Dorado, und den Ruinen der gros- 
sen Stadt Manoa am Parime-See. Zur Zeit der 
Gründung von Esmeralda ward der Name und das 
Vorrecht einer Stadt, Villa, für sie verlangt. Man 
träumte nur von den Reichthümcrn des Duida, der 
jedoch nur aus Glimmer, Bergkrystall und Rutill 
besteht. DieWeifsen und Farbigen, die hingeschickt 
wurden, hielten den Ackerbau für unwürdig, von 
vernünftigen Leuten , gente de razon , betrieben zu 
werden, und so sank Esmeralda zu einem elenden 
Weiler herab, der jetzt nur durch seine Mosquitos 
berüchtigt ist. Man sieht es als eine Verbannung 
an , dahin gesandt zu werden, und man bedroht un- 
gehorsame Laienbrüder damit, zu den Mosquitos 
von Esmeralda gesandt, um von den Mosquitos und 



— 111 — 

Zacundos gefressen zu werden , welche Gott den 
Menschen zur Strafe erschaffen hat. 

So seltsame Strafen sind aber nicht immer nur den 
Laienbrüdern zu Theil geworden; — man hat Bei- 
spiele, dafs bei den Weinen Kloster -Revolutionen, 
die hier Statt fanden , auch Patres hieher geschickt 
wurden, um von den Mosquitos gerichtet zu wer- 
den. Übrigens mufs die Ursache , warum die Stadt 
Esmeralda von 60 Einwohnern ein abscheulicher 
Aufenthaltsort ist, nicht allein in den Mosquitos, 
sondern in dem Mangel an Cultur gesucht werden. 
Die Lage der Mission ist sehr malerisch und gehört 
zu den schönsten der Erde; die Umgegend ist an- 
muthig und fruchtbar. Nirgend sieht man so hohe 
Pisangstämme ; Indigo , Zucker und Cacao würden 
vortrefflich gedeihen» An dem Duida sind herrliche 
Weiden, aber nur die Hcerden fehlen. Jetzt speist 
man wenigen Pisang und Manioc , Affenschinhen, 
und leidet mitten im fruchtbarsten Lande Hunger. 
Übrigens wird Esmeralda in diesem Gemälde ge- 
wifs sich einst nicht wieder erkennen. San Fernando, 
Javita , San Carlos und Esmeralda sind von der 
Natur zu wichtigen Punkten der Civilisation be- 
stimmt, und vielleicht kommt bald die Zeit, wo 
diese Waldungen gelichtet, von Ungeziefern jeder 
Art gereinigt, so durch Menschen belebte Fluren 
voll Segen und Gedeihen darbieten werden. Eine 
spatere Nachwelt wird die Paradiese besingen, wo 
unsere Klaglieder eine Hölle von Peinigungen finden. 

Esmeralda ist der Ort, wo am Orinoko das be- 



— 112 — 

rüchtigte und berühmte Curare, dieses wirksame 
Cift in Krieg und Jagd bereitet wird. Unter allen 
bekannten Giften sind das Ticunas-Gift vom Amazo- 
nenstrome , der Upas-Tieute von Java und das Cu- 
rare von Guiana die tödtlicbsten unter allen Sub- 
stanzen. 

Bei ihrer Anltunft in Esmeralda fanden unsere 
Freunde die Indianer von einem Zuge heimgekehrt, 
der wegen der Einsammlung der Mandeln der Juvia 
(Bertholetia) und der Schlingpflanzen , die das Cu- 
rare liefern, unternommen worden war. Die Wei- 
ber hatten Getränke bereitet, um die Rückkehr der 
Indianer durch ein Fest zu feiern , und zwei Tage 
lang sah man nichts als betrunkene Indianer. Man 
war jedoch so glücklich, einen alten Indianer zu 
treffen, der weniger betrunken, als die andern, 
eben dieses furchtbare Gift bereitete. Er war der 
Chemiker des Orts, und safs bei einem grofsen 
Kessel aus Thon , um die Pflanzensäfte zu kochen. 
Er hatte um sich flache Gefäfse, um das Ausdünsten 
der Säfte zu befördern , und Tüten aus Pisangbiät- 
tern , um sie zu seihen. Es herrschte in diesem 
Laboratorium die gröfste Ordnung und Reinlichkeit. 
Dieser Mann war in der Mission unter dem Namen 
des Giftherrn bekannt, und besafs ganz den steifen 
und pedantischen Ton eines Apothekers. »Ich ueifs, 
sagte er, dafs die weifsen Menschen das Geheimnifs 
besitzen die Seife zu bereiten, und jenes schwarze 
Pulver, welches den Nachtheil hat, Lärm zu machen 
und dieThiere zu verscheuchen, wenn man sie fehlt. 



— 115 — 

Das Curare, welches wir vom Vater auf Sohn zu 
bereiten verstehen, ist ungleich vorzüglicher, als 
alles, was ihr da unten (jenseits der Meere) verfer- 
tigt. Es ist der Saft einer Pflanze , der ganz in der 
Stille tödtet, ohne dafs man weifs, woher der Schlag 
gekommen ist.« 

Das Verfahren des Giftherrn war sehr einfach. 
Man bedient sich dazu einer Schlingpflanze, die ost- 
wärts an dem linken Ufer des Orinoko wachst, und 
unter dem Namen Bejuco de Mavacure bekannt 
ist. Es ist eine Pflanze aus der Strychnecn - Familie, 
deren wir schon oben im Walde von Pimichin er- 
wähnten. Es wird sowohl trocken , als im frischen 
Zustande angewendet. Das Gift ist in der Rinde 
und dem Splinte der Pflanze enthalten. Diese wird 
nun abgeschält, zwischen zwei Steinen zermalmet, 
wodurch die ganze Masse eine gelbliche Farbe an- 
nimmt. Nun wirft man sie in einen neun 'Zoll hohen 
und vier Zoll weiten Trichter, und macht einen 
kalten Aufgufs darüber , welcher als eine gelbliche 
Substanz tropfenweise abfliefst. Dieses ist nun der 
giftige Saft, welcher durch Kochen zu einem Syrup 
verdünnt wird, und jetzt erst seine ganze Stärke 
erhält. Der Giftherr forderte die Fremden von Zeit 
zu Zeit auf, die Masse zu kosten ; nach ihrem mehr 
oder minder bittern Geschmacke urtheilt man, ob 
der Saft hinlänglich eingesotten scy. Mit diesem 
Verfahren ist durchaus keine Gefahr verbunden, 
denn das Gift wird nicht durch den Genufs, sondern 
nur durch die Vermischung mit dem Blute tödtlich. 



— 114 — 

Auch ist das Einathmen des Dunstes keineswegs ge- 
fährlich. Der so eingesottene Saft ist jedoch nicht 
das berühmte Curare- Gift, welches im Handel vor- 
kommt! Das Curare in die Wunde gebracht, tödtet 
beinahe plötzlich , eingenommen ist es ein magen- 
stärkendes Mittel von grofser Vortrefflichkeit. 

Auch der Giftsaft derTicunas am Amazonenstrome 
wird aus einer Schlingpflanze gezogen , welche je- 
doch von dem Bejuco ganz verschieden ist. Da 
diese Gifte den jagdtreibenden Völkern unentbehr- 
lich sind, so widersetzen sich die Missionäre der 
Bereitung keineswegs. Die erwähnten Gifte sind 
jedoch ganz verschieden von denjenigen auslaPeca, 
so wie vom Gifte von Lamas und Moyobamba. Sie 
rühren von ganz verschiedenen Pflanzen her. Die 
Bereitung des Curare ist ganz einfach; die Verfer- 
tigung des Giftes von laPeca sehr verwickelt. Dem 
Safte des Bejuco de Ambiuhasca wird jamaischer 
Pfeffer, Sanango (Tabcrnae montana) und der Milch- 
saft einiger Apocineen beigemischt. Der frische 
Saft der Ambiuhasca wird tödtlich , sobald er in 
Berührung mit dem Blute kömmt, wogegen der Saft 
des Mavacure erst eingesotten werden mufs. Als 
Herr von Humboldt bei sehr schwüler Witterung 
die Pflanze, welche das furchtbare Gift von laPeca 
liefert, zwischen den Fingern eine Zeitlang rieb, 
fühlte er die Hände ganz erstarrt, und eine Person, 
die neben ihm arbeitete, empfand dieselbe Wirkung 
der Einsaugung durch die unverletzte Haut. In den 
Missionen ist die allgemeine Art, die Thiere zu töd- 



— 115 — 

tcn , sie mit giftigen Pfeilen in den Schenkeln zu 
verwunden. Es wird beinahe kein Huhn verspeist, 
ohne auf diese Art getödtet worden zu seyn. Grofsc 
Vögel sterben in zwei bis drei Minuten, ein Schwein 
oder Pelari zwischen 9 bis 12 Minuten. Man darf 
sich nicht das geringste Bedenken machen, ein Thier 
zu verspeisen, das auf diese Art getödtet worden 
ist. Es wird dieses Gift durchaus unschädlich, wenn 
es nicht die Blutmasse berührt, allein mit dem Blute 
in Berührung gebracht , ist es furchtbar wirksam. 
In Maypures verfertigte ein Zambo für Herrn Bon- 
pland solche vergiftete Pfeile, mit denen durch 
Blasrohre auf kleine Affen und Vögel Jagd gemacht 
wird. Er war ein Zimmermann von ungewöhnlicher 
Stärke. Weil er nun die Unvorsichtigkeit begangen 
hatte, das Curare zwischen den Fingern zu reiben, 
nachdem er sich zuvor leicht verwundet hatte , so 
fiel er, vom Sehwindel ergriffen', zu Boden, und 
blieb beinahe eine halbe Stunde in diesem Zustande. 
Er würde auch unfehlbar gestorben seyn , wäre es 
nicht zum Glücke geschwächtes Curare gewesen, 
welches man bei Thieren anwendet, die man wie- 
der zum Leben bringen will, indem man salzsaure 
Soda in die Wunde bringt. Herr von Humboldt 
selbst wäre beinahe das Opfer geworden seiner Ver- 
suche. Aus einem nicht gut geschlossenen Gefäfse 
hatte sich das Curare in ihre Wäsche ergossen. Beim 
Auswaschen hatte man vergessen , einen Strumpf 
umzuwenden, in den sich das Curare ergossen hatte, 
und erst, indem er ihn anziehen wollte, wurde er 



— 1 1 ö — 

gewahr, dafs er mit Klebriger Materie beschmutzt 
war. * Die Gefahr war um so furchtbarer, als die 
Fufszehen durch mifslungenes Ausziehen der Sand- 
iiöhe blutige Wunden hatten. Der Reisende, wel- 
cher dieses Gift mit sich führt, mufs es daher mit 
gröfster Vorsieht bewahren. Gegen die Wirkung 
des Curare Kennt man kein sicheres Gegenmittel, wenn 
dasselbe frisch und in gehöriger Siärke in die Wunde 
l'.ommt. Man wendet Soda , Zucker und ähnliche 
Gegenmittel an, allein es ist allezeit mehr die ge- 
ringe Verletzung und die Seh wache des Giftes. Man 
kann einen verwundeten Menschen retten, wenn die 
Wunde grofs genug ist, der Pfeil schnell herausge- 
zogen wird und das Blut sanft herausfliefst. Die 
Indianer beschreiben die Symptome der Vergiftung 
(ianz dem Bisse gifiiger Schlangen ähnlich. Die ver- 
wundete Person fühlt einen vermehrten Blutantrieb 
zum Kopfe und der Schwindel nöthigt zum Nieder- 
sitzen. Es folgt Ekel, wiederholtes Erbrechen, bren- 
nender Durst , Betäubung und Erschlaffen der 
Theile um die W'unde her. 

Der Giftherr freute sich sehr der Thcilnahme, 
die ihm bezeiget wurde , er bezweifelte gar nicht, 
dafs die Herren von Humboldt und Bonpland gute 
Seifensieder seyen , denn nach dem Curare schien 
ihm die Seife die herrlichste Erfindung des mensch- 
lichen Geistes zu seyn. Aus Dankbarkeit führte er 
sie zum Indianerfeste, der Juvias- Ernte. Es ward 
durch Tänze gefeiert, wobei man sich der rohesten 
Völlerei überliefs. Die Hütte, in der die Indianer 



— 117 — 

versammelt waren, gewährte einen der seltsamsten 
Anblicke. Weder Tisch noch Bank war in der 
Hütte, aber in symmetrischer Reihe standen grofse, 
geschwärzte und gebratene AfFen an der Mauer um- 
her, es waren Marimonden oder die bärtigen Kapu- 
ziner -AfFen. Der Anblick ist dem civilisirten Men- 
schen widrig und ekelhaft. Es wird nämlich der 
Affe auf einem hölzernen Rost in der Stellung eines 
sitzenden Kindes gebraten, und sieht man die Wil- 
den- diese AfFen hernehmen und verspeisen, so wird 
der geringe Abscheu, den diese Menschen vor dem 
Menschenfleische haben , sehr erklärlich. Ist ein 
Mal die Phantasie an den Anblick des Essens men- 
schenähnlicher Thiere gewöhnt , so dürfte er sich 
den Menschen selbst um so mehr schmecken lassen, 
als das Fleisch des letztern unendlich schmackhaf- 
ter, als das zähe und dürre AfFenfleisch ist. 

Der Tanz der Indianer ist sehr einförmig. Die 
W T eiber sind ausgeschlossen. Die Männer, alt und 
jung, geben sich die Hände, und drehen sich stun- 
denlang still und ernst r langsam von der Rechten 
zur Linken. Die Jäger sind zugleich auch Musikan- 
ten, welche dumpfe Töne aus einer Reihe von Schilf- 
rohr ungleicher Länge hervorbringen j den Takt be- 
zeichnet ein Anführer durch das Zusammenbiegen 
der Kniee. Diese Scenen erinnern an die Bachus- 
umzüge auf den Gefäfsen Grofs - Griechenlands. Mit 
Verwunderung sieht man junge Indianer in das Schilf 
eilen, sich Flöten schneiden, dieselben stimmen, 
und sogleich gebrauchen.. Überall hat das Schilf 



— 118 — 

eine grofse Rolle in der Culturgeschichte der Völ- 
ker gespielt , und mit Recht sagten davon die Grie- 
chen , es habe das Schilfrohr die Völker unterjocht, 
indem es Pfeile lieferte; es habe aber auch die Sit- 
ten gemildert, durch den Reiz der Musik ; hinwie- 
der habe es dem Verstände sich entwichein gehol- 
fen , indem es Schreibwerkzeuge gewährte. Diese 
verschiedene Renützung des Schilfrohrs bezeichnet 
gleichsam drei Perioden im Völkerleben. Die Völ- 
ker am Orinoko stehen auf der untersten Stufe. Das 
Schilfrohr dient ihnen als Kriegs- und JagdwafFe; die 
Flöte des Hirtengottes hingegen hat ihnen noch keine 
Töne geliefert, welche sanfte und humane Gefühle 
hervorrufen. 

In der Hütte, in welcher das Fest gefeiert wurde, 
trafen sie eine grofse Menge vegetabilischer Erzeug- 
nisse an. Drei darunter waren besonders merkwür- 
dig. Das erste ist die Frucht der Juvia, die wir 
schon öfter erwähnt haben. Der Almendron oder 
Juvia, Rertholetia excelsa, ist einer der prachtvoll- 
sten Waldbäume der neuen Welt, und verdankt 
seine Rekanntmachung vorzüglich Herrn von Hum- 
boldt. Er wird in den Wäldern an den linken Ufern 
des Orinoko angetroffen, und die Indianer versicher- 
ten , dafs oberhalb Gehette und Chiguire die Juvia 
und wilden Cacao - Bäume ganz gemein wären, so 
dafs man beim Einsammeln von den Wilden gar 
nicht gestört werde, weil der Überflufs so grofs 
ist, dafs man ihnen keinen Eintrag thut. Die Juvia 
trägt sehr grofse harte Früchte, Drupa genannt. 



— 119 — 

Sie haben die Gröfse eines Menschenkopfs , und in 
dieser aufserordentlicli harten Hülle sind dreieckige 
Mandeln enthalten. Die Sammler laufen grofse Ge- 
fahr, wenn diese Früchte reif sind, und dann von 
einer Höhe von 5o bis 60 Fufs herabfallen. Die 
Mandeln geben vortreffliches Öhl , und sind schon 
lange in Europa unter dem seltsamen Namen der 
Kastanie aus Brasilien bekannt. Der Baum, wel- 
cher diese Mandeln liefert , hat insgemein nur zwei 
bis drei Fufs Durchmesser , aber er erreicht eine 
Höhe von 100 bis 120 Fufs. Er breitet seine sehr 
langen Äste gegen die Gewohnheit anderer Tropen- 
bäume , die gerade aufstehen, weit aus. Sie sind 
unten fast nacht, gegen die Spitze hin aber mit dich- 
ten Blattbüscheln besetzt. Da die Blätter nur zwei 
Fufs lang und halb lederartig, mithin schwer sind, 
so beugen sich die Äste gegen die Erde hinab. Die 
Blätter sind auf der Unterseite etwas silberfarb. 
Herr von Humboldt sah ihn nicht blühen. Er blüht 
erst in einem Alter von fünfzehn Jahren , und seine 
Blumen öffnen sich Ende März oder Anfang April. 
Die Früchte reifen gegen Ende Mai, und einige 
Bäume behalten derer bis Ende August. Da diese 
Früchte oft 12 Zoll im Durchmesser halten, und 
sehr hart sind, so verursacht ihr Fall, zur Zeit der 
Reife, ein entsetzliches Getöse. Nichts kann die 
Kraft der Vegetation in diesen Ländern besser be- 
greifen machen, als der See - Cocosbaum unter den 
Monocotyledonen und die Bertholetia unter den Di- 
cotyledoncn. Nur unsere Kürbisse können etwas 



— 120 — 

dergleichen aufweisen, wie Gewächse in wenig Mo- 
naten Früchte von so ausserordentlicher Gröfse her- 
vorbringen können; aber in Hinsicht auf Gehalt 
können unsere wässerigen Kürbisse freilich nicht 
verglichen werden, mit jenen Früchten voll Kraft 
und Gehalt. Unter dem Tropenhimmel bildet sich 
innerhalb 5o bis 60 Tagen eine Fruchthülle , deren 
holziger Theil einen halben Zoll Dicke hat, und mit 
den besten Werkzeugen kaum durchsägt werden 
kann , und der kein Baumholz gleichkommt. Die 
Fruchthülle stellt die Grundzüge von vier Abthei- 
lungen dar, zuweilen auch fünf. Die Samen haben 
zwei völlig getrennte Hüllen, welcher Umstand die 
Bildung der Frucht zusammengesetzter macht, als 
bei andern Nüssen. Die erste Decke ist beinig, hol- 
zig , dreieckig und auf der äufsern Fläche höckerig 
und zimmtfarb. Vier oder fünf, zuweilen acht die- 
ser Küsse sind an einer Centralscheidewand befestigt, 
und da sie sich später bei voller Reife ablösen , so 
bewegen sie sich frei in dem grofsen kugelförmigen 
Fruchtbehälter. Die Kapuziner- Affen, die beson- 
dere Liebhaber sind von diesen Mandeln , werden 
schon durch das blofse Geräusch angelockt. In je- 
der Frucht werden gewöhnlich i5 bis 22 Mandeln 
angetroffen. So lange sie frisch sind, ist ihr Ge- 
nufs äufserst angenehm , und man kann sie ohne 
Nacht-heil in beträchtlicher Menge speisen. Die 
zweite Hülle der Frucht ist braungelb. Sie enthal- 
ten sehr viel Öhl , was denn die Ursache ist, dafs 
sie sehr schnell ranzig werden. Der Behälter ist 



_ 121 — 

an der Spitze durchbohrt, und springt nie von selbst 
auf. Viele verlieren daher die Keimfähigkeit durch 
Ausflufs des Öhls aus dem Samenlappen , bevor die 
äufscrc Hülle des Fruchtbehälters in der Regenzeit 
sich durch Fäulnifs öffnet. Man erzählt wohl ein 
Mährchen, dafs die Kapuziner - Affen die Frucht 
mittelst Umherrollens zu öffnen verstünden : allein 
das ist unmöglich, und nur mittelst der Zähne kann 
es beharrlichen Nagern gelingen, sich der Früchte 
zu bemächtigen. Sobald die Nüsse fallen, sammeln 
sich die Thiere des Waldes, die Affen, die Mona- 
vis, Eichhörnchen, Cavia, Papageien und die Aras, 
die alle das Vermögen besitzen, die Früchte zu 
öffnen. Sie eilen mit den Mandeln auf die Bäume, 
und auch sie , sagen die Indianer, feiern ihr Fest, 
und aus den Klagen dieser kann man schliefsen, dafs 
jene sich für die legitimen Herren der Ernte halten. 
Da die Mandeln schnell keimunfähig werden, so müfste 
man junge Pflänzchen in Kisten, mit der Erde gefüllt, 
darein sie gekeimt sind , zu Tausenden setzen , und 
sie so auf Piroguen nach dem Orte ihrer Bestimmung 
führen. 

Eine zweite merkwürdige Pflanze , welche Herr 
von Humboldt in der Hütte der Indianer fand, ist 
das Schilf, woraus sie Blasrohre verfertigten. Die 
Länge desselben betrug i5 bis 20 Fufs , ohne dafs 
daran der mindeste Astknoten zu bemerken gewesen 
wäre. Die Schilfrohre kommen vom Fufse der Ge- 
birge von Yumariquin und Guanaja her, und sind 
jenseits des Orinoko unter dem Namen des Schilf- 

Bibl.naturh.Reisen.lV. £ 



— 122 — 

rohrs von Esmeralda sehr gesucht. Ein Jäger be- 
hält lebenslänglich sein Schilfrohr, und weifs von 
demselben so viel zu erzählen, als unsere Jäger von 
ihren Flinten. Herr von Humboldt konnte das Ge- 
schlecht nicht bestimmen, zu welchem dieses be- 
wundernsvverthe Schilf gehört, und eben so wenig 
die Pflanze, aus welcher die Marima - Hemden ver- 
fertigt werden. Am Abhänge des Duida sahen sie 
Stämme des Hemdenbauiwes (die Mosquitos ausge- 
nommen, ist es doch ein wahres Schlaraffenland die- 
ses Guiana, und mit der Zeit werden die Leute da 
Dorado finden) von fünfzig Fufs Höhe. Die India- 
ner schneiden röhrenförmige Stücke davon ab, wel- 
che zwei Fufs im Durchmesser halten, von denen 
sie die rothe, faserige Rinde trennen, und sich dabei 
vor Längeneinschnitten in Acht nehmen ; nun machen 
sie zwei SeitenöfTnungen für die Arme, und schlie- 
fen hinein, und haben ein Hemd, das einem Saclic 
ohne Kath aus grober Leinwand gleichsieht. Sie 
tragen dasselbe zur Regenzeit, wo es ihnen treff- 
liche Dienste leistet. Die Missionäre sagen daher 
mit Recht, dafs den Wilden die Hemden auf den 
Bäumen wachsen 3 dazu kommen noch die Schei- 
den- oder Spitzhauben, bestehend in der grofsen 
Blumenscheide einiger Palmenartcn, die einem spitzi- 
gen Gewebe gleichen. 

Von dem erwähnten Feste waren die Weiber aus- 
geschlossen. Ihr Geschäft war: die Männer mit 
AfTenbraten , Palmenwein und Palmiobl zu bedie- 



— 123 — 

nen , wenn diese sich genug getanzt hatten. Das 
heifse ich doch eine verkehrte Welt! — 



Sechstes Kapitel. 

Der Lauf des Orinoko oberhalb Esmeralda. — Abreise von 
Esmeralda. — Tiger. 

Die meisten dieser Völker leben in ihrem wilden 
Zustande in Vielweiberei. Das Christenthum dif- 
det dieses nicht, und darum behält der Indianer, 
welcher sich taufen läfst, nur ein Weib, deren Wahl 
er meist dem Missionär überläfst. Die Weiber sind 
Sclavinnen der Männer und werden von diesen wohl 
gar aufgefressen. Nur das Christenthum kann die 
Völker civilisiren , und es ist kein geringer Vorzug 
desselben, dafs es die Ehe ordnet, und so das 
gröfste Hindernifs der Cultur, die Vielweiberei ab- 
schafft und die Hausfrau zu der ihr gebührenden 
Würde erhebt. 

Über den Lauf des Orinoko , ostwärts der Mis- 
sion Esmeralda, weifs man bis jetzt nicht viel, und 
auch Herr von Humboldt liefert nur das, was er 
aus den Angaben der Indianer abnehmen konnte. 
DerDuida gehört einer Gruppe von Granitbergen an, 
welche vom Rio Tamatama w est- und ostwärts vom Rio 
Quapo begrenzt wird. Zwischen diesen beiden Zr. 
flüssen des Orinoko fliefst mitten durch die Wälder 
der Mauritia- Palmen der Rio Sodomoni, an dessen 
Ufer vortreffliche Ananas wachsen. Da der Baro- 

6* 



— 124 — 

metcr in den Wäldern des Orinoko zerbrochen war, 
so mufste der Berg Duida trigonometrisch gemessen 
werden. Diese Messung gab 1118 Toisen über der 
Ebene von Esmeralda, und also wahrscheinlich i3oo 
Toisen über der Meeresfläche. Der Barometer brach 
durch die Feuchtigkeit , welche das hölzerne Gc- 
iäfs anschwellte, und dessen Spannung die Glas- 
röhre nicht widerstehen konnte. Vorrichtungen aus 
Zinn oder Silber dürften für diese Instrumente über- 
haupt zweckmäfsiger , als Holz seyn. Der Duida 
weicht an Höhe nur wenig der Silla von Caracas, 
und wird auch hier im ganzen Lande für einen Rie- 
senberg gehalten, ein Umstand, aus dem man schlies- 
sen kann, dafs die ganze östliche Berggruppe des 
Parime keinen Gipfel enthält, der den höchsten Spi- 
tzen der Pyrenäen gleich käme. Der Gipfel des 
Duida ist dermafsen senkrecht abgestutzt, dafs die 
Indianer ihn bisher vergebens zu besteigen versucht 
haben; bekanntlich sind auch die niedern Berge 
nicht selten die unersteiglichsten. Im Anfange und 
zu Ende der Regenzeit nimmt man , nach dem ein- 
stimmigen Zeugnisse der Missionäre und Indianer, 
auf dem Gipfel des Duida Flammen wahr, welche 
nicht immer an gleicher Stelle zu verbleiben schei- 
nen. Dieser Umstand hat dem Berge den Namen 
eines Vulkans verschafft. Man könnte zwar glauben, 
dafs der Blitz von Zeit zu Zeit das Gebüsch ent- 
zünde, dieses ist jedoch hier in diesem nassen Klima, 
bei den saftstrotzenden Pflanzen nicht so leicht, und 
die Flammen zeigen sich oft da, wo der Boden kaum 



— 125 — 

mit einigem Rasen bewachsen ist, und dann werden 
diese Erscheinungen an völlig gewitterlosen Tagen 
und auch auf dem Gipfel des Guaraco, eines am 
entgegengesetzten Ufer des Orinoko liegenden Ber- 
ges, wahrgenommen, welcher Hügel bis 600 Fufs 
über die Ebene erhöht, ist. Es ist daher wahrschein- 
lich, dafs irgend eine unterirdische Ursache diese 
Flammen erzeugt. Der Duida ist mit Gängen ange- 
füllt, die zum Theil offen, zum Theil mit Quarz- 
und Schwefelkies ausgefüllt sind. Gasartige Aus- 
dünstungen können daher durch diese Verklüftungen 
leicht aus dem Innern der Erde zu Tage kommen. 
Wir haben ähnliche Erscheinungen schon im ersten 
und zweiten Theile beschrieben : z. B. den Cuchivero 
bei Cumanacoa. Der Grund aller dieser Erschei- 
nungen ist im Urgcbirge tief unter dem Ubergang- 
und Flötzgebirge zu suchen. Die wärmsten Quel- 
len finden sich im Granit - und das Steinöhl haben 
wir aus Glimmerschiefer quellen sehen. Furchtbare 
Knalle sind in Encamerada mitten im granitischen 
Boden gehört worden. Hier, wie auf dem ganzen 
Erdballe, liegt der Herd der Vulkane im ältesten 
Gebirge, und zwischen den grofsen Erscheinungen, 
welche die Rinde unsers Planeten emporheben und 
flüssig machen, und jenen feurigen Erscheinungen, 
die man auf der Oberfläche der Erde wahrnimmt, 
und die man, ihrer Kleinheit wegen, atmosphäri- 
schen Einflüssen ganz aliein zuzuschreiben geneigt 
ist, scheint ein inniger Zusammenhang zu bestehen. 
Obgleich der Duida die Höhe, welche der Volks- 



— 126 — 

glaube ihm zuschreibt, nicht besitzt , so ist er doch 
der höchste Punkt der ganzen Berggruppe, welche 
das Becken des Orinoko von dem des Amazonen- 
stromes trennt. Diese Berge senken sich noch schnel- 
ler nordwärts , als ostwärts. Die höchsten Gipfel 
nach dem Duida sind nordwärts der Cuneva, an den 
(Quellen des Rio Paru , der Sipapo , der Calitamini, 
welcher mit dem Cunavani und den Pik von Uniana 
eine gemeinsame Gruppe bildet. Ostwärts zeichnen 
sich aus der Maravaca , zwischen dem Rio Causi- 
momi und Padamo ; am linken Ufer des Orinoko : 
die Berge von Guanaja von Yumariquin. 

Von Esmcralda fährt man noch aufwärts bis 
zu den Wasserfällen, die von den Guaicas - India- 
nern besetzt sind, und für's erste alles weitere Vor- 
dringen der Spanier hindern. Bis dahin hat man 
zwei Tagfahrten zum Rio Padamo, wo der Orinoko 
auch eine Breite von 3 bis 400 Toisen behält. Er 
bat vom rechten Ufer zahlreiche Zuflüsse, weil da 
die Ufer durch hohe Berge begrenzt sind. Der 
Pflanzcnwuchs ist hier sehr kräftig , so dafs sich 
überall eine unermefsliche Menge Bauholz findet. 
Die Ceiba wird daselbst in Stämmen von 16 Fufs 
Durchmesser angetroffen. Vom Padamo gelangen 
die Indianer in anderthalb Tagen zum Rio Mavaca, 
der in den hohen Bergen von Unturan entspringt. 
Zwischen den Einmündungen des Podamo und Ma- 
vaca empfängt der Orinoko den Ocamo , in welchen 
sich der Rio Mataconna ergiefst. An den Quellen 
dieses Flusses wohnen die Guainares - Indianer, wel- 



— 127 — 

che nicht so kupferroih , sondern schwarzbrauner 
sind , als die andern Eingcbornen dieser Gegenden. 
Beim Einflüsse des Mavaca nimmt der Orinoko plötz- 
lich an Breite ab, und oberhalb bei den Wasser- 
fällen der Guahibos ist er schon so schmal , dafs 
die Guahibos - Indianer eine Brüche aus geflochtenen 
Lianen - Gewächsen über denselben gespannt haben, 
welche sie an die aus dem Wasser ragenden Felsen 
befestigen. Die Guahibos - Indianer , nebst noch 
einigen Stämmen, sind von kleinerer Statur und. 
hellerer Farbe, als die übrigen Indianer. Das ganze 
Land oberhalb der Wasserfälle der Guahibos ist 
so gut, wie unbekannt, und daher das Land der 
Vcrmuthungen , der Mähreben , und öfters schon 
der Schauplatz grausamer Gemetzel. Hier sucht man 
die Goldstadt und den See Parime voll Schätze; hic- 
hcr werden, wie schon oben erwähnt, die Ungeheuer 
der frühern Beisebcschreiber versetzt. So viel 
scheint gewifs, dafs der Orinoho nicht aus einem 
See Parime, der nirgend vorhanden zu seyn scheint, 
sondern aus mehreren Quellen des Berglandes und 
der Vereinigung mehrerer Flüsse zu entspringen 
scheint. Das Land bietet feuchte Wildnisse, und 
wilde Stämme von Indianern, die bisher ihre Unab« 
hängigkeit zu erhalten gewufst haben, und jetzt 
darauf um so eifersüchtiger zu seyn scheinen, als 
ihnen das Loos der besiegten Stämme keineswegs 
beneidenswerth erschien. Ein Commandant von San 
Carlos hatte einen Zug in diese Gegenden unternom- 
men , ward von den Indianern mit vergifteten Pfci- 



— 128 — 

Jen angegriffen, und richtete unter ihnen ein fürch- 
terliches Gemetzel an. Diese rächten sich später da- 
für, indem sie 1776 die zwischen Esmeralda und 
dem Rio Erevato errichteten Militärposten in einer 
Nacht angriffen , und dieses Unternehmen mit sol- 
cher Kühnheit ausführten, dafs man es bis jetzt nicht 
mehr gewagt hat, in jene Gegenden einzudringen. 
Die Quellen des Orinoko sind also bis jetzt noch 
unerforscht, und selbst Herr von Humboldt fand es 
unthunlich , bis zu ihnen vorzudringen. 

Am 23. Mai verliefsen sie die Mission Esmeralda. 
Die Pirogue war bereits von den Ameisen in Besitz 
genommen, und mufste ihnen förmlich wieder ab- 
genommen werden, und das war heine leichte Ar- 
beit. Noch halten sie beinahe einen Monat in ihr 
zuzubringen, bis sie Angostura erreichten, und 
schon jetzt zeigte sich eine Schwäche in ihrem Kör- 
per , welche eine Folge ausgestandener Mühselig- 
keiten und der schlechten Nahrung war. Im Augen- 
blicke der Einschiffung drängten sich die andern er- 
wähnten farbigen Leute, welche nach Esmeralda 
verbannt waren, zur Pirogue, und baten, sich beim 
Statthalter für sie zu verwenden , damit sie Esme- 
ralda verlassen dürften. So schwer auch, meinten 
sie, ihre Vergehungen seyen , so hätten sie doch 
seit zwanzig Jahren unter den Qualen der Mosqui- 
tos dafür gebüfst. Herr von Humboldt hat es auch 
gethan; allein vergebens. Übrigens ham Herrn von 
Humboldt die Mosquitos - Plage in Esmeralda nicht 
gar so heftig vor, als auf dem Cassiquiare. Die 



— 120 — 

Ursache mag jedoch darin liegen, dafs er hier sich 
Bewegung machen konnte j auf dem Cassiquiare 
aber mufsten sie in derPirogue, gleichsam ange- 
schmiedet, sich den Mosquitos Preis geben. Sie 
gebrauchten hier auch kühlende Waschwasser. Der 
Citronensaft und mehr noch jener der Ananas min- 
derte die Schmerzen, und schien die Geschwulst 
zu heben. Übrigens erzählen die Einwohner von 
Esmeralda einen besondern Vorfall, der in der Mos- 
quitos-Geschichte Epoche machte. 179^1 eineStunde 
vor Sonnenuntergang , wo die Mosquitos eine dichte 
Wolke zu bilden pflegen, wurde die Luft plötzlich 
von Mosquitos frei. Kein einziges Insekt konnte 
wahrgenommen werden, und doch war der Himmel 
unbewölkt und kein W T ind verkündigte Regen. Man 
mufs in diesen Gegenden gelebt haben , um sich 
einen Begriff von dem Erstaunen zu machen, wel- 
ches das plötzliche Verschwinden dieser Insekten 
hervorbrachte. Man beglückwünschte sich gegen- 
seitig, und befragte sich, ob dieses Glück und diese 
Erleichterung wohl Dauer haben möchte. Bald je- 
doch überliefs man sich ängstlichen Besorgnissen, 
man glaubte die Ordnung der Natur habe sich um- 
gekehrt. Alte Indianer, diese Gelehrten des Landes, 
behaupteten : das Verschwinden der Mosquitos müsse 
der Vorläufer eines heftigen Erdbebens seyn. Man 
stritt sich mit Hitze, lauschte jeder Bewegung der 
Luft , und als sich diese wieder mit Insekten füllte, 
freute man sich ganz eigentlich über ihre Wieder- 
kehr. So ist der Mensch der Gewohnheit unterwor- 



— 130 — 

fcn , dafs er bei jeder Veränderung ängstlich wird, 
und beim Gefühle seines Looses auf Erden mifs- 
trauisch, sogar sich die einmal gewohnten Plagen 
zurückwünscht. 

Nach einer vierstündigen Fahrt stromabwärts 
schlugen sie ihr Bivouak nun wieder an der Stelle 
auf, bei dem Punkte der Gabeltheilung, wo vor we- 
nigen Tagen die Jaguare den getreuen Hund ent- 
führt hatten. Alle Versuche der Indianer, nur 
eine Spur des Thieres zu entdecken, war ohne Er- 
folg geblieben. Die ganze Nacht hindurch umgaben 
Jaguare mit ihrem Geheule das Lager. Sie sind hier 
ungemein zahlreich, und hier ist auch der schwarze 
Tiger zu finden, dessen Felle man den Fremden in 
Esmeralda gezeigt hatte. Dieses Thier ist durch 
seine grofse Wildheit berüchtigt, und scheint durch 
seine Gröfse noch den gemeinen Jaguar zu über- 
treffen. Die Indianer behaupten , der schwarze Ti- 
ger sey sehr selten , er vermische sich nie mit dem 
gemeinen Jaguare und bilde eine eigene Rasse. Diese 
Bemerkungen sind durch neue Forschungen bestätigt 
worden. In Paraguay sind weifse Tiger gesehen 
worden, denn diese Thiere , die man die schönen 
Panther von Amerika nennen könnte, haben zuwei- 
len so blasse Flecken, dafs sie auf dem völlig weis- 
sen Grunde kaum bemerkt werden können. Bei den 
schwarzen Jaguaren ist es die dunkle Farbe, welche 
die Flecken verschwinden macht. Man müfste sich 
lange in Esmeralda aufhalten , und die Indianer auf 
ihren oft gefährlichen Tigerjagden begleiten, wenn 



— 131 — 

man diese Thierarten genau kennen lernen wollte. 
Übrigens ist die Menge dieser Thiere sehr bemcr- 
kenswerth in einem Lande, welches von Vieh ent- 
blöfst ist. Der Tiger am Orinoko führt ein elendes 
Leben im Vergleiche mit jenem der Pampas von Bue- 
nos -Ayres, der Llannos von Caracas und anderer 
mit Hornvieh besetzten Ebenen. In den spanischen 
Colonien werden jährlich bei 4<>oo Jaguare getödtet, 
worunter mehrere die Gröfse der asiatischen Königs- 
tiger erreichen. 

Am 2/j. Mai, mit Aufgang der Sonne, fuhr man 
weiter. In einer Felsenbucht, welche einst den 
Durimundi - Indianern zur Wohnung gedient hatte* 
war der aromatische Wohlgeruch der Pflanzen so 
stark, dafs er den Reisenden lästig fiel. Sie konn- 
ten jedoch nicht erfahren , von welchen Blumen 
dieser Wohlgeruch herkam, weil es unmöglich war, 
in den Wald einzudringen. Herr Bonpland glaubte 
es seyen Blumenbüsche von Panoratium und andern 
Liliengewächsen , welche die Luft mit ihren Aus- 
dünstungen sättigten. Den Orinoko abwärts fah- 
rend, kamen sie verschiedenen Flüfsmündungen 
vorbei. Die Ufer sind hier völlig öde, nordwärts 
erheben sich hohe Berge , welche von einigen wil- 
den Stämmen bewohnt werden; südwärts dehnen 
sich unabsehbare Ebenen aus, bis über die Quellen 
des Atabapo hin, aber in ihnen wird auch nicht 
eine einzige Spur menschlicher Wesen angetroffen. 
Dieser öde grofse Strom, auf dem nicht einmal eine 
Fischerbarke schwebt , hat etwas Trauriges und gc- 



— 132 — 

währt beut zu Tage ein Bild der Öde und Verlas- 
senheit. Immer war es nicht so. Einst bewegten 
sich hier Völker, die eine höhere Stufe der Cultur 
erreicht hatten, als die wilden Völker, die jetzt in 
zerstreuten Familien schüchtern umherirren. Die 
Ebenen der Guaina-Savänen sind mit Felsen bedeckt, 
die aus dem härtesten Granite bestehen. Diese Fel- 
sen sind mit rohen Sculpturen bedeckt, welche Bil- 
der von Sonne, Blond und Sterne, von Land- und 
Wasserthieren darstellen, und auf ein Volk hindeu- 
ten , wovon die wilden Banden nur noch traurige 
Überreste sind. Diese Sculpturen gleichen, in einem 
Umfange von mehreren tausend Quadrat- Meilen 
vollkommen denen , welche wir schon oben an der 
Mündung des Apure erwähnt haben. Weiter öst- 
lich trifft man in der Ebene des Cassiquiare und 
Conorichite, in einer Entfernung von i5o Meilen, 
ebenfalls diese Hieroglyphen in den Felsen an. Es 
sind keine Buchstaben , sondern unförmliche rohe 
Figuren, welche Himmelskörper, Tiger, Krokodille, 
Boas-Schlangen und zur Bereitung des ManiocMehls 
dienliche Werkzeuge darstellen. Die Bedeutung die. 
»er Bildwerke, die Art ihrer Entstehung und wer die 
Urheber waren, wird wohl immer in Dunkel ge- 
hüllt bleiben; für den Forscher der Menschen - Ge- 
schichte haben sie jedoch Wichtigkeit. Diese Denk- 
mäler scheinen dem Bergthale von Esmeralda eigen, 
thümlich. Sie finden sich im Hafen von Sedenno 
bis an die Gestade des Caura, wo der Granit nackt 
zu Tage liegt. Die Tamanaken-Völker, als die alten 



— 133 — 

Bewohner des Landes, erhalten auch hier eine alte 
Sage, die sich auf diese Gegenden bezieht, und mit 
allen Überlieferungen , die auf die Erneuung des 
Menschengeschlechtes Bezug haben, in Übereinstim- 
mung ist. Amalivaca , der Vater der Tamanaken 
(das will sagen: der Schöpfer des Menschenge- 
schlechts; denn jedes Volk hält sich für den Urstamm 
der Menschheit), traf zur Zeit der grofsen Über- 
schwemmungen in einer Barke ein. Diese Zeit heifst 
die Wasserzeit, als die Fluthen des Oceans sich im 
Binnenlandc an den Bergen von Esmeralda zerschlu- 
gen. Damals ertranken alle Menschen, mit Ausnahme 
eines Mannes und eines Weibes , die sich auf einen 
unweit von den Gestaden des Asiveru oder Cuchiveru 
befindlichen Berg flüchteten. Dieser Berg ist also 
auch hier wieder ein Ararat. Amalivaca hat auf 
seiner Fahrt in der Barke die Bilder in die genial- 
nen Felsen eingehauen. Die über einander ge- 
thürmten Granitblöcke heifsen noch heut zu Tage 
Haus oder Wohnung des Ahnherrn der Tamanaken 
(Amalivaca Chambural). Unfern von dieser Hütte 
wird in der Ebene von Maita ein grofser Stein ge- 
zeigt , welcher Amalivaca's Trommel gewesen ist. 
Diese Person hatte in der Heldenzeit einen Bruder, 
Vochi genannt, welcher dem Amalivaca Hülfe lei- 
stete, um der Erde ihre gegenwärtige Gestalt zu 
geben. Diese zwei Brüder wollten dem Flusse Ori- 
noko die Einrichtung geben , dafs die eine Seite des 
Stromes aufwärts, die andere abwärts flöfse, was 
ihnen jedoch bei aller ihrer Gewalt unmöglich war. 



— 1-4 — 

Amalivaca "hatte mehrere Töchter, die grofse Nei- 
gung für Reisen hatten , und denen er daher die 
Beine /erschlug, um sie an ein beständiges Leben 
zu gewöhnen, und zu zwingen, das Land der Ta- 
manaken zu bevölkern. Nachdem Amalivaca hier 
diesseits des grofsen Wassers in Amerika alles voll- 
bracht hatte, schiffte er sich wieder ein, und kehrte 
an das andere Ufer, von welchem er hergekommen 
war, wieder zurück. Seit die Eingebornen von Mis- 
sionären besucht worden, bilden sie sich ein, Eu- 
ropa sey das andere Land, und sie fragten sogar 
den Pater Gilt, ob er den Amalivaca , den Vater 
der Tamanaken , von dem diese Bilder auf dem Fel- 
sen herrühren, gesehen habe. Ahnliche Sagen findet 
man im ganzen Amerika, und sie schliefsen sich an 
die der alten Welt zu sehr an, um nicht in ihrer 
Verstümmelung eine und dieselbe Offenbarung zu 
erkennen. Die Grundzüge bleiben immer dieselben. 
Und was die heilige Urkunde der Bibel so rein und 
wahrhaft aufbewahrt hat, finden wir, wenn gleich 
mannigfaltig entstellt, doch in seinen Grundzügen 
sehr deutlich, bei allen Völkern der En'e wieder. 
Diese Angaben von einer grofsen Wasserfluth 
und einem geretteten Menschenpaare , welches die 
Früchte der Mauritia rücklings warf, um die Erde 
auf's neue zu bevölkern; diese National - Gottheit, 
Amalivaca , die über Wasser aus einem fremden 
Lande herkommt, der Natur Gesetze vorschreibt, 
und die Völker auf ihre Wanderungen zu verzich- 
ten zwingt; diese verschiedenen Züge einer alten 



— 135 — 

Glaubenslehre verdienen Aufmerksamkeit. Was die 
Tamanaken erzählen, dürfte von andern Völkern, 
die vor ihnen dies Land bewohnten , auf sie über- 
gegangen seyn. Amalivaca ist jedoch nicht der 
grofse Geist oder der Alte vom Himmel , sondern 
eine Person der Heldenzeit. Bei allen Völkern ver- 
menschlichen sich die Götter, und alle bekennen 
eine Offenbarung der Gottheit. Diese geschieht auf 
zweierlei Art. Bald steigen die Gottheiten auf die 
Erde nieder , und werden Gesetzgeber und Einrich- 
ter der Staaten, wie im Morgenlande ; bald sind es, 
wie bei den Griechen und abendländischen Völkern, 
Priesterkönige , denen man die Menschlichkeit ab- 
streift, um sie zu National - Gottheiten zu erheben. 
Amalivaca war ein Ausländer, wie Manko - Kap ak, 
Bohica und Quetzalcoliuatl. Diese aufserordentlichen 
Menschen, die im alpinischen oder civilisirten Theile 
von Amerika, auf dem Plateau von Peru, Neu- Gra- 
nada und Anahuak die Einrichtungen der bürger- 
lichen Gesellschaft getroffen, die Opferungen ange- 
ordnet, die Religions - Orden gestiftet haben. Der 
Mexikaner, Quetzalcoliuatl, dessen Abkömmlinge 
Monieziuna in den Gefährten des Cortez zu erkennen 
geglaubt hatte , stellte noch eine Ähnlichkeit mehr 
mit Amalivaca dar. Im hohen Alter verliefs der 
Oberpriester von Thula die Landschaft Anahuak, die 
er mit seinen Wundern erfüllt hatte, um in ein un- 
bekanntes Land, Tlapelan genannt, zurückzukehren. 
Als der Mönch Bernhard in Mexiko eintraf, wurde 
er daselbst eben so gefragt : ob er Quetzalcoliuatl 



— 136 — 

gesehen habe , wie man zweihundert Jahre spater 
den Pater Gili in Hinsicht auf Anial'waca befragte. 
Vom 24. bis 27. Mai hatten sie nur zwei Mal am 
Lande übernachtet. Da der Flufs hlippenfrei ist, 
so hatten sie sich ganz demselben überlassen. Ein- 
mal landeten sie in der Mission Santa Barbara, einem 
kleinen Dorfe von 120 Einwohnern , wo einigerGe- 
werbfleifs angetroffen wird, der jedoch nicht den 
Eingebornen , sondern, wie überall in den Missio- 
nen , dem Missionär zu Gute kommt. Es gibt hier 
auch einiges Hornvieh, welches man jedoch nicht 
zum Treten der Mühlen verwendet, als wo Indianer 
gebraucht werden. Die Weiden der Ebenen von 
St. Barbara sind nicht so fett, als inEsmeralda, aber 
doch besser, als in San Fernando. Am 26. verlies- 
sen sie St. Barbara, wo die Indianer beschäftiget 
waren, dem Missionär ein Haus zu bauen. Sie fuh- 
ren nun abwärts , und die Fahrt ging schnell von 
Statten. Den ganzen Tag hatten sie die reizenden 
Berge von Sipapo, die nordwestlich sich auf i8Mei- 
len erstrecken , vor Augen. In dieser Gegend ist 
der Pflanzenwuchs üppig und durch Mannigfaltigkeit 
schön und reizend. Die Nacht über bivahiren sie 
auf der Insel Minisi und trafen am 27. Mai wieder 
in San Fernando de Atabapo ein. Einen Monat vor- 
her hatten sie dasselbe Haus des Missionärs bewohnt, 
jetzt bewohnten sie es wieder, nachdem sie eine 
grofse, gefahrvolle Reise vollbracht hatten. Der 
Aufenthalt in diesem reizenden Dorfe , unter dem 
Schatten der Pfirsich Palme, dauerte nur einen Tag. 



— 137 — 

Es wurde verschiedentlich von dcrMission und ihren 
bessern Einrichtung gesprochen, und die Hütten 
der Indianer besucht. Um diese Hütten, die übri- 
gens sehr rein zu seyn pflegen , flogen zahme Pau- 
lis herum, und Affen gehörten zu den Hausthieren. 
Unter diesen letztern trafen sie auch eine neue Art 
an, die sich durch ibren schönen Pelz und gelehrige 
Sanftheit auszeichnet. 

Am 27. Mai setzten sie ihre Reise fort. Sie rei- 
seten nun schon wie durch ein bekanntes Land, und 
gelangten so nach Maypures , wo sie zwei Tage ver- 
weilten , um die Pirogue durch die Cataracten füh- 
ren zu lassen. Der Pater Zea war hier zu Hause, 
und wollte nun noch unsere Freunde bis Atures be- 
gleiten mit sieben Indianern. Der Indianer Zercpe 
aber, der auf der Tortuga - Insel die Schläge bekom- 
men hatte, war sehr traurig. Er hatte seine Ge- 
liebte durch die Reise eingebüfst , welche er hei- 
rathen wollte, und die jetzt für ihn verloren ging. 
Er war in Maypures geboren, und bei seinen Ver- 
wandten vom Stamme der Macos in der Wildnifs 
erzogen worden. Er halte ein zwölfjähriges Mäd- 
chen mit in die Mission gebracht, und wollte es 
nach seiner Rückkehr von den Reisen mit unsern 
Freunden heirathen. Der jungen Indiancrinn kam 
das Leben in der Mission sehr langweilig vor. Es 
ward ihr gesagt, die Weifsen zögen in das Land der 
Portugiesen, und nähmen Zerepe mit sich. Hie- 
durch in ihren Hoffnungen getäuscht , bemächtigt 
sie sich eines Rahns, setzt in Begleitung einer ihrer 



— 138 — 

Gefährtinnen über das Raudal, und flüchtet cd Monte, 
um wieder zu den Ihrigen zu kommen. Die Erzäh- 
lung dieser muthvollen That war die grofse Neuig- 
keit des Ortes. Indefs dauerte Zcrepe's Niederge- 
schlagenheit nicht lange. Er dünkte sich vornehmer 
zu seyn , als ein gewöhnlicher Wilder, weil er 
christlich geboren war und castilianiscb sprach, und 
mochte daher ein Mädchen der Wildnifs leicht ver- 
gessen. 



Siebentes Kapitel. 

Die Höhle von Ataruipe. — Reise nach Carichana. 

Da die folgende Beschreibung zu den schönsten 
Theilen der Reiseberichte des Herrn von Humboldt 
gehört, so wage ich es nicht, einen Auszug davon 
zu geben, sondern will sie lieber wörtlich einschal- 
ten, aus Furcht, das schöne Gemälde möchte zu viel 
von seinem Reize einbüfsen. Der Bericht über eine 
sehr wichtige Sache ist folgender. 

»Am 3i. Mai kamen wir bei den Rapides der 
Guahibos und von Garcita vorbei. Die mitten aus 
dem Strome sich erhebenden Inseln glänzten im 
schönsten Grün. Die Winterregen hatten die Blu- 
menscheiden der Vadgiai - Palmen entwickelt, deren 
Bilder senkrecht emporstehen. Man mag der An- 
sichten nicht satt werden , wo Bäume und Felsen 
der Landschaft einen grofsen und ernsten Charak- 
ter ertheilen, welchen man im Hintergrunde der 



— 139 — 

Gemälde von Titian und Poussin bewundert. Kur/, 
vor Sonnenuntergang landeten wir am östlichen Ufer 
des Orinoko bei Puerta de la Expedition. Es ge- 
schah dies in der Absicht, die Höhle von Ataruipe 
zu untersuchen, von der früher schon die Rede war, 
und die das Begräbnifs eines ganzen untergegange- 
nen Volkes zu seyn scheint. Ich will versuchen, 
diese unter den Landeseingebornen berühmte Höhle 
zu beschreiben. 

»Mühsam und nicht ohne einige Gefahr ersteigt 
man einen steilen und völlig nackten Granitfels. Fast 
unmöglich liefse sich auf der glatten und stark ge- 
neigten Oberfläche der Fufs festhalten , wenn nicht 
grofse Feldspathkrystalle, die der Zersetzung wi- 
derstehen , aus dem Felsen hervorragten , und dem 
Fufse Stützpunkte darböten. Sobald wir den Gipfel 
erstiegen hatten , überraschte uns die aufserordent- 
liche Ansicht der umliegenden Landschaft. Das 
schäumende Wasserbett ist mit einem von Palm- 
bäumen bewachsenen Insel - Archipelagus angefüllt. 
Westwärts am linken Ufer des Orinoko dehnen sich 
die Savancn von Meta und Casanare aus. Das Ganze 
glich einem Meere vom schönsten Grün, dessen neb- 
lichter Horizont von den Strahlen der untergehenden 
Sonne erleuchtet war. Dieses, wie eine Feuerkugel, 
über der Ebene schwebende Gestirn, dieser abge* 
sondert stehende Pik von Uniana , der um so höher 
erschien, da seine Umrisse in Dünste eingehüllt, wie 
verwischt waren: alles trug dazu bei, die Scene 
erhaben zu machen. Unsere Blicke tauchten gleich- 



— 140 — 

sam unter in dem nahen, tiefen und allseitig geschlos- 
senenThale, Raubvögel undNaclitschwalben schwärm- 
ten einzeln durch den unzugänglichen Kreisraum. 
Mit Vergnügen folgten unsere Blicke ihren beweg- 
lichen Schatten, welche langsam über die Felsen- 
abbänge hingleiteten. 

Ȇber einen schmalen Kamm gelangten wir auf 
einen benachbarten Weg, dessen abgerundeter Gi- 
pfel ungeheure Granitblöeke trug. Ihre Massen ha- 
ben über 4° bis 5o Fufs Durchmesser, und ihre 
Form ist so kugelrund, dafs sie den Boden nur mit 
wenigen Funkten ihrer Oberfläche zu berühren schei- 
nen, und man glauben sollte, schon der geringste 
Stofs eines Erdbebens müfste hinreichen, um sie in 
einen Abgrund zu wälzen. Ich erinnere mich nicht, 
eine ähnliche Erscheinung, mitten unter den Zer- 
setzungen, welche die granitischen Gebirgsarten 
darbieten , irgendwo gesehen zu haben. Würden 
diese Steinkugeln auf einer verschiedenartigen Ge- 
birgsart aufliegen, wie bei den Jurablöcken der Fall 
ist, so liefse sich annehmen, sie wären entweder 
durch die Wirkung des Gewässers abgerundet oder 
durch die Kraft einer elastischen Flüssigkeit ge- 
schleudert, aber ihr Vorkommen auf dem Gipfel 
eines gleichfalls granitischen Hügels macht wahr- 
scheinlicher -, dafs sie ihren Ursprung einer fort- 
schreitenden Zersetzung des Gebirges verdanken. 

»Der hinterste Theil des Thaies ist mit dichter 
Waldung besetzt. In dieser schattigen und einsamen 
Gegend, am steilen Abhänge eines Berges, öffnet 



— 141 — 

sich die Höhle von Ataruipe. Es ist aber nicht so 
sehr eine Höhle, als ein vorstehender Fels, in wel- 
chen die Wasser eine Vertiefung eingegraben haben, 
zur Zeit , wo sie bei frühern Umwälzungen unsers 
Planeten diese Höhe erreichten. In dieser Grab- 
stätte einer verschwundenen Tölherschaft zählten 
wir in kurzer Zeit über 5oo wohlerhaltene und re- 
gelmäfsig geordnete Gerippe, dafs man sich in Hin- 
sicht ihrer Zahl nicht leicht irren mochte. Jedes 
Gerippe liegt in einer Art Körbe , welche aus Blatt- 
stielen von Palmbäumen geflochten sind. Die Ein- 
wohner nennen diese Körbe Mapires und sie haben 
die Gestalt eines vierechigen Saches. Ihre Gröfse 
ist verschieden, nach dem Alter der Leichen; es fin- 
den sich auch solche, die für todtgeborne Kinder be- 
stimmt waren; wir haben von joZoII bis auf 3 Fufs 
4 Zoll lange gesehen. Alle diese in sich selbst ge- 
krümmten Skelette sind dermafsen vollständig, dafs 
ihnen keine Rippe und kein Glied fehlt. Die Kno- 
chen sind auf drei verschiedene Arten zubereitet, 
entweder an Luft und Sonne gebleicht, oder mit 
Onotö , einem aus der Bixa orellana gezogenen Fär- 
bestofT, rolh gefärbt, oder gleich wirklichen Mu- 
mien mit wohlriechenden Harzen überzogen , und 
in Heliconien- und Pisang - Blätter gewickelt. Die 
Indianer erzählten uns: die Leichen werden erst in 
den feuchten Boden gelegt, damit die fleischigen 
Theile sich allmählig zersetzen. Nach einigen Mo- 
naten gräbt man siewieder aus , um die noch an 
den Knochen befindlichen weichen Theile mit ge- 



— 142 — 

wetzten Steinen vollends abzuschaben. Verschie- 
dene Horden in Guyana befolgen diese Sitte jetzt 
noch. In der Nähe der Mapires oder Körbe finden 
sich halbgebrannte Thongefäfse, welche die Knochen 
einer ganzen Familie zu enthalten scheinen. Die 
gröfsten dieser Gefäfse oder Todten-Urnen sind drei 
Fufs hoch und 4 Fufs 3 Zoll lang. Ihre Farbe ist 
graulich grün und ihre Gestalt ein gefälliges Eirund. 
Die Henkel haben die Form von Krokodilltn oder 
Schlangen; der Rand ist mit Mäandern, Labyrinthen 
und eigentlichen Grckken aus verschiedentlich zu- 
sammengesetzten geraden Linien verziert. Solche 
Zeichnungen finden sich unter allen Zonen, bei Völ- 
kern , die von einander am weitesten entfernt sind, 
sowohl hinsichtlich auf ihren Wohnsitz , als in Be- 
zug auf den Grad von Cultur, welche sie erreicht 
haben. Noch heut zu Tage tragen die Bewohner 
der kleinen Mission vonMaypures diese Zeichnungen 
auf ihre gemeinste Töpferwaare j sie dienen dem 
Schilde der Otaheiter, den Fischergeräthcn der Es- 
kimos, den Mauern des mexikanischen Pallastes von 
Witla und den Gefäfsen von Grofs - Griechenland 
gleich mäfsig zum Schmucke. Eine rythmische Wie- 
derholung der nämlichen Form erfreut das Auge 
überall , wie die taktmäfsige Wiederholung der 
Töne dem Ohre gefällig ist. Analogien, welche ih- 
ren Grund in den Gefühlen der Menschenbrust und 
in den natürlichen Anlagen unsers Verstandes haben, 
können sich nicht eignen über Herkunft und frühere 
Verhältnisse der Völker Aufschlüsse zu geben. 






— 145 — 

»Wir mochten zu keiner bestimmten Meinung über 
den Zeitpunkt des Ursprungs der Mapires und der 
bemalten Töpfe gelangen, die sich in der Beingrotte 
vonAtaruipe vorfinden. Die meisten scheinen nicht 
über ein Jahrhundert alt; es ist jedoch wahrschein- 
lich, dafs unter dem Einflüsse einer gleichförmigen 
Temperatur und in Ermanglung aller Feuchtigkeit, 
die Erhaltung dieser Dinge auch in viel längerer 
Zeit gleich vollkommen seyn müfste. Einer unter 
den Guabibos Indianern vorhandenen Überlieferung 
zufolge , sollen die kriegerischen Atures durch die 
Cariben verfolgt, sich auf die in der Mitte der gros- 
sen Catarakten befindlichen Felsen geflüchtet haben. 
Hier ist diese vorhin so zahlreiche Nation und mit 
ihr zugleich ihre Sprache allmählich erloschen, Die 
letzten Familien der Atures haben noch im Jahre 
1767 gelebt, zur Zeit des Missionärs Gili. Im Zeit- 
punkte unserer Reise ( der Umstand scheint bemer- 
kenswerth ) wurde in Maypures ein alter Papagei 
gezeigt, von dem die Einwohner bezeugten, man 
verstehe nicht, was er sage, weil er die Atures- 
Sprache rede.« 

Die Reisenden öffneten nun mehrere Rörbe , um 
die Schädel zu untersuchen. Die Indianer sahen das 
ungern , es beleidigte mit Recht ihr Zartgefühl, die 
Gebeine ihrer Vorältcrn beunruhigt zu sehen. 

»Wir wählten« , fährt Herr von Humboldt fort, 
»in der Grotte von Ataruipe mehrere Schädel, ein 
Kinder-Skelett von 6 bis 7 Jahren, und zwei Skelette 
von Erwachsenen, aus der Atures- Familie. Diese 



— 144 — 

Knochen, alle zum Theil roth gefärbt, zum Thcil 
mit wohlriechenden Harzen überzogen, waren in 
eben den Körben enthalten, die wir so eben be- 
schrieben haben. Sie machten fast eine ganze Maul- 
thierladung aus , und da uns der Eingebornen aber- 
gläubischer Abscheu vor Leichen, nachdem diese 
einmal beerdigt sind, bekannt war, so unterließen 
wir nicht, die Canastos in frisch geflochtene Matten 
einzuwickeln. Diese Vorsicht war jedoch zu unserm 
Leidwesen durch den Scharfsinn und den ausneh- 
mend feinen Geruch der Indianer unnütz. Allent- 
halben wo wir Halt machten , in der Mission der 
Cariben , mitten in den Llannos, zwischen Ango- 
stura imd Neu - Barcellona , sammelten sich die Ein- 
gebornen um unsere Maultbiere, durch die Affen 
angelockt, welche wir am Orinoko gekauft hatten. 
Kaum aber hatten diese guten Leute unsere Ladung 
berührt, so verkündeten sie die nahe Einbufse des 
Saumviehes , das die Todten trüge. Umsonst ver- 
sicherten wir sie, ihre Muthmafsung sey irrig, in- 
dem die Körbe Gebeine von Krokodillen und See- 
kühen enthielten; sie blieben bei ihrer Behauptung 
» es seyen von ihren Voreltern und sie riechen das 
Harz der Skelette.« 

»Es kostete alles Ansehen der Ordensleute, um 
Maulthiere zu erlangen, und bei allen dem ging die 
ganze Sammlung in dem schon im ersten Theile er- 
wähnten Schiffbruche verloren, der auch jenem jun- 
gen Ordensmann, JuanGonsalez, das Leben kostete. 

» Stillen Betrachtungen dahin gegeben, vcrliefsen 



— 145 — 

sie die Grotte. Es war eine der ruhigen und hei- 
tern Tropen .Nächte ; mild funkelten die Sterne und 
die Nebelgestirne des südlichen Himmels kamen der 
Phantasie zu Hülfe. In der Luft verbreiteten eine 
zahllose Menge leuchtender Insekten ein röthliches 
Licht, und man glaubte sich plötzlich in eine höhere 
Welt, oben und unten von Sternen umringt, ver- 
setzt. Sie blieben daher am Ausgange der Grotte 
wie bezaubert stehen, um diesen aufserordentlichen 
Anblick zu geniefsen. Den Eingang der Grotte zier- 
ten Palmen, von wohlriechenden Vanillien und Bi- 
gonien umsponnen. 

Ziemlich spät trafen sie in der Mission ein. Ihre 
Phantasie war lebhaft angeregt, und schweifte durch 
die ganze Welt und alle Vergangenheiten, mit denen 
sie der gehabte Anblick in Berührung brachte. So 
ist der Mensch ein Spiel seiner Phantasie ! Weh- 
müthige Sehnsucht erhebt seine Brust, er trauert 
über Gräbern und Mumiensärgen der Vorwelt , der 
er doch selbst im nächsten Augnbelicke angehört ! 

Solche Grotten mögen sich am Orinoko wohl 
noch mehrere befinden, ohne dafs jedoch ihre Ent- 
deckung und Erforschung zu wichtigen Ergebnis- 
sen führen könnten. Übrigens haben die amerika- 
nischen Völker eine sehr grofse Anhänglichkeit an 
diese Grabstätten ihrer Vorfahren, und sind darin 
gleich allen Völkern, bei denen Verfeinerung die 
Gefühle der Natur noch nicht erstickt hat. 

In Atures verweilten die Beisenden nur so lange, 
als nöthig war, die Pirogue , deren Boden schon 

llibl. naturh. Reisen. IV. m 



— 146 — 

sehr dünn geworden war, durch die Cataracten zu 
bringen. Der Missionär Zea , der durch zwei Mo- 
nate ihr Begleiter gewesen war, nahm hier Abschied, 
Er hatte sein Wechselfieber nicht verloren, aber es 
war ihm zur Gewohnheit geworden. In Atures aber 
waren seit ihrer ersten Durchreise Fieber schlim- 
merer Art eingerissen. Die Einwohner konnten ihre 
Hängematten nicht verlassen, und um etwas Cassave- 
Brot zu erhalten , mufste man einen benachbarten 
Stamm kommen lassen. Die edlen Fremdlinge waren 
bis jetzt in diesem fieberreichen Lande noch immer 
von dieser Krankheit verschont geblieben, 

Sie besuchten nun nochmals die Cataracten. Brau« 
send stürzt das Wasser über die Dämme hinab, und 
inwendig stürzt es mit dumpfem Getöse rückwärts. 
Sie fanden einen ansehnlichen Theil des Orinoko 
ausgetrocknet, weil sich das Wasser unterirdische 
Canäle geöffnet hatte. Hier nistet der goldgefiederte 
Manakin , einer der schönsten Tropenvögel. Sie 
stiegen in eine der Höhlen hinab, und jetzt rollte 
der Flufs seine Gewässer über ihre Köpfe. Er sah 
einem gegen die Felswand brausenden Meere gleich. 
Am Eingange der Grotte konnte man trocken stehen 
unter dem niederstürzenden Wasserbogen. Sie ge- 
nossen hier nochmals den Anblick dieses Cascaden- 
meeres , dieser meilenlang andauernden Catarakten, 
und zwar länger , als es ihnen lieb war. Das Boot 
hatte nämlich einen langen Umweg zu machen, um 
sie wieder einzuholen , und die Fahrt fortzusetzen. 
Schon hatten sie anderthalb Stunden gewartet, und 



— 147 — 

noch war es nicht da ; sie glaubten daher, das Boot 
sey zerschellt, und die Indianer, nach ihrer sorg- 
losen Art , in die Mission zurückgekehrt. Zudem 
kam ein heftiges Gewitter, der Regen schofs in Strö- 
men herab und die Nacht brach ein. Herr Bonpland 
wollte durch die Cataracten schwimmen, um in der 
Mission Hülfe zu suchen, und konnte nur mit Mühe 
zurückgehalten werden. Zwischen den heftigen 
Wirbeln konnte er verunglücken, und zugleich zeigte 
es sich, dafs die Krokodille die Wasserfälle nicht 
so scheuen, als es bei der Auffahrt den Anschein 
hatte. Als nämlich das Gewitter ausbrach , fingen 
die auf der Insel ausgeschifften Affen zu heulen an, 
und sogleich stellten sich zwei grofse Krokodille 
ein, die durch ihre Bleifarbe ihr grofses Alter be- 
urkundeten. Die Reisenden sahen nun, dafs es 
sehr unvorsichtig war , bei ihrer Auffahrt in dem 
Orinoko zu baden. Endlich kam bei einbrechender 
Nacht die Pirogue glücklich an, sie schifften sich 
ein, und erreichten das Nachtlager auf der Insel Panu- 
mana , wo sie bei der Auffahrt Limonade gemacht 
hatten. 

Den andern Tag schifften sie die Mission San 
Borja vorbei , und gelangten nach Carichana , wo 
sie der Missionär als alte Bekannte empfing. Hier 
gelang es Herrn Bonpland , eine neun Fufs lange 
Seekuh zu zergliedern. Es war ein weibliches Thier, 
dessen Fleisch dem Ochsenfleische glich. Die Piraoas - 
Indianer, wovon einige Familien in Carichana wohn- 
ten, verabscheuen dieses Thier so sehr, dafs sie 



— 148 — 

die Höhle verlicfsen, um nichts davon berühren zu 
müssen. Sie behaupten, dafs wer von ihrem Stamme 
davon essen würde, müfste unfehlbar sterben. Die- 
ses Vorurtheil ist um so auffallender, als ihre 
Kachbarn dasselbe Thier als einen Leckerbissen be- 
trachten. 



Achtes Kapitel. 

Mission von Carichana. — Mission Uruana. — Die Otomalien 
oder Erdfresser, 

Nach so grofsen Mühseligkeiten war unsern wifs- 
begierigen Forschern gewifs eine kleine Ruhe herz- 
lich zu gönnen, allein Herr Bonpland , der den 
Keim einer schweren Krankheit in sich trug, ver- 
mochte nicht dem Triebe zu widerstehen, in den 
schönen und reichen Wäldern und an denFlufsmün- 
dungen zu herborisiren, wo er dann des Tags mehr- 
mal bis auf die Haut durehnäfsf wurde. Im Hause 
des Missionärs waren sie gut beherbergt. Sie fanden 
hier Maismehl und sogar Milch. Die Kühe geben 
Überflufs in den niedern Gegenden der heifsenZone, 
wo hinlängliche und gute Weide vorhanden ist. Man 
ist aber übrigens hier, wo ursprünglich kein Horn- 
vieh war, so gleichgültig gegen Milchspeisen, wie 
in China und Asien, das unter gleicher Breite liegt. 
Woher mag diese Gleichgültigkeit kommen? In Ame- 
rika liefse es sich erklären , aus der frühem Ab- 
wesenheit des Hornviehs ) aber nicht so leicht läfst 



— 149 — 

es sich bei den Chinesen erklären , die ursprüng- 
lich ein Hirtenvolk gewesen sind. 

In zwei Tagen gelangten sie von Carichana nach 
der Mission Uruana. Diese Mission hat eine sehr 
malerische Lage, indem sie an einen Granitberg an- 
gelehnt ist. Aus dem Walde und über dem höch- 
sten Gipfel der Berge stehen die Granitsäulen, wie 
Pfeiler empor. Nirgend gewährt der Orinoko ein 
majestätischeres Ansehen. Seine Breite beträgt hier 
über 2600 Toisen , indem er seine Richtung gerade 
nach Osten nimmt, was ihm , da er hier nur einen 
Wasserspiegel bildet, das Ansehen eines Canals gibt, 
der von Giganten erbaut ist. Die Mission Uruana 
wird von Otomaken bewohnt, einem Völkerstamme, 
der sich vor andern durch Rohheit auszeichnet, und 
eine der merkwürdigsten Erscheinungen darbietet. 

DieOtomaken sind Erdfresser, d.h. sie verschlu- 
cken mehrere Monate lang täglich sehr ansehnliche 
Portionen davon , um ihren Hunger zu stillen , und 
ohne den geringsten Nachtheil für ihre Gesundheit 
daraus zu verspüren. Dieses ist eine unbestreitbare 
Thatsache. Herr von Humboldt sah in Uruana in 
den Hütten der Indianer die Art der Bereitung die 
ser Erde, die gesammelten Vorräthe und die Por- 
tionen, welche innerhalb 24 Stunden verschluckt 
werden. Die Otomaken sind übrigens nicht das ein- 
zige Volk, welches am Orinoko Erde verspeist, 
auch bei den Guamas finden sich Spuren dieser un- 
gewöhnlichen Efslust, und zwischen dem Meta und 
Apure spricht man von der Geophagie oder Erd- 



— 150 — 

esscrei , als einer von Alters her bekannten That- 
sache. 

Die Otomaken sind ein Volk der Savancn , wel- 
che für die Sittigung weniger, als die Völker der 
Wälder empfänglich sind, für Ackerbau wenig Sinn 
zeigen, und blos von der Jagd und dem Fischfange 
leben. Es sind häfsliche Menschen, aber von festem 
Körperbaue, wild, rachsüchtig und leidenschaftliche 
Liebhaber gegohrner Getränke. Sie sind im eigent- 
lichsten Sinne : Allesfresser. Sie werden von den 
übrigen Indianern sogar als Wilde betrachtet, und 
es geht die Sage, dafs es nichts Ekelhaftes gebe, das 
ein Otomake nicht esse. So lange die Gewässer des 
Orinoko niedrig stehen, .nähren sie sich von Fischen 
und Schildkröten. Sie wissen die Fische sehr ge- 
schickt mit Pfeilen zu durchbohren , sobald sie sich 
auf der Oberfläche des Wassers sehen lassen. So- 
bald jedoch das Steigen der Ströme , das man übri- 
gens dem Schmelzen des Schnees zuschreibt, be- 
ginnt, so höret der Fischfang auf. Es hält dann 
eben so schwer, sich Fische zu verschaffen, als auf 
offener See, und den armen Missionären mangeln 
sie alsdann oftmals sogar für die Fasttage. Wäh- 
rend dieser Überschwemmung nun , die zwei bis 
drei Monate dauert, verschlucken die Otomaken 
eine ungeheure Portion Erde. In ihren Hütten lie- 
gen Vorräthe aufgehäuft, die drei bis vier Fufs hohe 
Pyramiden bilden, in Kugeln von 5 bis 6 Zoll Durch- 
messer. Sie essen jedoch nicht jede Erde, sondern 
die, welche von ihnen gespeiset wird _, besteht in 



— 151 — 

einem graugelben, sein- feinen, schmierigen Thon. 
Die KJöfse werden etwas im Feuer gebraten und 
haben daher ein röthliches Aussehen. Sie wählen 
den Thon sorgfältig aus, und nehmen nur diejeni- 
gen Lager, welche den feinsten und schmierigsten 
Thon enthalten. Sic essen diese Erde nicht nur wäh- 
rend der nassen Jahreszeit, sondern mischen allen 
ihren Speisen etwas von dieser Thonerde bei. Die- 
ses Erdeessen ist aber ihrer Gesundheit gar nicht 
nachtheilig, sie sind dabei im Gegentheile kräftig, 
und bekommen auch keinen aufgetriebenen harten. 
Bauch davon. Man hat geglaubt, dafs sie demThone 
Schildkröten- und Krokodillenfett beimischen ; es 
hat sich jedoch dieses keineswegs bestätigt. 

Es sind aber nicht die Otomaken allein, wel- 
che Erde essen , man trifft diese Neigung und Lust, 
einen fetten Thon zu essen, ziemlich allgemein in 
der heifsen Zone an. Man ist öfter den Kindern 
die Hände fest zu binden oder sie einzusperren ge- 
zwungen , um sie am Erdeessen zu hindern. Am 
Magdalenenstrome , im Dorfe Banco , hat Herr von 
Humboldt Weiber gesehen, die, während sie Thon- 
gefäfse verfertigten, grofse Stücke dieses Materials 
verschlangen, mit der Behauptung: die Erde scy 
eine Speise , die gar keinen Nachtheil bringe. Auch 
in Afrika, an den Küsten von Guinea, speisen die 
Neger eine gelbe Erde, der sie den Namen Caouac 
geben. Die Sclaven , die nach Amerika gebracht 
werden , suchen sich denselben Genufs zu verschaf- 
fen ; aber hier ist ihnen derselbe nachtheilig, ob* 



— 152 — 

gleich sie sich selbst durch Peitschenhiebe nicht ab- 
halten lassen. Sie sagen: »die Erde auf den Antil- 
len lasse sich nicht so gut verdauen, als die ihres 
eigenen Landes.« 

Auch auf den asiatischen Inseln und besonders 
in Java ist das Erdeessen bekannt. Man verkauft 
daselbst kleine, viereckige, geröstete Thon-Bröd- 
chen , welche von den Landeseingeborncn gerne ge- 
kauft und gegessen werden. Doch essen diese Speise 
hier meist die Weiber, welche dadurch mager wer- 
den. Es gibt noch eine Menge Beispiele aus andern 
Gegenden der heifsen Zone , dafs die Sucht, Erde 
zu essen, bei diesen Völkern allgemeine Neigung 
sey , und dafs sie damit den Hunger stillen, ohne 
daraus Nachtheile für ihre Gesundheit zu verspüren. 
Es sind auch nicht einerlei Erden, welche genossen 
werden. Man nimmt dazu Kalk , Bitter- und Thon- 
Erden. In Deutschland selbst pflegen die Arbeiter 
in den Sandsteingruben des KifThäuser- Berges einen 
leinen Thon , welchen sie Steinbutter nennen, auf 
das Brot zu streichen , welchen sie für sehr nahr- 
haft und leicht verdaulich halten. Endlich findet 
man selbst bei Thieren , z. B. bei den Krokodillen 
und mehreren Vögeln , und selbst unsere zahmen 
Hausgeflügel, dafs sie mineralische Substanzen, und 
die Krokodille Granitstücke verschlingen. 

Bis jetzt ist es jedoch der Chemie noch nicht 
gelungen, in allen diesen Erdarten eine Substanz 
zu entdecken , welche als nährend für den mensch- 
lichen Körper angenommen werden könnte. Es ist 



— 153 — 

daher sehr schwer zu erklären , nie der Otomakc 
Monate lang Erde geniefst, ohne an Kraft oder Kör- 
perumfang abzunehmen. Er scheint sich also wirk- 
lich von Erde zu nähren, und dieses ist eine Er- 
fahrung, welche die Wissenschaft zu erklären bis 
jetzt durchaus unfähig ist. 

Die Verwaltung der kleinen Mission Uruana gibt 
demMissionär übrigens bei weiten mehr zu schaffen, 
als die übrigen Missionen. Die Otomaken sind ein 
unruhiges, lärmendes, von wilden Leidenschaften 
beherrschtes Volk. Sie sind dem übermäfsigen Ge- 
nüsse starker Getränke so sehr ergeben, dafssie, um 
sich in eine Art Wuth zu versetzen, aus den Samen- 
hülsen der Acacia Niopo ein Pulver bereiten , das 
eine Wahnsinn ähnliche Betäubung hervorbringt. 
Um das Narrenpulver zu bereiten, zerhacken sie 
die erwähnten Hülsen und lassen sie angefeuchtet 
gähren. Wenn die Masse schwarz wird, so kneten 
sie selbe zu einem Teige , und vermengen ihn mit 
Maniocmehl und einem aus Muscheln gebrannten 
Kalk, und lassen ihn bei ziemlicher Hitze auf einem 
Roste aus hartem Holze rösten. Wollen sie von die- 
sem Kuchen Gebrauch machen , d. p. närrisch wer- 
den , so pulverisiren sie denselben, streuen den 
Staub davon auf einen Teller, und ziehen ihn mit- 
telst eines gabelförmigen Vogelknochens in die Nase. 
Es raubt ihnen nun für einige Stunden den Ver- 
stand, und die Ausschweifungen sind dann denjeni- 
gen eines europäischen Trunkenbolds sehr ähnlich. 

Wenn man die eben erwähnte Art sich zu be- 



— 154 — ■ 

rauschen bedenkt, wenn man sieht, wie viele Mühe 
sich der Otomake gibt, dieser wilde Erdfresser, der 
den Boden , welchen zu bebauen er zu dumm und 
au faul ist, lieber auffrifst als bearbeitet; wenn, 
sage ich, man die rafFinirte und fein gekünstelte 
Art betrachtet, wie er seines Verstandes, wenn 
auch nur auf einige Stunden , sich zu entledigen 
sucht: so kann man wirklich des Unwillens gegen 
sein eigen Geschlecht sich kaum erwehren. Hat denn 
der Mensch gar so vielen Überflufs der köstlichen 
Gabe Gottes, der Vernunft, dafs er nicht genug 
eilen kann, um dieselbe los zu werden? Mit dem 
Aufwände von Nachdenken und Industrie, welchen 
derOtomake darauf verwendet, sich unter das Vieh 
herab zu entwürdigen, würde derselbe auslangen, 
um durch Bebauung seines Bodens und Benützung 
der Geschenke der Vorsehung, sich nach und nach 
zum Überflusse eines gemächlichen Lebens , zur Ci- 
vilisation und eben dadurch zum Ebenbildc Gottes 
emporzuschwingen. So gewifs ist es, dafs mit der 
Hälfte Mühe und Vernunftaufwand, den wir machen, 
um uns in's Verderben zu stürzen , wir auslangen 
würden, um die glücklichsten Menschen zu werden. 
Wir bemitleiden den rohen Otomaken seiner Ent- 
artung wegen \ allein man blicke auf unser glänzen- 
des Elend, wie wir das ganze Leben hindurch so 
geschäftig sind, uns eben dieses Leben sauer zu 
machen! 

Übrigens sind es nicht die Otomaken allein, wel- 
che sich durch Schnupfpulver verunreinigen ; am 



— 155 — 

Amazonenstrome sind die Omaguas, gebildeter zwar, 
aber mit den Otomaken gleichen Ursprungs und 
gleicher Sitten. Beide gebrauchen das Niopo oder 
den Tabak , beide essen Erde, beide bedienen sich 
auch zu verschiedenen Zwecken des Caoutchouc 
oder der zerronnenen Milch der Euphorbien und 
Urticeen. 

Was jedoch den Gebrauch des eigentlichen Ta- 
baks anlangt, so fand man ihn bei allen Völkern 
Amerika's überall, schon zur Zeit der Eroberung. 
Laster und Unarten vermehren sich, wie alles Un- 
kraut; nur die Tugenden müssen, wie Weizen und 
Reben , gepflegt werden. Nach Europa kam übri- 
gens die erste Tabakstaude, diese stinkende Gift- 
pflanze, im Jahre i55o, nicht aus Virginien oder 
Südamerika, sondern aus der mexikanischen Provinz 
Yucatan. Sir Walter Raleigh aber war es, der diese 
häfsliche Sitte des Tabakrauchens in England ein- 
führte. Auch dieses also eine Woblthat Englands ! 
Camden sagt daher in seinen Annalen der Königinn 
Elisabeth i585, Seite i45: »Seit jener Zeit fing der 
Gebrauch des Tabaks an überhand zu nehmen in 
England und sehr in Werth zu kommen , da die 
meisten den stinkenden (graveolentem) Rauch des- 
selben mittelst eines beinernenRöhrchens einsaugen, 
und sogleich wieder durch die Nase von sich geben, 
so sehr, dafs die Rörper der Engländer zum Na- 
turel der Barbaren ausgeartet scheinen, da sie sich 
gleich den Barbaren ergötzen.« 

Von den giftschnupfenden Trunkenbolden , den 



— 156 — 

Olomakcn, erzählte der Missionär noch Folgendes: 
Wenn sie durch den Gebrauch des Niopo und der 
gegohrnen Getränke in einen mehrere Tage andau- 
ernden Zustand von Trunkenheit versetzt sind, so 
bringen sie einander ohne Waffen um's Leben. Die 
bösartigsten unter ihnen vergiften sich den Nagel 
des Daumens mit Curare, und der blofse Eindruck 
des vergifteten Nagels kann tödtlich seyn, wenn 
das Gift recht kräftig ist, und der Blutmasse bei- 
gemischt wird. Wenn die Indianer bei einem Streite 
nächtlicher Weile einen Mord begehen , so werfen 
sie die Leiche in einen Strom , damit keine Spuren 
der verübten Gewalt daran entdeckt werden mögen. 
So oft ich, sagte der Pater Bueno , die Weiber an 
einer ungewohnten Stelle des Ufers Wasser schö- 
pfen sehe, so vermuthe ich, es sey ein Mord in 
meiner Mission vorgefallen. 

In den Hütten der Indianer von so eben be- 
schriebener Liebenswürdigkeit fanden die Reisen- 
den auch den sogenannten Ameisenzunder. Er ist 
ein blutstillendes Mittel , und wird von so unfried- 
lichen Trunkenbolden natürlich sehr gesucht. Er 
ist das Nest der Formica spinicollis, einerneuen 
Art Ameise von smaragdgrüner Farbe. Sie sammelt 
sich in ihre Wohnung den zarten und fein anzufüh- 
lenden Flaum einer Melastome. Dieses Ameisennest 
ist viel zarter, als das Ameisennest von Cayenne, 
welche in unsern europäischen Spitälern gebraucht 
werden und sehr schwer zu bekommen sind. 

Sie nahmen jetzt Abschied von dem Pater Bueno. 



— 157 — 

Es schien , als habe man hier absichtlich entgegen- 
gesetzte Extreme zusammengefügt. Der Pater Bueno 
war unter zehn Missionären , die sie angetroffen 
hatten, der Gebildetste und Vernünftigste. Er wufste 
das Ycrhältnifs der wilden Völker am gründlichsten 
zu beurtheilen , und war einer der ordentlichsten 
und besten Menschen, die man sich denken kann. 
Gerade ihm waren die Otomaken zu Theil gewor- 
den ! Das ist nun einmal das Schicksal ! 



Neuntes Kapitel. 

Reise nach Angostura. 

Nachdem sie Uruana verlassen hatten, übernach- 
teten sie auf der Insel Cucuruparu , welche eben- 
falls eine Schildkröten - Insel ist. An der Ostseite 
befindet sich die Einmündung des Canno de la Tor- 
tuga , welcher von den Bergen von Cerbatana , die 
stets in "Wolken gehüllt sind , herabkommt. Unfern 
von hier befindet sich die kleine, beinahe ganz zer- 
störte Mission San Miguel de la Tortuga. In der 
Nahe dieses kleinen Dörfleins befinden sich eine 
Menge Fischottern mit sehr feinem Haare , die von 
den Spaniern Wasserhunde genannt werden, und 
was noch merkwürdiger ist, zweifüfsige Eidechsen, 
vielleicht eine Siren lacertina. Aufser den Arau- 
Schildkröten gibt es zwischen Uruana und Encara- 
mada am Orinoko auch noch eine Menge Landschild- 
kröten, welche Morocoi heifsen. Die Thiere halten 



— 158 — 

ich zur Zeit der Dürre und Hitze , ohne 'Nahrung 
einzunehmen, unter Steinen oder in selbstgegrabe- 
nen Löchern verborgen. Die Terekay thun dasselbe. 
Es ist dieses der Sommerschlaf der Thiere der heis- 
sen Zone. Die Eingebornen kennen die Löcher, 
worin mitten im ausgedorrten Lande die Schildkrö- 
ten schlafen, und sie holen aus solchen, indem sie 
i5 bis 18 Zoll weit graben, oft eine grofse Anzahl 
nebst den Eiern hervor. Dieses ist jedoch nicht 
immer ohne Gefahr, denn nicht selten machen Schlan- 
gen mit den Schildkröten Gemeinschaft, indem sie 
sich mit einander vergraben. 

Von dieser Insel sind g5 Meilen bis Angostura, 
zu denen man neun Schiffahrttage braucht. Am 8. \va. 
ren sie wieder am Rio Apure , durch den sie zum 
ersten Male in den Orinoko eingefahren waren. Dies- 
mal fuhren sie den Apure vorbei. Sie landeten, 
der Mündung des Apure gegenüber, bei dem Meier- 
hofe San Rafael de Capuchina , der sehr malerisch 
gelegen ist. Wie kleine Inseln erheben sich Granit- 
felsen aus den weitläufigen Wiesengründen. Vom 
Gipfel dieser Granitklippen entdeckte das Auge die 
fernen Ebenen von Calabozo. Diese Steppe war 
nach einem so langen Aufenthalte in den Wäldern 
wieder neu und reizte die Phantasie mächtig auf. 
Die Steppe nahm bei Sonnenuntergang eine graulich 
grüne Farbe an ; da aus ihr die Sterne , wie aus 
dem Weltmeere, aufsteigen, so war es, als ob sie 
an einem Vorgebirge in die weite See hinaussähen. 
Diese Täuschung war ganz vollkommen. Der Be- 



— 159 — 

sitzer des Meierhofs war ein Franzose, hatte seine 
Sprache ganz vergessen , freute sich aber dennoch, 
Menschen zu sehen, die aus seiner Heimath harnen. 
Seit 4° Jahren war er aus Frankreich entfernt und 
die Revolution war ihm ganz unbekannt geblieben. 
Wenige Meilen von diesem Meierhofe befinden sich 
die kleinen Städte Caycara und Cabruto. Die Über- 
schwemmung macht den Meierhof zu einer Insel und 
schneidet alsdann denselben von der Gemeinschaft 
mit der Welt ab, das Rindvieh zieht sich sodann 
auf die kleinen Erhöhungen zurück. 

Endlich fing auch der Orinoko ein wenig belebt 
zu werden an; am 9. Juni sahen sie die ersten Piro- 
guen von Angostura heraufkommen, um, mit Kauf- 
mannswaaren beladen , in den Apure einzulaufen. 
Diese Wasserstrafse ist, was man in diesen Gegen- 
den lebhaft nennen kann, denn es kommen viele 
Fahrzeuge von Angostura und gehen in die Provinz 
Varinas nach Torunos. Hier trennte sich denn auch 
Herr Nicolaus Soto , der sie begleitet hatte, um in 
den Schoofs seiner Familie zurückzukehren. 

Unterhalb San Rafael steht eine kleine Anzahl 
Häuser beisammen , welche den vornehmen Namen 
Villa führen. Alle zwischen der Mündung des Apure 
und Angostura gelegene Städte sind jetzt auch der- 
lei elende Nester. Sie heifsen : Alta Gratia , la Ci- 
vidad de la Piedra, Real Corona, Borbon. Man 
pflegte in Madrid schon um den Titel einer Stadt 
nachzusuchen , wenn oft kaum der Grund zu einer 
Kirche gelegt war. Man wollte damit das Ministe- 



— 1Ö0 — 

riura von den schnellen Fortschritten und dem Wohl- 
stände dieser Colonien überzeugen. 

Nahe bei Caycara ist der Fels del Tyranno , so 
genannt von dem Eroberer Senndo. In diesen Fels 
sind die Bilder von Sonne und Mond eingehauen, 
von denen oben die Rede war. Es ist eine Arbeit 
der Alten, sagen die Eingeborncn. Man behauptet, 
es finden sich auf einem vom Gestade entfernten 
Felsen Decoma diese Bilder bis zu hundert Fufs 
Höhe. Vormals kannten die Indianer einen Land- 
weg , welcher von Caycara nach Demerare und Es- 
sequebo führte. Sollten vielleicht auf diesem Wege 
die Völkerschaften , welche diese Bilder in den Fel- 
sen gruben, an den Amucu-See gelangt seyn? Und 
sind diese Zeichen am Ende dennoch das rohe Werk 
wilder Völker, welche damit ihren Jagdbezirk und 
die Richtung ihrer Wege und Wanderungen bezeich- 
neten? Religiösen Zweck scheinen sie durchaus nicht 
zu haben, denn es gibt hier keinen Sterndienst; 
auch Cultur scheinen sie nicht zu verrathen , denn 
diese rohen Figuren brauchten nur Geduld und 
lange Weile, und diese haben die Waldmenschen 
im Überflusse. 

Von Caycara gelangten sie der Einmündung des 
Cuchivero vorbei, wo die Amazonen gewohnt haben 
sollen, nach Alta Gratia , und weiter unten an den 
Ort, wo sich der Orinoko ostwärts dreht. Hier sind 
auf der rechten Seite ununterbrochene Wälder 
und die nackten Steppen von Venezuela zur Linken. 
Je mehr man sich der Hauptstadt nähert, desto mehr 



— löi — 

nimmt auch die Bevölkerung zu. Man trifft wenige 
Indianer, aber desto mehrWeifse, Neger und Men- 
schen von gemischter Herkunft an. Die Zahl der 
Neger ist nur klein, und die Dürftigkeit ihrer Herrn 
bereitet ihnen ein trauriges und hartes Loos. Ein 
Bewohner von Caycara war erst vor kurzem zu vier- 
jährigem Gefängnisse und 100 Piaster Geldbufse ver- 
urtheilt worden, warum? — weil er vor kurzem 
im Zorne eine Negerinn mit den Füfsen an den 
Schweif seines Pferdes gebunden , und im schnellen 
Galopp durch die Savane zu Tode geschleift hatte ! 
— Die Audiencia ward jedoch allgemein dafür ge- 
tadelt, eine so gräuliche Frevelthat nicht schärfer 
bestraft zu haben. Es gab aber auch Personen, wel- 
che sich klüger dankten, und die Bestrafung eines 
Menschenmörders als unklug tadelten, weil sich die 
Neger in San Domingo damals im vollen Aufslande 
befanden. 

Wo alte Vorurtheile und Casteneinrichtungen be- 
droht sind, fehlt es nie an solchen Leuten, welche 
rathen , auch in den unvernünftigsten Dingen nicht 
nachzugeben. Seitdem sind jedoch in diesen Ge- 
genden keine Sclaven mehr. In Folge bürgerlicher 
Unruhen sind die Schwarzen bewaffnet worden, und 
viele traurige Erfahrungen lehrten die Sclavenherren 
es bereuen , den vernünftigen Vorschlägen edler 
Männer nicht gehorcht zu haben, welche anriethen, 
keine Sclaven mehr einzubringen und den vorhan- 
denen ein besseres Loos zu bereiten. 

Am 10, Junius hatten sie mitten im Flusse über- 



— 1Ö2 — 

nachtet, und harnen dann vor der Mündung des Rio 
Caura vorbei , der einer der bedeutendsten Zuflüsse 
des Orinoko ist. Nahe an der Einmündung des Flus- 
ses befanden sich mehrere christliche Niederlassun- 
gen, von denen jedoch die volkreichste auch nicht 
über 25o Seelen zählt. Auch ist hier San Luis, eine 
Colonie , theils freigelassener , theils flüchtiger Ne- 
ger von Esscquebo. Die Ufer des Rio Caura sind 
ausnehmend fruchtbar, auch finden sich daselbst 
"Weiden für i5,ooo Ochsen , aber die Rewohncr ha- 
ben Mangel an Hornvieh und 6 / 7 des Rodens sind 
öde, und nur mit einigen wilden Stämmen besetzt. 
Auch der Rio Caura hat zwei Cataracten , die von 
Mura und Para. Letztere kann nicht befahren wer- 
den , und es befindet sich anneben ein Landweg, 
worüber die Piroguen gewälzt werden. Man hat 
auch mehrere Missionen angelegt, die jedoch alle 
wieder eingegangen sind. Nahe an der Einmündung 
des Caura, zwischen den Dörfern San Pedro de 
Alcantara und San Francesko de Aripao , hat sich 
im Jahre 1790 in Folge eines Erdbebens durch einen 
Erdsturz ein See gebildet, der 4 00 Toisen Durch- 
messer hat. Es war ein Stück Wald , welches 80 
bis looFufs unter das Erdreich versank. Die Räume 
blieben mehrere Monate grün, und man glaubte so- 
gar, einige haben unter dem Wasser frische Rlättcr 
getrieben. Es ist diese Thatsache um so merkwür- 
diger, als es vermuthlich granitischer Roden ist. 
Einst mag jedoch das schöne Thal von Caura sich 



— 1Ö3 — 

durch seine Lage und seine Erzeugnisse in eine 
wichtige und reiche Gegend verwandeln. 

Tiefer unten , zwischen den Städten la Piedra 
und Muniaco oder Real Corona , finden sich Wir- 
bel und Strudel: der Torno und der Höllenschlund. 
Früher fürchtete man die Rapides, welche man 
jetzt ohne Anstand vorüberfährt. Mitten imHöllen- 
schlunde landeten unsere Reisenden auf einer Insel 
die unter 67 , 10' 3i" W. L. sich] befindet. Real 
Corona liegt unter 7 , 5e/ 20" N. Br. Sie übernach- 
teten zu Mutiaco zum letzten Male im Freien ; die 
Fahrt dauerte jedoch noch zwei Tage bis Angostura. 
Die Fahrt auf diesem Wege ist überaus sanft. Der 
Strom bewegt seine ungeheure Wassermasse still 
und majestätisch dem Meere entgegen. Man hat bei 
dieser Fahrt durchaus nichts zu befürchten, aufser 
die natürlichen Flöfse, von denen oben die Rede war. 
Endlich sahen sie, nach vielenReschwerden von meh- 
reren Monaten, Angostura vor sich. Mit einem un- 
beschreiblichen Gefühle naheten sie sich der Stadt, 
es war gleichsam aus einem wilden Elemente ein 
rettender Eintritt in die civilisirte Welt. Die Be- 
schwerden hatten sich schon mehrere Tage zuvor 
vermindert. Man fand bessere Lebensmittel , und 
die Mosquitos hatten nach und nach sich verloren. 
In 75 Tagen hatten sie fünf grofse Flüsse, den Apure, 
den Orinoko, den Atabapo, den Rio Negro und 
den Cassiquiare in einer Länge von 5oo Meilen be- 
schilft. Nur selten hatten sie bewohnte Örter an- 
getroffen. Ihr Anzug war nach solchen Beschwerden 



— 164 — 

wohl nicht zum Besten bestellt, sie säumten jedoch 
nicht, dem Statthalter Felipe de Ynciarte ihre Auf- 
wartung zu machen. Er nahm sie mit vieler Zu- 
vorkommenheit auf, und wies ihnen bei dem Sekre- 
tär der Intendanz Wohnungen an. 

»Nach einem Aufenthalte in fast völligen Einöden 
war uns«, sagt Herr von Humboldt, » die Regsamkeit 
einer kleinen, 6000 Einwohner zählenden Stadt auf- 
fallend. Wir bewunderten die Menge Bequemlich- 
keiten , welche Industrie und Handel dem civilisir- 
ten Menschen gewähren. Einfache Wohnhäuser dünk- 
ten uns jetzt prächtig, und alle Menschen, mit denen 
wir sprachen , kamen uns geistreich vor. Lange 
Entbehrungen geben auch den kleinsten Genüssen 
Werth , und ich weifs das Vergnügen nicht auszu- 
drücken, womit wir zum ersten Male Weizenbrot 
an der Tafel des Statthalters erscheinen sahen. Man 
schätzt sich glücklich, wieder unter civilisirten 
Menschen zu leben ; doch mag diese Empfindung 
nur auf kurze Zeit diejenige der Wunderdinge, wo- 
durch die Natur den heifsen Erdstrich ausgeschmückt 
hat, verdrängen. Das Andenken erlittener Beschwer- 
den verschwindet bald, und kaum auf den von Eu- 
ropäern bewohnten Küsten eingetroffen , geht man 
mit neuen Planen zur Rückkehr in das Binnen- 
land um.« 

Ein sehr betrübter Zufall zwang sie jedoch einen 
ganzen Monat in Angostura zu verweilen. Die er- 
sten Tage sogleich fühlten sie Ermattung, und der 
Körper, welcher dem Schwünge des Geistes nach- 



— 1Ö5 — 

gegeben hatte , behauptete nun sein Recht. Fast 
am nämlichen Tage wurden beide durch das Fieber 
ihren Arbeiten entrissen, durch eine Krankheit, wel- 
che bei Herrn Bonpland sogleich den Charakter der 
Bösartigkeit annahm. Die Luft war jedoch damals 
inAngostura sehr gesund, und sie hatten daher den 
Keim der Krankheit in den nassen Gegenden des 
Cassiquiare gesammelt. Herr Bonpland , der sich 
rücksichtloser und mit dem ganzen Feuer, welches 
seinerNation eigen ist, dem Wetter und der Durch- 
nässung ausgesetzt, und sich weniger geschont hatte, 
mufste nun auch das Meiste leiden , und schwebte 
schnell am Rande des Grabes. Der Mulatten -Be- 
diente , der der Nässe am meisten ausgesetzt gewe- 
sen war, ward am neunten Tage für todt angesagt. 
Es war jedoch nur eine starke Ohnmacht , auf wel- 
che Genesung folgte. Herrn von Humboldt wurde 
beim ersten Anfalle Honig mit dem Extracte der China 
von Carony (cortex Angosturae) gereicht, das Fieber 
ward auf dieses Mittel heftiger, aber am zweiten 
Tage war es gänzlich verschwunden. Herr Bonpland 
war jedoch mehrere Wochen in einem sehr bedenk- 
lichen Zustande , aber zum Glücke so sehr bei 
Bewufstseyn, dafs er sich selbst behandeln konnte. 
Er wurde, was in den Tropenländern fast allezeit 
der Fall ist, von der Ruhr befallen, wodurch die 
Krankheit gefährlicher wurde. Herr Bonpland zeigte 
auch hier seinen gewöhnlichen Muth und eine Cha- 
rakter-Milde , die ihn nie verlassen hat. Herr von 
Humboldt machte jedoch betrübte Betrachtungen. 



— 166 — 

Unweit Angostura war Linne's Zögling , Löffling, 
gestorben, als Opfer seines Eifers für die Wissen- 
sehaften. Herrn Bonpland konnte es eben so gehen, 
und fast reuete es Herrn von Humboldt, die nassen 
Wälder durchwühlt zu haben, und nicht lieber nach 
Neu -Granada gewandert zu sevn. Endlich milderte 
sich das Fieber , nachdem die Schmerzen der Ein- 
geweide nachgelassen hatten , und langsam schritt 
er der Genesung entgegen, wie dieses bei dem nicht 
acclimatisirten Europäer allezeit der Fall ist. 

Sie mufsten daher, um die Wiedergenesung ab- 
zuwarten, bis 10. Juli in Angostura verweilen, weil 
es nicht rathsam war , früher in die Llannos sich 
zu wagen, zumal da die Regenzeit nahte und man 
in den Steppen oft nur auf gedörrtes Fleisch rech- 
nen durfte. Sie brachten demnach einen Theil der 
Zeit in einer Pflanzung zu, wo die Brotfrucht und 
der Mangobaum gezogen wurden. Die Brotfrucht- 
Bäume hatten hier in zehn Jahren schon 4° Fufs 
Höhe erreicht, und es gab Blätter von 3 Fufs Länge 
und 18 Zoll Breite. 

Angostura wurde seit Ende des sechzehnten Jahr- 
hunderts drei Mal gegründet. Die erste Stadt lag 
der Insel Faxardo gegenüber, beim Zusammenflusse 
des Carony und des Orinoko, und ward von den 
Holländern unter Anführung des Adrian Jahnsoii 
zerstört 1579. ^ e zweite war 12 Meilen östlicher 
gestiftet. Sie leistete kräftigen Widerstand, wurde 
aber von den Engländern unter Sir Walter Raleigh 
zerstört. Die dritte Stadt ist das gegenwärtige An- 



— 107 — 

gostura oder St. Thomas von Guiana. Die Gründung 
begann 1764. Sie wird auch zum Unterschiede von 
der zweiten Stadt, welche auch die Festung oder 
Alt -Guiana heifst, in den Urkunden : Santo Thome 
de nueva Guiana genannt. Weil jedoch dieser Name 
gar lang für eine Stadt ist, so wird sie auch nur 
Angostura , der Engpafs genannt. 

Angostura lehnt sich an einen Hügel von Horn- 
blende-Schiefer, der von aller Vegetation entblöfst 
ist. Mehrere Häuser sind auf Felsengrund erbaut. 
Man hält jedoch die schwarzen von der Sonne er- 
hitzten Steinschichten sehr nachtheilig für die Ge- 
sundheit, obwohl es die hinter der Stadt befind- 
lichen Pfützen mehr seyn möchten, die man fürchten 
sollte. Die Häuser sind hier hoch, schön und meist 
aus Steinen erbaut, welches beweist, dafs man Erd- 
beben nicht zu fürchten scheint. Diese Sicherheit 
ist aber leider nicht so fest begründet. Es erleiden 
zwar die Küsten von Venezuela sehr starke Erschüt- 
terungen , wie wir im ersten und zweiten Thcilc 
sattsam sahen, ohne davon in Angostura etwas wahr- 
zunehmen. Die traurige Erschütterung Cumana's 
am 4« Februar 1797 ward hier nicht verspürt, aber 
das grofse Erdbeben von 1766, welches Cumana 
ebenfalls zerstört hatte, ward an beiden Ufern des 
Orinoko bis über die Catarakten von Maypures ver- 
spürt. Aus diesen und noch mehreren Thatsachen 
geht hervor, dafs man in Angostura keineswegs ge- 
sichert ist vor einem Schicksale, welches die Städte 
des südlichen Amerika schon so oft beweint haben. 



— 168 — 

Die Erschütterungen haben ihren Herd tief im In- 
nern der Erde, und pflanzen sich fort durch Zer- 
klüftungen, welche ganz aufserhalb menschlicher 
Berechnung liegen. 



Zehntes Kapitel. 

Umgebungen von Angostura. — Die Krokodille. — Die Mündung 
des Orinoko. — Das Steigen und Fallen der Ströme. 

Die Umgebungen von Angostura sind ziemlich 
einförmig, aber der Anblich des Stromes ist erha- 
ben. Er bildet einen grofsen Canal von Südwest 
nach Nordost. Die Regierung Avollte die Breite des 
Stroms , der Vertheidigung wegen , hier genau ken- 
nen. Die Messungen , welche Herr von Humboldt 
anstellte, ergaben auf dem engsten Punkte 38o Toi- 
sen , was 4 bis 5 Mal die Breite der Seine bei dem 
Pflanzengarten übertrifft. Dennoch ist dieses der 
Platz, welcher der Engpafs genannt wird, und wo der 
Wasserspiegel nur durch einen Felsen in der Mitte 
des Stromes unterbrochen wird, der bei hohem 
Wasserstande völlig verschwindet. 

Wenn die Gewässer hoch sind , so überschwem- 
men sie die Quais , und man ist um diese Zeit in 
der Stadt selbst zur gröfsten Vorsicht genöthigt, 
wenn man nicht von den Krokodillen in seinem ei- 
genen Hause gefressen werden will. Eben, als un- 
sere Freunde in Angostura verweilten, ward ein 
Guayquerier- Indianer von der Margarethen- Insel, 



— 1Ö9 — 

der im Begriffe stand , seine Pirogue in einer Bucht 
zu befestigen, ein Opfer der Grausamkeit dieser 
Reptilien. Ein sehr grofses Krokodill , das sich ge- 
wöhnlich in dieser Gegend aufhielt, pachte ihn beim 
Beine, entfernte sich vom Ufer, und schwamm ganz 
gemächlich auf der Oberfläche des Wassers mit ihm 
davon. Der arme Indianer schrie gewaltig, und 
eine Menge Menschen harn herbei gelaufen , unter 
ihnen auch Herr von Humboldt. Der unglückliche 
Mensch war entschlossen, sein Leben zu vertheidi- 
gcn , suchte in der Tasche des Beinideides nach ei- 
nem Messer, als er es nicht fand, ergriff er das 
Krokodill beim Kopfe, und drückte ihm die Finger 
in die Augen. Jedermann weifs in Amerika dieses 
Mittel, sich zu retten. Aber das Krokodill war ein 
alter Practicus, und öffnete seinen Rachen nicht, 
um die Beute fahren zu lassen , sondern tauchte im 
Strome unter, ertränkte den Indianer, und kam 
sodann mit dem Leichname auf einer dem Hafen 
gegenüber liegenden Insel zum Vorscheine, wo es 
denselben ruhig verzehrte. 

Da das Krokodill, vermöge des Baues der Or- 
gane seines Rachens, im Wasser seine Beute wohl 
haschen, aber nicht verschlingen kann, so geschieht 
es allezeit, dafs es einige Stunden nachher mit der- 
selben in einiger Entfernung wieder zum Vorscheine 
kommt, um seine Mahlzeit zu halten. Diese Ereig- 
nisse sind bei weitem nicht so selten, als man denkt, 
und besonders in Europa glaubt. Unvorsichtigkeit 
und die häufigen Überschwemmungen , welche diese 

liibl. naturh. Reisen. IV. 8 



— 170 — 

bösen Gäste bis in die Dörfer führen , lassen jähr- 
lieh viele Menschen die Opfer der Grausamkeit die- 
ser Reptilien werden. Dieselben Krokodille halten 
sich gewöhnlich mehrere Jahre an demselben Orte 
auf, und sie werden von Jahr zu Jahr kühner,. be- 
sonders wenn sie ein Mal Menschenfleisch gekostet 
haben. Sie sind auch so listig, dafs es schwer fallt, 
sie zu tödten. Der Schufs prallt an ihrem Panzer 
ab, und tödtet nur, wenn Mund, Auge oder Ach- 
selhöhle getroffen wird. Die Indianer greifen das 
Krokodill mit Lanzen an , sobald es sich an einem 
eisernen Haken , woran Fleisch als Köder war, 
gefangen hat. Man nähert sich jedoch dem Thiere 
erst dann, wenn es von den Anstrengungen, sich 
los zu machen, ermüdet ist. Auch bei vorgerück- 
ter Civilisirung und Bevölkerung ist es eben so 
wenig, als in Egypten zu erwarten, dafs diese Un- 
t liiere ganz vertilgt werden. Das Flufslabyrinth 
liefert täglich neue Legionen dieserEidechsen. Alles, 
was zu erwarten ist , dürfte darin bestehen , dafs 
sie mehr Respekt und Furcht vor dem Herrn der 
Erde bekommen , wenn dieser ihnen zu imponiren 
im Stande seyn wird. 

Man erzählt rührende Geschichten von afrikani- 
schen Sclaven , die ihr Leben gewagt haben , um 
dasjenige ihrer Herren zu retten, welche in den Ra- 
chen der Krokodille gcrathen waren. So geschah 
es vor wenigen Jahren zwischen Uritucu und der 
Provinz Abaxo , dafs ein Neger plötzlich vom Ge- 
schreie seines Herrn erschreckt wurde, der in den 



— 171 — 

Rachen eines Rrokodills geratlien war. Der Neger 
stürzte sich sogleich , mit seinem Maehette bewaff- 
net, in den Strom, durch Eindrücken der Augen 
zwang er das Thier , seinen Raub fahren zu lassen, 
und sich unter das Wasser zu verbergen. Der 
Sclave brachte nun seinen Herrn schwimmend an's 
Ufer; es war jedoch vergebens, denn schon war er 
im Wasser erstickt. Die Rinder des Verstorbenen 
schenkten, ob sie gleich arm waren, dem Sclaven 
seine Freiheit. Es sind überhaupt die Neger nicht 
so selten , als man glaubt , welche sich durch die 
treue Anhänglichkeit an ihre Gebieter auszeichnen. 
Es läfst sich denken, dafs im einem Lande, wo 
der Mensch mit der Natur noch in immerwährendem 
Rampfe sich befindet , er auch stets gerüstet ist, 
diesen Gefahren nach Rräften zu begegnen. Es wird 
von ihnen stets gesprochen, und man theilt sich ge- 
genseitig die Mafsregeln mit, welche Erfahrung be- 
stätigt oder fremder Rath überliefert hat. Jedermann 
weifs daher von Jugend auf, wie er sich zu beneh- 
men hat, und da schwerlich in diesen Ländern eines 
Menschen Leben vorübergeht, ohne Gelegenheit 
diese Mittel anzuwenden , so findet man eine Uner- 
schrockenheit und den überlegtesten Muth, welcher 
in dem vor Gefahren gesicherten Europa nur We- 
nigen zu Theil wird. Nicht nur Mädchen aus der 
untersten Volksklasse, wie wir oben ein Reispiel ge- 
sehen haben, sondern Frauen aus dem ersten Stande 
der Gesellschaft sind mit diesen Gefahren und ihren 
Gegenmitteln vertraut. Es war am 4. Februar 1797, 

8* 



— 172 — 

als35,ooo Indianer innerhalb wenigen Minuten durch 
Erdbeben ihr Leben einbüfsten. Eine junge Dame hatte 
sich und ihre Kinder gerettet, indem sie diesen zurief; 
sie sollten die Arme ausstrecken, in dem Augenblicke, 
wo der aufgerissene Boden im Begriffe stand, sie 
zu verschlingen. Als man die Geistesgegenwart die- 
ser Frau bewunderte, sagte sie: v Schon als Kind 
ist mir gesagt worden , wenn das Erdbeben dich im 
Innern eines Hauses überrascht, so stelle dich un- 
ter eine Thüre, die aus einem Zimmer in das an- 
dere führt. Bist du im Freien und fühlst du den 
Boden unter dir sich öffnen , so strecke deine bei- 
den Arme aus, und suche dich an den Rändern der 
Spalten fest zu halten.« So steht der Mensch hier 
gegen die "YVuth der Krokodille und das Toben der 
Elemente stets gerüstet. 

Angostura liegt 25 Lieues vom Meere entfernt, 
oberhalb des Delta , welches die Mündung des Ori- 
noko bildet Die Fieber pflegen auch hier zu herr- 
schen , und man spricht sehr oft, dafs es besser 
wäre, die Stadt wieder dem Meere näher zu legen. 
Diese Lage würde dem Handel bequemere Vortheile 
darbieten, denn die Schiffe können nur sehr schwer 
bis an die jetzige Stadt hinauffahren. Auch gewährt 
ihre jelzige Lage weder Schutz gegen die Feinde 
und Fieber, noch Bequemlichkeiten für den Handel. 

Es ist schon gesagt, dafs die jetzige Hauptstadt 
von Guiana durch das Delta , welches der Orinoko 
bildet, getrennt wird. Grofse Flüsse haben näm- 
lich die Gewohnheit, sieh kurz vor ihren Einmüii- 



düngen in das Meer in mehrere Arme zu iheilen, 
zwischen den zwei äufsersten Armen aber Sand und 
Schlamm anzuhäufen, und zwischen diesem flachen 
Lande sieh wieder zu verästeln und so eine grofse 
dreieckige Insel, die wieder in mehrere, oft unzäh- 
lige kleine getheilt ist, zu bilden. Dieses ist es 
nun, was man Delta nennt; von dem Delta des Nil 
inEgypten, das durch seinen vormaligen Reichthum 
und seine grofse Fruchtbarheit so berühmt ist. Der 
Name kommt von der Gestalt A, welches das grofse 
griechische D ist, und Delta heifst. Das Delta des 
Orinoko beginnt gleich unterhalb Angostura , und 
die zwei äufsersten Arme desselben laufen aus ein- 
ander, so dafs ihre Entfernung beim Einflüsse in's 
Meer 47 Seemeilen beträgt. Die Zahl der Ausmün- 
dungen zwischen diesen beiden ist noch unbekannt, 
und nach alter Gewohnheit gibt die Völkersage, so 
wie dem Nil und der Donau, also auch dem Orinoko 
sieben Mündungen. Es ist jedoch gewifs , dafs we- 
nigstens eilf bedeutende Ausflüsse gezählt werden 
müssen , ohne der Menge kleiner Verästelungen. 
Diese verschiedenen Ausmündungen haben verschie* 
dene Namen; Ausmündung heilst ßocca , und da 
findet sich denn die Bocca de Dragos oder die be- 
rüchtigten Drachenmündungen , die in das Antillen- 
meer ausgehen. Die Bocca de Navios , die schiffbar 
ist, dann die ebenfalls für die Schiffahrt nützliche 
Bocca von Mariusas, von Macarco, von Pedernales 
und von Macamao grande. 

Dieses Delta des Orinoko bildet jedoch keine 



— 174 — 

wüsten Sehotterinseln , es ist vielmehr ein frucht- 
bares und bebautes Sumpfland, überall mit Grün 
bedeckt. Ganze Wälder der Mauritia - Palme be- 
decken die Inseln des Delta, und verschönern sie. 
Diese Mauritia oder der Lebensbaum der Missionäre 
ist der wohlthätige Baum, dessen wir schon öfter 
erwähnt haben 5 er ist der Sagobaum des Landes. 
Er liefert viel gutes und nahrhaftes Mehl , aus wel- 
chem das Yuruma-Brot bereitet wird Zur Zeit 
des hohen Wasserstandes sehen diese Palmen nur 
mit dem Obertheile hervor, und scheinen im Was- 
ser gewachsene Wälder zu seyn. Auf diesen Palmen 
leben die Guaraonier, ein Völkerstamm, welcher 
auf Bäumen, gleich den Vögeln nistend, sich wie 
diese der Sclaverei der Spanier zu entziehen ge- 
wufsfc hat. Ihre Wohnungen hängen an den Bäu- 
men , und man wird beim Durchfahren durch die 
Canäle des Delta sehr überrascht, wenn man die 
Gipfel der Bäume durch grofse Feuer beleuchtet 
sieht. Diese Völker hängen nämlich grofse Matten 
an die Bäume, füllen sie mit Erde, und zünden hier 
ihre nöthigen Feuer an. Dieser Lebensweise ver- 
danken diese Menschen seit Jahrhunderten ihre 
Freiheit und Unabhängigkeit. Sie allein sind auch 
im Stande, auf dem schlammigen Boden zur Zeil 
der Trockenheit ohne einzusinken forizuwandeln. 
Diese Palmen, dieser weiche unsichere Grund, wor- 
auf sie gedeihen, ist ihr Erbtheil. Der Lebensbaum 
gewährt ihnen nicht nur Wohnung und Schutz, son- 
dern Nahrung: in seinen schuppigen Früchten, in 



— 175 — 

seinem mehligen Mark, und in seinem an Zuckerstoif 
so reichen Safte. Er gewährt ihnen auch in den Fi- 
bern seiner Blattstiele Fasern, um Matten und Seile 
daraus zu verfertigen. So beruht das Daseyn einer 
ganzen Völkerschaft auf einem einzigen Baume; 
gleichwie es Insekten gibt, die sich nur von einer 
Blume oder den einzelnen Theilen eines Gewächses 
nähren. 

Der Orinoko hat endlich mit allen Strömen der 
heifsen Zone auch das noch gemein, dafs seine Ge- 
wässer in gewissen Perioden steigen und fallen. Das 
Steigen und Fallen dieser Ströme kehrt jährlich zur 
selben Zeit wieder. In Egypten ist die ganze Cultur 
des Bodens, und man kann wohl sagen, die ganze 
Civilisation auf diese Erscheinung gegründet gewe- 
sen. Sie mufste um so mehr auffallen, als der Nil 
in alten Zeiten der einzige bekannte Strom war, 
welchem dieser periodische Wasserwechsel eigen 
schien. In unsern Tagen wissen wir, dafs alle Ströme 
der heifsen Zone diese Veränderung erleiden. Schon 
oben erwähnten wir, wie die Erklärung dieser Er- 
scheinung dadurch, dafs man das Schmelzen des 
Gebirgsehnees als Ursache des Stcigens angibt, ganz 
unstatthaft sey. Denn erstens kommen diese Ströme 
nicht allezeit aus Schneealpen, und dann ist auch 
die Wassermasse zu grofs , als dafs die jährliche 
Quantität des Schnees für sie hinreichend wäre. In 
der heifsen Zone läfst man sieh solche Erklärungen 
gar nicht beikommen, die so frostig sind, als das 
Land, wo sie herkommen, und wo das beständige 



— 176 — 

Eis freilich oft eisige Gedanken erzeugt. Dort ist 
Jedermann die Ursache dieser Erscheinungen be- 
kannt, und es verstehen selbst gemeine Leute den 
ganzen Verlauf dieser Erscheinungen auf das Ge- 
naueste zu berechnen. 

Nach der Frühlings -Nachtgleiche kündigt näm- 
lich das Aufhören der Seewinde (Brise) die Regen- 
zeit an, und das Verhältnifs dcsSteigens der Flüsse 
steht mit der Masse des Regenwassers' in genauer 
Verbindung. Die Überschwemmungen sind also 
durchaus blos Folgen des Aequinoctial - Regens. 
Herr von Humboldt hat berechnet, dafs in den Wäl- 
dern vom Ober-Orinoko und Rio Negro der Ertrag 
der Aequinoctial -Regen 90 bis 100 Zoll betrage, 
eine Wassermasse , die mehr als hinreichend ist, 
ihre Abzugkanäle zu überfüllen. Der gewöhnliche 
Gang des Anwachsens des Orinoko ist folgender: 
Alsbald nach dem Frühlings-Aequinociium (das Volk 
sagt am 25. März) wird das Steigen des Flusses 
wahrgenommen. Anfänglich beträgt das Steigen in 
24 Stunden nur einen Zoll. Er erreicht seine gröfste 
Höhe im Julius und bleibt vom Ende Juli bis 25. 
August in gleicher Höhe, wo er allgemach wieder 
zu sinken anfängt, jedoch langsamer, als er gewach- 
sen war. Seinen tiefsten Wasserstand erreicht er 
im Januar und Hornung. 

Dieses ist ungefähr der Verlauf des Wasserstan- 
des bei allen Strömen der heifsen Zone in beiden 
Hemisphären ; der Ganges, der Niger und der Gam- 
bia erreichen mit dem Orinoko im August den hoch- 



— 177 — 

sten Standpunkt; nur der Nil bleibt um zwei Mo- 
nate zurück , es sey einiger örtlicher Umstände we- 
gen, die in Abyssinien au suchen seyn würden, oder 
wegen der Länge seines Laufes. Die nordischen 
Erdbeschrciber behaupten jedoch, es steige der Nil 
in Habesch und Senaar bereits im Monate April, 
ungefähr wie der Orinoko; inCairo wird man es 
jedoch erst im Sommersolstitium gewahr. Die gröfste 
Höhe erreicht der Nil im September, und den nied- 
rigsten Wasserstand im April und Mai. 

In der südlichen Halbkugel haben die Ströme 
in den entgegengesetzten Jahreszeiten denselben Ver- 
lauf ', der Amazonenstrom steigt, wenn der Orinoko 
fällt, und fällt, wenn dieser steigt. Die Höhe, zu 
welcher der Orinoko ansteigt, wird von Herrn von 
Humboldt in Angostura zu 24 und 10 Fufs angege- 
ben. Die Piloten nehmen für das gewöhnliche Stei- 
gen des Unter- Orinoko 90 Fufs an, andere geben 
es auf i3 Klafter an. Das Steigen des Nils beträgt 
in Ober-Egypten 3o bis 35 Fufs, in Cairo 23 und 
im nördlichen Theile des Delta 4 Fufs. In An. 
gostura könnte auf einem mitten im Strome gele- 
genen Felsen eben so ein Orinoko - Messer er- 
richtet werden , wie der Nilmesser auf der Insel 
Roudah ist. 



— 178 — 
Eilftes Kapitel. 

Das rechte Ufer des Orinoko. — Die Mission von Carony. — 
El-Dorado. — Der Parime-See. 

Unterhalb Angostura erweitert der Orinoko sein 
Bette abermals und erhält eine sehr grofse Breite. 
Die beiden Ufer bieten jedoch sehr grofse Verschie- 
denheiten der Cultur den Reisenden dar. Auf dem 
linken oder nördlichen Ufer sieht man den ödesten 
Theil der Provinz Cumana vor sich, jene unbewohn- 
ten Steppen, welche sich gegen die Mesa oder Ebene 
von Guanipa ausdehnten. Das rechte oder südliche 
Ufer ist jedoch mit blühenden Missionen besetzt. 
Es sind dieses die Missionen von Carony, eines gros- 
sen, aus Süden kommenden Stromes, der sich in den 
Orinoko ergiefst. Am Ufer des letzteren Flusses 
bestehen die drei volkreichen Missionen : San Mi- 
guel de Uriala , San Felix und San Joaquin. Das 
letztere Dorf, welches nicht weit von den "Wasser- 
fällen des Carony Flusses liegt, halt man für die 
Niederlage und den Ilauptort der catalonischen Mis- 
sionen. Auf der weitern Schiffahrt nach Osten, zwi- 
schen Angostura und den Mündungen des Carony, 
hat der Pilote viele Vorsicht nöthig, um die Felsen 
von Guarampo , die Untiefen von Mamo und die 
Klippen von Rosario zu vermeiden. Die Landschaft 
zwischen dem Carony, dem Meere und dem Orinoko 
ist übrigens der Theil Guianas, welcher die euro- 
päischen Ansiedler am meisten ansprechen wird. 



— 17Q — 

Die ganze Gegend war dazumal , als Herr von 
Humboldt da verweilte, mit Ausnahme zweier spa- 
nischer Dörfer, derVerwaltung der Missionar-Mönche 
unterworfen. Es waren beinahe 24,000 Eingeborne 
diesen Geistlichen unterworfen. Die Franziskaner 
hatten 7300 und die catalonischen Kapuziner 1700 
unter sich. Diese Missionen sind viel blühender, 
als die traurigen Missionen am Ober- Orinoko. Die 
ganze Provinz enthält 16,800 Geviertmeilen, und 
zwei Drittel ihrer Bewohner sind zwischen dem Rio 
Imataca und Angostura angesiedelt, auf einem Land- 
striche von 55 Meilen Länge und 3o Meilen Breite. 
Weifse Menschen dürfen in den Missionen nicht an- 
siedeln, und man sieht sie nicht ein Mal gern dahin 
kommen. Diese Gegenden haben jedoch seit jener 
Zeit durch Bürgerkriege und Seuchen sehr viel ge- 
litten. Damals, 1804, besafsen die catalonischen 
Kapuziner daselbst wenigstens 60,000 Stück Horn- 
vieh, die in den Savanen weideten. Diese Savanen 
grenzen südostwärts an die englischen Besitzungen 
in Guiana oder die Colonie am Essequibo ; längs 
den Gestaden von Pararagua und von Paraguamusi 
hinauf berühren sie endlich die Besitzungen der Por- 
tugiesen amRioBranco. Dieses ist eine schöne und 
offene Landschaft, voll schöner Savanen und ganz 
verschieden von derjenigen am Ober - Orinoko. Es 
stehen hier herrliche Wiesengründe , unterbrochen 
durch waldige Hügel , welche die prächtigsten Ge- 
genden darbieten, und durch schöne Landschaften 



— 180 — 

und liebliche Gegenden zum Anbaue einladen. Das 
Klima ist gesund. Der Cacao, der Reifs, die Baum- 
wolle, der Indigo und der Zucker wachsen in Menge 
überall , wo der jungfräuliche Boden der Cultur 
unterworfen wird. Die ersten christlichen Nieder- 
lassungen gehen nicht über das Jahr 1721 hinauf. 
Die Bestandteile der gegenwärtigen Bevölkerung 
sind die drei Indianerstämme der Guayanos , Cari- 
ben und Guaycas. Die Guaycas sind ein Gebirgsvolk, 
und ihr Wuchs ist nicht so klein , wie derjenige in 
Esmeralda. Sie sind schwer an bleibende Wohnsitze 
zu gewöhnen, und mehrere mit ihnen bevölkerte 
Missionen sind wieder zerstört worden , weil sie 
das freie Leben in den Bergen dem unter der 
Glocke vorziehen. 

Die Guayanos sind leichter zu civilisiren , sanf- 
ter und geschmeidiger, als die Cariben. Die Jesui- 
ten haben auch am Amazonenstrome einen Guaya- 
nos- Stamm gefunden. Es ist jedoch schwer auszu- 
mitteln , ob diese beiden Stämme, die in so weiter 
Entfernung von einander angetroffen werden, wirk' 
lieh einem Volke angehören. 

Die meisten und bevölkertsten Missionen sind auf 
einen Umfang von 4°° Geviertmeilen beschränkt j 
ostwärts und südwärts sind die Savanen beinahe 
gar nicht bewohnt, und dennoch wäre zu wünschen, 
dafs die von den Flüssen entferntem Gegenden bes- 
ser bewohnt würden , weil sie etwas höher liegen 
und darum auch gesünder sind. Der Flufs Carony 






— 181 — 

hat ein sehr klares Wasser, nur wenig Fische und 
von der Stadt Barcellona an, gar keine Klippen. 
Oberhalb dieser Stadt jedoch schlängelt er sich zwi- 
schen zahllosen Klippen und Felsen hin, und bildet 
Wirbel und Wasserfälle , zwischen denen sich nur 
die Cariben mit ihren kleinen Booten hindurch wa- 
gen. Der grofse Fall oder Salto befindet sich aber 
bei dem sehr schön gelegenen DorfeCarony, dessen 
Bevölkerung damals aus 700 Indianern bestand. Der 
Fall wird auf i5 bis 20 Fufs geschätzt, er läfst je- 
doch einen Canal für die Piroguen frei, da hier der 
Flufs 3oo Fufs Breite hat. 

Die ganze südliche Landschaft wird von unab* 
hängigen Cariben durchschweift. Das sind die schwa- 
chen Überreste jenes schönen Kriegervolkes , das 
einst den Missionären so furchtbar geworden war, 
bis zum Jahre iy33 und 35, wo derBischof Gei uais von 
Labrid , der Pater Lopez und mehrere andere Or- 
densmänner durch die Hand der Cariben um's Leben 
gekommen sind. Die Gefahren sind nun verschwun- 
den, und die Regierung ist auf die Reste der Ca- 
riben , die noch unabhängig herumschweifen , nur 
des Schleichhandels wegen eifersüchtig, welchen sie 
so sehr mit den englischen und holländischen Colo- 
nien der Nachbarschaft befördern. Sie entführen 
auch den Missionären das Vieh , und verlocken die 
neubekehrten Indianer in die Wälder zurückzukeh- 
ren. Früher nahmen die Cariben Antheil an dem 
Sclavenhandelj und dieser abscheuliche Handel ward 



— 182 — 

durch die ATelfscn befördert, welche die Stämme 
gegen einander reizten, und sie sogar bewaffneten, 
um durch sie ihre Brüder als Sclaven zu erhalten. 
Die Menschenjagd ward damals eben so betrieben 
an diesen Gestaden , wie man sie leider jetzt noch 
am Gambia betreibt , und in beiden "NVelttheilcn 
haben sich die Europäer gleicher Arglist und glei- 
cher Schandthaten schuldig gemacht. 

Wir müssen hier noch unsern jungen Lesern von 
einer Pflanze erzählen, welche durch den Gewerb- 
fleifs der thätigen Kapuziner berühmt geworden ist. 
Dies ist der Cuspare-Baum , dessen schon im zwei- 
ten Bändchen Erwähnung geschehen ist. Dieser be- 
rühmte Baum ist es, der die Cortex Angosturae lie- 
fert. Er ist keine Cinchona oder Chinabaum, son- 
dern eine eigene Gattung, die unter dem Namen 
Bonplandia in die Botanik aufgenommen ist und zur 
Familie der Meliaceen gehört. Die, von der wir 
hier reden , heifst die dreiblättrige oder Bonplandia 
trifoliata. Die sehr schönen Äste dieses heilsamen 
Baumes haben 18 Zoll lange Blätter, von überaus 
angenehmen Geruch. Dieser Baum trägt den ein- 
heimischen Namen Cascarilla , er wächst fünf bis 
sechs Meilen vom östlichen Ufer des Carony am 
Fufse der Hügel, welche die Missionen von Capapui, 
von Upata und Aha Gratia einfassen. Die Cariben- 
Indianer gebrauchen den Aufgufs dieser Rinde als 
eine stärkende Arznei. Herr honpland hat ihn auch 
westwärts von Cumana im Meerbusen von Santa Fe 



— 183 — 

entdeckt, und wahrscheinlich kommt er auch in den 
Wäldern von Guiana vor. 

Die catalonischen Kapuziner verfertigen von der 
Rinde einen Extrakt , welcher bekannter zu werden 
verdiente , und gegen Fieber und Ruhr überaus 
wirksam sich bezeigt. Zu bedauern ist, dafs der 
gewissenlose Krämergeist auch dieses herrliche Arz- 
neimittel verfälscht, und so gegen die Rinde von 
Angostura mit Recht mifstrauisch gemacht hat. Man 
hat statt ihrer öfters die falsche Angostura oder An- 
gostura pseudo - ferruginea eingebracht. Sie wirkt 
stark auf die Nerven, verursacht heftige Anfälle 
von Starrkrampf, und enthält eine Substanz, wel- 
che dem Morphin und Strychnin , zwei heftigen 
Giften, sehr nahe verwandt ist. Diese Verfälschung 
hat mehrere Regierungen veranlafst, die Anwendung 
der Cortex Angosturae in der Medicin gänzlich zu 
untersagen. Solche niederträchtige Verfälschungen, 
welche billig als die gröfsten Verbrechen geahn- 
det werden, kommen leider öfter vor , und erst 
vor kurzem fand man in Frankreich die Sencsblät- 
ter mit andern giftigen Blättern vermischt, welche 
mehreren Personen den Tod brachten. 

Der Baum , welcher die echte Cuspare oder Cas- 
carille liefert, kommt selten vor, und er verdiente 
daher von den fleifsigen Kapuziner - Mönchen in ei- 
genen Pflanzungen gezogen zu werden. Die Kapu- 
ziner sind thätiger, als andere Mönche. Sie haben 
in ihren Dörfern Gärbereien und Baumwollspinne- 



— 184 — 

reien , und wenn sie künftighin auch den Indianern 
die Früchte ihrer Arbeit zu Thcil werden lassen, 
so dürften sie einen sehr wohtlhätigen Einflufs be- 
kalten. Sie waren oft mit dem Statthalter und selbst 
mit dem Bischöfe im Streite, welche ihre Macht 
einschränken wollten, und erwehrten sich stets des 
Einflusses der weltlichen Macht. 1768 liefs ihnen 
der Statthalter 20,000 Stück Vieh wegnehmen, und 
dieselben an die dürftigsten Einwohner vertheilejr. 
Diese Gewalttätigkeit hatte für den Statthalter üble 
Folgen, denn auf eingelegte Klage in Madrid ward 
er abgesetzt, ob er gleich viele Verdienste hatte, 
und seit jener Zeit hatte sich die weltliche Ge- 
walt in die Regierung der Missionen jeder Ein- 
mischung enthalten. Die bürgerlichen Kriege ha- 
ben jedoch auch hier grofse Veränderungen her- 
rorgebracht, und alles mag jetzt eine andere Ge- 
stalt haben. 

Die ganze Gegend ist aber eine der glücklich- 
sten auf Erden, und wenn man früher hier goldene 
Städte und ein irdisches Paradies träumte, so dürfte 
wohl eine Zeit kommen, wo man sie auf diesem Platze 
nicht vergebens suchte. Diese Gegenden vereinigen 
die Vortheile der Thäler von Aragua mit denen der 
Steppen von Calabozo. Der Reichthum des Landes 
beruht auf Viehzucht und dem Anbaue derColonial- 
Erzeugnisse. Es ist zu wünschen, dafs die Bevöl- 
kerung wachse , sich dem Feldbaue getreu widme, 
und nicht zu frühe den Bergbau versuche. Es ver- 



— 185 — 

trügt sich wohl Berg- mit Landbau, wenn die Be- 
völkerung zahlreich ist, und der Landbau bereits 
in derBlüthe steht; im entgegengesetzten Falle kann 
de? Bergbau leicht der Cultur des Landes Gefahr 
bringen. Der Rio Carony war es, an dessen Quel- 
len man den Dorado-See, die Goldstadt und den 
vergoldeten König suchte , und leicht könnten diese 
Mythen den auri sacram famem (den heiligen Gold- 
durst) der Bewohner erregen. Man hatte schon 
früher viel Geld an den Bergbau verschwendet, bis 
es sich zeigte , dafs die Schwefelkiese keine Spur 
des Goldes enthielten; allein noch immer heifst je- 
des glänzende Gestein in Guiana iinci madre del 
oro , die Goldmutter. Die besten Goldminen sind 
ein gut angebautes Land , eine fleifslge Bevölkerung, 
Handel und Gewerbe begünstigt von einer guten 
und gerechten Regierung ! ' 

Nach diesen Erzählungen läfst Herr von Hum- 
boldt eine Abhandlung folgen, die sich sowohl mit 
dem Mährchen vom Goldlande und Goldkönige be- 
schäftigt, als mit den Quellen des Orinoko und an- 
dern geographischen Einleitungen. Das Resultat 
ist, dafs zu den Goldminen wahrscheinlich die oben 
erwähnte Art sich zu schmücken Veranlassung ge- 
geben hat , indem nämlich sich die Wilden mit 
Harz oder Schildkrötenfett bestreichen, und mit 
glänzenden Glimmerblättchen bedecken lassen , er- 
halten sie das Ansehen von galonirten Kleidern 
und Goldtressen , und mögen von den goldgieri. 



— 186 — 

gen Europäern leicht für goldene Männer ange- 
sehen worden seyn. 

Sowohl die Eroberer als ihre Nachfolger haben 
zur Entdeckung des El-Dorado die abenteuerlich- 
sten Züge unternommen. Ihre von Begierde nach 
Gold erkrankte Phantasie liefs sie bald hier, bald 
dort den Goldsee, die Goldstadt und den Goldkönig 
sehen. Viele Ausrüstungen wurden unter den aben- 
teuerlichsten Umständen unternommen , und endig- 
ten gewöhnlich mit dem Untergange der Theilneh- 
mer. Das letzte dieser Abenteuer wurde noch 1775 
mit eben demselben Erfolge, wie die frühern , aus- 
geführt. Jetzt scheint man von dem Niebtvorhanden- 
seyn desselben überzeugt. Es war den raubsüchtigen 
Europäern nicht genug, die blühenden civilisirten 
Staaten auf den Hochebenen der Anden zerstört und 
vernichtet zu haben. Sie waren mit dem Fluche 
der unterdrückten Völker nicht zufrieden ; es war 
ihnen leid, nicht noch mehr zerstören und die Blut- 
schuld vergröfsern zu können. 

Was die Quellen des Orinoko betrifft , so geht 
aus den Untersuchungen des Herrn von Humboldt 
hervor, dafs alle Angaben über dieselben , welche 
von den altern Geographen gegeben wurden , theils 
Irrthümer, theils wirkliche Erdichtungen sind. Eben 
so sind auch die Angaben der Orinoko- Quellen auf 
allen Charten unrichtig. Der sogenannte Parime- 
See , der sogar auf den neuesten Charten zum Theil 
noch figurirt, ist nirgend vorhanden, und gewifs 



— 187 — 

ist nur so viel , dafs die Quellen des Orinoko noch 
eines Entdeckers warten. 

Um nicht durch Gegenstände , welche eine gros- 
sere Masse von Kenntnissen zu ihrer Würdigung 
fordern , als ich bei meinen Lesern voraus setzen 
darf, zu ermüden, setze ich nur die Schlufsworte 
des Herrn von Humboldt am Ende des achten Bu- 
ches her. 

»Ich habe die drei Zonen durchwandert, die von 
Norden nach Süden, von dem Mittelmeere der An- 
tillen bis an die Wälder am Ober. Orinoko und 
Amazonenstrome einander folgen. Dem fruchtbaren 
Küstcnlande, welches der Mittelpunkt des landwirt- 
schaftlichen Reichthums ist , reihen sich die von 
Hirtenvölkern bewohnten Steppen an. Diese Step- 
pen hinwieder finden sich durch die Region der Wäl- 
der begrenzt, deren Bewohner im Genüsse, ich will 
nicht sagen, der Freiheit (weil diese allezeit Folge 
der Civilisation ist) , aber einer wilden Unabhän- 
gigkeit leben. Die Grenze zwischen den beiden 
letztern Zonen war der Schauplatz des Krieges, der 
über das Schicksal Amerifca's entschied. Keine Ver- 
änderung kann aber den Charakter des Landes ver- 
ändern , wenn auch die Sitten eine andere Gestal- 
tung erhalten. Diese Betrachtungen können das In- 
teresse für diese im Anfange dieses Jahrhunderts 
gemachte Reise nur steigern. Man findet in ihr die 
civilisirten Völker des Küstenlandes gemeinschaftlich 
und vereinigt dargestellt; mit jenen schwachen Über- 



— 188 — 

rcstcn der Landeseingebornen am Orinoko , die kei- 
nen andern Cultus kennen, als den der Naturkräfte, 
und die gleich sind den alten Germanen , von denen 
Tacitus sagt : Unter dem Namen der Götter verste- 
hen sie dasjenige, was sie blos durch das Gefühl 
der Ehrfurcht sehen.« 




X 



N 



C 



^susr^ias i2W(Bia< 



Erstes Kapitel. 



Abreise von Ar.gostura. — Die Mission der Cariben. — Historische 
Bemerkungen Über die Völker Amerika's. 



E, 



is waren nun beinahe sechs Wochen seit der 
Landung in Angostura verflossen , als endlich Herr 
Bonpland sich nun stark genug fühlte, die Reise 
fortsetzen zu können. Sie setzten daher über den 
Orinoko, um in der Nähe der Festung San Rafael 
zu übernachten , und mit Tagesanbruch die Wan- 
derungen durch die Steppen von Venezuela anzu- 
treten. Sie sehnten sich nun, die Küsten von Cu- 
mana zu erreichen, um da ein Fahrzeug nach Cuba 
und von da nach Mexiko zu erlangen. Nach einer 
Monate lang dauernden Flufsfahrt in einem engen 
Boote, von Mosquitos umschwärmt, kam ihnen eine 
Seereise reizend vor. Indem sie nun vom Orinoko 
Abschied nahmen, gedachten sie nicht mehr nach 
Südamerika zurückzukehren , sondern ein Jahr in 
Neu -Spanien zu verweilen, und dann mit der Ga- 
lione von Acapulco nach den Philippinen zu gehen, 
die noch so wenig bekannt sind, und so die Rück- 
kehr nach Europa über ßassora und Alepo zu vol- 
lenden. Diese Plane verkürzten ihnen die Zeit wäh- 
rend der Wanderung in den dürren Steppen. 

Am linken Ufer des Orinoko erwarteten sie schon 



— 192 — 

die Maulthiere. Das Gepäcke hatte sich durch die 
Pflanzensammlungen und Mineralien ansehnlich ver- 
mehrt, und da es nicht rathsam ist, auf Reisen sich 
von seinem Cepäcke zu trennen, so mufste man 
einer langsamen Reise durch die Steppen entgegen- 
sehen. Die Hitze war ausnehmend grofs, durch 
das Zurückprallen der Sonnenstrahlen von dem dür- 
ren Roden der Steppe. Der Thermometer stieg bei 
Tage nicht über 33° bis 34° und des Nachts nicht 
über 27 bis 28 . Es ist also nicht die grofse Hitze, 
als vielmehr ihre Dauer, welche beschwerlich fällt. 
Sie brauchten i3 Tage, um durch die Steppen zu 
wandern. Dieser östliche Theil der Llannos hat 
dasselbe wüste Aussehen, wie der westliche, der 
oben schon , bei Gelegenheit der Wanderung aus 
den Thalern Araguas nach San Fernando de Apure, 
beschrieben worden ist. In der trocknen Jahreszeit, 
die hier Sommer heifst, obwohl es eigentlich Win- 
ter ist , weil die Sonne in der südlichen Halbkugel 
weilt, weht hier die Rrise (Seewind) heftiger, als 
in den westlichen Steppen. Diese Steppen bilden 
nämlich ein Rechen, welches ostwärts gegen das 
Meer zu offen , aber westlich , nördlich und süd- 
lich von Bergketten umschlossen ist. Jetzt war je- 
doch die Regenzeit vorhanden, und die Brise wehte 
nicht; ob gleich es in den Llannos nicht regnete, 
so hatte doch die veränderte Sonnenwende die Po- 
larströmungcn gestillt. Hier geschieht alles mit der 
gröfsten Regelmäfsigkeit , so dafs man die Zeit der 
Veränderungen in der Atmosphäre mit der Sicher- 



— 1Q3 — 

lieit einer Uhr angeben kann. Die Ordnung ist ein- 
förmig, das Aufhören der Brise , der Eintritt der 
Regenzeit und die häufigen elektrischen Entladungen. 

Sie kehrten hier bei einem Franzosen ein , der 
aus Lyon gebürtig war, und ihnen mit der Liebens- 
würdigkeit, die seiner Nation eigen ist , Aufnahme 
und Nachtherberge zusagte. Er war eben beschäf- 
tigt, grofse Stücke Holz zusammen zu leimen. Er 
bediente sich dazu eines Pflanzenleimes, hier Guayca 
genannt, der dem besten Thierleim gleicht. Es ist 
dieser Leim der Saft einer Liane. Er tropft, völlig 
zubereitet, in grofser Menge aus der Pflanze hervor, 
der man einige Seitenäste abschneidet. Die Pflanze 
heifst hier Veyuco de Guayca. So findet sich in den 
Tropenländern völlig zubereitet und brauchbar, was 
man in unsern Ländern erst durch Kunst bereiten 
mufs. 

Am dritten Tage nach der Abreise von Angostura 
trafen sie in der Cariben -Mission von Cari ein. 
Hier war der Boden weniger zerspalten, als in den 
Llannos von Calabozo. Etliche Regengüsse waren 
gefallen und hatten die Gegend neu belebt. Sic 
fanden hier verschiedene Krauter und grüne Rasen, 
so wie auch einzelne Stämme der Fächerpalme, Rho- 
pala und Malpighia mit glänzenden lederartigen 
Blättern. Wo feuchte Stellen sind, sieht man auch 
die Gruppen der schon oft gerühmten Mauritia -Pal- 
men , die eben jetzt mit ihren rothen schuppigen 
Früchten überladen waren. Die Affen in den Kä- 
figen waren sehr lüstern darnach und machten die 

Ribl. 11 tturh. Reisen. IV. n 



— 1Q4 — 

possierlichsten Sprünge. Die Ebene schien , ver- 
möge der Luftspiegelung, sich wie ein Meer in 
Wellen zu bewegen. Die Palmen schienen in der 
Ferne wie Masten der Schiffe, und vollenden die 
Täuschung , welche den Wanderer an die See 
versetzt. 

Die Mission Cari gehört den Franziskanern des 
Collegiums von Piritu. Unsere Freunde wohnten, 
wie gewöhnlich, im Kloster, d. h. beim Pfarrer. 
Man kann ganz Südamerika durchreisen, wenn man, 
wie diese Männer , mit Empfehlungsschreiben an 
die geistlichen Behörden ausgestattet ist. Der Pfar- 
rer konnte nicht begreifen : » wie Leute aus dem 
europäischen Norden , von den brasilianischen Kü- 
sten durch den Rio Ncgro und Orinoko und nicht 
vielmehr auf dem Küstenwege von Cumana bei ihm 
eintreffen könnten.« Er war jedoch gastfrei , nur 
mufsten die gesammelten Mineralien Gold enthalten, 
und die gesammelten Pflanzen muteten Arzneipflan- 
zen seyn. Man weifs hier die Wissenschaften nur 
in so fern zu schätzen , als sie der Gesellschaft un- 
mittelbaren und in die Augen fallenden Nutzen ge- 
währen. Dem einen ist sie eine himmlische Göttin, 
dem anderen eine tüchtige Kuh, die ihn mit Butter 
versorgt. 

Im Dorfe Cari trafen sie über 5oo Indianer vom 
Stamme der Cariben an. Dieses Volk, das erst vor 
Kurzem sich vom herumstreifenden Leben in feste 
Wohnsitze gefügt hat, unterscheidet sich durch 
körperliche und geistige Kraft von allen Indianern. 



— 195 — 

Nirgend kann man einen Stamm schönerer und co- 
lossalischer gebildeter Männer sehen ; sie sind alle 
5 Fufs 6 Zoll und 5 Fuis 10 Zoll hoch. Die Män- 
ner sind, wie dies in Amerika allgemein der Fall 
ist, mehr bekleidet, als die Weiber. Diese tragen 
nämlich nur das Guajuco, einen schmalen, oft kaum 
2 Zoll breiten Leibgürtel, die Männer sind hingegen 
bis an die Hüfte mit einem schwarzblaucn , grofsen 
Stücke Tuch bekleidet , womit sie an kühlen Aben- 
den auch ihre Achseln bedecken. Ihren Körper be- 
malen sie mit dem im dritten Theile beschriebenen 
Onoto , und so sehen ihre grofsen Gestalten , die 
malerisch drapirt und rolh bemalen sind, bronze- 
nen Statuen gleich. Der Haarschnitt der Männer 
ist für dieses Volk bezeichnend , er ist dem der 
Mönche und Chorknaben auf das genaueste ähnlich. 
Die Stirne wird rasirt , wodurch sie roth erscheint. 
Ein grofser Haarbüschel ist kreisförmig ausgeschnit- 
ten auf dem Scheitel. Diese Art, die Haare zu be- 
schneiden , ist nicht etwa eine Nachahmung der 
Mönche, um ihnen gleich zu sehen, sondern es war 
diese Art, die Haare zu verschneiden, ihnen schon 
eigentümlich, bevor noch Europäer die neue Welt 
betraten. Sie unterschieden sich schon dazumal 
durch diese Art die Ilaare zu verschneiden. Die 
Männer des Cariben - Volkes unterscheiden sich auf 
das Vortheilhafteste von allen Eingebornen, sowohl 
durch schönen Wuchs, als die Begelmäfsigkeit ihrer 
Züge. Sie haben keine so breite und platte Nase 
keine so hervorstehenden Backenknochen und über- 

9* 



— rgö — 

liaupt kein mongolisches Ausseben. Ihre Augen sind 
schwärzer und ausdrueks voller , als bei den übri- 
gen Stämmen von Guiana. Das Färben der Augen- 
braunen , so wie die Sucht, sich schwarze Flecken 
in das Gesicht zu malen, gibt ihnen ein wildes und 
kriegerisches Aussehen. Die Weiber sind weniger 
schön, und sind mehr die Lastthiere der Männer, 
indem sie alle Haus- und Feldarbeit allein besorgen 
müssen. Sie baten sehr dringend um Stecknadeln, 
und befestigten dieselben an den Unterlippen, und 
durchstechen damit die Haut so, dafs der Kopf der 
Nadel in der Mundhöhle bleibt. Sie haben diese 
Gewohnheit noch aus dem wilden Zustande beibe- 
halten Die jungen Mädchen sind mit Onoto be- 
malt, und den Guajuco ausgenommen, völlig nackt. 
Es zeigt sich auch bei dem Begriffe der Nacktheit 
dieselbe Beweglichkeit der Begriffe, welche den 
Menschen überall charakterisirt. In einigen Gegen- 
den Asien's würde der Wohlstand auf das Schreck, 
lichste verletzt werden , wenn auch nur die Finger- 
spitzen einer Frau aus den Gewändern hervorblick- 
ten, während die Caribin sich keineswegs für nackt 
hält, wenn sie nur ein zwei Zoll breites Guajuco um- 
gibt, und die Haut mit Onoto bemalt ist. Ersteres ist 
jedoch nicht so nothwendig, um in guter Caribischer 
Gesellschaft zu erscheinen , als letzteres ; denn die 
Hütte verlassen, ohne mit Onoto bemalt zu seyn, 
würde gegen allen Caribischen Wohlstand verstofsen. 
Es kamen die Vorsteher der Gemeinde , die Go- 
vernador und Alcaldes, um den Fremden ihre Auf- 



— 1()7 — 

merksamkeit zu bezeugen. Sie haben allein das 
Recht, lange Rohre zu tragen. Es fanden sich unter 
ihnen Jünglinge von achtzehn bis zwanzig Jahren, 
da ihre Wahl blos von dem Willen des Missionärs 
abhängt. Dieses mit Onoto bemalte diplomatische 
Caribencorps benahm sich mit demselben Ernste 
und abgemessener Feierlichkeit, wie nur immer in 
Europa. Diese Indianer waren vor der Ankunft der 
Europäer das mächtigste Volk im östlichen Theile 
Amerika's. Sie waren kriegerisch , handeltreibend 
und erobernd. Sie hatten eine ansehnliche Flotte 
und spielten überall die Herren, wo sie hinkamen. 
Selbst die Europäer empfanden ihre furchtbare Macht 
bis in die neuere Zeit. Der Schrecken vor dem Na- 
men Caribe ist selbst bis jetzt noch nicht ganz aus 
den Gliedern der Weifsen verschwunden. Es ist 
wohl keinem Zweifel unterworfen, dafs ohne die 
Dazwischenkunft der weifsen Cariben , die rothen 
in ihrer Cultur fortgeschritten, und für die Ameri- 
kaner dasselbe geworden wären , was die Römer m 
der alten Welt waren. 

überall am Orinoko erinnert man sich noch der 
Einfälle der Cariben. Diese Einfälle erstreckten sich 
von den Quellen des Carony und Erevato bis an 
die Gestade des Ventuari, Atacari und des Rio Negro. 
Auch ihre Sprache war eine von denen , die in die- 
sem Welttheile sich am meisten verbreitet hatte. 
Unter den unzähligen Völkerschaften ( Herr von 
Humboldt führt 200 davon namentlich auf) , die im 
östlichen Amerika zerstreut sind, haben die Caribe» 



— 1Q8 — 

vorzugsweise eine einflufsreiche Rolle gespielt. Ihre 
Geschichte ist jedoch nicht vorhanden. Grofse Reiche 
und wahrhafte Staaten haben sich bis zur Eroberung 
nur auf den westlichen Hochgebirgen eingerichtet. 
Mexiko war eine grofse Monarchie von Freistaaten 
umgeben. In Cundinamarca und in Peru fanden 
sich eigentliche Theokratien , Priesterstaaten, mit 
befestigten Städten, Strafsen und grofsen steinernen 
Denkmälern, das Feudal - System und die Casten- 
einrichtung, Männer- und Frauenklöster , strenge 
Ordensbrüderschaften. Mit allem diesen war auch die 
Zeiteintheilung verbunden , welche den Kalendern, 
Thierkreisen und der Astrologie der Asiaten nicht 
unähnlich war. Alle diese Einrichtungen wurden 
in Amerika jedoch nur auf einer Strecke vom 3o° 
N. B. bis 25° S. B. längs einer Alpenregion gefunden. 
So wie in der alten Welt in der Richtung von Osten 
nach Westen mehrere Völker auf einander bald 
bildend, bald verwüstend folgten, so geschah es 
auch in Amerika in der Richtung von Norden nach 
Süden. Auch hier waren die Gebirge die Leiter; 
aber sie haben auf die Civilisation einen bei weitem 
gröfsern Einflufs geübt, als das Hochgebirg Euro- 
pa's auf das Schicksal der Völker gehabt hat. 

Mitten in den Ebenen des nördlichen Amerika 
hat ein mächtiges Volk, das nicht mehr vorhanden 
ist, kreisförmige, vier- und achteckige Festungs- 
werke angelegt; Mauern erbaut, die 6000 Toisen 
lang sind; Grabhügel errichtet, die 700 bis 800 
Fufs Durchmesser und 140 Fufs Höhe haben. Sie 



— 199 — 

sind thc-ils rund, Laben mehrere Stockwerke und 
enthalten Tausende von Beingerippen , die einer 
weniger schlanken und mehr untersetzten Völker* 
schaft angehören, als die ist, welche jetzt noch 
diese Gegenden bewohnen. Andere Gerippe , wel- 
che in Tücher gehüllt sind, die denen der Südsee- 
Insulaner gleichen, findet man in natürlichen Grot- 
ten, im Staate Kentuky. Man weifs nicht mehr, 
was aus den Völkern geworden ist , die ehemals 
Luisiana bewohnt haben ; die jetzigen Indianer da- 
selbst behaupten eine asiatische Abkunft, und ihr 
ganzes Wesen verrälh den Mongolen. Auch in Süd- 
amerika trifft man aufgeworfene Hügel an, nirgends 
sind sie aber denen am Ohio ähnlich ; aber man 
findet dafür mit Symbolen bedeckte Granitfelsen, 
denen am Orinoko gleich. Auf den westwärts ge- 
legenen Cordilleren scheint zwischen Mexiko und 
Cundinamarca keine Verbindung Statt gefunden zu 
haben , aber die Cariben tragen die Züge fremden 
Ursprunges an sich. 



Zweites Kapitel. 

Bemerkungen über die Cariben. 

Bei den Cariben sind Überlieferungen und Sagen 
vorbanden, welche auf eine vormalige Verbindung 
der Völker beider Amerika's hindeuten, und darum 
verdient dieses Volk besondere Aufmerksamkeit. 
Wie grofs auch die Verwilderung aller Völker, die 



— 200 — 

nicht auf den Anden wohnten , gewesen seyn mag, 
so scheinen doch alle ihren Sagen und Überliefe- 
rungen, Trümmer eines grofsen Schiffbruchs zu 
seyn, den Völker erlitten haben, die bereits die 
ersten Stufen der Civilisation erstiegen hatten. 

Gegenwärtig bewohnt die schöne Nation der Ca- 
ribcn nur einen kleinen Theil der zur Zeit der 
Eroberung Amerika's von ihr bewohnten Landschaf- 
ten. Die durch Europäer verübten Grausamkeiten 
haben dieses Volk von den Antillen und von den 
Küsten von Darien gänzlich vertrieben. Es hat sich 
der Herrschaft der Missionäre unterworfen, und 
bildet nun zahlreiche Dörfer in den Provinzen von 
Neu - Barcellona und Guiana. Die Anzahl derer, 
welche in den Llannos von Piritu an den Gestaden 
des Carony und Cuyuni leben , kann füglich auf 
35,ooo berechnet werden. Zu diesen kommen noch 
die westwärts der cayennischen Gebirge lebenden 
unabhängigen Cariben , mit welchen man annehmen 
kann , dafs hier noch ein Stamm von 40,000 Cariben 
von reiner, unvermischter Art lebe. Dieses ist um 
so wichtiger, weil man von den Cariben , als einem 
erloschenen Stamme gesprochen hat. Man glaubte 
nämlich , die kleinen Antillen seyen die einzigen 
Wohnsitze der Cariben gewesen, und es seyen von 
diesen nur noch versteinerte Knochen auf den klei- 
nen Antillen vorhanden, die Nation selbst aber, wie 
die Guanchen der Canarien , verschwunden. 

Alle Caribcnstämme, die einem Volke angehören, 
bezeichnen sich auch mit demselben Namen. Der 



— 201 — 

Name Caribe kommt aus der Verstümmlung des 
Wortes Calina und Caripuna. Es ist sehr merk- 
würdig, dafs dieser Name, den Columbus aus dem 
Munde der Völker auf der Insel S. Domingo hörte, 
sich auch auf dem Festlande zur Bezeichnung dei~- 
selben Völkerschaft wieder findet. AusCarina oder 
Calina ist Galibi oder Caribi geworden, ein Name, 
den man in Guiana einer Völkerschaft am Cari gibt, 
die kleiner als die Cariben, doch dieselbe Sprache 
reden. Die Inselbewohner dieser Völkerschaft wer- 
den in der Sprache der Männer Calinago, in der 
der Weiber aber Callipinan genannt. Bei den Stäm- 
men der Cariben findet man die Eigenheit der Spra- 
che auf das deutlichste vorherrschen , dafs die bei- 
den Geschlechter eine verschiedene Sprache haben, 
die zwar beide verstehen , deren sich jedoch nur 
der Theil bedient, dem sie von Geschlechts wegen 
zukommt. Diese Sonderbarkeit findet sich bei meh- 
reren Völkern , auch der alten Welt , wo die Wei- 
ber eine vor den Männern gleichsam abgesonderte 
Lebensweise führen. Die Weiber hängen dann fester 
an gewissen Redensarten. Nirgend ist dieser Um- 
stand jedoch so überraschend, wie bei den Cariben. 
Der Grund mag in der mehreren kriegerischen Völ- 
kern gemeinsamen Gewohnheit liegen, bei feindlichen 
Einfällen die Männer alle zu tödten , die Weiber 
aber fortzuführen. Schon Cicero bemerkt , dafs 
die Weiber an gewissen Redensarten fester hängen. 
Die Cariben machten nämlich öfters Einfälle auf den 
Antillen, tödteten die Männer, und verbanden sich 



— 202 — 

mil den Weibern , wodurch denn natürlich fremde 
Worte und Redensarten in die Weibersprache harnen. 
Allein, welche Sprache mufs das seyn, deren Reste 
man in der Weibersprache iindet? Es läfst sich 
nichts mit Gewifsheit bestimmen. 

Aufser dem Namen Cariben wurde ihnen auch 
der Name Cannibalen beigelegt, und Cariben und 
Cannibalen ist bei den frühem Schriftstellern ganz 
gleich bedeutend. Diese Namen bedeuten überhaupt : 
Kraft, Geistesstärke, Weisheit, und nicht, wie 
man gewöhnlich glaubt, Menschenfresser. Man 
weifs , dafs zur Zeit der Eroberung die Zauberer 
der Brasilianer auch Cariben genannt wurden, und 
Herr von Humboldt meint, ob dieses reiselustige 
Volli nicht dieselbe Rolle gespielt habe , wie die 
Caldäer in der alten Welt ? 

Es fragt sich nun, wo die Cannibalen ursprüng- 
lich einheimisch waren, ob auf dem festen Lande 
oder auf den Inseln. Sie selbst erzählen Folgendes : 
Die kleinen Antillen seyen vormals von Aruacas 
bewohnt gewesen, einer kriegerischen Nation, deren 
Reste heut zu Tage noch das ungesunde Land von 
Surinam bewohnen. Diese Aruacas sollen nun auf 
den Antillen, mit Ausnahme der Weiber, von 
den Mündungen des Orinoko kommenden Cari- 
ben vertilgt worden seyn. Sie führen für diese 
Meinung die Sprachähnlichkeit der Cariben und der 
Aruacas an. Allein die Aruacas gehören zu dem- 
selben Volke, wie die Cariben, ob sie gleich Feinde 
sind , und ihre Sprachen sind mit einander so ver- 



— 203 — 

wandt, wie die Griechische und Fersische, die 
Deutsche und das Sanskrit. Nach einer andern Sage 
sind die Cariben von den Aruacas vertrieben wor- 
den. Eine dritte, und zwar die wahrscheinlichste 
Sage läfst die Cariben aus Nordamerika, und zwar 
aus Florida kommen. Der Reisende* Bristok behaup- 
tet, alles gesammelt zu haben, was auf ihren Ur- 
sprung Bezug hat, und erzählt: ein Stamm derCon- 
fachiten habe lange Zeit mit den Apalachiben Krieg 
geführt, diese hätten sodann demselben einen Distrikt 
von Cumana zum Wohnplatze abgetreten, und ihre 
neuen Bundesgenossen, Caraiben, d. i. tapfere Fremd- 
linge , genannt. In Folge sey jedoch zwischen ih- 
nen , der Religion wegen, Streit entstanden, und 
so wären die Caraiben wieder aus Florida vertrie- 
ben worden. Flüchtig kamen sie sodann nach den 
bermudisclien Inseln , und sodann nach den kleinen 
Antillen, endlich seyen sie wieder nach dem Fest- 
landc übergeschifft. Man glaubt , dafs diese Wan- 
derung zwischen dem eilften und zwölften Jahrhun- 
derte unserer Zeitrechnung Statt gefunden habe. 
Während diesen Wanderungen haben die Caraiben 
niemals die grofsen Antillen berührt, deren Bewoh- 
ner übrigens ihren Ursprung aus Florida herleiten. 
Nach dem Zeugnisse der Eroberer waren die Be- 
wohner der grofsen Antillen von den Caraiben ganz 
verschieden. (Washington Jrving, im Leben des 
Columbus , erwähnt sehr oft des Cariben- Häupt- 
lings Caonabo , der als Eroberer auf der Insel San 
Domingo wohnte, und mitten unter den Seinigeu 



gefangen, auf dem Schiffe des Columlus sein Leben 
endete.) 

Da die Cariben zu herrschen seit langer Zeit ge- 
wohnt waren, so ist es ganz natürlich, dafs das Ge- 
fühl ihrer frühern Gröfse ihnen einen Nationalstolz, 
eine Überlegenheit eingeflöfst hat, der in ihren Ma- 
nieren und Reden sich gemeinschaftlich kund gibt. 
»Wir allein nur, wir bilden ein Voll; , die andern 
Menschen sind nur da , um uns zu bedienen.« Ge- 
gen ihre alten Feinde, die Cabren , hegen sie ent- 
schiedene Feindschaft. Herr von Humboldt sah ein 
Kind, als es Cabre genannt wurde, in die gröfste 
Wuth über diesen Schimpf gerathen. Dennoch hatte 
dieses Kind noch nie einen Menschen dieser Nation 
gesehen , von der die Stadt Cabruta ihren Namen 
hat, und die von den Cariben fast ganz vertilgt 
worden ist. Es ist übrigens eine allgemeine Eigen- 
heit der Menschen, National -Namen besiegter Völ- 
ker als Schimpfnamen zu betrachten. 

Der Missionär führte die Reisenden nun in meh- 
rere Hütten, in welchen die gröfste Ordnung und 
Reinlichkeit herrschte. Sie sahen hier mit Weh- 
muth die unvernünftigen Qualen , welchen Mütter 
ihre Kinder von dein zartesten Alter an unterwar- 
fen, und mit welchen sie die Fleischmassen an den 
Beinen , von den Knöcheln bis zum Oberschenkel 
zu vergröfsern bemüht sind. Bandstreifen von Le- 
der oder Baumwollenzeug werden in einer Entfer- 
nung von zwei zu zwei Zoll fester und fester um 
die Beine gewunden, und dadurch die Muskeln in 



— 205 — 

den Zwischenräumen fester angetrieben und zum 
Schwellen gebracht. Obwohl auch unsere Kinder 
in ihren Wickeln und Binden sehr viel leiden , so 
ist doch das nichts gegen die der Cariben , welche 
doch dem Naturzustande noch so nahe sind. Die 
Missionäre können gegen diese thörichte Angewohn- 
heit nichts ausrichten, denn so sehr man von der 
Einfachheit der Naturmenschen fabelt, gibt es nicht 
leicht ein Geschöpf, welches hartnäckiger an seinen 
auf Schmuck und Schönheit und Wohlanstand sich 
beziehenden Gebräuchen hinge , als eben diese so- 
genannten Natur- Menschen. Übrigens scheint die 
Muskelki^aft unter dieser unsinnigen Behandlung gar 
nicht zu leiden, denn es gibt kein Volk , welches 
kräftiger und zum schnellen Laufe mehr geeignet 
wäre , als die Cariben. 

Ein übler Gebrauch, der früher allgemein war, 
ist bei den Cariben - Müttern dennoch abgekommen. 
Wenn schon die Beine wellenförmig gezogen wer- 
den, so pflegen doch die Mission- Cariben - Weiber 
der Llannos ihren Kindern die Köpfe zwischen Bre- 
tern und Kissen nicht mehr platt zu drücken , wie 
solches früher der Fall war. Die Cariben haben 
daher schön gebildete Köpfe mit hohen Stirnen. In 
mehreren europäischen Werken findet man ganz 
platt gedrückte Schädel abgebildet, diese sind künst- 
liche Schädel alter Cariben. Was man für Caribi- 
sche Schädel von St. Vincent ausgibt, und welche 
fast gar keine Stirne haben , sind nichts anders, als 
zwischen Hölzern plattgedrückte Schädel der Zam- 



— 206 — 

Los, welche von Negern und Caribcn abstammen. 
Man findet die Gewohnheit, die Schädel zusammen 
zu drücken , bei vielen Völkern ganz verschiedener 
Abstammung. Sogar im nördlichen Amerika hat 
man sie angetroffen. Gleiche Sitten und Fehler deu- 
ten jedoch nicht auf gleiche Abkunft hin, aufser 
man steigt zum Grofsvater Adam hinauf. 

Wir kommen nun noch auf ein Gerücht, welches 
die Cariben anlangt. Die Haut schaudert dem Eu- 
ropäer bei dem Namen Cannibalen. Denkt man 
sich ein Volk derselben, so zucken die europäischen 
Nerven, indem sie schou den Zahn derselben zu 
fühlen glauben. Kommt man nun mit Herrn von 
Humboldt in dieses Land der Caribcn oder Canni- 
balen , und sieht man hier nun ein schönes, rein- 
liches, arbeitsames Volk, das so ruhig unter dem 
Glockenschalle lebt, so kann man es wohl kaum 
glauben, dafs dieses dieselben Menschenfresser seyre 
sollten, von denen uns unsere Ammen und selbst 
unsere Lehrer so grausenhafte Geschichten zu er- 
zählen wufsten. Anghiera sagt in seiner dem Papste 
Leo X. gewidmeten Reise : »die das Fleisch der Men- 
schen essen, sind neue Menschenfresser, die wir 
Cariben nennen, welche Cannibalen genannt wer- 
den.« Es läfst sich gar nicht zweifeln, dafs die Ca- 
riben , als sie auf den Inseln Sieger waren , sich 
mehr Grausamkeit gegen die Besiegten zu Schulden 
kommen liefsen , wie alle Sieger. Allein gewifs ist. 
dafs die Europäer diese Grausamkeiten auch über- 
trieben haben , indem sie dadurch einen Vorwand 



— 207 — 

zu erhalten meinten , ihre eignen zu rechtfertigen. 
Was nun das Menschenfleisch essen betrifft, so ver- 
sichern alle Missionare am Carony , wie am Nieder- 
Orinoko, einstimmig, dafs unter allen Nationen von 
Guiana, die Cariben - Nation diejenige scy , welche 
am wenigsten geneigt ist, Menschenfleisch zu essen. 
Dieses ist nach ihrer Versicherung sogar mit den 
unabhängigen Nationen der Fall. 

Zu dem Rufe ihrer Wildheit mag wohl folgender 
Umstand beigetragen haben. Als Menschenfresser 
angegeben, erging wider sie 1004 ein Dekret vom 
Könige von Spanien , welches sie zu Sclaven er- 
klärte. Sie vertheidigten sich nun als Helden, mit 
einer Erbitterung , wie nur ein Volk äufsert , das 
alles zu verlieren hat. Schon Christoph Columbus, 
der keineswegs so sanft und menschlich war , wie 
man ihn aus Hafs gegen seine Feinde schildert, gab 
den ersten Gedanken an , gegen diesen Volksstamm 
zu wüthen , der ihm der gefährlichste schien , weil 
er der tapferste war. Später, iÖ20, ward der 
Licentiat Figuero beauftragt, ein Vcrzeichnifs der 
Völker Südamerika^ zu machen, die man zu den 
caraibischen oder cannibalischen zählen könne, oder, 
welche zu den friedlichen Bundesgenossen oder Gua- 
tios gehörten ! Dieses Dekret ist eines der merk- 
würdigsten Aktenstücke zum Belege der Grausam- 
keit der ersten Eroberer. Hier bezeichnete man 
alle , von denen man vorgab , dafs sie nach der 
Schlacht Menschenfleisch genossen hätten , als Ca- 
raiben oder Cannibalen. Sie alle waren nun der 



— 203 — 

Sclaverei preisgegeben, man konnte gegen sie den 
Vertilgungskrieg führen. In diesen blutigen Kriegen 
wiederholte sich nun, was früher unsere tapfern 
Vorältern gegen die Römer in Anwendung brach* 
ten. Man sähe nach dem Tode der Männer die Wei- 
ber sich mit so verzweiflungsvoller Wuth verthei- 
digen , dafs man sie für ein Amazonenvolk halten 
mufste. 

Es gab Dominikaner -Mönche , welche die Drang- 
sale durch ihre Deklamationen gegen diese armen 
Völker verlängerten, wie es Thomas Hortiz that; 
aber bei weitem mehrere erhoben ihre Stimme zu 
Gunsten der Menschheit. Besonders waren es Mön- 
che und Religiösen, die, wie es sich für Christen- 
priester ziemte, sich gegen weltlichen Eigennutz der 
seufzenden Völker annahmen, und sich in Opposi- 
tion gegen das grausame Verfahren setzten. Gomarra 
sagt: »Es ist ein heiliges Gesetz, durch welches der 
Kaiser verbietet, die Indianer zuSclaven zumachen. 
Es ist gerecht, dafs alle Menschen, welche frei zur 
Welt kommen, es auch bleiben, und dafs kei- 
ner des andern Sclave sey. « 

Von der Fähigkeit der Indianer, an ihre Lands- 
leute Reden zu halten, sehen wir besonders die Ca- 
riben Beispiele geben. Herr von Humboldt sah 18 
bis 20jährige Jünglinge , welche die Stelle eines Fis- 
kals in der Mission verwalteten, wie sie lange Re- 
den voll Kraft und Ausdruck hielten, und der Mis- 
sionär versicherte, dafs diese Reden klar, deutlich 
und ohne allen Schwulst seyen. Der Missionär pre- 



— 209 — 

digte sogar caraibisch. Alles zeigt, dafs es ein Volk 
scy , das für Cultur sehr empfänglich ist. An Fest- 
tagen versammelt sich die ganze Gemeinde vor der 
Kirche. Junge Mädchen legen alsdann Büschel von 
Brennholz, Mais, Pisangzweige und andere Lebens- 
mittel , deren der Haushalt bedarf, dem Missionär 
zu Füfsen. Gleichzeitig verrichten der Gouverna- 
dor , Fiskal und Municipal - Beamte ihr Amt. Sie 
sind alle Cariben, ermalmen die Indianer zumFleifse 
und Arbeit , ordnen die Geschäfte für die Woche, 
geben den Trägen Verweise und züchtigen die Un- 
gehorsamen , oftmals mit viel Grausamkeit. Stock- 
schlage werden mit gleicher Unempfindlichheit aus- 
getheilt und empfangen. Wenn der Reisende von 
Angostura kommt, so sieht er die Schläge sehr häufig 
und in starken Portionen austheüen, und zwar an 
Männer und Weiber ohne Unterschied. Es scheint 
einigermafsen den Wohlstand zu verletzen, dafs die 
Missionäre solche Züchtigungen, sogleich wenn sie 
aus der Kirche kommen und noch im vollen Ornate 
sind , vornehmen lassen j oder ist es vielleicht das 
beste Mittel, den Predigten Nachdruck zu geben? 
Es ist übrigens begreiflich, dafs unter Cariben , die 
zu civilisiren sind, solche handgreifliche Beweise 
mitunter zur Erhaltung der Ordnung und des Ge- 
horsams nothwendig seyn mögen, so sehr sich im 
Menschen gegen das Schlagen der Menschen ein ge- 
wisses Gefühl empört. 

Die wilden Cariben leben zwischen den Quellen 
des Orinoko, in einer Art Bundesgesellschaft. Sie 



— 210 — 

sondern sich stolz von allen andern Stämmen ab, 
und fordern auch in den Missionen, dafs man sie 
nicht vermische. Die wilden Cariben stehen unter 
Häuptlingen, deren Ansehen sich von dem Vater 
auf den Sohn forterbt. Der junge Caribe , wel- 
cher sich verehelichen will, wird allerlei Vorberei- 
tungen unterworfen. Er mufs fasten. Man gibt 
ihm die Frucht einiger Euphorbien zum Abführen, 
er wird in den Schwitzkasten eingeschlossen , und 
mufs Arzneien verschlucken , welche die Marirris 
oder Piachis bereiten. Die Marirris sind die be- 
rühmtesten unter allen: Priester, Gauliier und Hcil- 
hünstler zugleich. Sie überliefern einander ihre 
Lehren, Künste und Arzneien. Die Arzneien wer- 
den allezeit mit Händcauflegungen, geheimnifsvollen 
Geberden und Ceremonicn begleitet, welches dem 
Magnetisiren gleichkommt. Herr von Humboldt 
konnte nicht ausmittcln, ob diese Cariben - Priester 
eine eigene Caste ausmachten. In Nordamerika 
nimmt man wahr, dafs die Priester (Shavanocs) alle- 
zeit aus einem Stamme genommen werden. Auch 
die Inkas der Peruaner waren Priesterkönige , und 
nannten sich Söhne der Sonne. So waren auch bei 
den Natchez Sonnenkönige, wie die ältesten Helia- 
den bei den Rhodiern. 

Es ist der Mühe werth , die Cariben genau zu 
kennen; die Missionäre behaupten von ihnen, dafs 
je näher man sie kennen lernt, je mehr auch die 
Vorurtheile schwinden, welche man in Europa gegen 
sie gefafst hat. 



— 211 — 
Drittes Kapitel. 

Abreise von Cari. — Villa del Pao. — Reise nach Neu-Barcellona. — 
Betrachtungen über die Steppen. 

Als sie von Cari abreisen wollten, weigerten sicli 
die indianischen Maulthicrtreiber , Maulthiere für 
das Gepäche unserer Freunde herzugeben. Die Ur- 
sache haben wir schon im vorigen Buche erwähnt. 
Sie hatten nämlich, trotz aller Sorgfalt, die Ge- 
beine der Höhle von Ataruipe gerochen; denn nichts 
entgeht dem Scharfsinne des Cariben. Trotz aller 
Versicherung des Gcgentheils, behaupteten sie fest, 
es wären die Gebeine ihrer Vorfahren, und das 
Maulthier, welches damit beladen würde, müfste 
unfehlbar damit zu Grunde gehen. Es bedurfte der 
ganzen Gewalt des Missionärs, um die Indianer da- 
hin zu bringen , Thiere herzugeben, und die Rei- 
senden weiter zu schaffen. 

Der Rio Cari wurde in einem Boote übersetzt, 
und ein anderer Flufs durchschwömmen. Der be- 
wegliche Sand des Grundes machte den Übergang 
beschwerlich, besonders da der Flufs sehr reifsend 
ist, was in einer so grofsen Ebene, wo die Flüsse 
so wenig Fall haben , befremden mufs. Es hat je- 
doch schon Plinius beim Clitumnus die Bemerkung 
gemacht, dafs der schnelle Fall nicht von der Nei- 
gung des Flusses , sondern vielmehr von der Menge 
und gleichsam von dem eigenen Gewichte des Was- 
sers abhängig sey. 

Bevor sie das Städtchen Pao erreichten, hatten 



— 212 — 

sie zwei ebenso schlechte Nachtlager, wie im Meier- 
hofe zum Cairaan auf der Reise nach Calabozo; näm- 
lich in Matagorda und Riecitos. Sie trafen überall 
gleichförmige Hütten aus Rohr und Thierfcllen, be- 
rittene , mit Lanzen bewaffnete Männer, die ihre 
Heerden hüten ; halbwilde, einfarbige Rindviehheer- 
den , welche die Weido mit Pferden und Maulthie- 
ren theilten. Weder Schafe noch Ziegen werden 
auf diesen unermefslichen Steppen gefunden. In 
den Tropenländern Amerika's gedeihen die Schafe 
nur auf einer Höhe von tausend Toisen , wo keine 
Jaguare diesen kleinen Wiederkäuern gefährlich wer- 
den können. Denn da sie gar keine Waffen haben, 
so werden selbst zahlreiche Heerden durch Katzen 
vertilgt. 

Am i5. Juli trafen sie nun in der Villa Pao ein, 
welche 1744 gegründet wurde, und zum Verkehre 
zwischen Neu-Barcellona und Angostura recht glück- 
lich gelegen ist. Sie liegt unter 8°, 37' 87" JXi Br. 
und 67 , 8' ia" W. L. In den Umgebungen von 
Pao werden, was hier eine Seltenheit ist, einige 
Obstbäume angetroffen , und sogar Cocospalmen, 
die trotz ihrer weiten Entfernung vom Meere , den- 
noch ein recht gesundes und kräftiges Aussehen 
hatten. Hiernach ist es auch begreiflich, wie selbst 
zu Tombuktu, mitten in Afrika, Cocosbäume an- 
zutreffen seyen. Herr von Humboldt sah noch 
öfter, hundert Meilen von den Küsten, mitten in 
den Pflanzungen am Magdalenenstrome, schöne Co- 
cospalmen. 



— 213 — 

In fünf langweiligen Tagreisen gelangten sie von 
Villa del Pao nach Neu - Barcellona. Je mehr sie 
sich dieser Stadt näherten , desto heiterer wurde 
der Himmel , der Boden staubiger , die Hitze 
brennender. Sie durchzogen auch das Dorf Santa 
Cruz de Cachipo, welches eine hieine Cariben-Mis- 
sion mit ungefähr 5oo Seelen ist. Dieses Dörfchen 
liegt auf einem kleinen Plateau , das unter dem Na- 
men Messa de Amana bekannt ist. Sie bildet die 
Wasserscheide zwischen dem Orinoho , dem Quaro- 
piche und dem Küstenlande von Neu- Andalusien. 
Die Erhöhung dieses Plateau ist jedoch unbedeutend. 
Die Cariben wohnten früher meistens zwischen die- 
ser Messa und dem nördlichen Küstenlande, wur- 
den jedoch ihrer feindlichen Einfälle wegen , durch 
den Statthalter von Cumana 1720 nach den Gestaden 
des Unter - Orinoho vertrieben. 

Die ganze Ebene,, ein Raum von 7200 Geviert- 
meilen, besteht aus Secondarformation \ der rothe 
Sandstein mit Überresten von fossilem Holze liegt 
allenthalben zu Tage, bis er weiter östlich von Kalk 
und Gypsformationen bedeckt ist. Diese unermefs- 
liehen Ebenen würden sich auch vortrefflich eignen, 
um Meridiangrade zu messen, und zwar viel besser, 
als alle die Gegenden auf dem Plateau der CordiK 
leren, in Norwegen und überall , wo man bisher 
noch solche Messungen vorgenommen hat. Solche 
Messungen der Meridiangrade gewähren für Wissen- 
schaft und Leben die gröfsten Vortheile. Für die 
Wissenschaft dienen sie zur Erforschung der un- 



— 214 — 

gleichen Abplattungen des Erdkürpers und anderer 
Eigenschaften unscrs Planeten j für das Leben zur 
Verfertigung der Charten, die für die Regierung 
eines jeden Landes von so grofser Wichtigkeit sind. 
Das Dorf Santa Cruz, wo sie den 16. Juli über- 
nachteten, ist, wie schon gesagt, eine Cariben-Mis- 
sion. Sie wohnten beim Missionär, und die Ein- 
sicht in die Kärchenregister überzeugte sie auch hier 
von dem schnellen Wachsthume des Wohlstandes, 
der durch die Einsicht und den Eifer des Missionars 
sehr befördert wurde. Die Hitze hatte in den Step- 
pen einen so hohen Grad erreicht, und die Nächte 
waren so schön, dafs die Reisenden gerne die Nächte 
zu ihren Reisen benutzt hätten. Dieses war jedoch 
der vielen Räuberbanden wegen unmöglich , beson- 
ders da sie unbewaffnet waren. Die Ebenen waren 
mit Räuberschwärmen erfüllt, und sie mordeten 
besonders alle Weifsen, die ihnen in die Hände fie- 
len, mit unerhörter Grausamkeit. Die Rechtspflege 
war unerhört schlecht. Allenthalben waren die Ge- 
fangnisse mit Missethätern angefüllt, über die erst 
nach sechs bis acht Jahren ein Unheil gefällt wird. Vie- 
len darunter gelingt es sich durch Flucht zu befreien, 
und die menschenleeren Llannos gewähren ihnen 
Sicherheit und Nahrung. Sie treiben ihr Räuber- 
gewerbe, wie die Reduinen, beritten. Die Gefäng- 
nisse sind sehr ungesund , und diese Ungesundheit 
würde alle wegraffen, wenn sie sich nicht durch die 
Flucht retteten. Schon oben haben wir gehört, dafs 
selbst das nach langem Zögern von der Audicncia 



— 215 — 

zu Caracas gefällte Todesurtheil aus Mangel eines 
Scharfrichters nicht vollzogen werden tonnte , wo 
dem dann Gnade ertheilt wird, der die Hinrichtung 
der übrigen Verurtheilten übernimmt. 

Die Führer erzählten Herrn von Humboldt, dafs 
kurze Zeit vor ihrer Ankunft in Amerika ein Zambo, 
welcher durch besondere Rohheit und Entartung 
ausgezeichnet war, den Entschlufs gefafst habe, sich 
durch Übernahme des Henkergeschäfts der Strafe 
zu entziehen. Als er jedoch die Zurüstungen zu den 
Hinrichtungen sah , wurde sein Entschlufs erschüt- 
tert; er entsetzte sich über sich selbst, und zog 
den Tod demÜbermafse der Schande vor, die durch 
eine solche Lebensrettung ihn treffen mufste. Er 
bat, dafs man ihm die bereits abgenommenen Ket- 
ten wieder anlegen möge. Seine Haft dauerte je- 
doch nicht mehr lange , weil die Niederträchtigkeit 
eines Mitschuldigen die Vollziehung seiner Strafe be- 
wirkte. Ein solches Erwachen der Seele eines Mör- 
ders ist eine Sache, die das Nachdenken des Psy- 
chologen verdient. Derselbe Mensch , welcher als 
Raubmörder der Reisenden in der Steppe oftmals 
Blut vergossen hatte, schauderte vor dem Gedanken 
zurück, sich zum Werkzeuge der Gerechtigkeit zu 
machen , und eine Strafe an Andern zu vollziehen, 
die er selbst verdient zu haben fühlt. Er, der um 
elenden Raub willen mordete , will lieber sein Le- 
ben verlieren, als das Blut seiner Mitverbrecher 
vergiefsen. Ist dieses nicht die instinktmäfsige Ge- 
walt des Gewissens? 



— 21Ö — 

Wenn jedoch die Llannos schon in friedlichen 
Zeiten , in welchen Herr von Humboldt und Bon- 
pland dieselben besuchten , die Zufluchtsstätten der 
Missethater gewesen waren , die irgend ein Ver- 
brechen in den Missionen am Orinoko begangen oder 
aus den Gefängnissen sich geflüchtet hatten , wie 
mag es da wohl in diesen Steppen jetzt beschaffen 
se) T n , wo sie der Schauplatz der Bürgerkriege ge- 
worden sind? Die ungeheure Ausdehnung des Rau- 
mes gewährt dem Flüchtigen Straflosigkeit. Man 
verbirgt sich leichter in den Savanen , als in un- 
sern Wäldern, und alle die Kunstgriffe einer euro- 
päischen Polizei scheitern da, wo es zwar Reisende 
gibt, aber keine Strafsenj Heerden , aber keine 
Hirten, und die Meiereien so vereinzelt sind, dafs 
man, trotz der Luftspiegelung, ganze Tage reisen 
kann , ohne auch nur eine einzige im Horizonte 
zu erblicken. 

Herr von Humboldt wirft nun die so äufserst in- 
teressante Frage auf: ob es der Cultur wohl jemals 
gelingen würde , diese ungeheuren Steppen und 
Ebenen der menschlichen Cultur zu unterwerfen, 
oder ob sie immer zu nichts andern, als Viehweiden 
verwendet werden könnten? Jetzt sind sie wahre 
Hindernisse des Fortschreitens des Ackerbaues und 
mit diesem auch der Givilisation. Sie hindern den 
Ackerbau, sich von Venezuela nach Guiana und von 
Potosi aus sich Buenos- Ay res zu nähern. Die Step- 
penbewohner sind immer und überall roher, als 
diejenigen , welche urbares Land bewohnen. Aus 



— 217 — 

demselben Grunde geschieht es aber auch, dafs der 
Krieg sich gern in die Ebene zieht. Auch bei den 
Unabhängigkeits- Kriegen waren dieLlannos und die 
Pampas der Schauplatz der sich bekriegenden Par- 
teien , und die Einwohner von Calabozo haben bei- 
nahe vor ihren Mauern das Schicksal Columbien's 
entscheiden gesehen. Die Steppen sind daher für 
das Land selbst von der gröfsten Wichtigkeit. Von 
Kriegsheeren werden dieselben mit der gröfsten 
Leichtigkeit durchzogen, indem diese allenthalben 
einen grofsen Übcrflufs an Pferden und Hornvieh, 
mithin an Transport und Lebensmitteln antreffen. 

Nirgends findet man aber auch verschiedenartige 
Eigenschaften des Bodens und Klima so nahe bei- 
sammen. Die Gebirge sind kalt bis zum ewigen 
Schnee, die Ebenen heifs. Daher der Unterschied 
der Tieras calientes und der Tieras fria , deren Be- 
wohner verschieden sind an Sitten , Cultur und Nei- 
gung. Diese Gegensätze werden jedoch nur sehr 
langsam verschwinden, und Jahrhunderte werden 
vorübergehen , bis die Wälder Guianas gelichtet 
werden. Die Natur setzt hier mächtige Hindernisse 
entgegen , und selbst die schwer zu lüftenden Wäl- 
der werden leichter menschlicher Gewalt weichen, 
als die Steppen sich dem Ackerbaue unterwerfen. 
W T as in den vereinigten Staaten so schnell vor sich 
gegangen ist, wird hier nicht so leicht gelingen. 
Die gut bewässerten Savanen Nord- Amerika's wer- 
den von den Steppen Süd- Amerika's an Ausdehnung, 
Trockenheit und Dürre bei weitem übertreffen. 

Bibl. natuih. Reisen. IV. 10 



— 218 — 

Schon die Wälder Guianas sind schwer anzubauen, 
weil die Baumstämme, von 8 bis 10 Fufs Durchmes- 
ser , unter der Axt nur schwer fallen , ein ausneh- 
mend hartes Holz von dem ewigen Regen besitzen, 
und selbst mit dem Beile gefällt, sich an andere 
Baumstämme anhängen , und durch die Schlingpflan- 
zen gleichsam schwebend erhalten werden. Noch 
schwerer dürfte jedoch der allgemeine Anbau der 
Llannos werden. Übrigens zweifeln die Colonisten 
nicht, dals es gelingen werde, auch die Ebenen dem 
Ackerbaue au unterwerfen. Die Hindernisse sind 
freilich grofs , allein die wenigen Flüsse können zur 
künstlichen Bewässerung benutzt werden, ihre grofse 
Ausdehnung kann dureh eine grofse Volksmenge, 
ihre Unfruchtbarkeit durch den Fleifs derselben 
überwunden werden. Jetzt ist freilich noch nicht 
an ihre Urbarmachung zu denken j indessen haben 
Versuche um Calabozo und Pao bewiesen, dafs der 
Boden keineswegs ungeneigt sey, Bäume hervorzur 
bringen. Überall, wo Gebüsche von Mauritia - PaU 
men stehen , ist auch fruchtbares Erdreich , und 
wenn es gewifs ist, dafs dieses Buschwerk den feuchr 
ten Stellen sein Daseyn verdankt, so ist nichts desto 
weniger eben so gewifs, dafs die Bäume die frucht- 
baren Oasen vergröfsern helfen, in einem Lande, 
das seine Pflanzendecke durch eine uns unbekannte 
Catastrophe verloren hat. Jetzt ist es freilich der 
Fall, dafs diejenigen Colonisten, welche sich aus 
den angebauten Küstenländern in die Llannos be- 
geben , in der Civilisation einen Rückschritt thun, 



— 219 — 

indem die Steppenbewohner auch hier, wie überall 
in der Welt, an Bildung den Bergbewohnern nach- 
stehen. Allein defswegen darf man gar nicht zwei- 
feln , dafs es nicht einer zahlreichen Bevölkerung 
im Laufe der Jahrhunderte gelingen werde , auch 
diese Ebenen zu bevölkern und dem Ackerbaue zu 
unterwerfen. Eine gute Regierung und ein fleifsiges, 
zahlreiches Volk (z. B. 20 Millionen Deutsche) wür- 
den sogar Sahara, die grofse Sandwüste Afrika's, in 
ein Paradies verwandeln. 

Wie wichtig die Llannos von Caracas in militäri- 
scher Hinsicht sind, ist schon erwähnt worden, und 
ein Feind , der an den Quellen des Orinoko landete 
und durch die Llannos einbräche, würde dem blü- 
hendsten Theile Columbiens äufserst furchtbar wer- 
den. Von den Llannos aus könnte er das blühende 
Küstenland von Cumana, Caracas und Neu -Granada 
heftig beunruhigen ; im Falle eines Rückzuges im- 
mer in den Ebenen Zuflucht, Lebens- und Trans- 
port-Mittel finden, und so in ihrem Besitze Herr 
des Landes bleiben. Die spanische Regierung hat 
sehr viel auf die Befestigung der Nordküste Vene- 
zuela^, von Cumana bis Barcellona, verwendet; der 
militärisch wichtige Punkt sind jedoch die West- 
küsten und die Mündungen des Orinoko. Die Not- 
wendigkeit, diese Küsten zu bevölkern und durch 
feste Städte zu vertheidigen , wie auch sich gegen 
eine Hirtenbevölkerung, deren Geneigtheit zum 
Kriege und zu Unruhen bekannt ist , sicher zu stel- 
len , müssen eine aufgeklärte Regierung bewegen, 

10* 



— 220 — 

der Cultivirung der Steppen allen möglichen Vor- 
schub KU leisten. Mit der landwirtschaftlichen Be- 
triebsamkeit werden alsdann auch mildere Sitten 
sich einfinden, und wenn auch nicht überall, so 
werden sich doch an den Ufern der Flüsse feste 
und bequeme Wohnsitze einer humanen Bevölkerung 
erheben» 



Viertes Kapitel. 

Erscheinungen in den Liannos. — Neu-Barcellona- — Aufenthalt 
daselbst. — Ausflüge. 

Nach dreitägiger Reise bekamen sie endlich wie- 
der die Bergkette von Cumana zu Gesicht, welche 
die Liannos, oder wie man hier sagt: das grofse 
Meer von grünem Grase von den Küsten des An- 
tillenmeeres trennt. Wenn der Brigantin über 800 
Toisen Höhe hat, so müfste derselbe auf einer Ent- 
fernung von 27 Seemeilen zu sehen sevn. Allein 
die Beschaffenheit der Atmosphäre entzog den An- 
blick dieses Berges noch lange. Endlich zeigte sich 
eine Nebelschichte in der Entfernung; allmählich 
schien sich die Dunstwolke zu vergröfsern , zu ver- 
dichten, und alle Erscheinungen , die sich dem See- 
fahrer bei Annäherung der Küsten darbieten, sind 
hier ebenfalls zu bemerken , wenn man aus der 
Steppe kommt. Endlich schien das Himmelsgewölbe 
nicht mehr auf den Ebenen zu ruhen , sondern ge- 
gen Norden begrenzt zu werden. 



— 22 1 — 

Der Llanncro ist nur dann glücklich, wenn er 
rings um sich freie Aussicht hat. Was wir ein flach- 
hügeliges Land nennen , mit Wald und Thalern be- 
setzt, das ist in seinen Augen ein scheufsliches Land, 
voll Berge. Daher sind die Begriffe von Berg und 
Ebene, in Bezug auf ein Land, sehr relativ. Nach 
einem Aufenthalte mehrerer Monate am Orinoko in 
seinen dichten Wäldern , wo man sich gewöhnte, 
sobald man vom Strome entfernt ist, die Gestirne 
nur noch mehr am Zenith , wie aus einer Gruben- 
öffnung , zu betrachten , hat eine Wanderung durch 
die Steppen etwas Freundliches, Angenehmes, und 
man geniefst mit den Lianneros das Glück , frei um 
sich schauen zu können. Dieser Genufs ist jedoch 
von kurzer Dauer. Unstreitig liegt etwas Ernstes 
und Imponirendes in dem Anblicke eines Horizonts, 
der sich, so weit das Auge reichen mag, ausdehnt. 
Wir bewundern dieses Schauspiel , sey es auf dem 
Gipfel der Anden, sey es mitten auf dem Meere 
oder in der Steppe. Es ergreift uns das Gefühl von 
des Raumes Unendlichkeit, und erhebt die Seele 
derer, die an Begriffen einer höhern Ordnung und. 
der Buhe eines einsamen Nachdenkens Vergnügen 
linden. An jedem Orte gewährt dieser unermefs- 
liche Anblick einen eigenen Genufs. Vorn Gipfel 
eines hohen Berges erfreut uns die Mannigfaltigkeit 
des menschlichen Treibens, auf das wir blicken; 
auf der See ist die belebte und bewegliche Wasser- 
fläche mit ihrem dunkeln Blau und ihrer Menge le- 
bender Geschöpfe, welche eine lange Seereise kürzt. 



— 222 — 

Die einen grofsen Theil des Jahres hindurch stau- 
bige und zerrissene Steppe macht hingegen einen 
traurigen ur.d ermüdenden Eindruck, und ist "man 
nach acht- bis zehntägiger Wanderung einmal an die 
Luftspiegelung und das glänzende Grün der einzel- 
nen Mauritia -Büsche gewöhnt, so fühlt man das 
Bcdürfnifs mannigfaltiger Eindrücke , und freut sich 
herzlich , wieder in Gegenden zu gelangen , wo die 
grofsen Bäume der Tropenländcr , die stürzenden 
Ströme und die fleifsig bearbeiteten Rüsten den 
Eitel des Einerlei in uns verwischen. 

Die Ebene Südamerika's umfafst 98,000 Quadrat- 
Meilen, die Wüste Sahara 194,000 Quadrat- Meilen. 
Beide Ebenen liegen in der heifsen Zone. Wür- 
den sie. noch ausgedehnter seyn, so nähmen sie 
den Landstrich ein, durch welchen ein grofser Theil 
der schönsten Erzeugnisse der Tropenländer ver- 
loren ginge. Die Heiden des Nordens und die 
Steppen an der Wolga können nicht ärmer an Pflan- 
zen und Thierarten seyn, als diese Ebene unter 
dem schönsten Himmelsstriche der Erde , in dem 
Klima der Brotfruchtbäume und der Pisang. Bei 
der Armuth an Pflanzenreichthum erinnern nur des 
Nachts die schönen Sternbilder des Südens den Rei- 
senden , dafs er sich in den Tropenländcrn befindet. 
In den Ebenen der neuen Welt findet man auch 
keineswegs die Granitblöcke zerstreut, womit die 
nordischen Ebenen bedeckt sind, nämlich diejenigen 
der baltischen Ebenen. Man glaubt nun mit Gc- 
wifsheit, dafs diese Granitblöcke Trümmer eines 



— 225 — 

'zerstörten Urgeblrgcs sind , das auf der scandinavi- 
sthen Halbinsel zerstört wurde, und durch eine un- 
bekannte Revolution seine Trümmer in die Ebenen 
Deutschlands geworfen hat. Hier in Amerika ist 
nichts dergleichen zu finden, obwohl sie von Urgc- 
birgen umgrenzt sind, die in ihren ausgezackten 
Gipfeln die Spuren gewaltsamer Zerstörung nicht 
verläugnen. Man findet auch nicht ein Steinchen, 
und es scheint diese Erscheinung in ganz Südamerika 
sich zu wiederholen, und wahrscheinlich auch in 
Afrika's Ebene. Die Granitblöcke des Nordens schei- 
nen daher durch eine ganz eigene, gewaltige Was- 
serfluth in die Ebenen geworfen zu seyn. (Wie wenn 
die ganze Ebene eine Ausfüllung eines Meerbusens 
durch ein vom Erdbeben zerstörtes Urgebirg wäre? 
Die Erdbeben der Vorwelt können nicht nach denen 
bemessen werden, die wir erleben.) 

Am 23. Juli langten unsere durchnäfsten , ver- 
brannten uud allen Beschwerden glücklich entkom- 
menen Freunde in Neu-Barcellona an. Die seit 
lange gewohnte Hitze hatte sie nie so sehr belästigt, 
als die Sandwinde , deren anhaltende Wirkung 
schmerzhafte Risse und Spalten in der Haut verur- 
sacht hatten. Sieben Monate zuvor hatten sie hier 
gelandet, und bei Herrn Lavie gefällige Aufnahme 
gefunden. Der Hausvater war damals gefangen, 
weil er beschuldigt wurde, dem unglücklichen Es- 
panna , der als Staatsverbrecher geächtet und spä- 
ter in Caracas hingerichtet worden war, Aufenthalt 
gewährt zu haben. Jetzt war er frei , und unsere 



— 224 — 

Reisenden hatten die Freude, denjenigen in seiner 
Familie sehen zu können , dem sie früher im Ge- 
fängnisse Besuche abgestattet hatten. Übrigens hatte 
die erlittene Behandlung seine Gesundheit dermafsen 
untergraben, dafs er die neuesten Ereignisse , die 
seinem Vaterlande Selbstständigkeit gaben , nicH 
mehr erlebte. 

Neu • Barccllona ist ein wichtiger Handelsplatz. 
Die Stadt wurde 1687 von dem catalonischen Er- 
oberer Juan Urp in gegründet; 1790 hatte sie 10,000, 
und im Jahre 1800 16,000 Einwohner. Man liattc 
an der Mündung des Rio Ncveri i588 eine indiani- 
sche Stadt gebaut, die den Namen St. Christoval de 
las Cumanagotos führte. Die Bewohner waren lau- 
ter Eingeborne, aus den Salinen von Apaicuare da- 
hin gekommen. 16^7 erbaute Juan Urpin zwei Mei- 
len landeinwärts die spanische Stadt Neu - Barcel- 
lona. Beide Städte lebten neben einander 3+ Jahre 
lang im Streite , bis 1671 der Gouverneur Angulo 
sie beredete, sich in einer dritten Stadt dein nun- 
mehrigen Neu - Barccllona zu vereinigen. Diese 
Stadt liegt nun unter io°, 6' 02" N. Br. 

Die alte Stadt Cumanagoto ist berühmt durch ein 
wundtrthätiges Bild der heiligen Jungfrau, das, nach 
Angabe der Indianer, in dem hohlen Stamme eines 
Tutumo oder Crescentia Cujete gefunden ward. Das 
Mutter- Gottesbild ward in Procession nach Neu- 
Barcellona gebracht; jedes Mal jedoch, wenn der 
Clerus mit den Bewohnern der neuen Stadt unzu- 
frieden zu seyn Ursache hatte, entfloh das Bild nacht- 



Heber Weile aus der Stadt, und kehrte in den Baum- 
stamm zurück an die Ausmündung des Flusses. Die« 
ses beunruhigende Wunder hörte nicht eher auf, 
bis ein grofses Kloster für die Franziskaner und das 
Bild erbaut ward. 

Das Klima von Neu - Barcellona ist nicht so heifs, 
wie das von Cumana , hingegen feucht, und in der 
Regenzeit etwas ungesund. Herr Bonpland hatte 
die beschwerliche Reise durch die Llannos recht 
gut ausgehalten, und mit seinen Kräften seine Thä- 
tigkeit wieder erlangt. Herr von Humboldt fühlte 
sich jedoch in Neu - Barcellona übler, als in Ango- 
stura. Einer jener Tropenregen, wo bei Sonnen- 
untergang. Tropfen von aufscrordcntlicher Gröfse, 
einzeln in bedeutenden Zwischenräumen niederfallen, 
hatte ihm ein Ubelseyn verursacht, das einen An- 
fall von Typbus, der damals auf der Küste herrschte, 
befürchten liels. Sie verweilten daher einen Monat 
in Neu - Barcellona , und genossen daselbst aller 
Liebe und Sorgfalt, welche die zuvorkommendste 
Freundschaft zu leisten vermag. Hier fanden sie 
auch jenen Ordensmann aus Cumana wieder, Franz 
Juan Gonzalez , der früher schon auf die oben er- 
wähnte Art den Orinoko bereist hatte. Er be- 
dauerte die Kürze der Zeit, welche die Reisenden 
auf die Untersuchung jenes unbekannten Landes hat- 
ten verwenden können. Er betrachtete mit der in- 
nigsten Theilnahme die Pflanzen und Thiere, wel- 
che sie mitgebracht hatten. Er hatte beschlossen, 
nach Europa zurückzukehren , und die Reisenden 



— 226 — 

nach der Insel Cuba zu begleiten. Sie waren sie- 
ben Monate nun beisammen mit diesem muntern, 
geistreichen und dienstfertigen Ordensmanne , und 
Niemand ahnte wohl das Unglück , welches seiner 
wartete. Er hatte einen Theil der Sammlungen mit- 
genommen j ein Knabe ward ihm anvertraut, der in 
Spanien erzogen werden sollte; die Sammlungen, 
das Kind, der junge Ordensmann, alles ward eine 
Beute der Wellen , von denen sie verschlungen 
wurden. 

Südostwärts von Neu - Barcellona > in der Ent. 
fernung von zwei Meilen, erhebt sich eine sehr hohe 
Bergkette , die an den Brigantin gelehnt ist. Der 
Ort ist unter dem Namen der heifsen Wasser be- 
kannt. Als sich Herr von Humboldt wieder besser 
befand , machten sie einen Ausflug dahin , an einem 
kühlen, neblichten Morgen. Die schwefelhaltigen 
warmen Wasser kommen aus quarzigem Sandsteine, 
der auf Kalkstein aulliegt. Die Temperatur des 
Wassers beträgt nur 43°, 2 Centesimal-Theile, wäh- 
rend die Atmosphäre 27 beträgt. Anfänglich rinnt 
es in einer Länge von 4° Toisen über die felsige 
Bodenfläche , alsdann stürzt es sich in eine natür- 
liche Grotte, aus der es durch den Kalkstein am 
Fufse des Berges, am linken Ufer des kleinen Flus- 
ses Nariqual hervorquillt. 

Die mit der Atmosphäre in Berührung stehenden 
Quellen liefern einen beträchtlichen Schwefelnieder- 
schlag. Die Schwefelwasscr von San Juan , die, 
gleich jenen von Brigantin, aus dem Kalkgebirg her- 



— 227 — * 

vorkommen , zeigen auch nur eine schwache Tem- 
peratur, nämlich 3i°, 3, während diejenigen in der 
nämlichen Region von Mariara und von Trinchera, 
die eine 58°, 9, die andere 90 , 4 Temperatur be- 
sitzen. Man könnte glauben, die Wärme , welche 
die Quellen im Innern der Erde erhalten haben, 
nehmen in dem Verhältnisse ab, wie sie vom Urge- 
birge in die auf diesem aufliegenden Secondärfor- 
mationen übergehen. 

Der Ausflug hatte etwas sehr Unangenehmes in 
seiner Begleitung, Der gefällige Wirth hatte für die 
geliebten Gäste seine schönsten Reitpferde hergege- 
ben. Sie wurden zu gleicher Zeit gewarnt, den 
kleinen Flufs Nariqual ja nicht zu durchreiten. Sie 
machten daher ihren Übergang auf einer kleinen 
Brücke aus neben einander liegenden Baumstämmen, 
und liefsen die Pferde am Zaume schwimmen. Das- 
jenige , welches Herr von Humboldt geritten hatte, 
verschwand plötzlich 5 sie sahen, dafs es unter dem 
Wasser eine W T eile umherschlug, aber es war ver- 
loren , ohne die Ursache dieses Ereignisses zu er- 
fahren. Die Führer meinten , das Thier sey durch 
die häufigen hier befindlichen Caymans bei den Füs- 
sen gepackt worden. Herr von Humboldt befand 
sich nun in der gröfsten Verlegenheit. Bei der Ge- 
fälligkeit, demReichthume und Zartgefühle ihresWir« 
thes war nicht daran zu denken , Ersatz zu leisten. 
Herr Lavie suchte sie aus der Verlegenheit zu zie- 
hen , indem er die Leichtigkeit, mit der er schöne 
Pferde aus der Savane erhalte, übertrieb. 



— 228 — 

Die Krokodillc vom Rio Neveri sind grofs und 
zahlreich, besonders in der Nähe der Ausmündung 
des Flusses. Sie nehmen sogar mit Pferden vorlieb. 
Ihr Naturell ist jedoch milder, als derjenigen vom 
Orinoko. (Ob sich übrigens meine jungen Freunde, 
die dieses lesen , der Milde eines solchen Pferde- 
bändigers anvertrauen mögen , stelle ich ihnen an- 
heim.) Die Wildheit dieser Thiere bietet in Ame- 
rika- dieselben "Widersprüche dar, wie in Egypten 
undNubien , und wie solche aus aufmerksamer Ver- 
gleichung der Erzählungen des unglücklichen Burk- 
havdt sowohl , als des Herrn Belzoni hervorgehen. 
Der Culturzustand der verschiedenen Lander , und 
die Verhältnisse der Bevölkerung in der Nähe der 
Flüsse bringen auch wesentliche Veränderungen in 
der Lebensart dieser Eidechsen hervor, die auf 
trocknem Lande furchtsam sind, und selbst im Was- 
ser, wofern sie sattsame Nahrung haben, und der 
Angriff mit einiger Gefahr verbunden ist, den Men- 
schen fliehen. (Sind denn aber wirklich die zahmen 
P»rokodille dieselben, welche die wilden sind ? oder 
sind es nicht vielmehr verschiedene Arten? Neuere 
Naturforscher wollen im Nile wirklich mehrere Ar- 
ten bemerkt haben , von denen einige reifsend , an- 
dere ganz unschädlich sind.) 

In Neu- Barcellona wenden die Indianer ein ei- 
genes Verfahren an , um ihr Holz zu Markte zu 
bringen. Die grofsen Scheiter und Klötze werden 
in den Flufs geworfen, dessen Strömung sie fort- 
führt. Die Eigenthümer des Holzes begleiten sie, 



— 22Q — 

und schwimmen, wo es nöthig ist, um die Kahl rei- 
chen Stücke, die in Buchten hängen bleiben, wie. 
der los zu machen. In andern amerikanischen Flüs- 
sen , wo Krokodille sind, dürfte man ein solches 
Verfahren nicht wagen. Die Stadt Neu - Barcellona 
besitzt nicht, wie Cumana, eine indianische Vorstadt, 
und die wenigen Eingebornen , die man zu sehen 
bekommt, sind aus den benachbarten Missionen oder 
aus den in der Nähe zerstreuten Hütten. Es sind 
keine Cariben, sondern Cumanagoten, Palenken und 
Piritu's, kleine untersetzte Menschen, meist Müfsig- 
gänger und Trunkenbolde. Der gegohrne Manioc 
ist ihr Lieblingsgetränk, denn der Palmenwein findet 
sich an den Küsten beinahe gar nicht. Sonderbar ! 
dafs die Sucht, sich zu berauschen, unter allen Him- 
melsstrichen den Menschen entehrt. Nicht nur alle 
Pflanzen , sondern sogar giftige Blätterschwämme 
(Amarita muscaria) werden zu solchen abscheulichen 
Zwecken benutzt. Und die Koriäkcn trinken diesen 
Saft, und wie tief kann Trunksucht den Menschen 
entehren ! sie lassen ihn öfter durch den Leib ge- 
hen, nur um öfter sich berauschen zu können. Die- 
ser Blätterschwamm verursacht ein fünf Tage lang 
anhaltendes Zittern des Körpers. Wahrlich so lange 
die Menschen nicht auf Mittel gerathen , sich der 
Trunksucht zu entschlagen, so lange die entehrende 
Gewohnheit, sich zu berauschen, die Gesellschaft 
befleckt, ist weder an Civilisation noch Humanität, 
am allerwenigsten aber an Treue und Glauben, an 
den Fortbestand der bürgerlichen Gesellschaft zu 



— 230 — 

denken. Der nüchterne Mensch ist ruhig , fleifsig, 
fromm, vernünftig und treu. Der Trunkenbold hat 
auf alle Tugenden Verzicht geleistet. Indem er sich 
der Ehre, Mensch zu seyn , beraubt hat, so dafs 
sich seiner Genossenschaft auch das Thier schämen 
würde , hat er auch zugleich jeder Tugend entsagt, 
welche den Menschen ziert. Kicht nur selbst un- 
fähig zum Guten, ist er feil jedem Laster, das 
mit Befriedigung seiner abscheulichen Sucht bezahlt 
wird. 



Fünftes Kapitel. 

Reise nach Cumana. — Aufenthalt daselbst. — Abreise nach der 
Havannah. 

Da seit drei Monaten die Packetboote ausge 
blieben waren , so muthmafste man , sie seyen von 
den Engländern genommen worden. Indem es jedoch 
für die Reisenden wichtig war, Cumana zu errei- 
chen, um mit erster Gelegenheit nach Veracruz ab- 
zugeben, so mietheten sie am 6. August 1800 ein 
offenes Boot oder Lancba, wie man sie hier nennt. 
Da die See hier meist ruhig ist, so bedient man 
sich häufig solcher Lanchen. Diese Lancha war mit 
Cacao beladen, um ihn nach der Insel Trinidad ein- 
zuschmuggeln , wefshalb der Patron des Fahrzeugs 
auch nichts von den englischen Schiffen besorgte, 
welche damals alle spanischen Häfen blokirten. 

Sie schifften nun ihre Sammlungen und Instru- 



— 231 — 

mente ein, und fuhren den Rio Neveri hinab, um 
nach Cumana zu gelangen. Kaum waren sie jedoch 
in den schmalen Canal gelangt, der das Festland 
von den Felsen - Inseln la Boracba und Chimanas 
trennt, so begegneten sie auch, zu ihrem nicht ge- 
ringen Erstaunen , einem bewaffneten Fahrzeuge, 
welches mit Flintenschüssen ihnen still zu stehen 
befahl. Es waren dies Matrosen , die einem Corsa- 
ren von Halifax gehörten. Unter den Matrosen be- 
fand sich auch ein aus Memel gebürtiger Preufse, 
den Herr von Humboldt an seiner Physiognomie und 
Stimme erkannte. Obwohl die deutschen Töne in 
so fernen Landen und nach so langer Zeit lieblich 
in die Ohren des Herrn von Humboldt tönten , so 
hätte er doch seinen Landsmann lieber bei einer an- 
dern Gelegenheit begrüfst. Trotz aller Protestatio- 
nen mufste man auf den Corsaren wandern , der die 
Pässe , welche der Gouverneur von Trinidad den 
Schmugglern ausstellte , nicht kennen wollte, und 
alles sammt und sonder für gute Prise erklärte. 

Herr von Humboldt trat nun mit dem Capitän 
in Unterhandlung, um nicht .nach Neu- Schottland 
gebracht zu werden, und bat, auf der benachbarten 
Küste ausgesetzt zu werden. Allein während Herr 
von Humboldt die Rechte des Bootes vertheidigte, 
brach auf dem Verdecke plötzlich Lärm aus; dem 
Capitän ward leise Bericht erstattet, und dieser 
schien davon eben nicht sehr erbaut zu seyn, in 
welcher Stimmung er Herrn von Humboldt sogleich 
verliefs. 



— 232 — 

Die Sccne änderte sich nun. Eine englische Cor- 
vetle hatte in diesen Wässern gekreuzt, den See- 
räuber ersehen, ihm Halt zugerufen, und da er, wie 
alle Räuber, nicht halten wollte, eine runde Bot- 
schaft aus einer Kanonenröhre abgesandt , die ihn 
sogleich zum Stehen brachte. Die englische Cor- 
vettc hatte nun einen Seecadetten an Bord gesandt, 
der ein höflicher junger Mann war, und sogleich 
Hoffnung machte , dafs das Boot frei gelassen wer- 
den würde, damit sie am folgenden Tage ihre Fahrt 
fortsetzen könnten. Er schlug auch Herrn von Hum- 
boldt vor , ihn auf die Corvettc zu begleiten, wo 
der Capitän ihn ein angenehmeres Nachtlager, als 
der Halifax , anbieten w ürden. 

Herr von Humboldt nahm den Antrag an, und 
der Capitän erwies ihm Höflichkeiten aller Art. Er 
hatte mit Vancouver die Reise nach der Nordwest - 
huste Amerika's gemacht, und äufsertc lebhafte Theil- 
nahme für alles , was Herr von Humboldt über die 
Cataracten des Orinoko und den Amazonenstrom 
erzählte. Es waren auch mehrere OfTiciere am Bord, 
die mit Lord Marcartney in China gewesen waren; 
die Gesellschaft bestand also aus vielen kenntnifs- 
rcichen Personen, und war sehr angenehm. Da man 
durch die englischen Zeitungen von des Herrn von 
Humboldts Reise unterrichtet war, so behandelte 
man ihn sehr vertraulich, und wies ihm ein Nacht- 
lager im Zimmer des Commandanten an. Beim Ab- 
schiede schenkte man ihm auch einen Jahrgang astro- 
nomischer Ephemeriden, die für Herrn von Hum- 



— 233 — 

boldt von sehr grofser Wichtigkeit waren. Nach 
langem Leben mit Wilden in den Wäldern des Cas- 
siquiare mufs das Zusammentreffen mit kcnntnifs- 
reichcn Männern von dem gröfsten Interesse seyn. 
Die Unannehmlichkeit mit dem Corsaren hatte daher 
einen sehr angenehmen Genufs und einen sehr fröh- 
lichen Abend zur Folge. 

Am folgenden Morgen wurde in dem nun wieder 
freien Fahrzeuge die Fahrt in dem Canale fortge- 
setzt. Die Fahrwasser sind hier tief, und die Fel- 
senwändc so steil , dafs sie die Corvettc ganz nahe 
an den Felsenmauern hinstreifen sahen. Die Menge 
der Alcatra's, die gröfser, als unsere Schwäne sind, 
die der Flamingo's , welche in Buchten Fische fingen 
oder die Pelikane verfolgten, verkündigten die Nähe 
des ewig heitern Cumana. Es war schön, die Vögel 
zu beobachten , die beim Sonnenaufgange plötzlich 
hervorkommen, und die Landschaft beleben: es er- 
innert dies an die Regsamkeit, welche unsere Städte 
des Morgens entwickeln. 

Gegen neun Uhr Morgens befanden sie sich wie- 
der am Eingange des Golfes von Cariaco ; jetzt 
sahen sie sich das Schlofs St. Anton hervorheben. 
Mit. Rührung erkannten sie das Ufer, wo sie den 
Boden Amerika's zuerst betreten hatten , wo sie die 
erste Pflanze gepflückt, die ersten Guayquerier ge- 
sehen, und Herr Bonpland die Gefahr mit dem 
Zambo bestanden hatte. Jetzt wurden auch die 
zwischen den Cactus - Leuchtern liegenden indiani- 
schen Hütten sichtbar, der Wald von Cactus, die 



— 234 — 

zerstreuten Hütten, der grofse Ceiba-Baum, unter dem 
sie so gerne gebadet hatten, alles war ihnen bekannt. 

Nun harnen ihnen auch ihre Freunde aus Cumana 
entgegen; alle Bekannte hiefsen sie herzlich will- 
kommen. Diese Freude war um so herzlicher, als 
sich wenige Monate zuvor die Nachricht verbreitet 
hatte, dafs sie am Orinoko umgekommen seyen. Sie 
beeilten sich nun, den Gouverneur zu besuchen, des- 
sen Empfehlungen ihnen während der Reise so nütz- 
lich geworden waren. Er verschaffte ihnen sogleich 
ein sehr bequemes Haus mitten in der Stadt, das 
für Sternbeobachtungen äufserst bequem lag. Es 
hatte Terrassen , von denen man die prachtvollste 
Aussicht auf das Meer, die Halbinsel Araya und die 
Inseln des Meerbusens geniefst. 

Der Hafen von Cumana ward durch englische 
Schiffe täglich enger blokirt, und dieser Umstand 
zwang sie, noch dritthalb Monate länger in Cumana 
zu verweilen. Sie waren oft ungeduldig, und woll- 
ten nach den dänischen Inseln übersetzen , wejehe 
neutral, d. h. mit keiner Partei im Kriege waren; 
allein sie fürchteten , dafs wenn sie einmal die spa- 
nischen Colonien verlassen hätten, es ihnen nicht 
so leicht seyn dürfte , in dieselben wieder zurück- 
zukehren. Es wurde also die Zeit mit botanischen, 
geognostischen und mineralogischen Arbeiten aus- 
gefüllt. 

Die lebenden Thiere, welche sie vom Orinoko 
mitgebracht hatten, waren ein Gegenstand grofser Neu- 
gierde der Einwohner von Cumana. Der Kapuziner- 



— 255 — 

Affe von Esmcralda, welcher durch seine Physio- 
gnomie dem Menschen so ähnlich ist, und der Schlä- 
fer -Affe (simia trivirgata) waren hier noch nie ge- 
sehen worden. Diese Affen waren für den Pflanzen- 
garten zu Paris bestimmt, allein sie starben alle auf 
Guadeloupe; und nur die Haut der simia chiropo- 
des hra nach Paris. 

Vom 3. bis 5. November besuchten sie nochmals 
die Halbinsel Araya. Sie besuchten alle Orte und 
Gegenstände wieder, die schon im ersten Bändchen 
beschrieben sind. Zu diesem ham noch , dafs die 
Indianer Arum aus den Bergen brachten, und Hoff- 
nung gaben , dafs in den Bergen von Maniquarez 
eine Alaunmine zu finden seyn dürfte. Ob sie auch 
den philosophischen Schulmeister, der die Perlen 
verachtet hatte , besuchten, ist nicht gesagt. Um 
die erwähnte Alaun -Mine aufzusuchen, gingen sie 
am 4« November um i Uhr nach Mitternacht unter 
Segel. Widriger Wind verzögerte die Fahrt, sie 
wurden aber durch den Anblick des phosphores- 
cirenden Meeres dafür entschädigt. Kleine Delphine 
umkreisten die Pirogue und machten den Anblick 
noch schöner. Noch ein Mal fuhren sie an der Stelle 
vorbei , wo das Erdöhl aus dem Glimmerschiefer 
hervorquillt, und den Geruch davon weit umher 
verbreitet. Wenn man sich erinnert, dafs mehr 
östlich, nahe bei Cariaco, heifse , im Grunde des 
Meeres sich öffnende Quellen ansehnlich genug sind, 
um die Temperatur des Meerwassers zu verändern, 
so liegt wohl aufser Zweifel, dafs das Erdöhl durch 



— 25Ö — 

eine Art Destillation aus ungeheurer Tiefe und aus 
jenem Urgebirge hervorkömmt , unter welchem der 
Heerd aller vulkanischen Erschütterungen zu su- 
chen ist. 

Die Laguna Chica ist eine von senkrecht abge- 
stutzten Bergen eingeschlossene Bucht, die mit dem 
Golfe von Cariaco durch einen schmalen, 20 Klafter 
tiefen Canal zusammenhängt. Hier verengert sich 
die Halbinsel Araya so sehr, dafs sie von einem 
Meere zum andern nur etwas über 4000 Toisen breit 
ist. Diesen kurzen Weg mufsten sie zurücklegen, 
um den Alaun zu erreichen, und an das Cap zu ge- 
langen, das den Namen Punta de Chuparuparu führt. 
Der Weg wird jedoch dadurch schwierig, dafs es 
keinen gebahnten Fufspfad gibt, und man über eine 
nackte zerrissene Felsengräte den Weg sich erst 
bahnen mufs. Der höchste Punkt hat nicht über 
200 Toisen Höhe , aber die Berge zeigen höchst 
seltsame Gestalten. Man sieht hier wahre Spitz- 
berge und Zacken, die man, aus der Ferne gesehen, 
für isolirt halten möchte. Pflanzenerde findet sich 
nur bis 3o Toisen Erhöhung; wenn aber auf die 
blühenden Melonen nur etwas Regen fallt, so lie- 
fern sie, der anscheinenden Trockenheit der Luft 
ungeachtet, Früchte von 60 bis 70 Pfund Gewicht. 
Die Trockenheit der Luft ist hier nur scheinbar, 
und der Hygrometer zeigt, dafs sie fast von Dün- 
sten gesättigt ist. Ob nun wohl hier oft in 12 und 
i5 Monaten kein Regen fällt, gedeihen in dieser 
warmen und feuchten Luft die Wassergewächse doch 



— 237 — 

vortrefTlicb, und die Kürbisse, Agaven und die Cac- 
tus, besonders die halb im Sande vergrabenen Me- 
lonen-Cactus, erhalten seltene Vollkommenheit. Als 
die Reisenden im Jahre vorher hier waren, herrschte, 
wegen der grofsen Dürre so grofser Wassermangel, 
dafs mehrere hundert Ziegen umkamen. Seit der 
Zeit hatte sich die Jahreszeit umgekehrt, und es 
waren sehr häufige Regenniederschläge erfolgt. In 
Europa kann ein Steinregen die Phantasie nicht mehr 
beschäftigen, als die ordinären Regen hier, wo diese 
so selten sind. 

Nach neunstündigem vergeblichen Suchen fanden 
sie endlich das Mineral in einer sehr schwer zu- 
gänglichen Schlucht , welches ihnen als Alaun in 
Cumana vorgewiesen worden war. Der Glimmer- 
schiefer ging plötzlich in gekohlten Thonscliiefei" 
über. Es war sogenannter Zeichenschiefer. Die 
Gewässer der dort befindlichen kleinen Quellen hat- 
ten einen zusammenziehenden Geschmack , und die 
Wände der benachbarten Felsen waren mit haar- 
förmigen Krystallen und Blumen von Alaun über- 
zogen. Es dehnten sich wirklich zwei Zoll dicke 
Schichten von natürlichem Alaun, so weit das Auge 
reichte, über den Thonschiefer aus. Das Mineral 
ist weifsgrau, aufsen etwas matt, inwendig aber 
von einem glasartigen Glänze -, sein Bruch ist nicht 
faserig, sondern unvollkommen schneckenlinig. In 
dünnern Bruchstücken ist er halb durchsichtig. Der 
Geschmack ist etwas süfslich und zusammenziehend, 
ohne Beimischung yon Bitterkeit, Übrigens scheint 



— 238 — 

die ganze Umgebung auf Urgebirg hinzudeuten, und 
so ist das Vorkommen des Alauns imUrgebirge sehr 
bemerkenswerth. 

Im Jahre 1785 ist in Folge eines Erdbebens eine 
grofse Felsenmasse in den Aroyo del Rebalo nie- 
dergestürzt, da sammelten die Indianer Alaunstücke, 
die 5 bis 6 Zoll im Durchmesser hielten, und völlig 
durchsichtig und rein waren. Dieser Alaun ward 
in Cumana , das Pfund um zwei Realen , an Schu- 
ster und Färber verkauft, während der aus Spanien 
kommende Alaun sechs Mal so viel kostete. Dieser 
Preisunterschied beruhte mehr auf Vorurtheil , als 
auf geringerer Qualität des Alauns ; denn gereinigt 
würde der einheimische eben so gut seyn. 

Jetzt empfängt Südamerika seinen Alaun aus Eu- 
ropa, wie Europa denselben bis ins i5. Jahrhundert 
von den Asiaten erhalten hatte. Indessen wird auch 
Südamerika mit der Zeit seine Reichthümer nützen 
lernen , und finden , dafs es in keinem Stücke von 
der Natur vernachläfsigt ist. Nach diesen Unter- 
suchungen fuhren sie mit der Familie des Herrn 
Navarete nach Maniquarez , wo sie erst in der 
Nacht eintrafen. 

Der Aufenthalt in Cumana wurde noch um zwei 
Wochen verlängert, in der Hoffnung, das spanische 
Courierschiff zu erwarten, um mittelst desselben 
nach Cuba zu gelangen. Da jedoch keine Hoffnung 
vorhanden war, diese Gelegenheit ankommen zu 
sehen, so benutzten sie ein amerikanisches Fahrzeug, 
welches in Neu -Barcellona Pökelfleisch einnahm, um 



— 259 — 

solches nach der Insel Cuba zu bringen. Sechzehn 
Monate waren nun verflossen an diesen Küsten und 
im Innern von Venezuela , und die Sehnsucht nach 
den Cordilleren immer lebhafter geworden. Sie 
hatten um 5o,ooo Franken Wechsel auf die besten 
Hä'user in Havannah bei sieh,, dennoch wären sie 
ohne die Vorschüsse des Gouverneurs beinahe in 
Verlegenheit gerathen. Es war nämlich zwischen den 
Golonien desselben Mutterstaates nicht immer der 
vertrauliche Zusammenhang, den man vermuthen 
sollte* 

Am 16. November trennten sich unsere Reisen- 
den , um die Fahrt zum dritten Male im Golfe von 
Gariaco nach Neu-Barcellona zu versuchen. Die 
Nacht war kühl und sehr angenehm. Nicht ohne 
Rührung, sagt Herr von Humboldt, sahen wir zum 
letzten Male die Gipfel der an den Ufern des Man« 
zanares sich erhebenden Cocospalmen , von der 
Mondscheibe beleuchtet. Geraume Zeit blieb unser 
Blick an die weifsliche Küste gefesselt, auf der 
wir ein einziges Mal nur über Menschen zu klagen 
Ursache hatten. Der Wind wehte so günstig , dafs 
wir in weniger als sechs Stunden beim Morro de 
Nucva Barcellona ankerten. Das Schiff, das uns 
nach der Havannah bringen sollte, war zum Ab- 
segeln bereit. 



— 240 — 
Sechstes Kapitel. 

Allgemeine statistische Bemerkungen über Venezuela. 

Nachdem Herr von Humboldt die Geschichte sei- 
ner Reisen bis zur Abreise nach Cuba vollendet 
hat, macht er in der Erzählung einen Stillstand, 
um in einem sehr langen Kapitel alles zusammen- 
zustellen, was er in Hinsicht auf Landesreichtbum, 
Bevölkerung, Ausdehnung, Erzeugnisse und ähn- 
liche zur Statistik Amerika's gehörige Gegenstände 
gesammelt hat. Alle diese Gegenstände sind nun 
äufserst lehrreich, aber für junge Gemüther, wie 
ich mir meine Leser und Leserinnen denke, etwas 
trocken. Es gibt hier viele Zahlen, und die liebe 
Jugend rechnet nicht gerne , obwohl es ihr sehr zu 
empfehlen ist, weil das Rechnen denn doch die 
schönste Erfindung des menschlichen Geistes ist. Ganz 
kann ich jedoch meine Leser nicht davon befreien, 
ich werde daher in diesem Kapitel alles dasjenige 
darlegen, was ich glaube, dafs es für die jungen 
Leser Interesse hat. Es wird demnach eine verglei- 
chende Schilderung des Territorial -Reichthums, der 
Bevölkerung, des Handels u. s. w. folgen. Bemerken 
mufs ich jedoch meinen jungen Lesern auch, dafs 
dasjenige, was auf Bevölkerung und Ackerbau Be- 
zug hat, nur für damals gilt, als Herr von Hum- 
boldt in Amerika war. Leidige Natur- und Bürger- 
Revolutionen haben seit der Zeit so manches ver- 
ändert. Das Territorium ist aber noch dasselbe, 



— 241 — 

und auch der alte Ceiba steht noch an der Küste 
von Cumana. 

Die amerikanische Welt findet sich gegenwärtig 
unter drei Nationen europäischer Herkunft getheilt. 
Das mächtigste Volk ist deutschen Ursprungs, das 
ausgebreitetste ist lateinischer Abkunft. Viertausend 
Meilen Küstenland sind allein von den Spaniern 
und Portugiesen besetzt. Die zwei Völker, welche 
in Euiopa auf der Pyrenäen - Halbinsel Machbaren 
sind, sind es auf einer ungleich colossalern Halb- 
insel auch über dem Meere geworden, und seltsam ! 
beinahe in derselben Proportion. Man kann sagen, 
von Calefornien bis zur Mündung des la Plata, 
auf dem Rücken der Cordilleren, wie in den Wäl- 
dern des Amazonenstroms , sind ihre verbreiteten 
Sprachen Denkmäler des Nationalruhmes, welche 
alle politische Veränderungen überleben werden. 

Die Bewohner vom spanischen und portugiesi- 
schen Amerika bilden heut zu Tage eine beinahe 
zwei Mal gröfsere Bevölkerung, als jene die von 
brittischer Abstammung sind. Die französischen, 
dänischen und holländischen Besitzungen sind von 
geringerem Belange. Man mufs jedoch auch noch der 
Colonien slavischcr Herkunft erwähnen, welche 
sich von der Halbinsel Alatschka in Calefornien 
anzusiedeln bemühen; dann mufs man auch die grofse 
Negcrcolonie auf Haiti bedenken , welche Belzoni's 
Weissagung von i545 erfüllt haben. Die Insel Haiti 
ist dritthalb Mal so grofs , als Sicilien, und von 
grofsem politischem Gewichte. Was aus diesem Volke 

Bibl. naturh. Reisen. IV. ! \ 



— 242 — 

wird, das mufs man erwarten» Alles genau genom- 
men bleibt Amerika doch hauptsächlich zwischen 
drei Kationen, den Brillen, Spaniern und Portugie- 
sen getheilt. Die Britten bedecken die Meere mit 
ihren Schiffen, und der Handel der Anglo- Ameri- 
kaner hat eine bisher in der Geschichte beispiellose 
Ausdehnung erhalten. Sie haben vom Mutterlande 
Aufklärung, Literatur, Fleifs und Einrichtungen 
geerbt. Die Cultur der Colonial- Produkte hat den 
schändlichsten Sclavenhandel besonders in die spa- 
nischen und portugiesischen Besitzungen eingeführt^ 
und die Einführung der Keger ist für beide Halb- 
luigeln verderblich geworden. Glücklicher Weise 
ist die Sclavenbevölkerung auf dem Festlande des 
spanischen Amerika, im Verhältnisse zu Brasilien, 
nur gering. Die spanischen Colonien haben bei einer 
Gröfse, die Europa um ein Fünftel übersteigt, nicht 
so viel Kegersclaven , als der einzige Staat VWginien 
davon besitzt. (Jetzt aufser Cuba und Portorico 
keine mehr.) 

Jetzt erreicht die Gesammtbevöikerung Ameri- 
ka's die von Frankreich oder Deutschland nicb<, 
allein es läfst sich mit Gewifsheit vorhersagen, dafs- 
keine anderthalb Jahrhunderte vergehen werden, bis 
sie die von ganz Europa übersteigt, und es ist nicht 
zu viel angenommen, wenn man sich einst eine Be- 
völkerung Amcrika's denkt , welche die jetzige des 
ganzen Erdballs begreift. Defswegen wird aber Eu- 
ropa nicht zu Grunde gehen , vielmehr wird sich 
alles ausgleichen , und Mutter und Tochter blühen 



— 243 — 

und gedeihen. Es liegt gewifs nicht aufser dem Plane 
der Vorsehung, dafs der ganze Erdball der Aufklä- 
rung und des Christenthums, oder was dasselbe ist, 
einer dauerhaften Sittigung theilhaftig werde. 

Übrigens wird sich Südamerika nicht so schnell 
bevölkern, wie Nordamerika, weil die Aequinoctial- 
Länder der hohen Gebirge, der Wälder, die dem 
Beile und Feuer trotzen , der mit Insekten erfüllten 
Luft wegen dem Anbaue mehrere Hindernisse ent- 
gegensetzen, als die vereinigten Staaten. Wir kom- 
men nun zum Umfange des Landes und seiner ge- 
genwärtigen Bevölkerung ! 

Vier und dreifsig Millionen Menschen bewohnen 
jetzt dieses ungeheure Festland , wovon 16% Millio- 
nen in den Besitzungen spanischer Amerikaner, 10 
Millionen im brittischen Amerika , und 4 Millionen 
im portugiesischen Antheile sich befinden. Die ver- 
einigten Staaten sind beinahe um ein Vierttheil grös- 
ser, als Rufsland westwärts vom Ural, und das spa- 
nische Amerika gröfser als ganz Europa. Die ver- 
einigten Staaten haben 5 / 6 der Bevölkerung des spa- 
nischen Amerika, obgleich ihre Landes- Oberfläche 
nicht halb so grofs ist. Brasilien enthält noch der- 
mafsen öde Landschaften, dafs auf ihrer Oberfläche, 
die nur ein Drittheil kleiner , als spanisch Amerika 
ist, die Bevölkerung sich wie 1 zu 4 § e g en d as 
spanische Amerika verhält. Folgende Tabelle ist 
das Resultat der Berechnungen des Herrn von Hum- 
boldt 



244 — 



Grofse politische 
Eintheilungen. 



Ober- 
fläche in 
Meilen, 
wovon 20 
auf einen 

Grad. 



Bevölkerung 

im Jahre 

i8i3. 



I. Spanisch amerikanische Be- 

sitzungen 

Mexiko oder Neu - Spa- 
nien ....... 

Guatimala 

Cuba und Portorico . . 
/'Venezuela • 

Columbien -l Neu • Granada 
\ und Quito . 

Peru 

Chili 

Buenos -Ayres 

II. Portugiesisch - amerikani- 

sche Besitzungen (Bra- 
silien) 

III. Englisch - amerikanische 

Besitzungen (vereinigte 
Staaten) 



37i,38o 



16,785,000 



75,83o 


6,800,000 


16,740 


1,600,000 


443o 


800,000 


33,700 


785,000 


58,25o 


2,000,000 


41,420 


1,400,000 


14,240 


1,100,000 


126,770 


2,3oo,ooo 



256,990 



44)3°° 



4,000,000 



0.220,000 



Dieser Tabelle fügen wir noch eine andere nach 
den neuesten Berechnungen bei. 



245 



Politische 
Eintheilung. 


Areal. 


Volksmenge. 


Englisch -Amerika. . • . 
Russisch- Amerika . . ♦ . 
Vereinigte Staaten . . . 

Mexiko 

Guatimala , 

Peru 

Chili 

la Plata 

Brasilien 

| Columbien 

Patagonien 

Haiti 

Europäische Colonien in den 
Inseln 


171,000 
24»000 

108,000 
74,000 
1 1,200 
64,300 
10,600 
67,000 

l4o,00O 

63,5oo 
3i,2o6 

7,385 

7,000 


800,000 

5o,ooo 

1 1,000,000 

7,760,000 

1,400,000 

i,5oo,ooo 

i,3oo,ooo 

2,100,000 

4,200,000 

3,100,000 

400,000 1 

980,000 

2,600,000 


Gesammtsumme , . ♦ 
Hiezu noch die Guianas 


779,191 
3 1,000 


37,190,000 
200,000 


jj Gibt zusammen 


810,191 


37,390,000 



Die erste dieser Tabellen gibt die Übersicht nach 
Herrn von Humboldt von i8i3; die zweite gibt den 
Flächen -Inhalt und die Bevölkerung des gesammten 
Amerika von 1823. 



— 246 — 

Für ganz Amerika, vom Cap Hörn bis zum Paral- 
lelkreise der Melville - Insel , nimmt Herr von Hum- 
boldt i, 186,930 Quadratmeilen zu 20 auf einen Grad 
an. Nimmt man die Bevölkerung zu 38 Millionen 
an-, so kommen auf eine Quadratmeile 32 Menschen. 
Nach Hassels Berechnung enthält Nord -Amerika 
539,453 Quadratmeilen, die Inseln (Antillen) 18,018 
und Süd -Amerika 524,555 Quadratmeilen, zusam- 
men 1,072,026. Dafs mannigfaltige Berechnungen 
von einander abweichen , ist ganz natürlich , weil 
noch nicht alle Theile genau bekannt sind, und man 
nur nach und nach zu einiger Genauigkeit gelangen 
kann, indessen aber sich mit beiläufigen Zahlen be- 
gnügen mufs. 

Was nun Columbien insbesondere betrifft, von 
dem es sich hier eigentlich handelt, so ist dieses 
einer der gröfsten Staaten, denn man berechnet es 
auf 93,952 Quadratmeilcn mit 2, 5oo, 000 Einwohnern. 
Darunter sind Weifse , Gemischte, Eingeborne oder 
Kupferfarbene und Schwarze oder Neger. Die bunte 
Bevölkerung, welcher es zu wünschen ist, dafs sie 
sich mit einander friedlich verschmelze, bebaut ein 
grofses , reiches Land. 

Ein flüchtiger Blick auf die Charte zeigt schon, 
dafs Columbien reich an Erzeugnissen der warmen 
Länder seyn müsse, indem es beinahe ausschliefslich 
manche der edelsten Erzeugnisse in seiner Gewalt 
hat. Unter diese gehört : 

1. Der Cacao. Venezuela allein erzeugt 193,000 
Fanegas von 110 spanischen Pfunden. Davon werden 



— 247 — 

ausgeführt bei i45,ooo Fancgas, im Werthc von 
fünf Millionen harten Piastern. Im Jahre 1814 zählte 
man 16 Millionen Cacao- Bäume. Der Cacao hat 
das Land berühmt gemacht, er wird jedoch durch 
die Cultur des Zuckerrohrs und der Baumwolle ver- 
drängt. Der Cacao ist nicht allein als Handelswaare, 
sondern auch als Nahrung für die Bewohner selbst 
sehr wichtig. Je mehr also die Bevölkerung zunimmt, 
desto gröfser wird auch der innere Verbrauch wer- 
den müssen, und mithin ist Cacao ein Landesreich- 
thum , der im Innern wie nach aufsen gleich wich- 
tig und vortheilhaft ist. Der Cacao von Uritucu, 
Capiriqual und San Bonifacio, in den Provinzen 
Caracas, Cumana und Barcellona, ist ungleich^ bes- 
ser, als der von Guavaquil , da der von Gualan 
gar nicht in den europäischen Handel kömmt. 

z. Der Caffee. Für den Anbau des Caffee's sind 
besonders alle Plateaus von 25o bis 4°o Toisen Er- 
höhung geeignet, die in diesen Provinzen häufig 
vorkommen, und dem Anbaue dieses köstlichen 
Strauches sehr zusagen. Obwohl erst seit 1784 em ~ 
geführt, stieg doch schon im Jahre 1812 der Ertrag 
auf 6c, 000 Zentner. 

3. Die Baumwolle der Thäler von Aragua , von 
Maracaibo und aus dem Golfe von Cariaco ist vor- 
züglich schön und gut 5 es betrug jedoch die Aus- 
fuhr im Jahre 1809 nur noch 25, 000 Zentner. 

4. Zucker.' Davon wurden schöne Pflanzungen im 
Anfange dieses Jahrhunderts in den Thälern von 
Aragua und Tuy angelegt, in der Nähe von Guatire 



— 248 — 

und Caurimare. Die Ausfuhr war höchst unbedeu- 
tend. Es uifst sich jedoch mit Grund annehmen, 
dafs der Anbau des Zuckers auf dem Festlande einst 
von gröfster Ausdehnung seyn wrrde. 

5. Indigo. Die Cultur dieses wichtigen Produkts 
hat sich sehr vermindert, und ist nur noch in der Pro- 
vinz Varinas im Flore und an den Ufern das Ta- 
chira. DerWerth des Indigo von Caracas stieg in 
der günstigsten Zeit auf 1,200,000 Piaster. 

6. Der Tabak von Venezuela ist besser , als der 
Virginische, und wird an Güte nur von dem der 
Insel Cuba übertroffen. 

7. Cerealien , d. h. Getreidearten. Diese werden 
in Venezuela angebaut, an allen Orteu, welche einer 
gemäfsigten Temperatur sich zu erfreuen haben, 
und man kann nicht ohne Vergnügen von Colum- 
bien sagen, es sey das Land der Bananen und Ge- 
treidearten. Wir haben in denThälern von Aragua, 
mitten unter dem Caffce und Zuckerrohr, Weizen- 
felder gesehen. Hat sich einst dieses reiche Land 
in die Reihe civilisirter Länder emporgeschwungen, 
so wird man auch allenthalben Getreidcarten auf 
den Feldern sehen, wo das Klima und die Lage 
reiche Ernten verspricht. Da, wo die gemäfsigten 
Regionen in die heifsen übergehen, zwischen 3oo 
und 5oo Toisen Höhe, ist der Anbau des Zucker- 
rohrs , des Caffee's und der Cerealien gleich mög- 
lich ; die Erfahrung zeigt jedoch, dafs die zwei er- 
stem eint räglicher sind. 

8. Quinquina. Der Cusparc oder Cortex Ango 



— 2'iQ — 

stnrae ist ein herrliches Erzeugnifs, dem die catalo> 
nischen Kapuziner Ruhm verschafft haben. Es gibt 
eine Cuspare auch bei Cumana, die herrliche fieber- 
vertreibendc Kräfte besitzt. Neu-Granada besitzt auch 
die echte Cinchona oder den Chinarindenbaum, und 
so ist Columbien beinahe aussehliefslich im Besitz 
der wohlthätigen Rinde, deren Anwendung immer 
allgemeiner werden mufs, und welche als eine Kost- 
barkeit des Landes angesehen werden kann, die es 
mit Ostindien in eine Classe stellt. 

Bei Gelegenheit der Aufzählung der Reiehthümer 
aus dem Pflanzenreiche mufs man noch erwähnen: 
die Quassia - Simaruba im Caura-Thale, die Unona 
febrifuga von Maypures , die Sassaparille vom Rio 
Negro , das Öhl des Cocosbaumes, die Juvia - Man- 
deln, die köstlichen Harze am Ober - Orinoko , das 
Federharz oder Dapiche (Caoutchouc) , die Arome 
von Guiana, wie die Tonga- Bohne, der Pucheri 
(Lamens Pucherim), das Varinacu oder den unech- 
ten Zimmt, die Vanille, die schönen Färbestoffe, 
woraus das Chica bereitet wird , das Blutharz , das 
Drachenblut, Saftpflanzen, welche die Cochenille 
ernähren, köstliche Holzarten zu Ebenisten- Arbei- 
ten , treffliches Bauholz, Bast, zu trefflichen Seiler- 
waaren, u. s. w. Kann wohl die Natur ein Land 
herrlicher ausstatten ? Und nun rufen wir unsern 
jungen Lesern in's Gedächtnifs zurück , was wir im 
zweiten Bande gesagt haben, dafs sich das Land von 
selbst in drei Zonen spaltet. Ackerbau, Viehzucht, 
Jagd folgen einander, wie man von der Nordküste 



— 250 — 

gegen deu Amazonenstrom wandert. Die Küsten- 
gegend kann man als dem Ackerbaue , die Ebenen 
der Viehzucht, die Wälder der Jagd anheimgegeben 
betrachten. Die oben angegebenen Produkte gehören 
der ersten und letzten dieser Regionen an. In der 
Mitte liegt die der Viehzucht. Zur Zeit der Reise 
des Herrn von Humboldt wurden ausgeführt 3o,ooo 
Maulthiere , 174,800 Ochsenhäute und 35, 000 Zcnt- 
nerTasajo, d. h. gedörrtes, leicht gesalzenes Fleisch, 
die Hauptnahrung der Sclaven auf den Antillen. Es 
hat Columbien auch noch Gold, Piatina, Quecksil- 
ber, Salz, Kohlen und andere noch nicht hinreichend 
bebaute mineralische Reichthümer. Leider haben 
bürgerliche Unruhen und die Refrei ungskriege den 
"Wohlstand gemindert, die Industrie gehemmt, und 
überhaupt , wie alle Kriege , dem Lande viel Nach- 
theil gebracht. Wird aber die Ruhe wiederkehren 
und sich befestigen , so wird gewifs das Steigen des 
"Wohlstandes nicht minder schnell vor sich gehen, 
als in den vereinigten Staaten. Wohlstand und Hu- 
manität sind Rinder des Friedens und der Sicher- 
heil , und wenn wir nach jenen Gegenden blicken, 
die sich gleichsam jetzt erst aus dem Chaos der bür- 
gerlichen Kriege loswinden , so können wir wohl 
nicht anders, als ihnen den Geist des Friedens, der 
Eintracht, der Ruhe und Verträglichkeit wünschen; 
das Übrige hat die Natur alles besorgt ! 

Sollte zu diesem auch das so wünschenswerthe 
Werk eines Canals ausgeführt werden, und ein Ca- 
nal an der Grenze Columbien's auf der Landenge 



— 251 — 

von Panama die beiden Meere vereinigen, so wür- 
den dem Handel neue Wege geöffnet , wobei der 
Wohlstand Columbien's nur wachsen und zunehmen 
könnte. Dafs ein solcher Canal möglich sey, ist 
hinlänglich dargethan , und Herr von Humboldt hat 
vieles darüber mitgetheilt; zur Ausführung eines 
solchen Werkes gehört aber eine friedliche Zeit. 



Siebentes Kapitel. 

Gestaltung des Landes. — Unebenheiten des Bodens, — Berg- 
knoten, — Ebenen. 

Der Zweck dieses Kapitels geht dahin , um mei- 
nen jungen Lesern ein Bild des Landes zu geben, 
von dem wir bisher gesprochen haben. Wir werden 
daher von der Gestalt des Landes, seinen Bergen 
und Ebenen einen Abrifs zu entwerfen , und in ei- 
nigen Blättern die Ideen zusammen zu fassen suchen, 
welche uns Herr von Humboldt in seinem grofsarti- 
gen Gemälde Amerilta's niedergelegt hat. 

Die Ausdehnung des Landes, welches wir bisher 
durchwandert haben , beträgt über i5,4oo Gcviert- 
meilen. Vor der Reise des Herrn von Humboldt 
war Südamerika beinahe ganz unbekannt, und die 
Richtung der Gebirge, die Lage derselben, die 
Höhen der Berge, alles war noch verborgen. Durch 
diesen Reisenden ist man erst mit der wahren Ge- 
stalt dieses Welttheiles, seiner Beschaffenheit und 
Natur bekannt geworden. 



Südamerika ist eines jener grofsen Dreiecke, wel- 
che die drei Landmassen in der südlichen Haldkugel 
bilden. Der äufsern Form nach ist das Dreieck, 
welches Südamerika bildet, Afrika noch ahnlicher, 
als Neu -Holland. Die Südspitzen dieser drei Drei- 
ecke sind so geordnet, dafs das Cap der guten Hoff- 
nung die nördlichste Spitze bildet, und wie man 
von diesem ostwärts segelt, so sieht man, dafs sich 
das Land in dieser Richtung bis zum Cap Hörn dem 
Südpole immer mehr nähert, und also das feste 
Land unserer Erde, vom Vorgebirge der guten Hoff- 
nung aus 33°, 35' bis 43°, 38' eine südöstliche Rich- 
tung nimmt. Südamerika befafst 571,000 Seegeviert- 
meilen 5 von diesen ist der vierte Theil mit Bergen 
bedeckt, die theils Gebirgsäste, theils abgesonderte 
Gruppen bilden. Das Übrige besteht aus Ebenen, 
welche lange, ununterbrochene, mit Wäldern und 
Gräsern bedeckte Streifen bilden, die eben anstei- 
• gen von der Meeresküste aus, so dafs sie in einer 
Entfernung von 3oo Meilen vom Meere eine Höhe 
von 3o bis 170 Toisen erreicht haben. Die gröfste 
Bergkette Südamerika^ dehnt sich von Süden nach 
Korden, in der gröfsten Länge des Festlandes aus. 
Dieses Gebirg ist aber keine Ccntralkette . wie die 
Alpen in Europa oder der Himalaya in Asien, d. i. 
es bildet nicht den Knoten des Landes, sondern es 
ist vielmehr beinahe an die Küste des stillen Occans 
vorgeschoben. Man sieht, wie die Landschaft sich 
gegen Osten auf eine Ausdehnung von 600 Meilen 
bis zum atlantischen Meere verflächt, wo hingegen das 



— 253 — 

Gebirg gegen Westen sich gleichsam unmittelbar in's 
Meer versenkt. Wofern in früheren Zeiten der at- 
lantische Ocean jemals zu 1,100 Fufs Höhe über sei- 
nen gegenwärtigen Stand emporgestiegen ist, so 
mufsten sich seine Wellen in der Provinz Jaen de 
Bracamoros an den Felsenriffen brechen , die den 
östlichen Abhang der Anden- Cordilleren begrenzen. 
Die Höhe der Berge ist jedoch, im Vergleiche mit 
der Breite des Festlandes, so gering, dafs diese 
vierzehnhundert Mal gröfser ist, als die mittlere 
Höhe des Andengebirges. 

In dem bergigen Theile Südamerika's unterschei- 
det man eine Gebirgskette und drei Berggruppen, 
nämlich: die Anden- Cordillere , die sich ununter- 
brochen vom Cap Pilares , westlich der Magellans- 
Strafse, bis zum Vorgebirge Paria erstreckt. Die 
drei Berggruppen sind: die Küstenkette von Vene- 
zuela oder die abgesonderte Gruppe der Siera Ne- 
vada von Santa Martha, die Gruppe der Parime- 
Berge , vom Orinoko umfangen, und die Berge von 
Brasilien. Die Berggruppe von Santa Martha steht 
ganz abgesondert da vor der Andcskette , mit der 
sie gar nicht zusammenhängt. Zwischen dem See 
Maracaibo und dem Magdalenenstrome ist die Was- 
serscheide in der Ebene selbst gelegen. Es ist viel- 
mehr diese mit ewigem Schnee bedeckte Sierra von 
Santa Martha mit der Küstenkette von Venezuela 
durch den Paramo de las Bosas verbunden. Von 
den drei Berggruppen , welche nicht Äste der An- 
den - Cordilleren sind, ist die erste die Sierra Nc- 



— 254 — 

vacla de Santa Martha nördlich gelegen, die bei- 
den andern, die Parime- und Brasilienberge, liegen 
die erstcre zwischen dem 4° und 8° N. Br. die letz- 
tere zwischen dem i5° und 28 S. Br. Aus dieser 
Vertheilung der Berge entstehen drei Ebenen oder 
Bedien , die zusammen i/ 5 von ganz Südamerika 
ausmachen, und ostwärts der Anden einen Flächen- 
raum von 4 2 o,6oo Quadratmeilen, 20 auf einen 
Grad , umfassen. 

Zwischen der Küstenkette von Venezuela und 
der Gruppe der Parime -Berge dehnen sich aus: 
die Ebenen von Apure und Unter - Orinoko. Zwi- 
schen der Gruppe von Parime und Brasilien befin- 
den sich die Ebenen vom Amazonenstrome , vom 
Rio Negro und Madeira. Zwischen der Gruppe von 
Brasilien und dem südlichen Endtheile des Festlan- 
des liegen die Ebenen vom Rio de laPlata und von 
Patagonien. Weil nun alle diese Berggruppen we- 
der unter einander, noch mit der Andenkette zu- 
sammenhängen, so hängen alle die genannten Ebe- 
nen vom Unter - Orinoko , Amazonenstrome, Rio de 
la Plata und Patagonien durch bedeutend breite 
Landzungen mit einander zusammen, so dafs sich 
eine Linie denken läfst, auf welcher man ganz Süd- 
amerika, ohne einen Berg zu übersteigen, in einer 
beinahe wagerechten Fläche durchwandern könnte. 

Diese Ebenen werden wieder von Linien durch- 
zogen, welche man Kanten nennen könnte, und die, 
obwohl sie sich dem Auge entziehen, doch die Was- 
serscheide (divorlja aquarum) in diesen unermefs- 



— 255 — 

liehen Ebenen bilden. Man könnte sie gleichsam 
unter der Oberfläche verborgene Kanten nennen, 
durch welche die Gebirge mit einander zusammen- 
hängen. Diese Gräten oder Giebellinien befinden sich 
unter dem 2 und 3° N. Br. und dem 16 und 18 S. Br. 
Die erste Schwelle theilt die Gewässer , wel- 
che sich nordöstlich in den Unter - Orinoko , süd- 
lich und südöstlich aber in den Bio Negro und Ama- 
zonenstrom ergiefsen. Die zweite Schwelle 
sondert die Zuflüsse des rechten Ufers vom Ama- 
zonenstrome und vom Bio de la Plata. Die Bich- 
tung dieser Giebellinie ist so beschaffen , dafs wenn 
sie als Bergäste über den Boden hervorragten, so 
würde die Gruppe von Parime mit den Anden von 
Panama, und die Gruppe von Brasilien mit dem 
Vorgebirge der Anden von Santa Cruz de la Sierra, 
von Cochabanca und von Potosi vereinbart werden. 
Hieraus läfst sich einigermafsen das Gerippe des 
Südamerikanischen Erdtheils zusammensetzen. Diese 
beiden Schwellen, welche sich nur durch die Tren- 
nung der Gewässer kund geben , laufen mit der Kü- 
stenkette von Venezuela parallel. Von den drei 
Ebenen, nämlich der zwischen der Küstenkettc von 
Venezuela und der Parime, vom Amazonenstrome 
und Buenos -Ayres, die durch Erdzungen zusammen- 
hängen, ist die erste und letzte mit Gras , die mitt- 
lere aber mit dichter Waldung bewachsen. 

Ostwärts der Anden, auf einer Fläche von 480,000 
Geviertmeilen, von denen 92,000 Bergland sind, 
findet sich kein Berg, der bis zur Grenze des ewi- 



— 256 — 

gen Schnees sich erhübe, oder auch nur auf 1,400 
Toisen Höhe reichte. Diese Senkung der Berge er- 
streckt sich bis zum 6o° N. Br. , während im west- 
lichen Theüe der Verlängerung der Andenkette in 
Blexiko unter i8°, 5o/ auf 2,770 Toisen, in den Fels- 
gebirgen 37 bis 4°° auf 1,900 Toisen ansteigen. 
Die höchsten Berggipfel der Aleghanys in Nordame- 
rika , welche durch ihre Länge den brasilianischen 
Bergen entsprechen, übersteigen nicht 1,040 Toisen. 
Diejenigen Berggipfel also, welche den Montblanc 
an Höhe übertreffen , gehören der Längenkette der 
Anden an , welche das Becken des stillen Oceans 
einfafst. Die einzige isolirte Gruppe, welche mit 
den Andengipfeln wetteifert, ist die Sierra de St. 
Martha. Aber auch sie ist an de,r Westseite der 
Gruppe der Küstenkette von Venezuela. 

Betrachtet man die Östlichen Gebirge des Conti- 
nents allein insbesondere, so sieht man die Berg- 
gipfel von Norden gegen Süden zu abnehmen. Die 
höchste Spitze der Küstenkette ist die Silla von Ca- 
racas , i,35o Toisen, der Pik von Duida i,3oo Toi- 
sen, in der Parime - Gruppe und in der brasiliani- 
schen Berggruppe den Itacolumi und der Itambe 
900 Toisen. 

Nun müssen wir aber auch wohl bemerken , dafs 
bei der Beurtheilung der Höhe eines ganzen Ge* 
birges man sich nicht an die höchsten Spitzen hal- 
ten und darnach die Höhe beurtheilen dürfe. Der 
Dhavvalaghiri im Himalaya Gebirge ist 676 Toisen 
höher als der Chimborazo , dieser 900 Toisen höher 



— 257 — 

als der Montblanc , dieser wieder 636 Toisen höher 
als der Pik Nethou in den Pyrenäen. Hieraus er- 
gibt sich aber keineswegs, dafs auch der Unterschied 
dieser verschiedenen Bergrüchen derselbe sey, wel- 
cher der der höchsten Spitzen ist. Das will sagen : 
der Bergrüchen des Himalaya ist nicht auch um 
676 Toisen höher , als der Bergrüchen der An- 
den. Bergrüchen nennt man die Gebirgsftäche , auf 
welcher sich die abgesonderten Piks , Dome oder 
Nadeln erheben; derjenige Theil eines Bergrückens, 
wo die Übergänge Statt finden, also ist es, derein 
richtiges Mafs von dem Minimum der Höhe gibt, 
das die hohen Bergketten erreichen. Herr von Hum- 
boldt berechnet die mittlere Höhe des Himalaya, 
zwischen dem 7^° und 77 östlicher Länge, auf 2,4^0 
Toisen, die der Anden in Peru, Quito und Neu- 
Cranada auf i,85o Toisen, die des Grates der Al- 
pen und Pyrenäen auf i,i5o Toisen. Somit ist der 
Unterschied der Höhen der Cordilleren und der 
Schweizer - Alpen um 200 Toisen kleiner, als der 
ihrer höchsten Spitzen. Die eigentlichen Gebirgs- 
rücken der Alpen und der Pyrenäen sind von der- 
selben Höhe , obgleich der Montblanc um 600 Toi- 
sen höher als der Pik Nethou ist. Hingegen hatten 
das Himalaya- und das Anden -Gebirg dieselben 
Verhältnisse zu einander, d. h. um wie viel derDha- 
walaghiri höher ist, als der Chimborazo, um so viel 
ist auch der Bergrücken des Himalaya höher, als 
der der Anden. Berechnet man nun auch die Höhe 
der Bergrücken, so ergibt sich für die Küstenkette 



— 258 — 

von Venezuela eine Höhe von 750 Toisen , für die 
von Parime 5oo Toisen und die in Brasilien 4°° 
Toisen. Hieraus erhellt, dafs die Erhöbung der 
südamerikanischen Berggruppen zur mittlem Er- 
höhung der Andeskette sich verhält wie 1 : 3. Um 
noch genauere Übersicht über den Bau der Berge 
zu erlangen, empfehlen wir beifolgende Tabelle. 



Name 

der 

Bergketten. 


Höchste 
Gipfel. 


Blittlere 

Höhe der 

Berg- 

rücken.» 


Verhältnifs 
der mittlem 

Höhe an 
Bergrücken 1 
zur Höhe der 

höchsten 
Gipfel. 


Toiseu. 




Himalaja (zwischen 3o°, 








18' und 3i°, 53'N. Br. 


,j 






und 7 5°, 23' bis 77 , 38' 


! 






O.L.) 


4 02 6 


245o 


1 : 1,6 


Anden-Cordilleren (zwi- 








schen 5°N. und 2°S. 


;! 






Br.) 


1 335o 


i85o 


1 : 1,8 


Schweizer -Alpen . . 


S 2450 


1 i5o 


1 : 2,1 


Pyrenäen 


1 1787 


1 i5o 


1 : i,5 


Küstenkette von Vene- 








zuela 


I i35o 


7 5o 


1 : 1,8 


Berggruppe von Parime 


i3oo 


5oo 


1 : 2,6 


Berggruppe von Brasi- 








lien 


900 


400 


1 : 2,3 



— 25Q — 

Hieraus ergibt sich , dafs wenn man die einzeln 
erhabenen Piks von den eigentlichen Gebirgen un- 
terscheidet, die höchsten Punkte des Erdballs 
den zwei Gebirgsketten der Cordilleren und des Ili- 
malaya angehören. 

Koch ist eine Eigenheit bemerkbar. Die höch- 
sten Gipfel der Anden sind Trachyt- Berge oder 
Glocken aus Trapp -Porphyr, und man kann überall 
in dieser ganzen Kette als Regel annehmen, dafs 
da, wo die Piks der Anden die Grenze des ewigen 
Schnees erreichen, auch allezeit das Urgebirg ver- 
schwindet, und der Trachyt über denselben aufge- 
lagert erscheint. Es sind nur wenig Ausnahmen, 
wie in den Cordilleren von Quito, wo die Schnee- 
berge von Condorasto und Cuvillan, dem Chimbo- 
razo gegenüber stehend, aus Glimmerschiefer ge- 
bildet sind, und Gänge von geschwefeltem Silber 
enthalten. 

Desgleichen zeigen auch die vereinzelten Berg- 
gruppen , welche sich jählings mitten aus den Ebe- 
nen erheben, die höchsten Gipfel nur als vulkanische 
Gebirgsarten neuerer Entstehung, z.B. der Movna- 
Roa auf den Sandwichinseln, der Pik von Teneriffa, 
der Aetna, der Pik der Azoren u. a. m. In der bei- 
nahe isolirt stehenden Gruppe der Sierra Nevada 
von Neu- Granada bildet der Gneifs- und Glim- 
merschiefer den 1826 Toisen hohen Pik von Mul- 
hacen, so wie aus dieser Gebirgsart die Alpen, Py- 
renäen und wahrscheinlich auch das Himalaya-Gc- 
birg gebildet sind. Vielleicht sind alle diese Er- 



— 2Ö0 — > 

scheinungen, so verschieden sie scheinen, dennoch 
Wirkungen derselben Ursache. Vielleicht sind die 
Granit- und Gneifsgebirge und alle angeblich nep- 
tunischen Urgebirge nicht weniger Ergebnisse vul- 
kanischer Kräfte, wie die Trachytgcbirge es sind! 
Unter diesen vulkanischen Kräften werden jedoch 
solche verstanden, die ungleich gröfser sind, als 
w eiche sich jetzt unserer Erfahrung darbieten , und 
für welche wir innerhalb dieser Erfahrungen keinen 
Mafsstab besitzen. (So überraschend diese Ansicht 
ist , so sehr ist sie doch aus der Natur selbst ge- 
nommen, dafs man bei einigem Nachdenken gestehen 
mufs, Herr von Humboldt habe in dieser merkwür- 
digen Stelle das Geheimifs der Gebirgsbildung aus- 
gesprochen.) 

Wir wollen nun über jede der bisher aufge- 
führten Gebirge noch Einiges im Einzelnen bei- 
fügen, und hoffen, dafs unsere jungen Leser die- 
sem Gegenstande , der so viel Stoff zum Nachden- 
ken gibt, gerne noch einige Aufmerksamkeit schen- 
ken werden. 

l. Die Anden- Cordilleren; diese Hauptkette ist 
es, die wir zuerst betrachten wollen. Ich möchte 
sie gleichsam die Nath des Erdballs nennen, denn 
von allen diesen Gebirgsketten des Erdballs ist diese 
die am meisten zusammenhängende, die längste und 
von Süd nach Nord und Nord - Nord - West die be- 
harrlichste. Sie nähert sich dem Nordpole bis zum 5 
65°, indem sie im 5i° S. Br. ihren Anfang nimmt. 
Sie gehört beiden Amerika an, die sie durch den 



~ 261 — 

Felsendamm der Landenge von Panama und Guate- 
mala mit einander verbindet 5 dort, wo ostwärts sich 
das niedere Land in's Meer versenkt hat, und jetzt 
das mittelländische Meer der neuen Welt bildet. 
In der südlichen Hälfte Amerika's sind die Berge 
dem stillen Meere ganz nahe zugeschoben , so dafs 
an mehreren Punkten der Fufs der Anden unmittel- 
bar von den Wellen des grofsen Oceans bespült 
wird. In der nördlichen Hälfte entfernt sich die 
Bergkette etwas weiter von den Küsten , ungefähr 
acht bis zehn Mal weiter, als in der südlichen Halb- 
kugel. Als die zwei Endknoten des Andengebirgs 
nimmt Herr von Humboldt in Süden den Granitfels 
oder das kleine Eiland Diego Ramirez, dem Cap 
Hörn gegenüber, dtfn nördlichen Endpunkt aber: 
am Makenzieflusse jene Berge, welche unter dem 
Namen der Copper Mountains bekannt sind. 

Die Breite der Cordillerenkette beträgt überall 
nicht mehr als 18 bis 22 Meilen. Davon sind 
jedoch ausgenommen die Bergknoten , wo die Cor- 
dillere sich durch jene hohen Strebepfeiler gleich- 
sam eine Verstärkung bildet, von hier aus eine 
Menge Seitenäste und Parallel -Ketten aussendet, 
und gleichsam eigene Gebirgsstöcke zu bilden scheint. 
An solchen Stellen zeigen sie eine Breite von 100 
bis 120 Meilen. Wo diese Bergknoten durch die 
Arme, die sie gegen Osten aussenden, sich den 
Berggruppen des Osten nähern , da bilden sie als- 
dann die Landengen, d. h. jene breiten Bergpässe, 



— 2Ö2 — 

wodurch die grofsen Ebenen mit einander zusammen- 
hängen. Die Anden Südamerika^, vom Cap Pilares 
bis zu Choco auf der Landenge von Panama, be- 
decken einen Flächeninhalt von 58,900 Quadrat- 
meilen. 

Der Bau der Cordilleren besteht aus mehreren 
Knoten ; ich kann dieses meinen jungen Lesern nicht 
besser versinnlichen , als durch das Gleichnifs eines 
ungeheuren Walles , der das Land von dem Ein- 
dringen der Meerungeheuer schützen soll , und von 
Zeit zu Zeit durch einige Thürme mit auslaufenden 
Seitenwällen besetzt ist. Dieses sind die Bergkno- 
ten. Sie sind südwärts vom 48 Br. niedriger, als 
die Pyrenäen, heben sich nordwärts dieser Breite 
und erreichen zwischen dem a5° und o° S. Br. ihre 
höchste Höhe. Zwischen dem 20 und io° süd- 
licher Breite bilden sie drei parallele Ketten , und 
hier ist es, wo, nach neuern Reisenden, in der mitt- 
leren Parallelkette sich die Piks befinden, die bis 
zur Höhe von 4i9 00 Toisen ansteigen , und selbst 
das Himalaja- Gebirg an Höhe übertreffen sollen. 
Nordwärts vom Aequator senkt sich die Andeskette 
wieder , erhebt sich abermal in Mexiko , und er- 
reicht hier die gröfste Höhe in ihrem nördlichen 
Laufe. Weiter gegen Norden sind die Nachrichten 
noch unvollständig; so viel ist jedoch gewifs , dafs 
sie in ihrer nördlichen Richtung die Höhe der Py- 
renäen nicht übersteigen; denn der colossale St. 
Eliasberg in Neu-Nordfolk scheint nicht mehr den 



— 2Ö3 — 

Anden -Cordilleren anzugehören. Die Andeskette 
erreicht an mehreren Orten in der hcifsen Zone die 
Grenze des ewigen Schnees, aber in Chili steigt die 
Schneelinie nicht über 2000 Toisen herab. 

Um unsere jungen Leser nicht zu ermüden, 
müssen wir uns schon hier enthalten , in die natur- 
historische Beschreibung der Anden wieder einzu- 
gehen. Wir wollen daher nur die erwähnten Berg- 
Imoten aufzählen und hiezu die folgende Tabelle 
einfügen. 



Südliche 
Halbkugel. 



Knoteu und Gebirgsäste der Anden im südlichen 
Amerika» 





'56° 33' 







*» 




•J 




u 




n 




l\ 


33° 







2 


bis3i° 


■fl 




:S 


27° 


09 






bis '23° 




2 2° 





bis i8° 



Felsenklippe von Diego Ramirez, Cap 
Hörn , Patagonisthe Anden. Trüm- 
mer der Felseneilande vonHuyatecas 
und Chonos. Cordilleren von Chili, 
ostwärts verstärkt durch die drei Wi- 
derlagen : 



der Sierra von Cordova, 



Salta, 



Cochabamba 
Santa Cruz. 



und 



— 2Ö4 



I. 

Südliche 
Halbkugel. 



Knoten und Gebirgsäste der Anden im sudlichen 
Amerika. 



Br. 2oy 2 ° 
bis 19V2 



Knoten von Porso und Potosi. Tren- 
nung in zwei Gebirgsäste, östlich und 
westlich vom Becken des Titicaca. 



Östlicher Gebirgs- 
ast von laPaz und 
Palca. 



Westl. Gebirgsast 
oder von Taaina 
und Arequipa. 



Br. i5° 
bis i4° 



Knoten von Couzco. Zwei Gebirgs- 
äste, östlich und westlich vom Rio de 
Jauja, ostwärts durch die Widerlage 
von Beni erweitert. 



Östlicher Gebirgs- 
ast oder vonOcope 
und Tarma. 



Westlich. Gebirgs- 
ast oder von Huan- 
cavelica. 



Br. ii° 



Knoten von Huanco und von Pasco. 
Verzweigung in drei durch die Be- 
cken Huallaga und vom Ober - Mara- 
non getrennte Gebirgsäste. 



Ostlich. Ge- 
birgsast 
oder von Po 
zuzu und 
Munna. 



Central. Ge 

birgsast 

oder vonPa 

taz und Cha 

chapoyas. 



Westlicher 
Gebirgsast 
oderGuama- 
chuco und 
Caxamarca. 



— 2Ö5 



I. 

Südliche 
Halbkugel. 


Knoten und Gebirgsäste der Anden im südlichen 
Amerika. 


Br. 5»/ 4 ° 


Knoten von Loxa. Zwei Gebirgsäste, 


bis 3%° 


östlich und westlich vom Becken von 




Cuenza. 


Br. 2° 


Knoten von Assuay. Zwei Gebirgsäste, 


bis 27' 


östlich und westlich vom Becken von 




Alausi und Hanbato. 




Östlicher Gebirgs- 


Westlich. Gebirgs- 




ast oder vom Co- 


astodervomChim- 




topaxi. 


borazo. 


Br.o 


Gräte von Chisinche. Zwei Gebirgs- 


bis 4<>' 


äste, östlich und westlich vom Thale 




Quito. 




Östlicher Gebirgs- 


Westlich. Gebirgs- 
ast oder vom Pi- 




ast oder vom An* 




tisana. 


chincha. 



iüli]. natura. Reisen« IV. 



— 266 



II. 

NSrJliche 
Halbkugel. 


Der Aequator durchschneidet den Gipfel von 

Cayatnbe (der dem Gebirgsaste von Antisana 

angehört). 


N. Br.»/ 2 ° 


Knoten von los Pastos. Theilung in 


bis 1 y 4 ° 


zwei Gebirgsaste, östlich und west- 




lich vom Plateau von Almaguer. 


N. B. 
i°, 55' 


Knoten der Quellen vom Magdalenen- 
strome und Gräte von los Kobles, 


biS2 ,2O / 


drei durch die Becken vom Magdalena 




und vom Cauca getrennte Gebirgsaste. 




Östlicher 


Centraler 


Westlicher 




Gebirgsast 
oder von Ti- 


Gebirgsast 
oder von 


Gebirgsast 
mit dem pla- 




mana, Suma 


Cuanacas, 


tinahaltigen 




Paz, Chifta 


Quindiuund 


Erdreiche 




undMerida. 


Erve. 


von Choco. 


Br. ÖVi 8 


Knoten der Provinz von Antioquia, 


bis 7° 


worin sich nur allein die Gebirgsaste 




von Quindiu und Choco vereinigen. 
Der centrale Gebirgsast verlängert 
sich durch Wiederlagcn gegen Honda. 1 



— 2Ö7 — 



II, Der Aequator durchschneidet den Gipfel von 

Nördliche Cayambe (der dem Gebirgsaste von Antisana 

Halbkugel. angehört). 



Br.7 

bis 9 



Trennung des Knotens der Berge von 
Antioquia in vier Äste: 1. von la Si- 
mitarra , 2. von Caceres , Nechi und 
Altos de Tolu , 3. zwischen dem Rio 
St. Jorge und dem Atrato , 4* west- 
lich vom Atrato. Dieser letzte sehr 
niedrige Ast scheint höchstens durch 
einen schwachen Ast oder Gräte mit 
der Landenge von Panama verbunden 
zu seyn. Der östliche Gebirgsast der 
Anden von Neu -Granada, der von 
Suma Paz und Sierra Nevada de Me- 
rida bleibt von der Sierra Nevada 
de Santa Marta durch die Ebene vom 
Rio Cesar getrennt, er vereinbart sich 
hingegen durch die Berge von Bar- 
quisimento und von Nirgua, mit der 
Küstenhette von Venezuela , dessen 
culminirende Punkte sind: die Silla 
von Caracas , der Brigantin , der 
Turimiquiri und das Vorgebirg von 
Paria. 



— 2Ö3 — 

Diese Tabelle kann einigermaßen die Gestalt der 
Anden des Continents von Südamerika versinnlichen. 
Man unterscheidet auf dieser Strecke zehn Knoten, 
als eben so viele Verzweigungspunktc von dem Aste 
auslaufen, welche entweder Hochebenen, oder tiefe 
Becken, oder Thäler einschliefsen. Diese Thaler 
sind die Rinnsale der Quellen und Flüsse, oder auch 
Behälter von Gewässern, die man Bergseen nennt, 
welche aber so häufig nicht sind, als in den Alpen. 



Achtes Kapitel. 

Fortsetzung des Vorigen. — Becheu und Thäler. — Höchste 
Spitzen. — Die übrigen Berggruppen. 

Unter den Becken der Gebirge versteht man die 
Vertiefungen, welche von den einzelnen Bergen 
einer Gebirgskette, wie von einer Mauer, einge- 
schlossen werden. Von den Becken , welche die 
südamerikanischen Anden einschliefsen , und die 
wahrscheinlich einst eben so viele Seen oder Binnen- 
meere gebildet haben, beträgt die Grundfläche des 
Sees von Titicaca allein 35oo Geviertmeilen , das 
Becken des Bio Jauja i3oo und das des Ober-Ma« 
ranon 2400. Das Becken von Titicaca ist dermas- 
sen geschlossen, dafs kein Tropfen Wasser davon 
ausgehen mag, als durch Verdunstung. Es ist hier 
das geschlossene Thal von Mexiko gleichsam wie- 
derholt, und man wird auf die Vermuthung geführt, 
dafs die vielen kreisförmigen Öffnungen im Monde 



— 269 — 

wohl eben so viele Becken seyn müssen. Das Be- 
cken von Titicaca ist durch einen sehr grofsen Al- 
pensee ausgezeichnet; die übrigen Becken ergiefsen 
ihre Gewässer durch natürliche Canäle, welche als 
so viele Spalten an den Wanden der Becken ange- 
sehen werden können. Noch kennt man die Höhe 
dieser drei Becken nicht , hingegen hat Herr von 
Humboldt ausgcmittelt , dafs der Grund des Thaies 
von Cuenza i35o, des von Alausi i326, des von 
Quito i34o und in seinem westlichen Theile 1490, 
das Becken von Almagues 1160, das von Cauca 5oo, 
das von Magdalena 200, und das Thal von Honda 100 
Toisen über der Fläche des stillen Meeres erhaben 
sind. Die Höhe der Thäler zu erforschen ist sehr 
wichtig, um über die Bildung der Thäler urtheilen 
zu können. 

Überschreitet man die Meerenge von Darien, so 
sieht man , wie sich die Anden nach ihrem Abfalle 
oder Einsenlumg, die sich zwischen den Mündungen 
des Atrato und dem Golfe von Caupiza befindet, 
auf ihrem nordwestlichen Laufe wieder heben, sich 
in Veragua vergröfsern und wachsend durch Guate- 
mala bis Mexiko ausdehnen. Auch hier bilden sie 
wieder dieselben Gebirgsknoten und Verzweigungen, 
indem sie oberhalb Mexiko sich von der Westküste 
des grofsen Oceans entfernen. Die Structur der 
Anden nordwestlich von Darien ist folgende. 

N. Br. 8° bis 11 . Berge der Landenge von Pa- 
nama, von Veragua und von Costa Rica, in schwa- 



— 270 — 

ehern Zusammenhange mit dem Choco, dem west- 
lichen Zweige von Neu -Granada. 

N. Br. ii° bis i6°. Berge von Nicaragua und 
Guatemala; Vulkane, die in der Richtung von 
N. W. einander folgen; und meist noch thätig sind, 
vom Golfe von Nicoya bis zum Vulkane von So- 
conusco. 

N. Br. i6° bis i8°. Urgebirge der Provinz 
Oaxaca. 

N. Br. 18 Vi bis i() l / a . Trachy tische Knoten 
vonAnahuac; Parallele der Nevadas und der bren- 
nenden Vulkane von Mexiko. 

N. Br. 19V2 bis 20°. Knoten der metallhaltigen 
Berge von Guanaxuato und Zacatecas. 

N. Br. 2t%° bis 22 . Trennung der Andea 
von Anahuac in drei Zweige. 

Östlicher Zweig (von Potosi und von Texas), 
fortgesetzt durch die Berge Ozarh und Wiscon- 
san bis zum Obersee. 
Central -Zweig (von Durango, Neu -Mexiko und 
von dem Felsengebirge) der einen Ast, der 
immer niedriger wird, bis zum Makenzie-Flufs 
aussendet. 
Westlicher Zweig , der sich durch Widerla- 
gen mit den Seealpen von Californien ver- 
bindet. 
Was nun die Höhe der Anden anlangt, so sol- 
len sie südwärts des Bergknotens von Loxa die Hi- 
malaya- Gipfel selbst übertreffen, allein noch hat 
man nichts Gewisses hierüber. Hingegen wissen wir, 



— 271 — 

dafs nördlich von den Bergen von Loxa die Cor- 
dilleren sich fünf Mal über die ansehnliche Höhe 
von 2600 Toisen erheben. 

In der Gruppe von Quito , vom o° bis 2°S.Br. 
(Chimborazo, Antisana, Cayambe, Cotopaxi , Col- 
lannes , Yliniza , Sangai , Tunguragua). 

In der Gruppe von Cundinamarca , vom 4 3 /i° 
N. Br. ( Pik von Tolima , nördlich der Anden von 
Quindiu). 

In der Gruppe von Anahuac, vom 18 , 5o/ 
bis 19 , 22' (Popocatepetl oder der grofse Vulkan 
von Mexiko und der Pik von Orizava). 
Betrachtet man die Kette des russischen Amerika 
als eine Fortsetzung des östlichen Zweiges von Me- 
xiko , so kann man hinzufügen die Berggruppe des 
russischen Amerika, 6o° bis 70 N. Br. (der St, Elias- 
berg). 

Es sind zur Zeit nur noch die 12 Andengipfel, 
welche 2600 Toisen erreichen, bestimmt bekannt ; 
und die also den Montblanc um 140 Toisen über- 
steigen. Von diesen 12 Kuppen sind nur drei nörd- 
lich von der Landenge von Panama. 
2. Die isolirte Schneegruppe von Santa Martha. 
Sie ist eingeschlossen von zwei auslaufenden 
Zweigen der Anden , dem von Bogota und dem 
der Landenge von Panama. 
Diese Berggruppe erhebt sich plötzlich , wie ein 
festes Schlofs , aus den Ebenen , die von dem Golfe 
von Darien durch die Mündung des Magdalenen- 
Flusses bis zum See von Maracaibo sich ausdehnt. 



— 272 — 

Noch hat man den höchsten Gipfel der Sierre de St. 

Martha nicht gemessen ; Vermuthungen geben ihr 

eine Höhe von mehr als 3ooo Toisen. 
3. Die Küstenkette von Venezuela. Diese Kette, 
die wir schon öfter beschrieben haben , ist die- 
jenige , welche den grofsen Einflufs auf die Cul- 
tur von Venezuela hat. Keiner ihrer Gipfel 
erreicht die Schneelinie. So , wie die Anden, 
ist auch sie häufigen Erderschüttcrungen unter* 
worfen , aber kein brennender Vulkan ist bis 
jetzt in ihr vorgekommen. Die höchste Spitze 
ist die Silla von Caracas. Diese Kette zeigt 
die gleichen Erscheinungen ihres Baues , wie 
die Andenkette, nämlich: Trennung in verschie- 
denen Parallelkreisen und die zahlreichen Be- 
cken und Längenthäler. Da jedoch die Ein- 
brüche des Antillenmeeres in einer unbekannten 
Vorzeit einen Theil der Küstenkette versenkt 
zu haben scheinen; so stellen sich die Rei- 
hen oder Zweige unterbrochen dar, und einige 
vormalige Becken sind oceanische Golfe ge- 
worden. 
4- Die Gruppe der Parime- Berge trennt die Ebene 
des untern Orinoko von der des Amazonenstro- 
mes. Sie bedeckt das Land zwischen 3° und 8° 
N. Br. und 6o° bis 70 W. L. Sie bedeckt eine 
Fläche von 25, 000 Geviertmeilen. Weil man in 
Amerika nur an die Anden denkt, so haben die 
Erdbeschreiber diese Berggruppe beinahe ganz 
vergessen, was sie jedoch ihrer Wichtigkeit 



Z iö 

wegen nicht verdient. Sie ist neun Mal so grofs, 
als die Schweiz. Der Boden , auf dem sich die 
Berggruppe erhebt, scheint etwas gewölbt. Der 
höchste Gipfel dieser bis jetzt unerforschten 
Bergkette, den man kennt; hat i3oo Toisen 
Höhe. 
5. Die Berge von Brasilien sind gemäfsigte Plateaus 
und wirkliche Bergketten. Der eigentliche Berg- 
rüchen hat 4<>o Toisen Höhe. Diese Berge ent- 
sprechen an Form, Lage und Bichtung der Berg- 
kette von Chili, die ihr gegenüberliegt; sie 
sind aber fünf Mal niedriger. Die culminircn- 
den Punkte dieser Berggruppe sind; derltambe 
932 Toisen Höhe, die Sierra Piedade 910 und 
der Itacolumi 900 Toisen. Der Itabira 816 
Toisen. 
Wenn man nun einen Blich auf den Bau des gan- 
zen Amerika wirft , so sieht man , dafs die höchste 
und beständigste Kette von Bergen die der Anden 
ist. Ihr gegenüber, am östlichen Bande des Con- 
tinents , liegen einzelne Berggruppen (eine grofse, 
zerstörte Kette) , die allezeit gegenüber liegenden 
Theilen der Anden entsprechen , immer aber nied- 
riger sind. Die Gegenüberstellung findet folgender 
Mafsen Statt: 



Die Anden von Chili 
und Ober • Peru , Berg- 
knoten von Porco und 
von Couzco, 2,5oo Toisen 
Höhe. 



Gruppe der Berge von 
Brasilien , niedriger, und 
zwar die gröfste Höhe 982 
Toisen. 



— 274 — 



Anden von Popayan 
und Cundinamarca , Ge- 
birgszweig von Guanacas, 
vom Quindiu und vom 
Antioquia , über 2,800 
Toisen. 

Isolirte Gruppe der 
Schneeberge von Santa 
Martha. Ihre Höhe 3,ooo 
Toisen. 

Vulkanische Anden von 
Guatemala und Primitiv- 
Anden von Oaxaca , von 
1,700 bis 1,800 Toisen 
Höhe. 

Anden von Neu - Me- 
xiko und Ober- Luisiana- 
Felsengebirg. Mehr west- 
lich Seealpen von Neu- 
Albion , 1,600 bis 1,900 
Toisen. 



Gruppe der Berge von 
Parime , nicht völlig so 
hoch, wie die Karpathen, 
i,3oo Toisen. 



Kette des Küstenlandes 
von Venezuela, um 80 Toi- 
sen niedriger, als die skan- 
dinavischen Alpen , i,35o 
Toisen. 

Gruppe der Antillen. 
Die blauen Berge von Ja- 
maika , 1,140 Toisen, 



Ketten der Aleghanys, 
um 160 Toisen höher, als 
der Jura und der Ga- 
tes von Malabar, 1,040 
Toisen. 



So sind die Berge des neuen Festlandes beschaf- 
fen und aufgesetzt. Die Gebirge schliefsen nun jene 
Becken ein, die wir Ebenen nennen , und welche 
das bergfreie Land Amerika's einnehmen. "Wir wol- 
len nun mit Aufzählung dieser Ebenen diese Ab- 
schweifungen schliefsen. Wir fangen von Norden 
her an : 



i. Das Bedien des Missisippi und von Canada. 
Dieses Becken ist zwischen den Anden undAle- 
ghanys enthalten, und gegen Norden eben so, wie 
gegen Süden , geöffnet. Es enthält die Flufsge- 
biete des Lorenzstromes, Missouri, Missisippi 
und Makenziestromes. Die Wasserscheiden sind 
auch hier in den Ebenen selbst. Nirgend ist 
eine Querkette vorhanden , und die Ebenen 
werden sowohl gegen Norden als Süden , nur 
durch die noch flächern Meerebenen der Hud- 
sonbai und des Antillenmeeres begrenzt. Diese 
Ebene begreift 270,000 Quadratmeilen , und ist 
beinahe so grofs , wie ganz Europa. Sie be- 
greift mehrere Seen in sich , aber der höchste 
ist nur lOoToisen erhaben. Diese Ebenen sind 
grasbewachsene Savanen , und in Canada wah- 
rer Wiesengrund. Doch sind auch grofse Stre- 
cken mit Urwald besetzt. Unter den Ebenen 
Amerika's ist in dieser Ebene die Civilisation 
am meisten vorgeschritten. 

a. Das Bedien des Antillenmeeres und des Golfes 
von Mexiko. Es ist eine Fortsetzung des Be- 
ckens vom Missisippi, man möchte sagen, er 
sey der unter Wasser liegende Theil des Be- 
ckens von Missisippi. Dieses Becken kann man 
mit Becht das Mittelmeer der neuen Welt nen- 
nen. Die Antillen bilden eben so viele Aus- 
gänge desselben , und man kann sich nicht ber- 
gen , dafs dieses der Punkt seyn möchte, den 
vielleicht die Vorsehung zum einstigen Markte 



— 276 — 

der Welt bestimmt hat. Es scheint, dafs hier 
den Gewässern durch einen Gewaltstreich der 
Natur der Eingang geöffnet worden sey , und 
die Antillen sind eben so viele Trümmer eines 
Riesendammes , den die Fluthen zertrümmert 
haben. Die kleinen Antillen haben noch bren- 
nende Vulkane , denen in der Andenkette eben- 
falls thätige Vulkanketten gegenüber stehen. 

3. Das Becken des Unter -Orinoko und der Ebenen 
von Venezuela. Es wird im Westen durch die 
Anden, im Norden durch die Küstenkette, im 
Osten durch die Parime begrenzt. Im Süden 
begrenzt es das waldige Becken des Maranon. 
Diese Llannos sind die Wiesengründe , durch 
welche wir unsere Reisenden begleitet haben. 

4. Das Becken vom Rio Negro und Amazonen- 
strome. Dieses ist das Centralbccken, und zwar 
das gröfste in Amerika. Der waldige Theil ent- 
hält 260,000 Quadratmeilen. Einen Theil davon 
haben wir auf dem Rio Negro durchschifft. Der 
waldlose Theil ist ein Grasmeer, und bildet die 
schon öfter erwähnte Enge, durch welche es mit 
dem letzten Becken 

5. der Pampas von Buenos - Ayres und Patago- 
nien zusammenhängt. Diese Ebenen erstrecken 
sich bis an die magellanische Meerenge , und 
bilden das Gegenstück zu den Ebenen des Mis- 
sisippi. Dieses Becken enthält grasbewach- 
sene Ebenen , vorzüglich im westlichen , und 



— 277 — 

dichte Waldungen im östlichen Theile; seine 
Gewässer sammeln sich in grofsen Strömen, die 
alle ihre Gewässer dem Rio de la Plata abge- 
ben. Seine Oberfläche beträgt 1 35, ooo Quadrat- 
meilen. 
Die ganze Oberfläche Süd • Amerika's beträgt 
57i,3oo Quadratmeilen; davon bedecken n4,4o° 
die Gebirge , und 4^6,900 nehmen die Ebenen 
ein. Ganz Amerika enthält auch fünf grofse Flufs- 
systeme. 

1. Das Wassersystem des Lorenzslromes; es er- 
hält seine Nahrung aus dem Schnee und Eise 
des nördlichen Nord -Amerika und den viel- 
fachen canadischen Seen. 

2. Das Flufsgebiet des Missisippi. Seine Zuflüsse 
reichen bis an die Seen Canada's. 

3. Das Flufsgebiet des Orinoko; seine Zuflüsse 
haben ihre Quellen in den Anden von Neu- 
Granada und im Parime- Gebirge ; es hängt zu- 
sammen durch den Cassiquiare mit 

4. dem Flufsgebiete des Amazonenstromes oder 
Maranon. Dieses ist das prächtigste und gröfste 
Flufsgebiet der Erde. Es liegt unter dem Aequa- 
tor, mit dem der Strom sich beinahe parallel 
von Jaen de Bracamoros, auf eine Strecke von 
2,40° Meilen bewegt. Es erhält seine Nahrung 
durch die Aequatorial- Regen. 

5. Das fünfte Flufsgebiet ist das des Rio de la 
Plata. Es entspricht dem des Missisippi, 



— 278 — 

Von den fünf Flufsgcbieten entleeren alle ihre 
Wassermassen in das atlantische Meer, und keines 
in den grofsen Ocean ; in diesen fallen nur die Kü- 
stenflüsse der Westseite der Cordilleren , welche 
aber bei der grofsen Annäherung derselben an das 
stille Meer von keiner Bedeutung sind. 



snäinsFffiias skbs^ 



Erstes Kapitel. 

Reise nach Cuba. 

In neuerer Zeit ist die Schiffahrt so sehr ver- 
vollkommt , dafs eine Fahrt von den Küsten Vene- 
zuela^ nach der Insel Cuba nur als eine Kleinigkeit 
erscheint. Die Bändigung des Meeres ist einer der 
schönsten Triumphe des menschlichen Geistes, man 
kann mit Recht behaupten , dafs die Menschen ein- 
ander näher gerückt sind. Was in frühern Zeiten 
eine ungeheure Seefahrt hiefs , ist jetzt eine Spa- 
zierfahrt , und man kann sagen , dafs jetzt Cadix 
von Cuba nicht weiter entfernt ist, als es früher 
von London war. 

Am il\. November um 9 Uhr Abends ging man 
unter Segel. Man verliefs die Rhede von Neu-Bar- 
cellona , fuhr im tiefen Fahrwasser zwischen den 
Borache- Inseln hin. Die Luft war kühl und ange- 
nehm , und die Fahrt daher viel reizender , als auf 
dem Orinoko , da sich hier keine Mosquitos einfan- 
den. Die Tagestemperatur ist hier gewöhnlich 2Ö 
bis29°, die der Nacht 23° bis 24°, welches eine sehr 
erquickende Veränderung der Wärme ist. Am fol- 
genden Mittage befanden sie sich in der Nähe der 
Insel Tortuga , die von aller Vegetation entblöfst, 
nur sehr wenig über den Meeresspiegel erhaben ist. 



— 282 — 

Da hier mit Anfang November die Ostwinde ge- 
wöhnlich sehr frisch wehen, so war die Windstille 
am 26. November auffallend. Auf dieser ganzen 
Küste werden die Südwinde für sehr ungesund ge- 
halten , weil sie die faulen Ausdünstungen der Wäl- 
der des Orinoko herbeiführen. Gegen 9 Uhr des 
Morgens bildete sich ein schöner Ring um die Sonne, 
im Augenblicke , wo die Temperatur dieser Gegen- 
den plötzlich um 3%° sank. Herr von Humboldt 
vermuthet, dafs dieses die Wirkung einer abstei- 
genden Strömung war. Diese Erscheinung war sehr 
schön. Der Ring um die Sonne hatte die Breite 
eines Grades, und war nicht weifs , sondern zeigte 
die schönsten Regenbogen -Farben , während das 
Innere des Ringes, wie auch das ganze Himmelsge- 
wölbe, tief azurblau war, ohne eine Spur sicht- 
barer Dünste. 

Allmählich verliert man auch die Insel Marga- 
retha aus dem Gesichte , und in der Entfernung 
stellt sich die Silla von Caracas den Blicken dar. 
Auf diesem Sattelberge verweilten die Blicke unse- 
rer Reisenden mit Liebe und Gefühl. Er war der 
höchste Berg Amerika's , den sie bis jetzt und nicht 
ohne einige Gefahr erstiegen hatten. Bei hellem 
Wetter ist die Silla, auch ohne Luftspiegelung, auf 
35 Meilen weit im Meere sichtbar. Das Meer war 
mit einer bläulichten Haut überzogen , welches das 
Leuchten desselben* in der Nacht vermehrte. Sic 
bestand aus feinen Faserchen , und das Leuchten 
schien auf thierischen Ursprung hinzudeuten. 



— 283 — 

Langsam näherten sie sich am 27, November der 
Insel Orchila. Wie alle dem Festlande nahe Insel- 
chen, ist auch diese unbewohnt geblieben. Ihr west- 
licher Theil liegt unter 11 , 5i' 44" N. Br. und 68°, 
26' 5" W, L. Sie ist 8 Meilen lang und kaum 3 
Meilen breit. Sie war damals mit herrlichem Pflan- 
zenwuchse bedeckt, und gewährte einen angenehmen 
Anblick. Sie ist aus zwei Felsen reihen zusammen- 
gesetzt, die durch einen kleinen Isthmus verbunden, 
und nicht über 80 Toiscn hoch sind j auf ihren Gi- 
pfeln tragen sie Palmen mit Fächerblättern , wahr- 
scheinlich Palma de Sombrero. Regen sind hier 
selten , aber es ist wahrscheinlich, dafs auch auf 
dieser Insel süfse Quellen vorhanden sind. Es ist 
daher befremdlich, dafs, indem so viele kleine Fel- 
sen-Inseln im Archipel der Antillen angebaut sind 
diese vielen Inseln in der Nähe des Festlandes un- 
bewohnt bleiben. Dieses rührt jedoch daher, weil 
sie derselben Regierung, wie das Festland, ange- 
hören, vmd Niemand gern auf beschränkten Inseln 
sich ansiedelt, wo er auf dem Festlande Platz genug 
hat, um sich auszubreiten. 

Bei Sonnenuntergang nahmen sie zwei aus dem 
Wasser hervorragende Felsspitzen wahr, die sich 
wie Thürme erheben und Roca de afuere heifsen. 
Über der Insel Orchila sammelten sich Dünste und 
bildeten in beträchtlicher Höhe Wolken. Diese 
Erscheinung ist wohl bekannt. Die Wolken bleiben 
lange über solchen Inseln stehen, und es zeigt sich, 
welche Kraft auch kleine Erdmassen auf die Dünste 



2Ö4 

der Atmosphäre ausüben. An diesen Wolken er- 
kennt man von Weitem her die Lage der niedrig- 
sten Inseln. 

Am 29. November bei Sonnenaufgang sahen sie 
noch ganz deutlich die Silla von Caracas, aber mit 
dem Meerhorizont beinahe gleichlaufend. Sie be- 
fanden sich in einer Entfernung von 39 bis 4© Mei- 
len, welches eine etwas starke Strahlenbrechung an- 
zeigt. Gegen Mittag kündete sich ein nördlicher 
Witterungs- Wechsel an. Die Luft erkältete sich 
plötzlich bis auf 22 , 8, während die See auf der 
Oberfläche bis 25°, 6 beibehielt. Der Wind ging 
auch am 3o. November wirklich in N. N. O. über, 
und die Wellen erhoben sich auf eine aufserordent- 
liehe Höhe. Gegen Norden zeigte der Himmel eine 
schwärzliche Färbung, und da die W T ellen sich 
kreuzten, so verursachte dieses ein gewaltiges Schau- 
keln des Schiffes. Auf einer Meile Entfernnng bil- 
deten sich Wasserhosen, die sich schnell vonN.N.O. 
nach N. N. W. bewegten , und so oft eine Wasser- 
hose sich näherte, war eine Erkältung des Windes 
spürbar. Gegen Abend brach durch Unvorsichtig- 
keit des Schiffkochs Feuer aus, welches leicht hätte 
gefährlich werden können, da die Schiffsladung aus 
gedörrtem , also leicht entzündbarem Fleische be- 
stand , und der Wind heftige Stöfse aussendete. 
Es wurde jedoch schnell gedämpft. 

In der Nacht vom ersten zum zweiten December 
stellte sich den Reisenden eine sehr merkwürdige 
Erscheinung dar. Es war eine halbe Stunde nach 



— 235 — 

Mitternacht bei einem schwachen Ostwinde. Der 
Thermometer zeigte 23°, 2. Der Hygrometer aus 
Fischbein 5j°. Herr von Humboldt stand auf dem 
Verdecke, um Sterne zu beobachten. Der Vollmond 
stand sehr hoch. Plötzlich bildete sich auf der Seite 
des Mondes 45' vor dem Durchgange durch den Me- 
ridian ein Bogen , der alle Farben des Regenbogens 
spielte, jedoch ein trauriges Aussehen hatte. Der 
Bogen überstieg seiner Höhe nach den Mond, war 
2 breit und sein Obertheil war 8o° bis 85° über 
den Horizont des Meeres erhaben. Der Himmel 
war ausserordentlich rein , es war nirgend ein An- 
schein von Regen vorhanden, und diese Erscheinung, 
die völlig einem Mondregenbogen glich, stellte sich 
doch nicht dem Monde gegenüber dar. Der Bogen 
schien bis 10 Minuten lang still zustehen, dann 
fing er an sich zu bewegen und zu senken , indem 
er über den Mond hinzog, und um 12 Uhr 54' sich 
unter dem Horizonte mit dem Obertheile verbarg. 
Er bewegte sich sehr schnell , und Herr von Hum- 
boldt gesteht, diese Erscheinung nicht erklären zu 
können. Die Matrosen sind aber mit der Erklärung 
gleich bei der Hand, indem sie sagen : jedes ausser- 
ordentliche Meteor kündige Wind an. 

Am 3. December gab es einen tüchtigen Schre- 
cken, man sah nämlich ein kleines Fahrzeug, und 
glaubte nichts anders , als einen Corsaren zu sehen, 
was denn auf der See , wenn man sich auf einem 
Kauffarthei - Schiffe befindet, immer eine sehr ernst- 
liche Sache ist, und mehr als Regenbogen und ent- 



— 286 — 

fernte Wasserhosen frappirt. Als es jedoch näher 
kam , zeigte es sich , dafs es ein ganz unschuldiges 
Wesen sey, nämlich das Fahrzeug eines Franzis- 
haner -Mönchs und eines sehr reichen Pfarrers eines 
indianischen Dorfes in den Savanen von Neu-Bar- 
cellona , das seit mehreren Jahren in Handelsange- 
legenheiten- zwischen dem Festlande und den däni- 
schen Inseln hin und her fuhr, und unter dem Na« 
men Balandra de Frayle bekannt war. In der Nacht 
bemerkte Herr Bonpland und mehrere Passagiere 
eine Viertelmeile entfernt eine Flamme auf dem 
Meere, die sich gegen S.W. bewegte, und die Luft 
erleuchtete. Man spürte weder ein Erdbeben noch 
eine Veränderung der Atmosphäre. Diese Flamme 
kann ein phosphorischer Glanz gewesen seyn , der 
aus der Fäulnifs von Weich thieren entstanden war, 
oder auch eine aus dem Meergrunde hervordringende 
vulkanische Flamme. Das letztere ist jedoch un- 
wahrscheinlich, weil vulkanische Flammen nur dann 
aus dem Meere emporsteigen mögen, wenn sich der 
Felsgrund des Oceans bereits so hoch gehoben hat, 
dafs Flammen und glühende Schlacken aus dem auf- 
geblähten Theile hervorkommen, nicht aber durch 
das Wasser selbst hindurch gehen müssen. 

Da es in Kriegszeiten nicht rathsam ist, sich 
lange im Angesichte des Landes aufzuhalten , so 
wurde am vierten December die Überfahrt der Bank 
Pedro Shoals beschlossen. Die Bank ist 280 See-Qua- 
dratmeilen grofs, und der, bei der Insel Jamaika ähn- 
lich , sieht sie aus wie eine Erhebung des Meergrün- 



— 207 — 

des, welcher die Oberfläche der See nicht zu er- 
reichen vermochte, um eine eben so grofse Insel, 
wie Portorico, zu bilden. Die Milchfarbe des Was- 
sers zeigte an , dafs man sich am östlichen Theile 
der Bank befinde; das "Wasser, welches, wie wir 
im Anfange dieser Reise , im ersten Bändchen , be- 
merkt haben, auf Untiefen kälter ist, war auch hier 
um i°, 6 erkältet. Vom 4. bis 6. December wurde 
die Witterung schlimm, und die Stofswinde von 
N. N. W. immer heftiger und in der Nacht war die 
Lage des Schiffs etwas gefährlich. Man befand sich 
in der Nähe von Klippen , die sich durch das Ge- 
räusch der Brandung ankündigten, und von denen 
ein Schiff, wenn es auf sie stöfst, leicht zerschmet- 
tert wird. An dieser Gefahr war weniger der Steuer- 
mann , als die Unrichtigkeit der See - Charten Ur- 
sache. Aus diesem Grunde ist die Richtigkeit der 
Charten so wichtig, d. h. alles Bestreben der Re- 
gierungen , die auf der See Geschäfte haben, müs- 
sen dahin gehen , dafs alle Örter des Meeres , be- 
sonders Inseln , Sandbänke und Klippen , auf das 
genaueste astronomisch bestimmt werden. Sind die 
Bestimmungen auf den See- Charten falsch , so lau- 
fen die Schiffe die gröfste Gefahr, an solchen Stel- 
len, wo öfters die Charten das beste Fahrwasser 
angeben. Das Schiff jedoch , auf welchem unsere 
Reisenden waren , schien der Engel der Wissen- 
schaften zu lenken , denn die Wendung des Fahr- 
zeuges gelang vollkommen , und in einer Viertel- 
stunde waren sie alle aufser Gefahr. Das Senkblei, 



— 283 — 

welches im Anfange nur 9 Klafter zeigte, hatte 12 
und hernach i5 gezeigt. Die Klippen, an denen sie 
so leicht scheitern konnten, liegen unter 16 , 5o' 
Br. und 80°, 43' 49" L. 

Am 9. Decembcr hatten sie sich den Caymas« In- 
seln genähert, und hier erhielt der Ostwind wieder 
seine vollkommene Stärke. Die grofse Ca) r mas- In- 
sel ist mit Cocospalmen bedeckt. Das Wetter war 
fortdauernd sehr schlecht und stürmisch und die 
Luft sogar kühl bei 19 , 2 bis 20 des hundertheili- 
gen Thermometers. Der üble Geruch des gedörr- 
ten Fleisches ersetzte hier die Mosquitos -Plage der 
Orinokofahrt. Der Himmel zeigte zwei Wolken- 
schichten , von denen die untere sehr dicht war; 
die obere schien unbeweglich und durch Streifen 
getheilt. Als sie an das Cap St. Anton kamen, legte 
sich der Wind. Dieses Vorgebirg liegt unter 87 , 
17' 22" W.L. und 2 , 34' *4" östlich von Havannah. 

Drei Meilen waren sie jetzt noch von der Insel 
Cuba entfernt, dennoch kündigte sich dieselbe schon 
als nahe an, durch den lieblichenGeruch, welchen die 
gewürzreiche Vegetation dieser Insel aushaucht. Die 
Matrosen behaupten, dieser Geruch sey nicht spür- 
bar , wenn man sich dem Cap Catoche auf den dür- 
ren Küsten von Mexiko nähert. 

Wie das Wetter sich aufhellte , so stieg auch 
der Thermometer im Schatten nach und nach auf 
27 . Durch eine Strömung von S. S. O. getrieben, 
rückte das Schiff schnell vorwärts. Diese Strömung 
gehört zur Wirkung des beschriebenen Golfstromes, 



— 289 — 

von dem das erste Bändchen handelt. Ä.m 19. Dc- 
cember 1800 landeten unsere Reisenden im Hafen 
von Havannab. Sie hatten auf der Überfahrt von 
Neu-Barcellona fünf und zwanzig Tage bei stets 
schlimmem Wetter zugebracht. 



Zweites Kapitel. 

Allgemeine Bemerkungen über die Antillen. 

Die ganze Oberfläche der Antillen befafst nahe 
an 83oo (Juadratmeilen (20 auf den Grad). Neun 
Zehntheile davon kommen auf die grofsen Inseln : 
Cuba, Haiti, Jamaika und Portorico , die einen 
Flächeninhalt von 7200 Quadratmeilen befassen. Die 
Area dieses amerikanischen Archipels kommt daher 
der des preufsischen Staates gleich ; die Bevölkerung 
ist jedoch noch keineswegs so grofs , als man von 
Inseln in der schönsten Gegend der Erde vermuthen 
sollte, und wohin Afrika seine unglücklichen Kin- 
der in so grofser Anzahl sendet. Die Bevölkerung 
der Antillen ist drei Mal geringer, als diejenige von 
Schottland. 

Die Antillen sind es vorzüglich, wohin die armen 
afrikanischen Brüder gebracht werden, und wo man 
sich schon gewöhnt hat , die schwarze Bevölkerung 
als die arbeitende Classc zu betrachten. Dieses 
grobe Vorurtheil, als ob die Colonial -Produkte 
nur durch Schwarze erzielt werden könnten , wir- 

Hibl.nAturh.Reiten.IV. ^ 



— 2.9-0 — 

Set sehr nachtheilig auf den Gewerbfleifs , und setzt 
die weifse Bevölkerung bei dem Übermafse schwar- 
z-er Sclaven der gröfsten Gefahr aus. Wir wollen 
daher jetzt in einigen Tabellen die Bevölkerung der 
Antillen beifügen, aus welchen das Verhältnils der 
Sclaven zu den Freien ,. und der Schwarzen zu den 
Weifsen hervorgehen solK 



f Name der Inseln» 


Ganze Be- 
völkerung. 


Schwarze 
Sclaven. 


I. Brittische Antillen . . 


776,^00 


626,800 


cu Jamaika . . - - ♦ 


402,000 


342,000 


b. Barbados .. . .. . 


100,000 


79,000 


Ci Antigua .....'..'• 


40,000 


3 1,000 


d. St. Christoph .. .. .. 


23,000 


19,5oO 


e. Nevis ... . .. *. .. .. 


1 1,000 


9,5oo 


f. Grenada. . . ». .. 


29*000 


25,000 


g. St. Vincent und Gre* 






nadinen ...... 


28,000 


24,000 


h. Dominica .. .. .. .. 


20,000 


16,000 


i, Montserat .. .. .. . 


8,000. 


6,5oo 


k. Englische Jungfern- 
Inseln ...... . 


8,5oo 


6,000 


1 Tabago . . . . . 


16,000 


14)000 I 



29 1 — 



Name der Inseln. 


Ganze Be- 
völkerung. 


Schwarze 
Sclaveu. 


m. Anguilla und Barbuda 
n. Trinidad. . . . . .. 

o. St. Lucie .... 

p. Bahamas. .... 

q t Bermudas .... 


2,5oo 
4-i, 5oo 

17,000 

i5,5oo 
i4»5oo 


1,800 
23,000 
1 3,000 
1 1 ,000 

5,000 


II. Haiti ....... 


820,000 

alle 
schwarz» 
aber frei. 




III. Spanische Antillen . . 

a. euba 

b* Portorico ...... 

c. Marguerita .... 


943,ooo 

700,00 r. 

225,000 

18,000 


28l,000 

2Ö6,00O 

25,00O 

400 


IV. Französische Antillen . 

a. Guadelupe mit der 

Zubehör ...... 

b. Martinique .... 


2 1 9,000 

120,000 
99,000 


178,000 

100,000 
78,0OO 



i3 



2Q2 — 



! Ganze Be- 
Name der Inseln. .._ 

volkerung. 


Schwarze 1 
Sclaven. 


V. Holländische , Schw 
sehe und Dänis 
Antillen . 

a. St. Eustach und S 

b. St. Martin . . 

c. Curassao . . 

d. St. Croix . . * 

e. St. Thomas . . 

f. St. Jean .... 

g. St. Barthelemy 


edi- 
che 

aba 


84,5oo 

18,000 

6,000 

11,000 

32,000 

7,000 

2,5oo 

8,000 


6i,3oo 
12,000 
4,000 
6,5oo 
27,000 
5,5oo 
2,3oo 
4,000 






Wiederholung. 


Englisch ....... 


776,500 
820,000 
943 r ooo 
219,000 

84,5oo 


626,800 

281,400 
178,000 

6i,3oo 


St. Domingo 

Spanisch . . . , * . . 


Französisch 

Holländisch , Schwedisch 
und Dänisch ..... 


Summa ......... 


2,843,000 ,1-l/iT^Ort 









— 2Q3 — 

Aus dieser Tabelle können meine jungen Leser 
einige Schlüsse ziehen, wenn sie zuvor Folgendes 
bemerken. Diejenigen Einwohner der Antillen, 
die keine Sclaven sind, sind darum noch nicht alle 
weifse Leute. Es finden sich nämlich unter der 
Zahl von i,686,5oo Wicht- Sclaven 870,000 freie 
Neger, wo dann nur 816, 5oo Weifse überbleiben, 
aber auch unter diesen gibt es noch Mulatten und 
andere farbige Menschen. Hieraus folgt, dafs die 
Weifsen so sehr die Minderzahl ausmachen , dafs 
sie wirklich mit den Schwarzen sehr behutsam ver- 
fahren müssen, wenn diese nicht einmal einen gün- 
stigen Augenblick benutzen und es den Negern von 
Haiti nachmachen sollen. Dann sieht man auch mit 
Erstaunen, dafs gerade diejenigen Nationen, wel- 
che am meisten gegen Sclavenhandel eifern, die 
meisten Sclaven besitzen , und es a'so zwischen 
schönen Reden und schönen Handlungen einen Un- 
terschied gibt, und man sehr getäuscht wird, wenn 
man durch schöne Parlamentsreden sich nach frem- 
dem Glück lüstern machen läfst. Um jedoch von 
dem Zustande der schwarzen Bevölkerung in Ame- 
rika unsern jungen Lesern einen Begriff zu geben, 
lügen wir Folgendes bei. In ganz Amerika gibt es 



— 294 — 



Freie Neger. 


Inseln „....*..*. 


870,000 

270,000 

1 60,000 

80,000 

6,000 


Vereinigte Staaten 

Brasilien 


Spanische Colonien des Festlandes 
Brittisch, Holländisch und Fran- 
zösisch Guiana 


Summa ..«....«.. 


i,386,ooo 


Neger- Sclaven. 




i ,090,000 

i,65o,ooo 

1,800,000 

307,000 

200,000 


Vereinigte Staaten 

Brasilien •...•.••« 4 
Spanische Colonien des Festlandes 
Brittisch , Holländisch und Fran- 
zösisch Guiana 


, _ „ 

1 oumma « 


5,047,000 





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— 2QÖ — 

In ganz Amerika verhält sich nach den Farben 
die Bevölkerung so: Weifse i3,47i?ooo, Indianer 
8,610,000, Neger 6, 483, 000 , vermischte Farben 
6,428,000, zusammen 34,94 2 ,° 00 « Nach den Religio- 
nen sind in Amerika 22,486,000 Römisch -katholische, 
n,636,ooo Protestanten und 820,000 Heiden. 



Drittes Kapitel. 

Politische Beschreibung der Insel Cuba. 

Wir haben im ersten Kapitel unsere Reisenden 
auf der Insel Cuba verlassen , wie sie eben in der 
Havannah landeten. Bevor wir jedoch erzählen, 
was ihnen daselbst begegnete, wollen wir diese In- 
sel und ihren Zustand zuerst beschreiben. Diese 
Insel ist nebst Portorico der einzige Überrest spa- 
nischer Gröfse in Amerika. Cuba ist aber ein so 
schönes und zugleich so wichtiges Besitzthum der 
spanischen Krone , dafs man behaupten kann , so 
lange Spanien die Insel Cuba nicht verliert, so 
lange ist auch die Hoffnung der Wiedereroberung 
Meviko's nicht verloren. Hier ist nämlich die spa- 
nische Herrschaft fest gegründet; es gibt einen vor- 
trefflichen Waffenplatz ab. Hier können sich euro- 
päische Truppen so gut an das Klima Amerika's ge- 
wöhnen , dafs sie von den Ansteckungen bei einer 
Landung in Mexiko nichts zu fürchten haben. Von 
hier aus können sie daher auch eine Armee leicht 
mit Lebensmitteln versehen , und behalten immer, 



— 29? — 

im schlimmsten Falle, einen Zufluchtsort, wenn sie 
<*enöthigt werden , sich einzuschiffen. Cuba ist also 
als Waffenplatz sehr wichtig für Spanien. Aber 
auch als Colonie, denn die grofse Insel Cuba bietet 
eine Menge Colonial- Erzeugnisse dar, und alle Er- 
zeugnisse der Tropenländer gelangen hier zur gröfs- 
ten Vollkommenheit. Cuba hat eine ausgedehnte 
Oberfläche , denn sie ist um die Hälfte gröfser als 
Haiti , und so grofs als England ohne Wallis. Ihre 
Fruchtbarkeit ist aber grofs und bewundernswerth, 
und ihre Bevölkerung besteht zu drei Fünftheilen 
aus freien Menschen. Über alle diese Vortheile geht 
aber ihre geographische Lage und die Lage der Stadt 
Havannah. Der Golf vom Mexiko bildet ein Mittel- 
meer von 25o Meilen Durchmesser, dessen Küsten 
den Bundesstaaten von Mexiko und Nord -Amerika 
angehören. Die Insel Cuba bildet gleichsam die 
Pforte zu diesem so wichtigen Meerbusen; durch 
die offen bleibenden Seiten dringt der Golfstrom 
ein und wieder heraus. Am nördlichen Ausgange, 
da, wo mehrere Strafsen des Welthandels kreuzen, 
liegt der schöne Hafen von Havannab , der sowohl 
von der Natur als Kunst befestigt ist*). So wie die 
Flotten, die aus Cadix auslaufen, die Strafse in 
das Mittelmeer beherrschen, so können auch die 
aus Acajou- und Cedrcla-Holz erbauten Flotten 
der Insel Cuba die gegenüberliegenden Küsten schlag- 
fertig bedrohen. 

*) Siehe den beigefügten Grundrifs. 



— 298 — 

Auch die längliche, etwas schmale Gestalt gibt 
der Insel Cuba eine solche Verlängerung , dafs sie 
sich zugleich der Insel Haiti und Jamaika nähert, 
wie auch der Küste Florida's und der mexikanischen 
Provinz Yucatan. Diese Verbindung, wo so viele 
Staaten so nahe an einander stehen, dafs eine zehn- bis 
zwölftägige Schiffahrt sie mit einander verbindet, 
verdient auch darum Rüchsicht , weil gerade diese 
Staaten, die so schnell mit einander in Gemeinschaft 
treten können , die gröfste schwarze Bevölkerung 
enthalten. 

Florida fangt an, seit es den vereinigten Staaten 
angehört, aufzublühen, und sein fruchtbarer Boden 
verspricht eines der schönsten Länder der Erde zu 
werden. Weiterhin blüht Neu -Orleans zum Haupt- 
stapelplatz der Erde auf, und an sie reihen sich die 
mexikanischen Häfen Tampico , Veracruz und Alva- 
rado bis zum Cap Catoche. Zwischen der Havan- 
nah und dem Hafen von Campeche ist der Handel 
überaus lebendig. Früher hat die Verwaltung die- 
ser Insel viel gekostet , weil hier der stärkste Punkt 
der spanischen Seemacht ist; diese Colonie hat je- 
doch unter allen spanischen Besitzungen in fremden 
Welttheilen den gröfsten Wohlstand erlangt, so dafs 
sie aus dem Schatze Spaniens keines Zuflusses mehr 
bedarf. Die Einwohner sind klug, die Verwaltung 
ist gemäfsigt, und dieses zusammen hat eine solche 
Lebendigkeit im Handel hervorgebracht, dafs der 
Ertrag der Zölle sich so ungeheuer vermehrt hat, 



— OQQ „ 

dafs diese reiehe Colonie sogar das Mutterland im 
Kampfe mit andern Colonien unterstützen konnte. 

Unter die schönsten Ansichten der Erde, wie 
sie nur Neapel undConstantinopel aufzuzeigen haben, 
gehört auch die von Havannah. Es ist zwar hier 
der üppige Pflanzenwuchs keineswegs vorhanden, 
der die Flufs-Ufer des Guayaquil schmückt. Eben 
so wenig zeigt sieh hier die wilde Gröfse, welche 
die Einfahrt in den Meerbusen von Rio Janeiro aus- 
zeichnet. Die Schönheit Havannah's besteht in dem 
Reize, den eine wohlangebaute Gegend, geschmückt 
mit den majestätischen Pflanzenformen der Tropen- 
Jänd<:r, unter einem schönen Himmel entwickelt. Hin- 
gerissen von diesem erfreulichen Anblicke vergifst 
der Europäer die ihm hier drohende Gefahr; er 
sucht sich die Bestandtheile der ausgedehnten Land- 
schaft zu entwirren, und sein betrachtendes Auge 
ruht auf jenen festen Schlössern , die sich auf der 
Ostseite des Hafens über den Felsenwänden dar- 
stellen. Sein Blick ergötzt sich an dem von Dörfern 
und Meierhöfen umzingelten Wasserbecken , an den 
zu aufserordentlicher Höbe aufsteigenden Palmbäu- 
men und an den durch einen Wald von Masten zur 
Hälfte verdeckten Stadt. Die Einfahrt in den Hafen 
geschieht zwischen der Festung Morro und dem 
Schlosse San Salvador. Die Öffnung der Einfahrt 
ist auf eine Länge von 3 / s Meilen nicht breiter als 
170 bis 200 Toisen. Ist man durch den schmalen 
Eingang hindurch, und hat man das schöne Schlofs 



— 300 — 

San Carlos de la Cabanna nebst der Casa blanca 
hinter sich , so gelangt man in ein kreuzförmiges 
Becken, dessen grofse Axe von S. S. W r . nach N. N. O. 
2 l / z Meilen Länge hat. Dieses Wasserbecken steht 
wieder mit drei Buchten in Verbindung, nämlich 
mit der von la Regia, von Guanavacoa und von 
Atares , wovon die letzte einige Süfswasserquellen 
enthalt. Die mit Mauern umgebene Stadt Havan- 
nah bildet ein Vorgebirge , das südwärts vom Ar- 
senal (Magazin für SchifTsgeräth) und nordvyärts vom 
Schlosse de la Punta begrenzt wird. Jenseits der 
Überreste einiger versenkter Schiffe auf der Untiefe 
von la Luz trifft man nur noch fünf bis sechs Klaf- 
ter Wasser an. Westwärts wird die Stadt von den 
Schlössern Santa Domingo de Atares und San Car- 
los del Principe vertheidigt ; diese liegen von der 
innern Mauer landeinwärts, das eine 669, das an- 
dere i24oToisen entfernt. Zwischen der S»tadt und 
den Schlössern liegen die Vorstädte (Arrebales oder 
barrias extra muros) von Horcon , von Jesus Maria, 
von Guadalupe und Sennora la Salud. Durch die 
Vorstädte wird das Marsfeld immer enger zusammen- 
gedrängt. Nicht sowohl durch Schönheit, als durch 
Festigkeit und Gröfse sind ausgezeichnet die Ge- 
bäude: die Kathedralkirche, das Gouvernements- 
haus, die Wohnung des Marine - Commandanten, 
das Arsenal, der Correo oder das Posthaus, die Ta- 
bak-Faktorei. Die Strafsen sind eng, und die mei- 
sten derselben ungepflastert. Weil die Steine von 



— 301 — 

Veracruz hergebracht werden müssen, so war man 
auf den Einfall gerathen , sich statt der Steine zum 
Strafsenpflaster grofser Bäume zu bedienen. Die 
Reisenden waren daher nicht wenig erstaunt, die 
schönen Cahoba - Stämme in denKoth von Havannah 
versengt zu sehen« Zur Zeit des Herrn von Hum- 
boldt hatten wenige Städte Spanien's ein so Jbäfs- 
liches Aussehen, als die reiche Havannah. Man 
wanderte im Kothe bis an die Kniee; die Menge 
der Caleschen oder Volanten , die das eigentüm- 
liche Fuhrwerk der Havannah bilden, die mit Zu- 
ckerkisten beladenen Karren , die Stöfse der zahl- 
losen Träger machen das Fufsgehen eben so be- 
schwerlich als das Fahren. Die Häuser und engen 
Gassen wurden durch das gedörrte Fleisch oder Tas- 
saio, welches einen widrigen Geruch von sich gab, 
verpestet. Es ist hauptsächlich die Nahrung der 
armen Schwarzen. Jedoch soll die Polizei in neue- 
rer Zeit diesen Übeln in etwas abgeholfen haben. 

Havannah hat ein Theater, welches i8o3 durch 
einen italienischen Künstler sehr schön und ge- 
schmackvoll ausgeschmückt wurde. Kunstwerke 
sind in einem Lande noch selten, wo der Mensch 
sich erst einheimisch macht, und nur darauf bedacht 
ist, seinen Wohlstand, zu gründen, und sich mit 
dem Nothdürftigsten zu versorgen. Desgleichen hat 
auch Havannah zwei sehr schöne Promenaden, deren 
eine zwischen der Almada, zwischen dem Hospitale 
Paula und dem Theater gelegen ist; die andere liegt 



— 302 — 

zwischen dem Castello de Ja Funta und der Puerta 
de la Muralla , und führt den Namen : Spaziergang 
aufser den Mauern. Sie gewährt die angenehmste 
Kühlung, und wird nach Sonnenuntergang von den 
Spazierfahrern viel besucht. Ihre erste Anlage rührt 
von dem Marquis de la Torre her. Sie besteht aus 
prächtigen Palmen. In der Nähe des Marsfeldes 
befindet sich der Pflanzengarten, welcher äufserst 
wichtig ist. Darneben ist der Platz des Fluches, wo 
die unglücklichen Sclaven ausgeboten werden. 

Auf der Promenade aufser den Mauern ist in der 
neuesten Zeit die Bildsäule Carls III. aufgestellt 
worden. Der Platz war früher zu einem Denkmale 
des Christoph Columbus bestimmt. Seine Asche 
ruht nämlich hier , indem sie nach der Abtre- 
tung des spanischen Antheils von St. Domingo 
liieher gebracht worden war. In demselben Jahre 
wurde auch die Asche des Ferdinand Cortez aus 
einer Kirche in die andere versetzt, und so geschah 
es , dafs gleichzeitig am Schlüsse des achtzehnten 
Jahrhunderts die zwei gröfsten Männer , welche 
die Eroberung Ameriha^s auszeichnet, ein neues Be- 
gräbnifs erhielten. 

Die prachtvolle Königspalme (Palma real) er- 
theilt der Umgebung von Havannah einen besondern 
Reiz. Ihr schlanker, in der Mitte etwas aufgetrie- 
bener Schaft erreicht die Höhe von 70 bis 80 Fufs. 
Sein Obertheil ist glänzend, von zartem Grün, und 
bildet mit dem übrigen weifslichen und zerrissenen 



— 303 — 

Schafte einen Gegensatz, so dafs der Obertheil mit 
dem Untertheile zwei auf einander gesetzten Säu- 
len gleichen. Die gefiederten Blätter stehen senk- 
recht empor, und sind gegen die Spitze etwas ein- 
gebogen. Hier, wie überall, wo die Menschenmenge 
sich zusammendrängt, leidet der Pflanzenwuchs, 
und man siehet in der Umgegend der Stadt die Pal- 
men jährlich schwinden , die Sümpfe werden ausge- 
rottet und angebaut, und wie der Anbau des Bodens 
vorwärts schreitet, zeigt der Boden kaum noch Spu- 
ren seines vormaligen wilden Überflusses an Pflan- 
zenreichthum. Man sieht die Zwischenräume von 
einer Bucht bis zur andern mit Häusern sich be- 
decken , die zum Theil angenehm und zierlich ge- 
baut sind. Die Häuser werden meistens in den ver- 
einigten Staaten verfertigt. Man zeichnet einen Plan 
dazu , und bestellt sie , wie man bei uns ein Haus- 
geräth bestellt. Es sind nämlich aus Holz gezim- 
merte Landhäuser. Wenn in Havannah] das gelbe 
Fieber herrscht , so bezieht man diese Landhäuser 
am La Regla_und Guanavacoa, wo die Luft reiner 
ist. Bei der Kühle der Nacht streichen die Böte 
durch das Wasser hin , und lassen bei der Phos- 
phorescenz des Meeres lange, lichte Streifen hinter 
sich, was einen schönen Anblick gewährt, und eine 
reizende Zufluchtsstätte der Einwohner ist, die das 
Getümmel der Stadt fliehen. Um die Fortschritte 
der Cultur noch genauer zu würdigen, müssen die 
Reisenden die kleinen Chartas besuchen , voll Mais 



. — 304 — 

und Maniocpflanzen , so wie in den Feldern von la 
Cruz de Piedra die nach der Schnur gepflanzten 
Ananas und den bischöflichen Garten , welcher in 
der neuesten Zeit ein besonders angenehmer Ort 
geworden ist. 

Die eigentliche mit Mauern umgebene Stadt Ha- 
vannah ist nicht über 900 Toisen lang undöoo breit, 
und auf diesem engen Räume wohnen 44»°°° Men- 
schen, unter denen 26,000 Neger und Mulatten sind. 
Die Bevölkerung der Vorstädte ist um nichts ge- 
ringer, besonders in der von Jesus Maria und la 
Salud , die jedoch, ihrer engen Gassen wegen, die- 
sen schönen Namen gar nicht verdient, obgleich die 
Lufttemperatur etwas milder, als in der Stadt selbst 
ist. Die Ingenieure beweisen der Regierung be- 
ständig, dafs die Vorstädte zu nahe bei den Festungs- 
werken liegen, und der Feind sich da einquartiren 
könne , ohne von dem Geschütze der Festung er- 
reicht zu werden. Allein wer hätte den Muth, eine 
Bevölkerung von 28,000 Menschen zu vertreiben ? 
Havannah ist übrigens sehr fest, und nicht leicht 
würde es einem Feinde gelingen, sich der Stadt zu 
bemächtigen , die von der Natur und Kunst so sehr 
befestigt ist. Der bedenklichste Feind der Havan- 
nah ist in der Stadt selbst. Es sind dieses die Ne- 
ger und Mulatten. Folgende Tabelle wird die Be 
völkerung Havannah's ausweisen. 



— 305 — 



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Hieraus ergeben sich 4 l » 22 7 Weifse auf 55,071 
Farbige und Schwarze , welche allerdings als die- 
jenige Classe, die am meisten zu klagen Ursache 
hat, den Festungswerken am gefährlichsten werden 
könnte. Pardos heifsen alle, die weder wcifs noch 
schwarz sind. In dieser Zählung sind die Soldaten, 
Mönche und Ausländer nicht mit begriffen. Die 
Garnison beträgt gewöhnlich 6,000 Mann; die Zahl 
der Ausländer beläuft sich auf 20,000, so dafs man 
die Gesammtbevölkerung auf i3o,ooo Seelen berech- 
nen kann, 

Da die Stadt Havannah eben nicht das gesundeste 
Klima hat, auch viele nicht eingewohnte Fremde 
sich hier befinden, so ist wohl natürlich, dafs die 
Zahl der Gestorbenen jährlich sehr bedeutend ist, 
und dieses um so mehr, als hier das gelbe Fieber 
herrscht ; dennoch ist die Sterblichkeit nicht grös- 
ser , als in andern grofsen Städten, und bei weitem 
nicht so grofs , als man glaubt. Nicht für die Ein- 
gebornen , wohl aber für die aus Europa kommen- 
den Fremden ist das Klima gefährlich , und das um 
so mehr, je kühler und gemäfsigter der Himmels- 
strich ist , aus dem man kommt. Dieses wird auch 
dann noch der Fall seyn , wenn eine gute Polizei 
hinsichtlich der Reinigung der Stadt nichts mehr 
zu wünschen übrig lassen wird. 

Der Markt der Stadt wird sehr reichlich ver- 
sehen mit allen Bedürfnissen des Lebens. Alltäg- 
lich werden 2,000 Lastthiere mit Mais, Manioc, Hül- 
senfrüchten, Branntwein, Fleisch, Milch, Eiern, 



— 303 — 

Base undRaucbtabak beladen nach der Stadt gebracht. 
Ihre Ladungen wurden 1819 das Jahr hindurch zu dem 
Gesammtbetrage von 4,480,000 Piastern berechnet. 
Havannah ist eine der fünf Städte Amerika's, deren 
Bevölkerung 100,000 Menschen übersteigt, und ge- 
hört daher zu den gröfsten der neuen Welt. Mexiko 
zählt 170,000, Neu-York 140,000, Bio Janeiro i35,ooo, 
darunter io5,ooo Schwarze; Philadelphia, Havan- 
nah und Bahia, jede 120 bis i3o,ooo. 



Viertes Kapitel. 

Fortsetzung der Beschreibung der Insel Cuba. — GröTse. — Be- 
schaffenheit. — Bevölkerung. — Sclnvcu. 

Der Monat Januar und Hornung wurde von un- 
sern Reisenden dazu verwendet, um in der Um- 
gegend von Havannah Bemerkungen über das Land 
zu sammeln. Die Gestalt wie die Gröfse der Insel 
Cuba ist lange Zeit unbekannt geblieben. Nach 
sorgfältigen Untersuchungen gibt Herr von Hum- 
boldt die Grundfläche dieser Insel auf 3,520 See- 
Geviertmeilen ohne die Insel Pinos, und mit der- 
selben auf 3,6i5 an. Sic ist daher um ein Siebentheil 
kleiner, als man bisher geglaubt hatte, und um 
0,24 gröfser, als St. Domingo. Ihre gröisle Länge 
beträgt 227 Meilen. Ihre gröfstc Breite, von der 
Spitze Maternille zur Ausmündung des Magdalena 
nahe beim Pik Tarquino beträgt 37 Meilen , zwi- 
schen Havannah aber und dem Prinzenhafen nur 



— oOQ — 

i5 Meilen. In dem bestcultivirten Theile aber, zwi- 
schen Havannah und dem Batabano, hat sie nur ö l /_ 
Seemeilen. Diese Landenge zwischen zwei Hafen 
»st für die Verteidigung der Havannah äufserst 
wichtig. Unter allen grofsen Inseln der Erde ist 
keine der Insel Cuba in Bezug auf Gestalt und Gröfse 
ähnlicher, als die InselJava, deren Area 4^70 Qua- 
dratmeilen beträgt. Die Inset Cuba enthält daher 
beinahe die Hälfte des Areal oder derGesammtfläche 
des ganzen Antillen - Archipels , welche 7,787 Qua- 
dratmeilen, 20 auf einen Grad, beträgt. Die Insel 
Cuba hat auf vier Fünftheile ihrer Oberfläche nur 
tiefe Niederungen ; am südöstlichen Endtheile hebt 
sich das Land zu einer Berggruppe , deren höchster 
Punkt sich nordwestlich der Stadt Santiago der Insel 
Cuba unter dem Namen Motanna del Cobre bis auf 
1,200 Toisen absolute Höhe erhebt. Zur nämlichen 
Berggruppe gehört die Sierra de Tarquino mit den 
Kupferbergen. Eben so wird die Insel von O. S. O. 
nach W. N. W. von einer Hügelkette durchzogen, 
die ihre Richtung nach der Nordküste nimmt. Auf 
dem Wege nach der Stadt Trinidad hat Herr von 
Humboldt Nadeln gesehen, die sich in isolirten Spi- 
tzen auf mehr als 3oo Toisen erheben. Dieses Kalk- 
gebirg stellt sich sehr imposant dar, wenn man beim 
Cayo de Piedras vor Anker liegt. Im Innern der 
Insel ist das Erdreich sanft wellenförmig , wie in 
England, und erhebt sich nirgend über 4o bis 60 
Toisen. In den hohen Gebirgen Montanno's del Cobre 
will man Gneifs und Glimmerschiefer erkannt ha- 



— 310 — 

ben , und aus diesem Urgebirge sind -wahrschein- 
lich die goldhaltigen Anschwemmungen hergekom- 
men , die in den ersten Zeiten der Eroberung, zum 
Unglücke der Eingebornen, so reiche Ausbeute ge- 
liefert haben. Heut zu Tage ist der ßeicktkura des 
goldhaltigen Sandes erschöpft, und wenn der Gold- 
durst die Bewohner Cuba's zum Wühlen nach Schä- 
tzen verleiten sollte, so würden sie unstreitig siche- 
rer in den Gängen des Urgebirges selbst, als in von 
den Vorfahren verlassenen Goldwäschen ihren Zweck 
erreichen. 

Der mittlere und westliche Theil der Insel ent- 
hält zwei Formationen von dichtem Kalksteine und 
Gyps , welche dieselben Erscheinungen, vfie alle 
ähnlichen Formationen in Europa darbieten. Auf 
der Insel Guba sind noch keine vulkanische Pro- 
dukte neuerer Formation gefunden worden , und 
es- scheint überhaupt zu den glücklichen Vorzügen 
der Insel Cuba zu gehören, von den Erdstöfsen nicht 
so sehr heimgesucht und zerstört zu werden r wie 
Haiti und Portorieo. Die Erdstöfse werden mei- 
stens nur in den östlichen Theilen verspürt, und 
sind nicht so zerstörend. Vielleicht ist es der Fall, 
dafs gegen diese Region hin sich seitwärts die Wir- 
kung einer Spalte ausdehnt, von der man glaubt, 
sie durchziehe die Granitfelsenzunge, zwischen Port 
au Prince und Cap Tiburon , über welcher auch im 
Jahre 1770 ganze Berge eingestürzt sind. 

Der westliche Theil der Insel hat Mangel an 
Flüssen, welches man der Zerstörung der Kalkberge 



— 311 — 

und dem Mangel an Waldung zuschreibt, Haiti und 
Jamaika sind i-n dieser Hinsicht von der Natur sehr 
begünstig!, indem sie vulkanische, mit Waldung 
bedeckte Spitzberge haben, welche die Feuchtig- 
keit an sieh ziehen, erhalten* und den Quellen Nah- 
rung verschaffen, 

Die fruchtbarsten Landschaften der Insel Cuba 
sind die Bezirke von Matanzas , Mariel ,. Trinidad 
und Xagua. Das Thal von Guinos wird künstlich 
bewässert, und diesem Umstände verdankt es seine 
ausnehmende Fruchtbarkeit. Des Mangels an gros- 
sen Flüssen, und der ungleichen Fruchtbarkeit des 
Bodens ungeachtet, gewährt die Insel Cuba durch 
ihre wellenförmige Oberfläche, ihr stets sich erneuen- 
des frisches Grün , und die Vertheilung ihrer Pflan- 
zenformen bei jedem Schritte, den man, so zu sagen, 
thun kann, die mannigfaltigste und lieblichste Land- 
schaft. Zwei Bäume mit grofsen, lederzähen, glän- 
zenden Blättern, der Mummea und das Calophyllum- 
Calaba , verschönern die Fluren. Fünf Arten von 
Palmen : die Königspalme (Oreodoxa regia) , die ge- 
meine Cocospalme r die gekrauste Cocospalme (Co- 
cos crispa), die Corypha miraguama und maritima 
nebst klein an einander blühenden Sträuchen dienen 
den Hügeln und Savanen zum Schmucke. Die feuch- 
ten Stellen: des Bodens werden durch die Cecropia 
peltata bezeichnet. Man möchte glauben,, die ganze 
Insel sey ursprünglich ein Wald von Palmen -, Ci- 
tronen- und wilden Orangen -Bäumen gewesen. Die 
wilden Orangen mit ganz kleinen Früchten waren 



— 312 — 

vermutblich vorhanden, ehe noch die Europäer lan- 
deten , welche die Orange der Gärten daliin brach- 
ten. Sie werden selten höher als 10 bis ij Fufs. 
Meistens kommt der Citronen- und Orangenbaum 
jedem unvermischt vor. Wenn die Colonisten den 
Boden durch Feuer urbar machen, so unterscheiden 
sie die Eigenschaften des Bodens , je nachdem der- 
selbe mit der einen oder der andern Art der ge- 
sellschaftlichen Pflanzen bewachsen war, und ziehen 
den Boden , auf welchem der edle Orangenbaum 
wächst, demjenigen vor, der kleine Citronen trug. 
Diese letztern hält man in Amerika für einheimisch, 
und behauptet mit Recht , dafs die aus Asien her- 
übergebrachten auch in der Verwilderung nicht aus- 
arten. Da jedoch hier zu Lande die Zuckersicde- 
reien noch nicht genug vervollkommnet sind, und 
man keinen andern Brennstoff dazu hat, als das 
ausgequetschte Rohr (bagasse), so ist die Zerstö- 
rung des Holzes selbst eine wahre Landplage. Es 
gibt wohl mehrere kleine Rüstenflüsse, die zur Be- 
wässerung des Landes dienen können , aber alle 
sind nur ein paar Meilen oberhalb ihrer Mündung 
schiffbar. Viele dieser Flüsse verlieren sich in 
Sümpfe oder stürzen sich in Felsenschlünde. Das 
Verschwinden der Gewässer ist so häufig , dafs in 
Folge des dadurch verursachten Druckes das süfse 
Wasser mitten aus dem Salzwasser in beträchtlicher 
Entfernung von der Rüste hervorquillt. 

Der Bezirk von Havannah gehört nicht zu den 
fruchtbarsten der Insel , darum sind auch die 



— 313 ~ 

Zuckerpflanzungen , welche früher in der Nähe der 
Hauptstadt gefunden wurden , durch Meierhöfe mit 
Viehstand, durch Maisfelder und Futterwiesen ver- 
drängt worden, welche wegen der Nähe der Haupt- 
stadt gröfsere Vortheile gewähren. Auf der Insel 
Cuba unterscheiden die Pflanzer zweierlei Erdreich; 
das eine, schwarze, enthält mehr vegetabilische 
Stoffe ; das andere, rothe, enthält Eisenoxyd. Beide 
Arten wechseln mit einander ab, wie die Felder 
im Damenbrete. Man hält die schwarze Erde, weil 
sie die Feuchtigkeit besser an sich hält, für den 
Zuckerbau, die rothe der Caffeestaude zuträglicher. 
Dennoch findet man auch auf dem rothen Erdreiche 
Zuckerrobrpfianzungen. 

Das Klima der Insel Cuba ist dasjenige, welches 
der gemäfsigten Zone naher liegt, und schon jene 
bedeutendem Unterschiede zwischen Wärme und 
Kälte darbietet, die die gemäfsigte Zone bezeichnen. 
Calcutta , Canton , Macao , Havannah und Rio Ja- 
neiro sind Orte, denen ihre Lage, ihre gleiche Höhe 
mit der Meeresfläche und die Nähe der Wendekreise 
eine ziemlich gleiche Temperatur geben, und für 
das Studium der Meteorologie sehr geeignet sind. 
Man hat sich gewöhnt, die Klimate zwischen den 
Wendekreisen sich überall gleichförmig zu denken. 
Dieses ist aber nicht der Fall , und jeder Grad Ent- 
fernung bringt auch andere Verhältnisse in die Er- 
scheinungen der Temperatur. 

Herr von Humboldt hat für die Meteorologie des 
Antillen. Archipels sehr viele und wichtige That- 

Bibt. naturh. Reiten. IV. \/, 



— 314 — 

Sachen gesammelt, von denen wir unsern jungen 
Lesern *o viel mittheilen wollen, als wir glauben, 
dafs hinreichend sey , um ihnen einen Begriff von 
dem Klima der Insel Cuba beizubringen. Die mitt- 
lere Temperatur der Havannah beträgt im Jahres- 
Durchschnitte 25°, 7 des hundertteiligen Thermo- 
meters, also nur um 2 weniger, als in Curnana, 
welches doch dem Aequator um 12 , 42' Br. näher 
liegt. Allein der Unterschied zwischen den kälte- 
sten und wärmsten Tagen ist auf Cuba viel gröfser. 
Die wärmsten Monate zeigen, wie unter dem Aequa- 
tor , eine mittlere Temperatur von 2Ö , 8, sogar 
29 , 5; die kältesten Monate, im December und Ja- 
nuar, geben eine mittlere Temperatur von 17°, in 
der Havannah 21 , d. h. einen um 5° bis 8° gröfsern 
Unterschied, als unterm Aequator. Man sah sogar 
den Thermometer auf 4°? 5 herabsinken, und bei 
dieser Temperatur , was noch merkwürdiger ist, 
eine mehrere Linien dicke Eiskruste frieren , ohne 
dafs der Thermometer auf o° gesunken wäre. Die- 
ses geschieht, wenn im Winter ein lange anhalten- 
der Wind die kalten Luftschichten aus Canada her- 
abführt durch das Becken des Missisippi. Herr 
Wells und Wilson nahmen das Entstehen der Eis- 
kruste wahr, während der Thermometer noch auf 
5° und selbst 9 über o° stand. 

Diese Bildung des Eises, in einer mit derMeeres- 
fläche gleichen Ebene in der heifsen Zone mufs um so 
mehr auffallen, als in Caracas bei io°, 3i'Breite und 
477 Toisen Erhöhung über der Meeresfläche, der Ther- 



— 315 — 

mometer nie unter 1 1° sinkt, und man unterm Aequator 
»4oo Toisen hoch steigen mufs, um Eis sich bilden zu 
sehen. Ja man trifft in Quito in einem engen Tfaale 
von 1490 Toisen Erhöhung noch kein Eis an, und in 
den umliegenden Antillen sah man den Thermometer 
nie unter 18°, 5 sinken. Der Temperaturwechsel er- 
folgt auf der Insel Cuba schnell. Der Frost schadet 
jedoch niemals den Pflanzungen. Auch sind die zer- 
störenden Orkane nicht so häufig, als auf Jamaika 
und Haiti. 

Cuba besitzt zwei Bischöfe, wovon der eine Bi- 
schof von Havannah ist , dessen Bisthum 4° Birch- 
sprengel begreift 3 der andere ist der von Santiago 
de Cuba mit 22 Birchspielen. 

Die Insel Cuba öffnet durch den überall anbau- 
fähigen Boden der Industrie und Gewerbsamkeit ein 
weites Feld. Sie scheint zur Bönigin unter den An- 
tillen bestimmt zu seyn. Ihre 36oo Geviertmeilen kön- 
nen einst 6 Millionen Menschen Nahrung und Wohl- 
stand verleihen. Auch befindet sich die Bevölkerung 
in starker Zunahme. 177^ zählte man 170,862 Ein- 
wohner auf der ganzen Insel, 1791: 272,1405 im 
Jahre 1817: 630,980. Nach der letzten Zählung fan- 
den sich : 290,021 Wcifse, 175,691 freie farbige Men- 
schen und 225,268 Sclaven. Wir sehen, dafs Cuba 
das Glück hat, dafs daselbst die weifse Bevölkerung 
der schwarzen das Gleichgewicht hält, und die freie 
Bevölkerung die der Sclaven übertrifft. In den brit- 
ischen und französischen Antillen wird die freie Be- 
völkerung von der der Sclaven drei- und selbst sechs- 

14* 



— 51Ö — 

fach übertroffen, und es steht für alle das Schick- 
sal Haiti's zu fürchten. Cuba allein hat das Wenigste 
zu fürchten, um so mehr, als man da eine mildere 
Behandlung der Sclaven wahrnimmt, und ihre Frei- 
lassung sehr begünstigt wird. Die freien Neger er- 
langen Eigenthum und Wohlstand, und geniefsen 
alle Vortheile der Gesetze , wodurch ihr Interesse 
mit dem der Weifscn erhalten wird. Zudem sind 
die Sclaven begünstigt, und ihrem Fleifse und ihrer 
Sparsamkeit ist es anheimgegeben , sich ihre Frei- 
heit durch Loskauf ung zu verschaffen, die derHerr 
nicht verhindern darf. So wird die Geduld der 
schwarzen Bevölkerung nie auf die äufserste Probe 
gestellt. 

Anders verhält es sich auf den übrigen Antillen, 
und menschenfreundliche Gesinnungen , wie sie sich 
in England und Frankreich über die Afrikaner aus- 
sprechen , scheinen keineswegs die französischen 
und englischen Pflanzer zu leiten. Man glaubt der 
Gefahr durch Mifshandlung der Sclaven zu entgehen. 
Auf Cuba ist es anders. In keinem Lande, woScla- 
verei angetroffen wird , sind die Freilassungen so 
häufig, als auf der Insel Cuba. Die Gesetzgebung 
erleichtert sie , und die einmal freien Neger werden 
nimmer Sclaven. Jeder Sclave hat das Recht sei- 
nen Herrn zu wechseln oder durch Rückgabe des 
Kaufpreises sich frei zu machen. Das religiöse Ge- 
fühl flöfst vielen Herren den Gedanken ein , in ih- 
rem Testamente eine Anzahl Sclaven frei zu machen. 
Auch kann sich der Sclave leicht etwas verdienen, 



— 317 — 

wenn er dem Herrn täglich eine bestimmte Summe 
bezahlt, und dann für eigne Rechnung arbeitet. 
Alle diese Umstände begünstigen den Übergang der 
Sclaven in die Classe der freien Farbigen. Herr 
von Humboldt sagt: die Lage der freien Farbigen 
ist glücklicher in der Havannah , als unter solchen 
Nationen , die sich seit Jahrhunderten einer weit 
vorgerücktem Civilisirung rühmen. Es sind dort 
jene barbarischen Gesetze unbekannt, die noch heut 
zu Tage angerufen werden , und denen zu Folge 
die Freigelassenen unfähig sind, von Weifsen Schen- 
kungen anzunehmen , hingegen aber ihrer Freiheit 
beraubt, zum Vortheile des Fiscus verkauft werden 
können, wenn sie überwiesen sind, Marronsnegern 
Zuflucht gestattet zu haben. Übrigens ist das Loos 
der Sclaven immer schrecklich , besonders wenn 
man bedenkt, dafs es unter den Pflanzern ernsthaft 
erörtert wurde, ob es besser sey , die Sclaven zu 
schonen, um sie länger am Leben zu erhalten, oder 
ihnen durch möglichste starke Arbeit den gröfsten 
Nutzen abzugewinnen , und sie schnell aufzurei- 
ben? — Grausamkeiten werden genug begangen. 
Hiezu kommt noch das Klima, welches viele der 
neuangekommenen Neger aufreibt. Man weifs , dafs 
nach Cuba allein bis 1820, 4»3,5oo Afrikaner ein- 
geführt wurden. Anstatt , dafs sich nun ihre Zahl 
auf der Insel hätte sehr vermehren sollen , sind 
daselbst nur 390,000 farbige Menschen , freie und 
Sclaven vorhanden. Immer jedoch noch mehr im 
Verhältnisse, als in den Colonien anderer Nationen. 



— 318 — 
Fünftes Kapitel. 

Geistige Bildung auf der Insel Cuba. — Öffentliche Anstalten. — 
Produkte. 

Was die geistige Bildung anbelangt, so ist die- 
selbe beinahe ganz auf die weifse Bevölkerung be- 
schränkt, aber auch hier sehr ungleich vertbeilt. 
Die vornehme Gesellschaft in Havannah gleicht durch 
feine Sitte ganz der feinen Gesellschaft in Cadix und 
den übrigen reichen Handelsstädten in Europa. Der 
grofse "Wohlstand macht, dafs sie sogar einen etwas 
indischen Anstrich erhält. Aufser der Hauptstadt 
hingegen trifft man bei den Pflanzern und Landgut- 
besitzern jene Sitteneinfalt an, die sich durch rauhe, 
aber herzliche Tugenden zu Tage legt. Die Havan- 
nesen waren unter den spanischen Colonisten die 
ersten, welche Italien, Frankreich und Spanien be- 
sucht haben. Hier hatte man auch immer die ge- 
nauesten Nachrichten von den Häfen , und man war 
von der Politik sehr gut unterrichtet, welches für 
den Handelsstand eben so wichtig als vorteilhaft ist. 

Für literarische Anstalten besitzt Cuba jene gros« 
sen und kostbaren Anstalten nicht, welche seit alter 
Zeit Mexiko auszeichnen; hingegen finden sich in 
der Havannah Einrichtungen , welche der Patriotis- 
mus der Bewohner gründete , und wenn anders die 
Ruhe nicht gestört wird, auch vervollkommnen wird. 
Die patriotische Gesellschaft in Havannah ward 1793 
gegründet. Sie hat von ihr unabhängige Vereine 
zu Espiritu - Santo , von Puerta- Principe und von 



— 319 — 

Trinidad. Im Kloster der PadrcsPredicadores ist eine 
seit 1728 gestiftete Universität, diese hat Lehrstühle 
der Theologie, der Jurisprudenz, der Mediein und 
der Mathematik, und seit 1818 einen Lehrstuhl der 
Staatswissenschaft und der ökonomischen Botanik. 
Ferner hat Havannah ein Museum, eine Schule der 
beschreibenden Anatomie, eine öffentliche Biblio- 
thek , eine unentgeldliche Schule für die Zeichen- 
kunst und Malerei, eine nautische Schule. Die Lan- 
castei'' sehen Schulen und der Pflanzengarten sind 
noch junge Anstalten , aber im Fortschreiten be- 
griffen. 

Man zählt hier auf der Insel 1100 Geistliche. Der 
Bischof von Havannah hat no,ooo Piaster , der Erz- 
bischof von Cuba 4O5O00» ein Chorherr 3ooo Piaster 
Einkünfte. 1825 befanden sich in Havannah über 
5oo praktische Ärzte, vor denen sich doch weder 
der Tod noch das gelbe Fieber sehr zu fürchten 
schien 3 unter diesen waren 61 medicos , 333 ciruja- 
nos latinos y romancistos und 100 farmaceuticos, 
dann 3i2 Advokaten! und 9,4 Escribanos. Die Zahl 
der Advokaten nahm aufserordentlich zu, was eben 
kein Beweis für die Verträglichkeit der Havanne- 
sen ist. 1814 waren auf der ganzen Insel nur 160 
vorhanden. 

Was den Anbau anlangt, so war zu r Zeit, als 
die Spanier in Amerika sich ansiedelten, ihre ganze 
Mühe auf Erzeugung der Pflanzen gerichtet, welche 
Nahrung gewähren, und in Mexiko, Peru und den 
gemäfsigten Gegenden von Gundinamarca hat sich 



— 5'20 — 

dieser allenthalben erhalten, wo die Weifsen aus- 
gedehnte Ländereien besitzen. Diese Pflanzen : der 
Pisang , der Mais, der Manioc , die europäischen 
Cerealien, die Kartoffeln und der Quinoab, als Nah- 
rungspflanzen , sind der Hauptgegenstand des Land- 
baues in den gemässigten Hochebenen desContinental- 
Amerika geblieben. Der Indigo , die Baumwolle, 
der Caffeestrauch und das Zuckerrohr erscheinen 
in diesen Gegenden als untergeordnete Zweige. Seit 
dritthalbhundert Jahren hat Cuba und die übrigen 
Antillen heinen Wechsel erlitten. Auch war es Cuba, 
dessen Ausfuhr bis in's achtzehnte Jahrhundert auf 
Leder und Häute beschränkt blieb. Der Viehzucht 
folgte der Tabakbau und die Vermehrung der Bie- 
nen, wozu die ersten Bienen aus Florida eingebracht 
wurden. Bald waren Wachs und Tabak bedeuter- 
dere Gegenstände des Handels, als Häute; docli 
wurde Wachs und Tabak gar bald durch Zucker 
und CafFec verdrängt. Gegenwärtig sind Wachs, 
Tabak , Zucker und Caffee die Ausfuhrartikel. 

1760 wurden an Zucker ausgeführt: i3,ooo Ki- 
sten. Diese Ausfuhr steigerte sich von Jahr zn Jahr 
bis 1824: zu 3oo, 11 1 Kisten. Man kann daher anneh- 
men, dafs, des Schleichhandels ungeachtet, jetzt jähr- 
lich 38o,ooo Kisten Zucker ausgeführt werden. Den 
Verbrauch auf Cuba selbst nimmt Herr von Hum- 
boldt auf 80,000 Kisten an, welches einen Gesammt- 
ertrag der jährlichen Zuckerernte von 44°> 000 Kisten 
darbietet. 

Vielleicht haben meine jungen Leser eine Freude 



— 321 — 

daran, zu sehen und zu erfahren, wie viel Zucker 
überhaupt in Amerika erzeugt wird; damit jedoch 
die Freude auch ein Gegengewicht habe, so will 
ich überall auch die Zahl der schwarzen Sclaven, 
die dazu verwendet werden , beisetzen. 

Die Antillen führen an Zucker aus: 62,000,000 
Zentner, zu denen 1,147,500 Sclaven gebraucht wer- 
den. Brasilien 27,000,000 Zentner mit 2,000,000 
Sclaven. Guiana 9,000,000 Zentner mit 206,000 Scla- 
ven. Mithin liefert ganz Aequinoctial -Amerika für 
Europa 98,000,000 Zentner Zucker , zu deren Er- 
zeugung 3,3i4,ooo unglückliche Sclaven verwendet 
werden. Ein Drittheil dieses Zuckers verbraucht 
Grofsbrittanien allein. Die Zuckerpflanzung ist ge- 
genwärtig auf dem Erdballe dermafsen verbreitet, 
dafs eine solche Veränderung des Preises des Zu- 
ckers nicht zu fürchten steht, wie zu der Zeit, als 
der Anbau desselben noch auf einen engen Raum 
beschränkt war. 

Die Insel Cuba hat gegenwärtig eine Ausfuhr von 
Ys alles Zuckers der Antillen und von >/ 8 alles des 
Zuckers, der aus dem Aequinoctial -Amerika nach 
Europa kommt. Man unterscheidet auf der Insel 
Cuba drei Sorten von Zucker, nach dem Grade der 
Reinheit, den er durch das RafFiniren erhält. Der 
Zucker wird nämlich in sehr grofse Hüte oder um- 
gestürzte Kegel geformt, von diesem enthält der 
obere Theil den weifsen , der mittlere den gelben 
und der untere Theil die geringste Sorte, Cucurucho 
genannt. Aller Zucker auf Cuba wird so raffinirt, 



— 522 — 

und nur sehr wenig roh ausgeführt. Die Hüte wie- 
gen gewöhnlich eine Arobe, und man rechnet */ 9 
weifs , % gelb und l / tJ Cucurucho in einem Hute. 
"Wird der reine weifse allein verkauft, so geht er 
gewöhnlich um zwei bis drei Realen theurer ab, als 
gemischt. Die Preise des Zuckers sind nicht fest, 
und waren besonders zur Zeit der europäischen 
Kriege und den Unruhen auf St. Domingo sehr schwan- 
kend , und zwar so sehr , dafs sie zwischen 3o und 
i3o schwankten. Seit 1826 sind sie wieder sehr 
niedrig. Ein Eigenthümer , der eine mittelmäfsig 
grofse Zucherpflanzung besitzt, und auf ihr acht- 
hundert Kisten Zucker erzeugt, erhält dafür 19,200 
Piaster, zu 2 fl. 4 hr. CM. Vor zwölf Jahren er- 
hielt er dafür 28,000 Piaster. Damals, zwischen 
1811 und i8i5, hostete die Kiste 36 Piaster, jetzt 
aber nur 2^ Dieser niedrige Preis Iiomrat uns Eu- 
ropäern wieder zu gut, indem wir wohlfeilem Zu- 
cker haben. 

Auf der Insel Cuba sind nur wenig Pflanzungen, 
welche 4 * O0 ° Aroben Zucker ertragen. Die Pflan- 
zungen heifsen Yngenio. Eine solche grofse Yngenio 
hat gewöhnlich eine Ausdehnung von 5o Caballerias 
oder Morgen Landes von 65, 000 Quadratklaftern, was 
ungefähr 5 r / 2 Joch oder Morgen nach unserm Mafsc 
beträgt , so dafs man für eine der gröfsten Pflaa- 
zungen auf Cuba ungefähr 25o Joch Landes nach 
unserm Mafse rechnen bann. Von einem solchen 
Stück Land, das die Grofse von einem Zehntheile 
Quadratmeile hat, ist der eigentlichen Zuckerrohr- 



— 323 — 

Pflanzung nur die Hälfte gewidmet, die andere Hälfte 
wird dagegen zum Anbaue der Nahrungspflanzen 
und der Viehweiden benutzt. Der Preis des Lan- 
des ist nach der Beschaffenheit des Bodens verschie- 
den, so wie auch nachdem es Havannah oder einem 
andern Hafen näher liegt. In der Nähe Havannah's 
wird eine Caballeria zu zwei oder dreitausend Pia- 
ster gewerthet. Um 32,ooo Aroben Zucker zu er- 
zeugen , mufs man wenigstens 3oo Neger haben. Ein 
aeclimatisirter Neger kostet föo bis 5oo Piaster 
(1000 fl. G.M.); ein erwachsener, aber noch nicht 
an das Klima gewohnter Bozaneger kostet nur 370 
bis 4°° Piaster. An Nahrung, Kleidung und Arznei 
mag ein Neger jährlich 45 bis 5o Piaster kosten, mit 
den Zinsen vom Capital mag ein Neger täglich auf 
3o bis 34 Kreuzen C. M. oder 9 Groschen sächsisch 
kommen. Die Nahrung des Sclaven besteht in Tas- 
sajo , an der Sonne gedörrtes Fleisch , aus Buenos- 
Ayres und Caracas. Ist das Tassajo zu theuer , so 
erhält der Sclave gesalznen Kabeljau oder Stock- 
fisch ; als Gemüse empfängt er Kürbis, Munnatos, 
Pataten und Mais. Eine so grofse Pflanzung., wie 
wir oben erwähnt haben, braucht aufser den 3oo 
Sclaven noch drei Walzenwerke , die durch Ochsen 
in Bewegung gesetzt werden , wenn dieses nicht 
durch Wasserräder geschehen kann ; ferner 18 Sied- 
kessel , die nach der alten spanischen Methode sehr 
viel Holz erheischen. Wo sehr viel Branntwein oder 
vielmehr Rhum Absatz findet, decken die Melassen 
(Abfall, aus dem der reine Zucker bereits gezogen 



— 324 — 

ist), die zu Rhum gebrannt werden, die Kosten der 
Fabrikation. 3a,ooo Aroben Zucker liefern einen 
zu Branntwein tauglichen Abfall von 3o,ooo Aroben, 
aus denen 5oo Pipen Rhum, zu 25 Piaster, gebrannt 
werden. Es ergibt sich bei Berechnung der Zucker- 
bereitung folgendes Resultat. 

Der Werth von 3«,ooo Aroben Zucker (weifs und 
gelb) zu 24 Piaster, die Kiste zu 16 Aroben 

geben 48,000 Piaster, 

Werth von 5oo Pipen Rhum . . . 12,000 » 

60,000 Piaster. 

Die Kosten belaufen sich bei einer solchen Pflan- 
zung jährlich auf 3o,ooo Piaster. Das Kapital , wel- 
ches in einer Pflanzung steckt, besteht in 5o Cabal- 
leros Land, zu dem Mittelpreise von 2,5oo Piaster 

in 125,000 Piaster 

3oo Stück Neger, zu 45o Piaster. i35,ooo » 

Gebäude und Mühlen 80,000 » 

Kufen , Cylinder und übriges Ge- 
räthe i3o,ooo » 



Summe 47°7 00 ° Piaster. 



Aus dieser Berechnung ergibt sich für einen Ca- 
pitalisten, der eine Zuckerpflanzung auf Cuba un- 
ternehmen wollte, ein Ertrag für sein Capital von 
6 l / 8 vom Hundert. Nimmt man hinzu , dafs Mifs- 
jahre eintreten , Neger sterben , Gebäude und Ma- 
schinen der Ausbesserung bedürfen , und die Aus- 
lagen jährlich die nämlichen bleiben, so ergibt sich, 



— o2o — 

dafs derVortheil der Zuckerpflanzungen keineswegs 
so grofs ist, als man glaubt. DerVortheil, der seit 
länger angesiedelten Pflanzer besteht darin, dafs sie 
ihre Einrichtungskosten noch vor so bis 3o Jahren 
machten, und damals ein bedeutendes Capital er- 
sparten. Zu jener Zeit kostete ein Caballeros Land der 
besten Sorte nur 1,200 bis 1,600 Piaster , jetzt aber 
das Doppelte. Sie hatten die Zeiten der hohen Zu- 
ckerpreise zu ihrem Vortheile. Man sah daher in 
neuerer Zeit, als die Zuckerpreise so gewaltig wi- 
chen , mehrere Zuckerpflanzungen in Reispflanzun- 
gen sich verwandeln. Solche Berechnungen sind be- 
sonders für unsere jungen Leser von Nutzen, sie 
können hieraus Unternehmungen berechnen lernen. 
Herr von Humboldt fand , dafs der ausgepreiste 
Saft des Zuckerrohrs , je nachdem dasselbe auf bes- 
serem oder schlechterem Lande gewachsen ist, 12 
bis 16 vom Hundert reinen Zucker liefert, d.h. 100 
Pfund Zuckerrohrsaft geben 12 bis 16 Pfund Zucker. 
Der Saft des Zuckers im Ahorn in Nord -Amerika 
liefert auf gutem Boden 2 l / 2 vom Hundert. Eben 
so viel gibt auch der Saft der Runkelrübe. Hieraus 
ergibt sich , dafs 100 Pfund Zuckerrohrsaft sechs 
Mal so viel Zucker geben, als 100 Pfund Ahorn- 
oder Runkelrübensaft. Aber Runkelrüben wachsen 
mit weniger Rosten und Mühe, und ohne Sclaven- 
hände , und trotz der Verminderung der Zucker- 
preise treiben in Frankreich i5 Runkelrüben Zucker- 
fabriken ihr Geschäft mit Vortheil. Der Saft des 
Zuckerrohrs ist seinen chemischen Bestandteilen 



— 326 — 

nach sehr verschieden , je nachdem der Boden, auf 
dem es gewachsen, verschieden ist; nachdem mehr 
oder weniger Regen gefallen, die Wärme mehr oder 
weniger zwischen verschiedenen Jahreszeiten ver- 
theilt war, und die Pflanzen Neigung zur Blüthe 
zeigten. Die Blüthe macht das Rohr untauglich. 
Auch hängt von dem zweckmäfsigen Verfahren bei 
der Fabrikation des Zuckers sehr viel von den che- 
mischen und technischen Renntnissen ab , welche 
die "Werkführer besitzen, und ein fehlerhaftes Ver- 
fahren macht den Ertrag des krystallisirten Zuckers 
um vieles geringer. Viele europäische Chemiker 
haben in Hinsicht auf Zuckerbereitung grofse Ent- 
deckungen gemacht, welche jedoch auf den Antillen 
noch eine geraume Zeit ohne Anwendung bleiben 
werden. 

In Ländereien , die bewässert werden können, 
oder worin Rnollengewächse vor dem Zuckerrohre 
gepflanzt worden sind, erhält man aus einer Cabal- 
lerie fruchtbaren Bodens 3 bis 4>o°o Aroben. Der 
gewöhnliche Ertrag jedoch, zu i,5oo Aroben ange- 
nommen, nach den jetzigen Preisen berechnet, würde 
ein solches Grundstück, das mit Zuckerrohr be« 
pflanzt 348 fl. CM. einträgt, mit Getreide bepflanzt 
nur n5 fl. eintragen. Allein Zuckerpflanzungen for- 
dern ein grofses Capital , so dafs zu einer Pflanzung 
von 3a,ooo Aroben 4°o»° 00 Piaster Capital , ohne 
die Auslagen des ersten Jahres, erfordert werden. 
In Bengalen trägt der Boden doppelt so viel auf 
gleicher Ausdehnung, als das beste Land der An- 



— 327 — 

tlllen. Der Tagelohn des freien Indiers ist drei Mal 
geringer, als der eines Negersclaven auf Cuba, sein 
Leben fordert kein Capital und sein Tod bringt dem 
Pflanzer keinen Verlust von 1,000 fl. Darum ist auch 
der indische Zucker so wohlfeil, und darum ist es 
auch gewifs , dafs die Arbeit freier Hände sicherer 
und wohlfeiler ist, als die der Sclaven , abgesehen 
davon , dafs die freie Hand besser und mehr arbei- 
tet. In Jamaika ist der Ertrag ungefähr derselbe, 
wie auf der Insel Cuba, und gibt dieselben Preise. 

Übrigens ist durch Berechnungen erwiesen , dafs 
nicht ganz 20 Seegeviertmeilen Landes hinreichen 
würden, so viel Zucker zu erzeugen, als jetzt Cuba 
selbst verbraucht und ausführt , nämlich 44 » 000 
Kisten im Werthe von 20,800,000 Gulden. Um ganz 
Frankreich, nämlich 3o,ooo,ooo Menschen, mit Zu- 
cker zu versorgen , bedarf man in den Tropenlän- 
dern 9% Seegeviertmeilen Land mit otaheitischem 
Zuckerrohre bepflanzt. Bei uns würden 37*4 See- 
Quadratmeilen mit Runkelrüben bepflanzt eben so 
viel Zucker liefern! 

Zur Zeit der Anwesenheit des Herrn von Hum- 
boldt auf Cuba hatte man aus Frankreich Runkel- 
rüben-Zucker kommen lassen, und man erschrack 
nicht wenig, als es sich zeigte , dafs es wirklich 
Zucker war , was man aus Rüben zog , und dafs er 
dem Rohrzucker ganz vollkommen gleich war. Es 
hiefs , der Rohrzucker werde in Europa entbehrlich 
werden. Wie sehr die Franzosen für diese Erfin- 
dung von den Colonisten verehrt wurden, läfst sich 



— 328 — 

denken. Ein Trost blieb noch. Man 'dachte, die 
hohen Arbeitspreise in Europa würden es verhin- 
dem , dafs die Runkelrüben - Zuckerfabrikation 
mit der des Rohrzuckers in die Schranken trete. 
Seitdem ist es aber der französischen Chemie ge- 
lungen, die Arbeit so sehr zu erleichtern, flafs 
trotz den seither geöffneten Colonien der Runkel- 
rüben-Zucker sich neben dem Rohrzucker erhält. 
Rei alle dem ist jetzt nicht mehr zu fürchten , dafs 
die Colonisten durch europäische Zuckerfabrikation 
zu Grunde gehen werden , wenn es auch für jeden, 
der die fortschreitende Menschheit betrachtet , eine 
Freude seyn mufs , zu sehen, wie die Industrie dem 
kalten Norden abtrotzt, was nur die Gegenden der 
Erde freiwillig geben, denen die Sonne im Scheitel 
steht. 

Ris in das Jahr 1762 hat die Insel Cuba nur wenig 
Erzeugnisse in den Handel geliefert. Ein unglück- 
liches Ereignifs weckte den schlummernden Geist 
der Cubaner. 1762 ward Havannah durch die Eng- 
länder erobert, und von ihnen am 6. Juli 1764 wie- 
dergeräumt, und von diesem Augenblicke an scheint 
es, als hätten die Engländer die Havannesen mit 
ihrem Geiste für die Unbill entschädigt. Die Auf- 
führung neuer Festungswerke brachte Geld in Um- 
lauf, und der freigegebene Sclavenhandel bot den 
Colonisten arbeitsame Hände. Das Glück wollte 
ihnen auch wohl, indem es ihnen einen tüchtigen 
Gouverneur in Don Luis de las Casas gab. Dieser 
Name, an dem so viele schöne Erinnerungen kleben, 



— 329 — 

gab allem Guten mächtigen Antrieb. Patriotische 
Gesellschaften und die Zerstörung der französischen 
Colonie auf St. Domingo , von 1791 bis i8o3, stei- 
gerten die Zuckerpreise, und waren kräftige Er- 
munterungen für die Pflanzer auf Cuba. Die gröfs- 
ten Veränderungen , welche in den Zuckerpflanzun- 
gen Statt gefunden haben, fallen in den Zeitraum von 
1796 bis i8o3. Anfangs wurden an die Stelle der von 
Ochsen getriebenen Mühlen, solche mit Maulthieren 
gesetzt, dann wurden Wasserräder eingeführt und 
endlich der Gebrauch von Dampfmaschinen versucht. 
Von diesen sind jetzt i5 vorhanden. Zugleich wurde 
auch der Anbau des Zuckerrohrs von Otaheiti all- 
gemeiner. Neue Siedkessel und Reverberiröfen wur- 
den eingeführt, und man dachte auch sogar an die 
bessere Verpflegung der Neger. In sehr vielen Pflan- 
zungen trägt man sehr edelmüthige Sorgfalt für die 
Pflege der Kranken, für Einbringung der Negerin- 
nen und die Erziehung der Negerkinder. Im Jahre 
1777 waren 473 Zuckersiedereien vorhanden ) 1817 
waren deren 780, von denen jede das Vierfache 
liefert von dem, was sie früher lieferten. Vom 
Zucker wird an die Regierung nur ein halber Zehenr, 
d. h. der zwanzigste Theil abgeliefert, dennoch beträgt 
er einen Durchsclmiltertrag von ?.,3oo,ooo Franken. 
Das bare Geld ist jedoch in Havannah sehr rar, 
und das macht, dafs die Gapitalien nur zu sehr ho- 
hen Zinsen zu haben sind, z. B. nur zu 12 bis i5 
vom Hundert. Um den Zinsfufs zu steigern, hat der 
Sclavenhandel sehr viel dazu beigetragen. Dieser 



— 330 — 

Handel ist eben so schädlich als einträglich. Die 
Schurken , welche sich mit diesem Handel beschmu- 
tzen , gewinnen oft auf einer einzigen Reise 100 bis 
125 vom Hundert. Sie nehmen daher zu diesem 
Handel Capitalien zu 18 bis 20 p.C. auf. 

Auf frisch urbar gemachtem Lande genährt das 
gut und sorgfältig gepflanzte Zuckerrohr durch 20 
bis 23 Jahre gute Ernten, dann mufs es alle drei 
Jahre frisch gepflanzt werden. Das Zuckerrohr von 
Otaheite gewährt den Vortheil, auf demselben Lande 
um ein Viertlheil mehr Saft und ein dichteres, zum 
Brennen tauglicheres Rohr , als das creolische zu 
liefern. Die RafTinirer hehaupten , es sey der Saft 
vom otaheitischen Rohre leichter zu behandeln, und 
gebe bei geringerem Zusätze von Kalk und Potasche 
krystallisirten Zucker. Dieses Zuckerrohr erhält 
nach fünf bis sechs Jahren Anbau ein dünneres Stroh ; 
die Knoten bleiben allezeit weiter von einander ent- 
fernt, als bei dem Creolischcn. Die anfängliche Be- 
sorgnifs, es möchte dieses Rohr in gemeines Zucker- 
rohr ausarten, ist nicht erfüllt worden. Das Zu- 
ckerrohr wird auf der Insel Cuba in der Regenzeit, 
vom Julius bis October, gepflanzt, und die Ernte 
findet vom Hornung bis Mai Statt. 

In demselben Verhältnisse, als die Insel entholzt 
war, nahm auch der Brennstoff ab , und man fing 
an , am Holze Mangel zu leiden. Es wurde Oran- 
genholz verwendet, und jetzt meistens Bagasse oder 
das ausgeprefste Rohr, welches gedörrt ein sehr 
gutes Brennmaterial abgibt. Durch neue Reverbe- 



— 331 — 

rirofen wird viel erspart, und Herr von Humboldt 
hat während seines Aufenthalts auf Cuba verschie- 
dene Versuche gemacht, um den Bedarf des Brenn- 
stoffs zu vermindern , und den Sclaven ihr Geschäft 
weniger peinlich zu machen. Da er bei Salzsiede- 
reien von Jugend auf sich Erfahrungen gesammelt 
hatte , so kamen ihm hier seine Kenntnisse trefflich 
zustatten. Überhaupt, wozu wäre nicht alles, was 
Kenntnifs heifst, zu gebrauchen? Seine Versuche 
wurden häufig nachgeahmt, und er hat das Verdienst, 
die Arbeiten in den Zuckersiedereien auf Cuba er- 
leichtert und sparsamer eingerichtet zu haben. 

In Havannah kostet der Zuclter ungefähr ein 
Drittheil des Preises , um welchen er in Europa zu 
haben ist, und ungefähr ein Vierttheil von dem, zu 
welchen wir ihn von den Krämern zu unserm Ge- 
brauche abnehmen. Die Fracht bis zu uns beträgt 
wohl auch ein Viertheil mit der Assekuranz , dann 
müssen die Zölle berechnet werden, dann das Raf- 
finiren und die Procente derer, durch die der Betrieb 
geschieht. Es ist merkwürdig zu bedenken und zu 
überlegen, was es bedarf, bis eine Tasse Caffee 
unsern Gaumen kitzelt ! 



332 



Sechstes Kapitel. 

Die Verwendung der Sclaven. — Caffee. — Tabak. — Wachs. — 
Handelsverkehr, 

Es ist ein in Europa allgemein verbreiteter und 
für das Aufhören des Sclavenbandels nachtheiliger 
Irrthum , dafs man glaubt, in den Antillen , welche 
Zuckercolonien heifsen, werde der gröfsteTheil der 
Sclaven in den Zuckerpflanzungen verwendet. Der 
Anbau des Zuckerrohrs ist eines der mächtigsten 
Hindernisse der Aufhebung des Sclavcnhandels. 
»Ohne Sclaven kein Zucker,« das ist das Mährchen, 
womit man die europäische Humanität hintergeht. 
Eine einfache Berechnung zeigt jedoch , dafs die 
Gesammtzahl der Sclaven auf den Antillen dreifach 
grüfser ist, als zur Erzeugung des Zuckers nöthig 
sind. Um die 4»o>ooo Kisten Zucker auf Cuba zu 
erzeugen, sind 3o,ooo Sclaven vollkommen hinrei- 
chend. Es lastet daher der Druck derSclaverei auf 
einer weit gröfsern Anzahl von Individuen , als der 
Landbau dieser Länder heischt, wofern man auch 
annehmen wollte, was jedoch nicht wahr ist, dafs 
Zucker, Caffee, Indigo und Baumwolle nur durch 
Sclavenhände erzeugt werden könnten. Auf der In- 
sel Cuba rechnet man zur Erzeugung von 1,000 Ki- 
sten i5o Neger, diesemnäch würden 44°i 00 ° Kisten 
66,000 Sclaven erheischen. Rechnet man zu dieser 
Zahl noch 3o,ooo andere zur Erzeugung des Caffees 
und Tabaks, so ergibt sich, dafs von den 260,000 
Sclaven 100,000 vollkommen hinreichen würden, für 



— 333 — 

die drei Zweige der Colonial -Industrie , worauf der 
Wohlstand der Insel beruht. Der Tabak wird je- 
doch meist durch weifse freie Menschen gepflanzt. 
Ein Drittheil der Sclaven lebt in Städten , denen 
aller Landbau fremd bleibt. Der Sclavenhandel ist 
nicht blos barbarisch, er ist auch unverständig, weil 
er seinen Zweck verfehlt. Die den Sclavenhandel 
durch die Erzeugung der Colonial - Produkte be- 
schönigen, bedenken nicht, dafs von den 1,148,000 
Sclaven, welche die Antillen enthalten, sich nur 
die Hälfte mit dem Ackerbaue beschäftigen, und 
die andern blos dem Stolze des Nabobs in den Pflan- 
zungen dienen. Und gesetzt, sie baueten alle die 
Colonial-Produkte, wo steht denn geschrieben, dafs 
der liebe Gott die armen Afrikaner nur darum ge- 
schaffen habe, damit wir in Europa Caffee trinken 
und Zuckerbrot in den Wein tauchen können ? Es 
ist Gotteslästerung zu sagen, der Sclavenhandel s^y 
ein unvermeidliches Übel ! Liest man nun noch dazu 
die Behandlung der Sclaven , die übermäfsigen Ar- 
beiten , die schlechte Kost , die grausamen Strafen, 
unter denen Herr Bolingbroke als die gelindern an- 
führt; das Zwingen siedend heifse und stark ge- 
pfefferte Suppe zu essen, oder eine Auflösung von 
Glaubersalz in einem ganz heifsen Löffel essen zu 
lassen j wenn man, sage ich, alles dieses zusam- 
men bedenkt, so wird jedem fühlenden Herzen, 
selbst der süfseste Zucker zur Galle. 

Aufser dem Zucker ist eines der wichtigsteh Pro- 
dukte Cuba's für den Handel der Caffee. Er wird 



— 334 — 

auf der Insel seit 1797 vorzüglich eultivirt. Im 
Jahre 1817 zählte man in der Provinz Havannah 
779 Cafetales (Caffeepflanzungen). Da der Caffee* 
Strauch erst im vierten Jahre gute Ernten liefert, 
so betrug die Ausfuhr im Jahre 1804 nicht mehr als 
öo,ooo Aroben , hingegen 1823 betrug sie schon 
895,924 Aroben. Jedoch sind die Jahre sich un- 
gleich , aber zwischen 1809 und 1824 war die ge- 
ringste Jahres -Ausfuhr 3ao,ooo Aroben , die gröfste 
918,263. Im Jahre i8i5 war der Preis des Caffees 
i5 Piaster der Zentner, und die Ausfuhr überstieg 
in eben diesem Jahre 3,443-0°o Piaster. Die Caffee- 
ausfuhr Cuba's übersteigt diejenige von Java , so 
wie auch die von Jamaika, die 1823 nur 169,734 
Zentner betrug. Die Gesammlausfuhr des Caffees 
vom Archipel der Antillen scheint gegenwärtig auf 
800,000 Zentner anzusteigen. Ungefähr das Fünf- 
fache des jährlichen Bedarfs in Frankreich , wo 
Paris allein 5,i 17, 190 Pfund verbraucht, ganz Frank- 
reich aber 167,803 Zentner. England verbraucht 
ungefähr halb so viel Caffee , als Frankreich , aber 
drei Mal so viel Zucker. Der Caffee kostet in Ha- 
vannah 12 Piaster. Früher sah man ihn zwischen 
i3 und 17 Piaster schwanken. DieCultur des Caffees 
beschäftigt auf der Insel Cuba kaum 28,000 Sclaven, 
die im Durchschnitte jährlich 3o5,ooo Zentner pro- 
duciren. Hieraus ergibt sich, dafs gegenwärtig ein 
Sclave für den Werth von i3o Piaster Caffee und 
160 Piaster Zucker hervorbringt. 

Aufser diesen beiden Produkten ist auch noch 



— 335 — 

der Tabak der Insel Cuba berühmt in allen Län- 
dern, wo man die Wilden der Insel Haiti nachge- 
äfft hat, bei welchen man das erste Tabakrauchen 
wahrnahm. Man hatte geglaubt, dafs wenn das 
Tabakmonopol aufhören würde, dieser Culturzweig 
sich schnell verbreiten werde. Obgleich die Re- 
gierung diesem Wunsche vollends genug gethan, 
und die Factoria de Tabacos abgeschafft hat, so ist 
doch die gehoffte Wirkung nicht sichtbar. Den 
Pflanzern mangeln Capitalien ; die Landpacht ist 
sehr theucr geworden , und die Vorliebe für den 
Caffeestrauch wirkt dem Tabakbaue entgegen. Von 
1789 bis 1794 betrug der Ertrag des Tabaks auf der 
Insel jährlich 2Öo,ooo Arobcn. Seitdem hat sich 
der Ertrag um die Hälfte vermindert, aber von 1822 
bis 1825 glaubt man, dafs sich derselbe neuerdings 
auf 400,000 Aroben vermehrt habe. Der innere Ver- 
brauch des Tabaks auf der Insel beträgt 200,000 
Aroben. Die andern 200,000 Aroben werden zu 
einem Preise von 2,000,000 Piaster ausgeführt. 

Es werden auf der Insel Cuba auch Baumwolle, 
Indigo und Weizen gebaut, allein diese Produkte 
werden nur in geringer Quantität erzeugt, weil sie 
nicht coneurriren können mit den benachbarten Län- 
dern , und der Anbau des Zuckers, Caffees und Ta- 
baks gröfsere Vortheile gewährt. Der Staat von 
Salvador in Guatemala gibt dem Handel allein 
1,800,000 Pfund Indigo, im W T erthe von mehr als 
zwei Millionen Piaster. Baumwolle wird sowohl 
in den vereinigten Staaten , als auch im spanischen 



— 336 — 

Amerika in grofser Menge erzeugt. Es wird zwar 
auf Cuba Weizen auf geringer Höhe über der Mee- 
resfiäche angebaut , allein dieser Zweig des Land- 
baues ist nur wenig verbreitet. Das Mehl ist zwar 
schön und gut, aber nicht hinreichend, und die be- 
nachbarten vereinigten Staaten Nord - Amerika's lie- 
fern, zu reiche und zu wohlfeile Ernten, als dafs 
es möglich wäre, bei den hohen Preisen des Landes 
auf Cuba um denselben Preis Weizen zu erzielen, 
als ihn der Auslander in die Havannah führt. Ähn- 
liche Schwierigkeiten stehen dem Anbaue des Flach- 
ses, Hanfes und der Weinrebe entgegen. Die Cu- 
baner wissen es vielleicht selbst nicht, dafs die Spa- 
nier in den ersten Jahren der Eroberung auf der 
Insel Cuba Wein aus wilden Trauben geprefst ha- 
ben. Diese einheimische Rebe ist aber nicht un- 
sere Weinrebe. Die amerikanische Rebe , die den 
etwas sauren Wein der Insel Cuba geliefert hat, war 
die Vitis liliaefoliä. In der nördlichen Halbkugel 
sind bis jetzt nirgend Weingärten gepflanzt worden, 
südwärts vom 27 , 68' S. Br. in Europa und 29 , 2 
in Asien. niolfe , 

Beträchtlicher, als die eben genannten Erzeug- 
nisse Cubä's , ist das Wachs. Es kommt dicht 
von einheimischen, sondern von europäischen Bie- 
nen, die über Florida eingebracht wurden, und 
nicht, wie ihre Landsleutc , dem gelben Fieber un- 
terworfen. sind, sondern sich schnell und fröhlich 
vermehren^ Seit 1772! ist die Wachsauifuhr von 
gröfser Bedeutung geworden, indem sie bis 1779 



— 337 — 

jährlich auf 2,700 Aroben betrug. Im Jahre i8o3 
schlug man die Ausfuhr schon auf 4 2 >7°° Aroben 
an. Das Wachs von Cuba wird in den Kirchen Me- 
xiko's in grofser Menge verbraucht. Die Preise 
schwanken zwischen 16 und 20 Piaster die Arobe. 
1825 wurden aus Havannah allein ausgeführt i6,5o5 
Arobas. Die Bienen gehen jedoch in dem Mafse zu 
Grunde , als die Zuckerpflanzungen zunehmen. Die 
Bienen übersättigen sich nämlich in den Zuckersie- 
dereien mit Melasse, nach dem sie sehr lecker sind, 
und gehen zu Grunde. Die Ausfuhr des Wachses 
von Cuba wird jährlich auf eine halbe Million Pia- 
ster geschätzt. 

Der Reich thum Cuba's hat zwei unversiegbare 
Quellen , und schon in der Kindheit der Cultur hat 
ein verständiger Franzose gesagt : die Insel Cuba 
sey allein schon für Spanien einem Königreiche gleich 
zu achten. Seitdem für das Mutterland alle Colo- 
nien des Festlandes verloren sind , ist Cuba um so 
wichtiger. Nicht blos seine Erzeugnisse machen es 
reich, sondern auch seine Lage am Eingange in den 
Meerbusen von Mexiko , und es müfste selbst ohne 
den Reichthum seines Bodens Cuba ein reicher Han- 
delspunkt werden , indem sich in seinen Häfen die 
Handelsstrafsen der reichsten Kationen der Erde 
durchschneiden. Die Insel Cuba, welcher vom Hofe 
zu Madrid sehr weislich eine grolse Handelsfreiheit 
eingeräumt worden ist, führt aus seinen Häfen an 
Zucker, Tabak, Wachs, CafTee und Häuten für 
einen Wcrth von 14,000,000 Piaster oder 28 Millio- 

Bibl. uaturh. Reisen. IV. l5 



— 538 — 

nen Gulden aus. Diese machen 1,000 bis 1,200 Schiffs- 
ladungen aus. Eine Schiffsladung mit Produkten 
der Tropenländer ist mehr werth , als eine Ladung 
mit Produkten der gemäfsigten Zone. Zucker, In- 
digo, Caffee, Cochenille haben den Vorzug im Han- 
del , dafs sie bei grofsem Wcrthe nur wenig Raum 
einnehmen. Aufser den 1,200 Kauffartheischiffen, 
die jährlich in den Häfen Cuba's landen, sieht man 
daselbst sogar in Friedenszeiten jährlich 120 bis i5o 
Kriegsschiffe verschiedener Gröfse und Nationen an- 
kommen und abgehen. Eine unzählige Menge Bar- 
ken und Küstenfahrer beleben die Gewässer um die 
Insel , und alles zusammen macht diese Gegend zu 
einem der belebtesten Punkte der Erde. Die Ein- 
fuhr auf erlaubten und unerlaubten Wegen beträgt 
sehr wahrscheinlich i5 bis 16 Millionen Piaster, von 
denen jedoch 3 bis 4 Millionen wieder ausgeführt 
werden. Die Havannah kauft vom Auslande mehr 
als ihr Bedürfnifs fordert 5 sie tauscht ihre Erzeug 
nisse gegen europäische Manufaktur- Produkte aus, 
um diese wieder nach Veracruz, Truxillo, la Guayra 
und Carthagena zu verkaufen. 

Unter den eingeführten Waaren bemerkte man 
1826 Getreide - Mehl um 718,921 Piaster, europäische 
Weine und Liqueure 463,067 Piaster, Pökelfleisch, 
Efswaaren und Gewürze 1,096,791 Piaster, verschie- 
dene Kleiderwaaren 127,681 Piaster, Seidenstoffe 
282,382 Piaster, Tücher und andere W T ollenstoffc 
103,224 Piaster, Mobilien, Krystalle und Galanterie- 
W r aaren «»67,312 Piaster, Papier 61,486 Piaster, be- 



— 339 — 

arbeitetes Eisen 33o,368 Piaster , Felle und Häute 
i35,io3 Piaster , Breter und anderes bearbeitetes 
Baubolz 285,217 Piaster, Leinen- und Baumwollen- 
tücber 3,226,859 Piaster. 

Ausfuhr von demselben Jahre : Getreide - Mehl 
i45,254 Piaster, Weine und Liqueure 111,466 Pia- 
ster, Pökelfleisch und Efswaarcn 227,274 Piaster, 
verschiedene Kleiderwaaren 4,825 Piaster , Scidcn- 
waaren 47^872 Piaster, Leinen- und Baumwollen- 
tücher 1,529,610 Piaster, Mobilien , Krystalle und 
Galanterie - Waaren 29,000 Piaster, Papier 20,497 
Piaster, bearbeitetes Eisen 99,581 Piaster, Zucker 
3,962,709 Piaster, Caffee 847,729 Piaster, Wachs 
169,683 Piaster, gegärbte Häute 19,978 Piaster. 
Seit 1816 ist jedoch Einfuhr und Ausfuhr beständig 
im Zunehmen , so wie auch der Verbrauch auf der 
Insel selbst. Über das, was auf der Insel selbst ver- 
braucht wird, mufs man erstaunen. Cuba zählt nur 
325,ooo Weifse und i3o,ooo freie Farbige, und man 
sieht aus dem Bedarfe der Luxus waaren, dafssich dort 
allmählich eine Üppigkeit einheimisch macht, die 
in Europa nur in England ihres gleichen haben mag. 

Unter den eingeführten Waaren befinden sich 
sehr grofse Quantitäten Mundvorräthe , woraus her- 
vorgeht, dafs die Leitung der Landwirtschaft auf 
dieser Insel so beschaffen ist , dafs ohne Freiheit 
und Thätigkeit des äufsern Handels, die Bevölkerung / 
auf dem glücklichsten Boden der Erde an den noth. 
dürftigsten Nahrungsmitteln Mangel leiden würde. 
Die europäische Industrie hat hier die Ordnung der 

i5* 



— 3iO — 

Natur umgekehrt. Die Länder, welche die herr- 
lichsten und edelsten Nahrungsmittel dem Menschen 
last ohne Arbeit im Überflusse darbieten würden, 
müssen , um ihr tägliches Brot zu haben , von dem 
hällern und kargern Norden sich abhängig machen. 
In den kleinern Inseln ist es die engherzige Politik 
des Pflanzers, der nur hingeht, um sich zu berei- 
chern , und alsdann den erworbenen Reichlhum in 
seiner Heimath verzehrt. Cuba ist jedoch ein Land, 
welches ausgedehnt und grofs genug ist, das Vater- 
land einer zahlreichen Bevölkerung zu werden, die 
es nach und nach einsehen wird , dafs ihr neues 
Vaterland so freigiebig ausgestattet ist , dafs es Le- 
ben und Freude dem Fremden gewähren kann, ohne 
sein Brot vom Auslande betteln zu müssen. 

Schon im Jahre 1800 machte ein wohlunterrichte- 
ter Mann folgende Schilderung Havannah's : In der 
liavannah beginnt man alle Wirkungen des sich an- 
häufendem Reichthumes zu verspüren. Binnen we- 
niger Monate hat sich der Preis der Lebensmittel 
verdoppelt, Der Arbeitslohn ist so theuer, dafs 
ein kürzlich von der afrikanischen Küste eingebrach- 
ter Bozal - Neger mittelst seiner Handarbeit allein 
4 bis 5 Realen (1 fl. CM.) täglich verdient. Treibt 
er ein mechanisches Gewerbe, sey es auch noch so 
roh, so verdient er 5 bis 6 Franken (2 fl. bis a fl. 
3o kr. C. M ). Die Familien bleiben hier fest an. 
gesiedelt; wer sich bereichert hat, kehrt mit seinen 
Vermögen nicht nach Europa zurück. Es gibt der- 
mafsen reiche und mächtige Familien, dafs Don 



— 34 1 — 

Matheo de Pedroso , weichte? vor kurzem gestorben 
ist, an Grundstücken über 2 Millionen Piaster hin- 
terlassen bat. Mehrere Handelshäuser in der Ha- 
vannas kaufen jährlich zehn- bis zwölftausend Ki- 
sten Zucker , die sie mit 35o,oco bis 4 2 °, 000 Piaster 
bezahlen. Die Geschäfte, welche jährlich auf die- 
sem Platze gemacht werden, betragen über 20,000,000 
Piaster. So war es 1800. Seitdem hat sich der 
Wohlstand verdoppelt, ja vervierfacht, und ist noch 
immer im Steigen begriffen. Der CaiTecstrauch ist 
seither hinzugekommen , und eine Menge Quellen 
des Wohlstandes haben sich geöffnet. 



Sie3}entes Kapitel. 

Wünsche für die Industrie und das Loos der Sclaven 

Je leichter die Verbindung der Insel Cuba mit 
der ganzen Erde ist, desto schwieriger ist die Ver- 
bindung im Innern. Sie gleicht hierin gar vielen 
Menschen, die alles, was aufser ihnen ist, gar wohl 
kennen , und von der Ceder bis zum Ysop alles be- 
greifen , in sich selbst aber Fremdlinge bleiben. So 
ist es leichter 1,000 Zentner Caffee von Cuba nach 
Oadix zu schaffen, als 100 Zentner aus dem Innern 
der Insel aii das Meeresufer. Die Ursache dieses 
Übels ist der gänzliche Mangel an Strafsen und Ca- 
nälen. Die Insel ist sehr schmal , und nirgends ist 
man sehr weit von der Küste entfernt , dennoch 
sind die Transportkosten nach irgend einem Hafen 



— 342 — 

sehr grofs. Man hat vor länger als einem halben 
Jahrhunderte schon den Entwurf gemacht, Canäle 
zu graben, aber bis jetzt ist noch keiner zu Stande 
gekommen. Der zunehmende Reichthum der Insel 
wird, wenn einst der Friede in den spanischen Be- 
sitzungen auf irgend eine Weise hergestellt seyn 
wird, auch hier Werke der Kunst schaffen, wie sie 
die Lage der Insel und der Vortheil ihrer Bewoh- 
ner fordert. Von vorzüglich grofsem Nutzen würde ein 
Canal von der Havannah nach Batabano seyn. Die 
Insel ist hier nur 8 l / 5 Seemeilen breit. Er würde 
durch die sogenannten Guinen führen , und daher 
auch für die kleinere Schiffahrt von unermefslicbem 
Nutzen seyn, weil die am besten angebauten Land- 
striche sich in seiner Nähe befänden. Nirgend sind 
die Strafsen schlechter, als in diesem Theile der 
Insel , wo in dem aus zerreiblichem Kalksteine be- 
stehenden Boden der Schlamm zur Regenzeit grund- 
los ist. Um den Zucker aus den Guinen nach der 
Havannah zu bringen, kommt jetzt der Zentner auf 
einen Piaster. In der schlimmen Jahreszeit und in 
Kriegszeiten könnten die Fahrzeuge, welche mit 
Pökelfleisch beladen aus Venezuela kommen, in Ba- 
tabano einlaufen und der Gefahr entgehen. Im Jahre 
1796 hat man den Bau des Canals auf eine Million 
zweihunderttausend Piaster berechnet; gegenwärtig 
würde er wohl auf anderthalb Millionen ansteigen. 
Man hat jetzt den Canal aufgegeben, aber Herr von 
Humboldt ist von der Nutzbarkeit und Möglichkeit 



— 343 — 

desselben überzeugt , wenn man auf den Theilungs- 
punkt genug Wasser bringen könnte. 

In der Havannah klagt man eben so, wie überall, 
wo die Gesellschaft vom Ackerbaue zum Handel 
übergegangen ist, über den Verfall der Sitten und 
den Verlust ursprünglicher Einfachheit und Tugend. 
Wenn wir auch hier die Offenheit und Reinheit der 
Sitten mit dem Zustande vorgerückter Civilisirung 
nicht vergleichen können, so ist so viel gewifs, dafs 
auch Cuba , als die Insel noch Vieh- und Acker- 
bauern nährte, der patriarchalischen Einfachheit 
weit näher stand, als seitdem Havannah die Haupt- 
stadt der Antillen geworden ist. Der Handelsgcist 
schätzt und wiegt alles nach dem Werthe des Gel- 
des, und gering wird alles geachtet, was nicht um 
Geld zu haben oder für Geld zu verhandeln ist. Im 
Allgemeinen war in grofsen Handelstaaten von Al- 
ters her nur derVortheil und nie die JVloralität das 
leitende Princip. Es sind jedoch glücklicher Weise 
die Verhältnisse der Menschen so beschaffen , dafs 
das Wünschenswerteste , Schönste und Edelste im 
Menschen selbst ist, einzig nur aus seinem Gemüthe 
hervorgeht, und aus der Vervollkommnung undEnt« 
wickelung seiner Geisteskräfte, Würde jemals un- 
glücklicher Weise die Überschätzung des Reichthums 
unbedingt alle Classen der Gesellschaft ergreifen, 
so müfste dieses die Zertrümmerung alles Heiligen 
nach sich ziehen, und alle jene Übel müfsten die 
Gesellschaft heimsuchen, welche der Eigennutz sei- 
nen Verehrern droht. England scheint auf diesem 



— 3 4 4 — 

Wege zu seyn. Zum Glücke ist jedoch die Natur 
mächtiger, als die Verkünstlung, und mitten in den 
llandelsstaaten sehen wir, wie der Geist der Huma- 
nität waltet, und auch der Krämergeist den hohen 
Zwecken der Vorsehung dienstbar wird. Auch hier 
kann England als ein lebendes Muster gelten, wo 
auf dem moralischen Düngerhaufen englischer La- 
ster auch die grofsartigsten Blumen der Humanität 
gedeihen. Auch in Cuba wird mit dem Wohlstande 
Laster und Eigennutz, Verweichlichung und Betrug 
zunehmen; aber auch die edleren Blumen des mensch- 
lichen Geistes werden sich entfalten, und Vaterland 
und Menschenliebe werden dem Reiche der Morali- 
tat Ersatz leisten, und den Kaufmannsgeist mit der 
Tugend versöhnen. 

Man blickt mit Vergnügen auf das Schicksal, der 
Völker, und sieht mit Theilnalime auf ihre Ent- 
wickelung. In der Freude, welche man über den 
Wohlstand einer uns auch noch so fremden Gesell- 
schaft empfindet, thut sich das Gefühl der Verwandt- 
schaft und das Bewufstseyn des gemeinsamen Ban- 
des, welches uns alle umsch liefet, kund. Der Schmerz, 
der die feinsten Fasern unsers Herzens bei dem Ge- 
danken an die Leiden der armen Sclaven durchzuckt, 
ehrt die Menschheit, und ist das Zeichen zugleich, 
dafs unser Blut von demselben Stoffe ist, wie das- 
jenige , welches aus der Geifselwunde des armen 
Negers fliefst. Dasselbe Mitgefühl war es auch, wel- 
ches die Monarchen Europa's zu dem gemeinsamen 
Willen für die Abschaffung der Sclaverei verbunden 



hat. Alle haben Verordnungen gegen den Sclaven- 
handel erlassen, und die angeborne Liebe zu un- 
serm Monarchen mufs sich allezeit auf's neue ent- 
flammen, wenn wir bedenken , dafs er es ist , der 
in seinem Lande und auf seinen Schiffen keinen 
Sclaven duldet. Der Sclave, welcher sei- 
nen Fufs auf ein österreichisches Bret 
setzt, ist frei! Im ganzen Urnfange der grofsen 
Besitzungen unsers Vaters ist kein leibeigener Sclave ! 
Wir scbliefsen diese Beschreibung Cuba's mit 
den eben so weisen als schönen Bemerkungen des 
Herrn von Humboldt über die Sclaven und ihr Schick- 
sal. Das Schicksal San Domingo's hat die merkwür- 
digen Worte Schillers: »vor dem Sclaven , wenn er 
die Kette bricht«, leider erfüllt, und Herr von 
Humboldt , der die Antillen genau kennt, und mit 
den Gefahren wohl bekannt ist, kann sich nicht ver- 
bergen , dafs die mit so schauerlichem Erfolge ge- 
krönte Empörung Domingo'» allerdings sich wieder- 
holen könnte. Er wünscht die Klagen der unglück- 
lichen Sclaven zu den Ohren derer zu bringen, die 
ihnen abhelfen können, durch eben so weise als 
gemäfsigte Verordnungen, wie auch vor allem durch 
kräftige Erfüllung und Befolgung derselben. Ver- 
möge des Fürstenbeschlusses auf dem Congresse zu 
Wien sollte mit dem Jahre 1820 der Sclavenhandel 
aufhören. Leider weifs der gewissenlose Eigennutz 
sich Mittel zu verschaffen, die Gesetze zu umgehen, 
und der Sclavenhandel dauert noch fort. Ich habe, 
sagt der edle Humboldt , den Zustand der schwär- 



— 346 — 

zen Menschen in den Ländern beobachtet, wo die 
Gesetze, die Religion und die National - Gewohnhei- 
ten das Schicksal der Sclayen zu erleichtern be- 
strebt sind; dessen ungeachtet hat sich bei der Ab- 
reise aus Amerika mein Abscheu vor dem Sclaven- 
thum , den ich aus Europa mitgebracht hatte, nicht 
vermindert. Geistreiche Schriftsteller haben ver- 
gebens versucht, die Barbarei dieser Verhältnisse 
durch täuschende Worte zu verhüllen , indem sie 
die Xamen von Kegerbauern auf den Antillen , von 
schwarzer Lehnspfliebtigkeit und von patriarchali- 
schem Schutze erfanden. Es heifst die edien Künste 
des Geistes und den Beruf des Schriftstellers ent- 
weihen , wenn man solche Hüllen schaffen will , um 
die schändlichste Wahrheit zu verhüllen. Es heifst 
die Throne entehren , wenn man die unter ihrem 
Schutze lebenden Bauern mit den Sclaven roher 
Pflanzer oder wollüstiger Nabobs vergleicht. Selbst 
der leibeigene Russe, der sich als Eigenthum tau- 
sendweis verschenken lassen mufs , ist noch auf der 
höchsten Stufe des Glücks gegen den Neger 5 denn 
ihn schützen Gesetze , ihm steht der Weg zu seinem 
Monarchen offen, er lebt in seinem Vaterlande, im 
Schoofse seiner Familie, geniefst des häuslichen 
Glückes, dessen sich der arme Neger beraubt sieht. 
Die einsichtigen und edlen Bewohner der Antillen- 
Zucker- Inseln sind überzeugt, dafs die über ihnen 
schwebende Gefahr nur durch allmähliche Abschaf- 
fung der Sclaverei abgewendet werden könne. Be- 
sonders hat Havannah sich zu rühmen , von jeher 



— 347 — 

für die Abschaffung der Sclaverci weder ein ver- 
schlossenes Ohr, noch ein hartes Herz gehabt zu 
haben. 

Unter allen Übeln , unter allem Jammer, der je 
die Menschheit belastet hat, ist der erbarmungs- 
würdigste das der Sclaverei. Der freie Neger wird, 
mit Gewalt seinem heimathlichen Boden entrissen, 
und aus der Mitte seiner Familie auf das Sclaven- 
schiff geworfen , wo man mit grausamer Industrie 
für seine Verpackung gesorgt hat. Hier werden die 
armen Opfer mit Peitschenhieben gezwungen, fröh- 
lich zu seyn , und zu tanzen, damit sie gesund blei- 
ben. Sie müssen im Chore singen: messe, messe 
makeriba (lustig, lustig ist's unter den Weifsen) ! 
Sie werden heerdenweise auf die Antillen gebracht 
und sintl Waare, Ebenholz von dem Kaufmanne ge- 
nannt. Allein auch hier ist sein Loos verschieden. 
Der Abstand zwischen dem Sclavcn im Hause des 
reichen Mannes in der Havannah ist von dem in 
den Zuckerpflanzungen arbeitenden unermefsiieh ver- 
schieden. Man bedient sich Drohungen, welche den 
Zustand der Schwarzen in verschiedenen Lagen be- 
zeichnen. Der Calessero wird mit der Cafetal und 
dieser mit Zucherpflanzung geschreckt, den letztern 
aber schreckt man mit nichts mehr. In der Zucker- 
pflanzung lebt jedoch der, welcher ein Weib hat, 
und Abends im Schoofse seiner armen Familie aus- 
ruht, glücklicher als der vereinzelte, unter der Menge 
sich verlierende Sclave. 

Zum Glücke für die Neger Cuba's hat der Luxus 



— 548 — 

und der Reich thum der Einwohner Havannah's 80,000 
Sclaven in die Städte gezogen, wo sie sich allerdings 
besser befinden. Die Gesetze begünstigen, wie schon 
oben bemerkt wurde, die Freilassung aufserordent- 
lich, und erzeugen sich so wirksam, dafs es bereits 
i3o,ooo Farbige gibt, welche frei sind. Herr von 
Humboldt glaubt jedoch , alle Gesetze zur Abschaf- 
fung derSclavcrei werden an dem, was man in den 
Colonien erworbene Rechte nennt, scheitern, bis 
man sich mit den Colonial - Behörden verstanden 
laben wird, und der Mitwirkung der Colonial -Ver- 
sammlungen versichert ist. Auf ein Mal kann man 
die Sclaven nicht frei lassen, weil diese Entfefslung 
einer rohen und ungebildeten Menge nur das gröfste 
Unheil bringen könnte. Man sollte dafür sorgen, 
dafs nicht, wie es bis 1826" geschehen ist, die Kin- 
der der Sclaven von den Eltern getrennt, verkauft 
werden durften. Man sollte untersagen das Zeich- 
nen der JXeger mit glühendem Eisen, welches nur 
geschieht , um das Menschenvieh desto bequemer 
erkennen zu können. Man sollte wenigstens solche 
abscheuliche Barbareien durch Gesetze auf das 
strengste verbieten. Man sollte ihnen "Weiber zu- 
gesellen , damit sie der Pflege in Krankheit und Al- 
ter nicht entbehrten. Jedem Sclaven sollte nach 
fünfzehnjähriger Arbeit und jeder Sclavinn nach Er- 
ziehung von vier Kindern die Freiheit geschenkt 
werden. Man sollte dem Sclaven bestimmte Arbeits- 
tage frei lassen , damit ihm die übrigen bezahlt 
würden. Auch sollte die Verwaltung jährlich eine 



— 549 — 

Anzahl solcher, die sich besonders durch Fleifs 
und Treue ausgezeichnet haben, auf öffentliche Ko- 
sten los Laufen , und bei dem Tode des Eigentü- 
mers sollte jeder durch's Loos bestimmte zehnte 
Sclave frei werden. Unter solchen Umständen, meint 
Herr von Humboldt, würde nach und nach das 
Schicksal der Sclaven erleichtert werden, und eine 
allmähliche Abschaffung der Sclaverei aufser Zwei- 
fel seyn. Und gewifs werden meine jungen Leser 
nicht verfehlen zu wünschen , dafs Güte bald alle 
Herzen derer, die dazu beitragen können , lenken 
möchte, damit diese Wünsche erfüllt würden. Viel- 
leicht werden unsere Kinder es erleben, dafs dieser 
Schandfleck von der Menschheit abgewischt seyn 
wird. Noch eine Bemerkung des Herrn von Hum- 
boldt kann ich nicht übergehen. Wenn, sagt er, 
die Civilisation , statt sich auszudehnen , ihren Sitz 
ändern würde, wenn das zwischen Cap Hatteras und 
dem Missouri befindliche Amerika der Hauptsitz der 
Aufklärung der Christenheit werden sollte, welchen 
Anblick würde dieser Mittelpunkt der Civilisation 
darbieten, wo in der Mitle des Heiligthums der 
Freiheit, man einer Negerversteigerung aus dem 
Nachlasse eines Verstorbenen beiwohnen., und das 
Schluchzen der von ihren Eltern getrennten Kinder 
hören könnte?! Wie sollte sich auch Christcnthum 
und Sclaventhum vereinigen lassen? Wie traurig 
sich zu denken, dafs in das: Herr Gott dich loben 
wir, der Gläubigen, der Peitschenknall auf dem 
Rücken des Negers , und das Gewinsel verkaufter 



— 350 — 

Kinder gräfslich einfällt. Mit Freuden hoffen wir 
daher, dafs die sowohl unkluge als schändliehe Sitte 
des Sclavenhandels allmählich aufhören , und nach 
und nach die ganze Sclaverei aus den Colonien ver- 
schwinden werde! Man weifs mit Gewifsheit, dafs 
die britischen Antillen seit 106 Jahren allein 2,i3o,ooo 
Neger aus Afrika bezogen haben j der ganze Archi- 
pel hat mehr als 5, 000,000 erhalten, und doch sind 
gegenwärtig nicht mehr als 1,147,000 Sclaven und 
?$2 12,900 freie Farbige übrig. Wie schrecklich hat 
hier die Barbarei Menschenblut vergossen ? Nun 
rechne man zu den fünf Millionen noch diejenigen, 
welche auf der See zu Grunde gingen , und als un- 
nütze Waare über den Bord geworfen wurden! 

Man mufs übrigens mit Vergnügen gestehen, dafs 
die reichen Pflanzer von Cuba , besonders die Ein- 
wohner von Havannah sehr günstige" Gesinnungen 
für die Sclaven hegen, und gerne die Hand dazu 
bieten i ihren Zustand zu verbessern. Die Humani- 
tät der Gesetzgebung räumt dem Sclaven auf Cuba 
vier Begünstigungen ein, welche der der Antillen 
anderer Nationen entbehrt. Er darf sich einen ge- 
lindem Herrn suchen , und wenn dieser den Kauf- 
preis bezahlt, mufs er entlassen werden. Er darf 
nach freier Wahl heirathen. Er darf sich nach und 
nach durch Arbeitsverdienst frei kaufen. Er hat 
das Recht, Eigenthum zu|tbesitzen, und mittelst sei- 
nes Erwerbs Weib und Kinder frei zu kaufen. Das 
Recht, sich einen Herrn zu suchen, der den Kauf- 
preis, das Gesetz sagt, den geringsten für denScla- 



— 351 — 

ven erlogt, bat häufig zur Felge, dafs der Fremde 
von dem Selaven mit der Frage begrüfst wird : Wol- 
len Sie mich nicht kaufen? Der niedrigste Preis 
eines Selaven ist zwischen 200 bis 280 Piaster. Bei 
den Griechen kostete ein Sclave 54 bis 108 Piaster. 
Während jedoch die spanischen Gesetze auf alle 
Weise die Freilassung begünstigen , so besteht auf 
andern Antillen das abscheuliche Gesetz, dafs der 
Herr für jeden Selaven, den er freiläfst, dem Fis- 
kus fünf- bis siebenhundert Piaster zahlen mufs. Es 
ist daher ein gräfslicher Unterschied zwischen den 
alten spanischen Gesetzen , und den barbarischen 
Bestimmungen , welche auf jeder Seite des schwar- 
zen Gesetzbuches (code noir), wie in den Gesetzen 
der briltischen Antillen , sich finden. Die 1780 er- 
lassenen Gesetze der Bermuden -Inseln verordnen: 
es dürfe gegen den Sclavenherrn , der seinen Neger 
durch Züchtigung tödtet, keine Anklage Statt finden ; 
der jedoch, welcher ihn aus Bosheit tödtet, solle 
an den Schatz 10 Pfund Sterling bezahlen! — Ein Ge- 
setz von St. Christoph vom 11. März 1784 fängt mit 
den Worten an: Wir verordnen und befehlen, dafs 
wer dem Selaven ein Auge zerstört, die Zunge aus- 
gerissen oder ein Ohr abgehauen hat, soll 5oo Pfund 
Sterling zahlen und zu sechs Monat Gefängnifs ver- 
urtheilt werden. Die englischen Gesetze sind jedoch 
jetzt aufgehoben , und durch humanere ersetzt wor- 
den , und eine Veränderung der französischen ist so 
eben im Werke. Leider wurden auf den französi- 
schen Antillen 180Ö sechs jungen Selaven , die im 



— 352 — 

Verdachte waren, die Flucht beabsichtigt zu haben, 
nach Urteilsspruch die Kniesehnen zerschnitten! 

Ob nun gleich die Weisheit und Milde der spa- 
nischen Gesetzgebung die Sclaven vor solcher em- 
pörenden Grausamheit schützt, so bleibt demunge- 
achtet ihr Loos in der Einsamkeit des Pachthofes 
und der Zuckerpflanzungen der Willkür des Herrn 
preisgegeben, wo denn die scharfe Geifsel und selbst 
auch die Machette unumschränkte Gewalt übt. Die 
Gesetze erlauben dem Sclaven, sich an den Magistrat 
zu wenden ; allein der Sclave darf sich nicht aus 
der Pflanzung entfernen , und der reiche Pflanzer 
bleibt gegen seinen Sciaven immer im Vortheile. 
Es haben jedoch die CoJonisten selbst schon ein- 
sehen gelernt, dafs eine mildere Behandlung noth- 
wendig wird , und dafs die Weisheit der Gesetzge- 
bung sich dahin beschäftigen müsse , sowohl Mifs- 
brauche als Gefahren zu verhindern. 

Von dieser Weisheit der Gesetzgebung in Hin- 
sicht derNegersclaven hängt dieSicherheit von 873,000 
freien Menschen, weifsen und farbigen ab. Es hängt 
aber auch die Milderung des Schicksals von i,i5o,ooo 
Sclaven ab. Durch Mitwirkung der Colonial- Be- 
hörden und der Pflanzer selbst, kann dieses auf 
ruhigem Wege geschehen. Unthätig jedoch dürften 
dieselben nicht bleiben, weil sonst leicht Ereignisse, 
die weder zu berechnen noch zu beherrschen sind, 
diejenigen traurigen Folgen der Sclaverei herbei- 
führen könnten , welche alle Völker und Länder er- 
fahren haben , wo Sclaverei eingeführt war und 



— 353 — 

langen Bestand Latte. Selbst Rom vrar mehr als ein 
Mal an den Rand des Verderbens geführt durch 
seine Sclaven , und diese waren auch zuletzt nicht 
die kleinste Ursache , dafs es den einbrechenden 
Barbaren so leicht unterlag. 

Die Sclaverei steht mit der Civilisation im grell- 
sten Widerspruche, und es ist unmöglich an die 
Humanität des Volkes zu glauben, wo der arbei- 
tende Theil verkäuflicher Sclave ist , ohne Eigen- 
thum, ohne Recht, ohne Freiheit. Er hat beide 
Übel , sowohl die der Wildheit als die der Civilisa- 
tion zu ertragen. Wie im wilden Zustande ist er 
fremder Willkür überlassen, und mufs doch die 
Arbeiten tragen, welche die Sittigung von ihren 
Theiinchmcrn fordert. Er sieht die Wohlthaten 
schützender Gesetze, ohne an denselben Theil zu 
nehmen, und je mehr sich die Bildung und der Wohl- 
sland der Civilisation um ihn herum entwickelt, 
desto schreiender ist sein Elend. Man kann nicht 
anders, als von Herzen wünschen, dafs jene Gegen- 
den ohne Zuckungen in einen Zustand übergehen 
möchten, den die christliche Religion fordert. Dafs 
die Sclaven schwarz und ihre Gebieter weifs sind, 
ist ein Umstand, welcher die Gefahr der bürger- 
lichen Ordnung in den Antillen nur noch mehr 



Achtes Kapitel. 

Rüstung zur Abreise. — Falsche Nachrichten. 

Gegen Ende April hatten die Herren von Hum- 
boldt und Bonpland ihre Beobachtungen vollendet, 
welche sie an der Grenze der nördlichen heifsen 
Zone zu machen beabsichtigt hatten. Sic standen 
nun im Be grille, mit der kleinen Flotte desAdmirals 
Arizahal nach Veracruz abzureisen. Alle Vorbe- 
reitungen wurden gemacht, als plötzlich eine Zei- 
tungs -Nachricht allen ihren Vorsätzen eine andere 
Richtung gab. Sie verzichteten in Folge einer Zei- 
tungsnachricht von der Reise des im ersten Bande 
erwähnten französischen Capitän Baad'ui auf die 
Reise durch Mexiko nach den Philippinen. Verschie- 
dene Tagesblätter, besonders aus den vereinigten 
Staaten, meldeten nämlich, es seyen zwei Corvcttcn 
Frankreichs : der Geographe und der Naturaliste, 
nach dem Cap Hörn unter Segel gegangen ; sie soll- 
ten ihre Fahrt längs den Rüsten von Peru und Chili 
nehmen, um von da sich nach Neu -Holland zu be- 
geben. Diese Nachricht war es, welche Herrn von 
Humboldt in die lebhafteste Bewegung setzte, und 
ihm das reizende Bild einer Reise um die Welt vor- 
spiegelte. Es kamen ihm wieder alle Entwürfe in 
den Sinn , welche er gemacht hatte , als er noch in 
Paris war, und die Regierung zur Absendung die- 
ser Expedition zu bewegen gesucht hatte. Als Herr 
von Humboldt aus Spanien abgereist war, hatte er 



— 355 — 

das Versprechen gethan , sich dem Capitüne Bauä'ai 
überall anzuschliefscn, wo er ihn treffen würde. Er 
beredete sich nun, es sey seine Pflicht, sich in den 
Stand zu setzen , um sein Versprechen zu lösen. 
Herr Bo.ipland , der immer Muth und Entschlossen- 
heit zeigte , war sogleich bereit. Es ward nun vor 
allem der grofse Vorrath von Pflanzen , die gesam- 
melt waren, in drei Theile getheilt. Diese Abthei- 
lung geschah darum, damit dasjenige , was man mit 
so vieler Mühe an den Ufern des Orinoko, Atabapo 
und des Rio Negro zusammengebracht hatte, nicht 
dem Ungewissen Schicksale einer langen Seereise 
ausgesetzt bleibe. Eine dieser Sammlungen sollte 
durch England nach Deutschland gehen, eine andere 
über Cadix nach Frankreich, die dritte sollte für 
alle Fälle in der Havannah aufbewahrt bleiben. 
Diese kluge Mafsregcl war ein äufserst glücklicher 
Gedanke; denn ohne denselben wäre leicht die ganze 
Frucht der Reise mit allen Tagebüchern und allen 
Arbeiten verloren gegangen. Eine jede der drei 
Sendungen enthielt die nämlichen Arten, und alle 
Vorsicht war getroffen , damit selbst im Falle das 
Schiff von Franzosen oder Engländern genommen 
würde, die Risten entweder den Professoren der 
Naturgeschichte im Museum zu Paris oder dem Sir 
Joseph Bank's in London übergeben würden. Ein 
glücklicher Zufall war es , dafs die Handschriften 
und Tagebücher nicht derjenigen Abtheilung beige- 
legt wurden , welche mit dem oben schon öfter er- 



— 356 — 

vy ahnten Ordensmanne nach Spanien abging, denn 
wir haben schon oben gehört, wie dieses Schiff mit 
Mann und Maus und also auch mit den Sammlungen 
zu Grunde ging. Es war schon ein Unglück, dafs 
bei dieser Sendung sich die ganze Sammlung von 
Insekten befand, die Herr Bonpland am Orinoko 
unter den schwierigsten Umständen veranstaltet hatte. 
Durch ein Mifsgeschick hatten sie schon zwei Jahre 
keine Briefe aus Europa erhalten, und die Briefe 
der drei folgenden Jahre meldeten nichts vom Schick- 
sale der Sammlungen , so dafs unsere Freunde in 
der gröfsten Unruhe waren, was aus ihren Tage- 
büchern geworden seyn möchte. Die Angst war da- 
her nicht gering, besonders da auch die mit so gros- 
ser Beschwerde gemachten astronomischen Beobach- 
tungen dabei waren. Erst im Augenblicke, da sie 
Amerika zu verlassen im Begriffe waren, erblickte 
Herr von Humboldt zufällig auf der öffentlichen 
Bibliothek zu Philadelphia, bei Durchgehung eines 
Registers der wissenschaftlichen Übersichten , die 
Worte: Ankunft der Handschriften des Herrn von 
Humboldt bei seinem Bruder in Ptaris über Spanien. 
Beinahe laut jubelte er vor Freude. 

Während Herr Bonpland Tag und Nacht be- 
schäftigt war, die Sammlungen zu ordnen, quälten 
Herrn von Humboldt die Hindernisse, welche sich 
einer so unvermuteten Abreise entgegensetzten. 
Im Hafen der Havannah war kein Schiff zu finden, 
welches sie nach Porto Cabello oder nach Carthagcna 



— 357 — 

überführen wollte. Diejenigen Personen, welche 
zu Rathe gezogen wurden, gaben sich alle Mühe, 
die Beschwerlichkeiten übertrieben zu vergröfsern, 
welche der Übergang über den Isthmus von Panama 
und eine Schiffahrt von Süd nach Nord, von Panama 
nach Guayaquil , von da nach Lima und Valparaiso 
darbieten. Sie machten Herrn von Humboldt ge- 
gründete Vorwürfe darüber, dafs er nicht fortfahre, 
die grofsen und reichen Besitzungen des spanischen 
Amerika zu untersuchen, welches seit einem halben 
Jahrhunderte allen fremden Reisenden verschlossen 
geblieben war, besonders da so ausgedehnte Be- 
willigungen, als Herr von Humboldt erhalten hatte, 
nicht leicht Jemanden wieder zu Theil werden könn- 
ten. Sie stellten vor, wie viel dankbarer die innere 
Untersuchung eines grofsen, reichen und unbekann- 
ten Landes sey, als eine Ungewisse Reise um die 
Welt, wo man nur hie und da Küsten berührt, und 
auch diese nicht nach eigener Wahl. Wie viel in- 
teressanter müfsle die Untersuchung eines Landes 
seyn , welches allein für sich 5 / 8 der Silbermasse lie- 
fert, welche aus den gesammten Bergwerken der 
ganzen Erde gewonnen wird ? Je mehr jedoch Herr 
von Humboldt in der Ausführung seiner Plane ge- 
hindert war, desto eifriger betrieb er ihre Ausfüh- 
rung. Er hatte nämlich die Hoffnung, auf einer so 
grofsen Reise , die wichtigsten und bisher auf sol- 
chen Reisen vernachläfsigten Beobachtungen über 
die Beschaffenheit der Luft, des Wassers , der War- 



— 558 — 

mevertheilung und des Magnetismus der Erde zu 
machen, und so die physikalische Beschaffenheit der 
Erde zu erforschen. 

Da die Überfahrt auf einem neutralen Schiffe, 
d.h. auf einem solchen, das einer Nation zugehörte, 
welche mit allen Seefahrern im Frieden lebte, un- 
möglich war, so miethete Herr von Humboldt eine 
catalonische Goelette, die sich auf der Rhede von 
Batabano befand, und bereit seyn wollte, ihn ent- 
weder nach Porto Cabello oder nach Carthagena 
des Indes zti bringen, je nachdem es die Winde 
gestatteten, welche in dieser Jahreszeit hier noch 
heftig wehen. Es war Herrn von Humboldt hier 
leicht, sich die nöthigen Gelder zu verschaffen, so 
wie sich Freunde bereit fanden, alles zu befördern, 
was die Abreise nöthig machte. Am 6. Mai ward 
ihnen gemeldet, dafs die gemiethete Goelette bereit 
sey , die Reisenden aufzunehmen. 

Der Weg von Batabano führte sie nochmals 
durch die Guines zur Pflanzung vom Rio Bianca, 
deren Besitzer, der Graf von Monpox , daselbst 
auf alle Weise , die durch ein grofses Vermögen 
möglich ist , ihren Aufenthalt verschönerte. Die 
Gastfreundschaft, welche Menschen mit einander so 
sehr verbindet, und die bei fortschreitender Ci- 
vilisation gewöhnlich abnimmt, ist auf der Insel 
Cuba noch in voller Ausdehnung und wird mit lie- 
benswürdigem Fleifse geübt. 

Vom Bio Bianca nach Batabano führt der Weg 



— 359 — 

durch ein unangebautes , zur Hälfte mit Waldung 
bedecktes Land. Auf dem unangebauten Boden 
wachsen Indigo und Baumwolle verwildert. Die 
Baumwolle , welche auf Cuba gebaut wird , gehört 
zu der schönsten ; da aber die Kapseln sich gerade 
zu der Zeit öffnen, wo die Nordstürme am heftig- 
sten wehen, so wird der feine Flaum zerstreut und 
die Ernte leidet gewöhnlich Schaden. Weiter süd- 
wärts fanden sie beim Herborisiren eine Palmenart 
mit Fächerblättern , die zwischen den Nebenblättern 
einen freien Faden zeigt. Diese Corypha bedeckt 
einen Theil der Südküste der Insel, und tritt an die 
Stelle der prächtigen Königspalme und der gekraus- 
ten Cocospalme der Nordküsten. Hin und wieder 
kommt der löcherige Kalkstein zum Vorschein , der 
dem Jurakalk gleicht. 

Batabano liegt unter 22 , 43' 24" N. Br. , und war 
zur Zeit des Herrn von Humboldt nur ein elendes 
Dorf, dessen Kirche erst vor kurzem erbaut wor- 
den war. In der Entfernung einer halben Meile 
von Batabano nimmt die Sienga, eine sehr sumpfige 
Landschaft, ihren Anfang, und erstreckt sich von 
der Laguna de Cortes bis aur Ausmündung des Rio 
Xagua , in einer Ausdehnung von 60 Meilen von 
West nach Ost. Man glaubte hier, dafs das Meer 
landeinwärts Fortschritte mache , vorzüglich sey 
dieses zur Zeit des grofsen Einsturzes fühlbar 
gewesen , als im Anfange des achtzehnten Jahrhun- 
derts die Tabakstampfen verschwanden und derFlufs 



— 3Ö0 — 

Cliorrera seinen Lauf änderte. Dieses Sumpfland 
gewährt einen äufserst traurigen Anblick. Nicht ein 
einziger Baum verschönert den Sumpf, wo nur einige 
verkrüppelte Palmen, wie zerbrochene Masten, aus 
den Gräsern hervorragen. Sie verweilten nur eine 
einzige Nacht in Batabano , und konnten daher sich 
nicht selbst belehren über die zwei Arten des Kro- 
kodills, die in der Sienga hausen. 

Von diesen zwei Arten wird die eine von den 
Einwohnern Cayman , die andere Crocodilo , d. h. 
Krokodill genannt. Letzteres ist hochbeiniger, le- 
bendiger und seine Schnautze zugespitzter, als die 
desCaymans, von welchem es sich immer gesondert 
hält. Es ist sehr muthig, und man behauptet, es 
erklimme sogar Schiffe, wenn es für seinen Schwanz 
einen Stützpunkt erhalten kann. Die ausnehmende 
Kühnheit dieses Thieres ist schon von dem ersten 
Reisenden, Diego Vclasqnez, bemerkt worden. Das 
Krokodill pflegt sich bis auf eine Meile weit vom 
Rio Carlo und der sumpfigen Küste von Xagua zu 
entfernen , um sich im Innern des Landes Schweine 
zur Beute zu holen. Es gibt solche, die bis fünf- 
zehn Fufs lang sind, und die also in ihrem Bauche 
Platz genug hätten, um meine jungen Leser einzu- 
quartieren. Es gibt sogar solche unter ihnen, die 
sich gar nicht scheuen, selbst einen Reiter zu ver- 
folgen, wie unsere Wölfe in Europa thun. Es wäre 
überhaupt der Mühe werth, zu untersuchen, ob 
die Sage von den Drachen nicht diesen grofsen 



— 361 — 

Eidechsen ihren Ursprung zu verdanken hat ? Die 
Caymans sind hingegen sehr furchtsam, und zwar 
so sehr, dafs man selbst an solchen Stellen ohne 
Furcht baden kann, wo sie haufenweise vorzukom- 
men pflegen. Wir rathen jedoch unsern jungen Le- 
sern , bevor sie sich unter Caymans baden, solche 
von den Krokodillen ja recht wohl unterscheiden zu 
lernen, mafsen sich gar leicht eine spitzige Schnautze 
darunter finden möchte , und die Erfahrung lehrt, 
dafs spitze Physiognomien immer etwas besonders 
zu Fürchtendes an sich haben, Die Caymans sind 
hingegen vorne platt, und also, wie alles Platte, 
wenig zu fürchten. 

Herr von Humboldt vermuthete nach dieser Be- 
schreibung, dafs die fleischfressenden Saurier - Kro- 
kodille zu den grofscn Thieren , die im Orinoko 
und Rio Magdalena so häufig sind, verschieden seyen. 
Sonst glauben die Amerikaner, irre geführt durch 
die übertriebenen Beschreibungen der Nil-Kroko- 
dille , dafs die echten Krokodille einzig nur im Nile 
vorhanden seyen. Die Zoologen haben jedoch er- 
kannt, dafs in Amerika sowohl Caymans oder Alli- 
gators mit abgestumpfter Schnautze undFüfsen ohne 
Zackeneinschnitte, als auch wirkliche Krokodille mit 
spitziger Schnautze und gezackten Füfsen vorkommen. 
Hinwieder kommen auf dem alten Festlande sowohl 
Krokodille als Gaviale (Ganges - Krokodille) mit lan- 
gen runden Rüsseln, den Menschen unschädlich, vor. 
Der Crocodilus acutus von St. Domingo hat mit dem 

Bibl. naturh. Roucii. IV. 1$ 



— 3Ö2 — ■ 

Nil-Krokodille eine solche Ähnlichkeit, dafs man 
selbst nach Prüfung einzelner Theile ihn kaum von 
demselben unterscheiden kann. 

Da Herr von Humboldt bei der zweiten Reise 
nach Havannah im Jahre 1804 nicht nach Batabano 
kam, so liefs er mit grofsen Kosten die zwei Arten, 
welche die Einwohner Cayman und Crocodilo nen- 
nen, nach der Havannah bringen. Von der letztem 
erhielt er zwei lebendige Thiere, wovon das ältere 
vier Fufs und drei Zoll Länge hatte. Ihr Fang war 
sehr schwierig gewesen, und man hatte sie knebeln 
und binden müssen , um sie auf Maul thieren fort- 
bringen zu können. Sie waren kräftig und ziemlich 
wild. Um ihre Bewegungen und Gewohnheiten be- 
obachten zu können , wurden sie in einen grofsen 
Saal gebracht, wo Herr von Humboldt sie von 
einer hohen Gerätschaft herab beobachtete. Es 
wurden Hunde über sie gelassen , von der grofsen 
Art, die jedoch von den Krokodillen muthig ange- 
griffen wurden. Nachdem sie am Orinoko , am Rio 
Apure und am Magdalenenstrome sechs Monate hin- 
durch Krokodille beobachtet hatten , war es ihnen 
sehr angenehm , vor ihrer Rückreise diese Thiere 
nochmals beobachten zu können. Sie gingen von 
der ruhigsten Trägheit zu den schnellsten Bewegun. 
gen über, und zeigten eine grofse Biegsamkeit. Herr 
von Humboldt sah hier, was auch Descourtilz und 
Dampier beobachtet haben, wie sie öfter dieSchnautze 
und den Schwanz einander näherten. Diese Thiere 



— 3Ö3 — 

hatten eben so zugespitzte Schnautzen, wie die Kro- 
kodille am Orinoko und Magdalena. Ihre Farbe 
war etwas dunkler, auf dem Rücken braunschwarz- 
lieh und am Bauche weifs. Die Seitentheile waren 
gelb gefleckt. Er zählte, wie bei allen echten Kro- 
kodillen , 38 Zähne in der obern Kinnlade und 3o 
in der untern. In der obern Kinnlade waren der 
zehnte und neunte , in der untern der erste und 
der vierte die gröfsten. Der vierte untere Zahn 
umfafste frei die obere Kinnlade. Die hintern Ex- 
tremitäten waren palmfüfsig. Sie hielten daher das 
Krokodill von Batabano für ganz gleich dem des 
Orinoko. Allerdings trafen die Erzählungen von 
der wilden Lebensart nicht mit den Beobachtungen 
am Orinoko überein 5 allein man weifs, dafs diese 
fleischfressenden Eidechsen in demselben Strome 
bald wilder, bald zahmer sind. 

Das in Batabano mit dem Namen Cayman belegte 
Thier starb auf dem Transporte , und man war so 
unvorsichtig, dasselbe nicht zu überbringen, so dafs 
es unmöglich war, beide Arten zu vergleichen. Was 
jedoch die Colonisten von Batabano erzählen, ist 
es beinahe ganz aufser Zweifel , dafs sich hier echte 
Caymans mit stumpfer Schnautze finden, deren vier- 
ter Zahn in die obere Kinnlade eintritt , den Alli- 
gators von Florida gleich. Es hätte also auf Cuba 
das Volk zwischen Cayman und Krokodill eben so 
richtig unterschieden , wie die Gelehrten , was nicht 
das erste Mal wäre. Bei den Krokodillen fanden 

16* 



— 3Ö4 — 

sich die vier Taschen, welche Moschus enthalten, 
genau eben so unter der Unterhinnlade und beim 
After gelegen, wie bei denen am Rio Magdalena; 
hingegen war es sehr auffallend, dafs in derHavan- 
nah drei Tage nach dem Tode der Thiere, und bei 
einer Temperatur von 3o°, jener Geruch nicht spür- 
bar war, während in Monpox am Magdalenenstrome 
die lebendigen Krohodille ihr Zimmer verpesteten. 
Auch Dampier bemerkt die völlige Abwesenheit des 
Geruchs beim Krokodille auf Cuba, während jedocb 
die Cayman« einen sehr starken Geruch verbreiteten. 
Eben dieser so geschickte Seefahrer als Katurbeob- 
achter hatte schon vor hundert Jahren den Unter- 
schied wahrgenommen , der zwischen dem Alligator 
oder Cayman und dem spitzrüsseligen Krohodille 
Statt findet. Dampier sagt auch über die geographi- 
sche Vertheilung dieser Eidechsen Folgendes : »in 
der Campeche -Bucht habe ich nur Caymans oder 
Alligators gesehen, auf der Insel Grofs- Cayman 
nur Kroltodille, aber keine Alligators j auf der In- 
sel de Pinos und in den unzählbaren Lachen und 
schlammigen Flüfschen der Insel Cuba werden gleich- 
mäfsigKrohodille und Caymans getroffen.« Die ech- 
ten Krokodille finden sich auch auf den Antillen 
unter dem Winde , welche dem Festlande zunächst 
liegen. Auf Trinidad, auf der Margaretba- Insel 
und wahrscheinlich auch, trota dem Mangel an 
süfsem Wasser, auf Curacao. Südlicher trifft man 
dasselbe in Guiana, im Rio Neveri, im Orinoko, 



— 365 — 

Rio Apure und dem Cassiquiare , so auch im Mag- 
dalenenstrome , also auf eine Entfernung von 4°° 
Meilen von Cuba , und zwar ohne Beimischung von 
Alligators. Mithin scheint der Hafen von Batabano 
eine Art Grenzscheide zu scyn, denn in Florida und 
im Missisippi sind nur Alligators, ohne Beimischung 
von Krokodillen. 

Ich kann- mich jedoch nicht enthalten, hier eine 
Art Verwunderung auszudrücken , über die Unvoll- 
kommenheit unserer Kenntnisse über diese Art von 
Eidechsen. Und obgleich sich dasselbe von allen 
grofsen Thieren behaupten läfst , so mufs es doch 
auffallend seyn , die fleischfressenden Saurier nicht 
genauer beschrieben und erforscht zu finden , da 
sich dieselben doch so sehr der Wifsbegierde dar- 
bieten. Es wird kein Schritt in die Tropenregion 
beschrieben, wo nicht derKrokodille erwähnt würde. 
Alle Welttheile, die sich in die heifse Zone erstre- 
cken , wimmeln von diesen an Sitten und Neigung 
so verschiedenen Thieren, und dennoch klingen noch 
alle Beschreibungen wie Mährchen. Ist es das Stau- 
nen , die unwillkürliche Furcht , der Schauder, 
welcher sich unserer Phantasie beim Anblicke eines 
so fremdartigen Thieres bemächtigt } was von der 
genauen Erforschung abhält? Es ist gewifs, dafs 
selbst im Nile nicht alle Krokodille derselben Art 
angehören, und schon die alten Egypter haben schäd- 
liche und unschädliche unterschieden. Welche Be 
wandtnifs hat es aber mit den indischen Eidechsen, 



— 366 — 

mit denen in Neu -Holland, Paraguay, im südlichen 
und nördlichen Amerika? Was ist die Lebensweise 
dieser Thiere? Verfolgen sie einander selbst? Ver- 
mischen sie sich niemals unter einander ? Sind die 
zahmen, unter denen man furchtlos badet, und die 
sich mit Fischen begnügen, "wirklich eben dieselben, 
die man anderwärts so wild und blutgierig schil- 
dert? Man hat sich mit dem kleinsten und unbe- 
deutendsten Ungeziefer so viel Mühe gegeben, seine 
Lebensweise und Natur zu erforschen, sind es denn 
die grofsen Thiere weniger werth? Selbst die gros- 
sen Katzen, die grofsen Grasfresser, die Schlangen, 
ja selbst unser Pferd hat sich noch keiner solchen 
Aufmerksamkeit unserer Naturforscher zu erfreuen 
gehabt, als z. B. nur unsere Spinnen! 



Neuntes Kapitel. 

Abreise von Batabano, — Seefahrt zwischen den Inseln. 

Am 9. März wurde vor Sonnenaufgang die Goe- 
lette gelichtet. Dieses Schiff war ungewöhnlich klein, 
und man konnte nur auf dem Verdecke schlafen, 
was eben so unbequem als für die Gesundheit nach- 
theilig ist. Die Schiffskammer erhielt ihr Licht nur 
von oben , und war so klein , dafs es kaum anging, 
die Instrumente darin unterzubringen; es war frü- 
her eine Vorrathskammer gewesen , und sie war so 
dumpfig, dafs der Thermometer sich stets auf 32 und 



— öÖl — 

33 Centesiinalgraden erhielt, Zum Glücke dauerte 
diese Unbequemlichkeit nur zwanzig Tage , und die 
Fahrt in einem offenen Kahne auf den mit Mosqui- 
tos bedeckten Orinoko und dem stinkenden Fleisch- 
schiffe des Amerikaners hatte sie für solche Unbe- 
quemlichkeiten schon hinlänglich abgehärtet. 

Der Golf von Batabano ist von sehr niedrigen 
und sumpfigen Küsten eingefafst , und stellt sich als 
eine weitläufige Wüste dar. Die Fischer -Vögel, 
welche früher als die Landvögel und. faulen Zamu- 
ros - Geier erwachen, zeigten sich nur in geringer 
Zahl. Das Meerwasser hatte hier eine braungrüne 
Farbe, wie sie verschiedene Gebirgsseen in den 
Alpen und Karpathen zeigen, während die Luft in 
dem Augenblicke, wo die Sonne sich am Horizonte 
zeigte, trotz ihrer Reinheit, jene biafsblruie Fär- 
bung zeigte, die der Darstellung landschaftlicher 
Umrisse so besonders günstig ist. Der Hafen von 
Batabano wird beinahe nur von Schmugglern be- 
sucht, weil kein Canal ihn mit der Havannah ver- 
bindet. Wäre dieses der Fall , und würde der Ha- 
fen gereinigt, so würde er bald einer tler besuchte- 
sten werden. Der Golf, in dessen Grunde der Ha- 
fen sich befindet, bietet ein grofses, fünfzig bleuen 
breites und vierzehn Meilen tiefes Becken dar, das 
durch eine zahllose Menge von Untiefen und Cayen 
geschlossen wird. Mitten unter diesen Cayen hebt 
sich eine grofse Insel hervor , deren Ausdehnung 
vier Mal gröfser ist , als die Insel Martinique , und 



— 3Ö8 — 

deren dürre Berge mit prächtigen Conlferen bewach- 
sen sind. Es ist dieses die Insel del Pinos, die Co- 
lumbus El Evangelista, und die spätem Schiffer 
Isla de Santa Maria genannt haben. Sie ist berühmt 
durch das prachtvolle Acajou oder Mabagony-Holz, 
welches sie dem Handel liefert. Wir haben schon 
im ersten Bande eines 36 Fufs langen und 9 Fufs 
breiten Mahagony- Pfosten auf der Insel Cuba er- 
wähnt. 

Unsere Freunde segelten in ihrer unbequemen 
Lage in der Richtung von O. N. O. durch dieStrafse 
von Christoval , um die Insel Cajo del Padres zu 
erreichen, und diesen Archipel zu verlassen. Die 
zahllosen Inselgruppen haben die Eroberer in der 
ersten Zeit der Entdeckung mit dem Namen der Gär- 
ten und Bosquets belegt (Jardines y Jardinillos). 
Die wirklichen Gärten der Königin (Jardines de la 
Reyne) liegen dem Cap Cruz näher, xind sind von 
diesen Inselchen, die wir hier beschrieben, durch 
eine offene See von 35 Meilen Breite getrennt. Co- 
lumbus selbst hat ihnen diesen Namen gegeben, als 
er im Mai i494 au ^ seiner zweiten Reise 58 Tage 
lang zwischen der Pinos -Insel und dem Ostcap von 
Cuba mit Stürmen und Strömungen zu kämpfen 
hatte. Er beschreibt die Inselchen dieses Archipels 
als anmuthig, grün, vollreizender, schlanker Bäume. 
Ein Theil dieser sogenannten Gärten ist auch wirk- 
lich sehr angenehm, mit jedem Augenblicke wech- 
seln dem Seefahrer die Ansichten, und das Grün 



— oög — 

mehrerer dieser Inselehen erscheint um so freund- 
licher, als dasselbe gegen andere Cayen absticht, 
welche nur weifsen dürren Sand zeigen. Diese Sand- 
bänke , wenn sie von der Sonne bescheint werden, 
haben das Ansehen eines wellenförmigen Wasser- 
spiegels. Die Sonne belebt auch hier die Landschaft, 
und durch die Luftspiegelung scheint sich diese todte 
Gegend zu beleben. Sobald die Sonne aufgegangen 
ist , scheinen diese todten Massen sich wie in der 
Luft zu bewegen und zu schweben, und am benach- 
barten sandigen Ufer hat man den täuschenden An- 
blick eines nicht vom Winde bewegten Wasser, 
bechens. So erscheint ein Zauberbild von schwe- 
benden Gärten und bewegten Wasserflächen. Jetzt 
zieht eine Wolke vor das Bild der Sonne , und so- 
gleich ist der ganze Zauber zerstört. Die schweben- 
den Felsen und Baumstämme senken sich wieder 
auf den Boden nieder, die Wasserflächen stehen 
stille, und zeigen ihre wahre Beschaffenheit als dür- 
rer Sand. Der von den Arabern besungene süfse 
Zauber der Einsamheit der Wüste beruht auf eben 
dieser Erscheinung der Luftspiegelung. 

Die Fahrt geht in dieser Gegend äufserst lang- 
sam vor sich, woran theils die vielen Untiefen, theils 
die durch viele Inseln geschützte Ruhe des Wassers 
Ursache ist , welches hier beinahe einem Süfswasser- 
see gleicht. Die Zeit vertrieben sich unsere Bei- 
senden auf dieser Fahrt mit Beobachtungen, die 
auf Luft und Wasser Bezug hatten. Sie bestanden 



darin , den Einflufs zu beobachten , welchen die 
Veränderung der Grundflächen auf die Temperatur 
des Meerwassers äufsert. Wir haben schon im er- 
sten Bande gesehen , dafs auf Untiefen die Tempe- 
ratur immer niedriger ist , weil daselbst die untern 
Wasserschichten sich der Oberfläche nähern, und 
diese immer kälter sind, als die Oberschichten. Herr 
von Humboldt fand diese interessante Bemerkung 
auch hier durch viele Versuche 1 bestätigt. Auf- 
fallend war es Herrn von Humboldt, zu bemer- 
ken, dafs die seichten Wasser hier die weifse Milch- 
färbe nicht zeigten, wie dieses auf der Bank von 
Vibora , südwärts von Jamaika, und an vielen an- 
dern Orten mehr der Fall ist. Der Grund derRhede 
von Batabano ist ein aus zerbröckelten Corallen 
bestehender Sand, der Fucusarten ernährt, die 
nur selten auf der Oberfläche des Wassers sicht- 
bar werden. 

Der Kleinheit des Fahrzeugs und der Sorgfalt 
des Steuermanns ungeachtet, blieb das Fahrzeug 
öfters auf dem Grunde fest sitzen. Bei weichem 
Seegrunde war keine Gefahr vorhanden, Schiffbruch 
zu leiden , man zog jedoch vor , bei Sonnenunter- 
gang Anker zu werfen , als sich den Gefahren nächt- 
licher Schiffahrt Preis zu geben. Die Nacht war 
ausnehmend hell. Landeinwärts beobachteten sie 
eine Menge Sternschuppen , die alle eine Richtung 
nahmen , welche der des Windes in der untern At- 
mosphäre entgegengesetzt war. Diese Gegend., die 



— 371 — 

zur Zeit des Columbas bewohnt und von Fischern 
häufig besucht ward, ist jetzt öde und still, wie das 
Grab. Damals gebrauchten die Einwohner von Cuba 
einen kleinen Fisch als Köder, um grofse Seeschild- 
kröten damit zu fangen \ sie befestigten ein langes 
Seil an den Schwanz des Reves (so hiefs der Fisch 
bei ihnen). Dieser Fischer -Fisch bediente sich aber 
des flachen mit Saugröhren besetzten Schildes, den 
er auf dem Kopfe trägt, um sich an die Schale der 
Schildkröten anzusaugen, die in den Canälen der 
Jardinillos häufig vorkommen. Der Reves , sagt 
Columbus , liefse sich eher zerreifsen , als dafs er 
sich unfreiwillig von dem Körper trennen möchte, 
an dem er sich einmal angesauget hat. Am näm- 
lichen Seile also holen sich die Indianer den Fischer- 
Fisch und die Schildkröte. Als Gomara und Peter 
Martjr diese Thatsache von den Reisegefährten des 
Columbus vernommen hatten , und in Europa be- 
kannt machten, glaubte man darin ohne Zweifel ein 
Reisemährchen zu finden. Aus den Reobachtungen 
des Capitän Rogers , von Dampier und Comerson 
wissen wir nunmehr, dafs eben dieses in den Jar- 
dinillos wahrgenommene Jagdverfahren auf Schild- 
kröten auch von den Rewohnern der Ostküste 
Afrika's , in Mozambique und Madagascar angewen- 
det wird. Menschen, mit grofsen durchlöcherten 
Flaschenkürbissen auf dem Kopfe, haben in Egyp- 
ten, San Domingo und in den Seen des Thaies von 
Mexiko sich im Wasser verborgen , um die Vögel 



— 372 — 

bei den Füfsen zu fangen. Die Chinesen gebrauchen 
von den ältesten Zeiten her die Cormorane, einen 
der Pelikan -Familie angehörigcn Vogel, zum Fisch- 
fange an den Küsten; sie legen ihm einen Ring um 
den Hals , damit er seine Beute nicht verschlingen 
könne, sondern für sie Fische fange. Selbst bei 
den rohesten Völkern entwickelt sich List und Scharf- 
sinn der Menschen , um Fischerei und Jagd zu be- 
treiben. Völker, die nie in Verbindung mit einan- 
der waren, zeigen in der Auswahl der Mittel, um 
ihre Herrschaft über die Thiere geltend zu machen, 
die auffallendste Ähnlichkeit. 

Erst nach drei Tagen war es möglich die Jardi- 
nes und Jardinillos zu verlassen. Sie besuchten 
einige dieser Inseln, da alle Tage zur Nachtzeit die 
Anker geworfen wurden. Eine der ersten , die sie 
besuchten, war die Cayo Bonito (Hübsch), die ih- 
ren Namen dem Reichthume ihres Pflanzenwuchses 
verdankt. Alles zeigt an , dafs sie schon seit langer 
Zeit über dem Oceane emporsteht. Auf ihr erhebt 
sich ein ganzer Wald von Wurzelträgern oder Rbi- 
zophoren, die man, von ferne gesehen, für Lor- 
beer zu halten geneigt seyn könnte. Die Avicennia 
nitida , die Batis , kleine Euphorbien und einige 
Grasarten sind bemüht durch ihr Wurzel geflechte 
den lockern Sand zu befestigen. Was jedoch dieses 
Corallen -Eiland vorzüglich schmückt, ist die präch- 
tige Tournefortia Gnaphalioides (kann man sich 
einen garstigem und barbarischem Namen denken ?), 



— 373 — 

von Jaquin mit silberfarbnen Blättern , welche sie 
hier zum ersten Male antrafen. Es ist eine gesellig 
lebende Pflanze , ein Strauch von fünfthalb bis fünf 
Fufs Höhe, dessen Blüthen einen sehr angenehmen 
Geruch verbreiten. Mehrere Eiländchen werden 
damit geschmückt , als : der Cayo Flamenio , der 
Cayo de Piedras und vielleicht die meisten Niede- 
rungen der Jardinillos. Sie fanden hier auch Par- 
thenium Hysterophorum , eine Pflanze , die sowohl 
auf allen Feldern Cubas , als auch in Caracas und 
Mexiko zwischen 47° una< 9°° Toisen Erhöhung 
angetroffen wird. Die Einwohner gebrauchen sie 
sowohl für aromatische Bäder , als auch zur Ver- 
treibung der im tropischen Klima so häufigen und 
lästigen Flöhe. 

Während unsere Reisenden botanisirten , suchten 
die Matrosen nach Langousten. Unwillig, dafs sie 
keine fanden, stiegen sie auf die Wurzelbäume, und 
richteten da unter den Alcatraz , die hier paarweise 
in den Nestern safsen, eine gewaltige Niederlage 
an. Die Alcatraz sind eine Art Pelikan , welche 
die Gestalt eines Schwans haben. Mit der den Meer- 
vögeln eigenen dummen Zuversicht und Sorglosig- 
keit verfertigt der Alcatraz sein Nest nur aus et- 
lichen Baumästen. Man zählt vier bis fünf Nester 
auf einem einzigen Wurzelbaume. Die jungen Vögel 
vertheidigten sich mit ihren 6 bis 7 Zoll langen 
Schnäbeln sehr tapfer. Die Alten flogen schwebend 
über ihren Köpfen und stiefsen lautes Klaggeschrei 



— 374 — 

aus. Das half ihnen jedoch sehr wenig, und bald 
sah man das Blut von den Bäumen herabträufeln, 
denn die Matrosen waren mit Stöcken und Man- 
chetten bewaffnet. Der Matrose, der auf einsamen 
Seefahrten zu andauerndem Gehorsame gezwungen 
ist, übt gerne eine grausame Herrschaft gegen 
Thiere aus , sobald sich dazu Gelegenheit darbie- 
tet. Der Boden lag bald voll verwundeter im To- 
deskampfe zappelnder Vögel. Bei der Landung 
hatte vollkommene Buhe und Friede auf diesem 
Erdwinkel geherrscht, jetzt schien alles zu ver- 
künden : die Menseben sind hier gewesen — mit 
ihrer Qual l 



Zehntes Kapitel. 

Geschichtliche Erinnerungen. — Fahrt nach Trinidad. — £.breise 
nach dem Festlande. 

Der Himmel war mit röthlichen Dünsten über- 
zogen , die sich gegen Südwest allmählich zertheil- 
ten. Diese Gegenden besitzen für denkende Rei- 
sende einen Reiz, welcher der neuen Welt meistens 
fehlt. In der alten Welt verleiht die Erinnerung 
an die Vergangenheit unaussprechlichen Beiz. Die 
neue Welt ist selbst in ihren herrlichsten Theilen 
ohne geschichtliche Sagen. Hier jedoch ist der das- 
sische Boden geschichtlicher Erinnerungen. An 
diese Stelle wird sich einstens die Geschichte Arne- 



— 375 — 

rika's knüpfen. Hier fallen dem Reisenden die 
Punkte in die Augen, an die die berühmtesten Na- 
men der spanischen Monarchie erinnern. Hier be- 
iuhren Christoph Columbus und Ferdinand Cortez 
den Ocean. Auf der Südküste Cuba's , zwischen 
der Xagua- Bucht und derPinos- oder Fichteninsel, 
hatte der Admiral auf seiner zweiten Reise mit Er- 
staunen »jenen geheimnifsvollen König gesehen, der 
nur durch Zeichen mit seinen Unterthanen sprach, 
und jene Menschen-Gruppe, die, mit langen, weifsen 
Hemdröcken bekleidet, Mönchen de la Merced glich, 
während das übrige Volk nackt war.« Auf seiner 
vierten Reise traf Columbus in den Jardinillos grofse 
Piroguen mexikanischer Indianer an , die mit rei- 
chen Erzeugnissen und Waaren von Yucatan beladen 
waren. Durch seine Phantasie verführt, glaubte 
er aus dem eignen Munde dieser Seefahrer zu hören : 
»Sie kämen aus einem Lande her, wo die Männer 
auf Pferden reiten und Goldkronen tragen.« Schon 
bildete er sich ein, »es wären Catayo, das Reich 
vom Grofs - Chan , die Mündungen des Ganges « 
einander so nahe gelegen, dafs er sich bald zweier 
arabischer Dolmetscher würde bedienen können, die 
er für seine Reise nach Amerika in Cadix eingeschifft 
hatte. Hier war es auch , wo der grofse Mann 
himmlische Erscheinungen zu sehen und mitten im 
Sturme tröstende Worte zu vernehmen glaubte. 
Naiv und rührend lautet der Brief, den Columbus 
von hier aus an die Königinn von Spanien schrieb ; 



— 376 — 

»Eure Hoheit darf mir glauben, sagt Columbus, 
dafs der Erdball lange nicht so grofs ist , als man 
gewöhnlich glaubt. Sieben Jahre verweilte ich an 
Ihrem königlichen Hoflager, und sieben Jahre lang 
ward mir gesagt : mein Vorhaben sey eine Thorheit. 
Jetzt i nachdem ich den Weg gebahnt , verlangen 
nun Schneider und Schuster sogar Privilegien, um 
neue Länder zu entdecken. Verfolgt und vergessen, 
wie ich bin , kann ich nie an Hispaniola oder Paria 
denken , ohne dafs Thränen meine Augen füllen. 
Zwanzig Jahre stand ich im Dienste Ihrer Hoheitj 
meine Haare sind alle grau , und mein Körper ist 
schwach , ich kann keine Thräne mehr vergiefsen. 
Bejammere mich jetzt, o Himmel ! wie ich durch- 
jammere die Erde ! Bedaure mich, wer Liebe, Wahr- 
heit und Gerechtigkeit ehrt!« So bejammert hier 
der Entdecker Amerika's sein Loos und die Undank- 
barkeit der Welt! 

Die Pinos- Insel und die sie umgebenden Gärten 
sind auch in der Eroberung Mexiko's merkwürdig. 
Als Ferdinand Cortez sich zu seiner grofsen Unter- 
nehmung rüstete, erlitt er während der Überfahrt 
vom Hafen der Trinidad zum Cap St. Anton mit 
seiner Nave Capitana auf einer der Jardinillos Schiff- 
bruch. Fünf Tage lang hielt man ihn für verloren. 
Der wackere Pedro de Alvarado sandte aus dem 
Hafen von Carcnnas (Havannah) drei Schiffe, um 
ihn aufzusuchen. Später, im Jahre i5ia, sammelte 
Cortez seine ganze Flotte, in der Nähe des Cap St. 



— 3 TT — 

Anton, vermuthlich an derselben Stelle, welche 
auch jetzt noch den Namen Ensenadct de Coriez 
führt, westlich von Batabano der Pinos- Insel ge- 
genüber. Von hier war es, dafs er in der Hoffnung 
den Schlingen des Gouverneurs Velasquez desto eher 
zu entgehen , beinahe heimlich nach der mexikani- 
schen Küste abging. Hier zeigt sich der seltsame 
Wechsel menschlicher Schicksale ! Eine Handvoll 
Menschen , die von Westen der Insel Cuba auf den 
Küsten vou Yucatan gelandet hatte, war hinreichend, 
um die Grundfesten von Montezuma's Reich zu er- 
schüttern, und jetzt nach drei Jahrhunderten ist 
dieses nämliche Yucatan ein Theil des mexikanischen 
Staates, der auf's neue von Cuba aus bedroht wird, 
indem er selbst eben diesem Cuba drohend gegen- 
über steht. 

Vormittag den 11. besuchten die Reisenden den 
Cayo Flamenco unter 21°, 5o/ 39". Der mittlere 
Theil dieses Eilandes ist sehr niedrig und hat nicht 
mehr als 14 Zoll Erhöhung über die Meeresfläche. 
Diese Niederung enthält Wasser von geringem Salz- 
gehalte. Andere Cayos oder Eilande haben Becken 
von völlig süfsem Wasser. Die Seeleute von Cuba, 
so wie die Venezianer der Lagunen und selbst einige 
Naturforscher, erklären die Süfsigkeit dieses Was- 
sers aus der Wirkung des Sandes, durch welchen 
das Wasser einfiltrirt würde. Herr von Humboldt 
widerspricht dieser Meinung, um so mehr, als diese 
Cayen aus Felsengrund, und nicht aus Sand gebil- 
Bibl.Naturh.Reiscn.lv. xr 



— 378 — 

det sind, und auch ihre Kleinheit nicht zuläfst, dafs 
das Regenwasser hier dauernde Pfützen bilden könnte. 
Es scheint Herrn von Humboldt nicht unmöglich, 
dafs diese süfsen Wasser der Cayen von cubanischen 
Gebirgen durch hydrostatischen Druck herrühren. 
Es ist dieses um so wahrscheinlicher , als nach 
neuem Beobachtungen einen halben Grad östlich 
von den Jardiniilos, mitten in offner See dritthalb 
Meilen von der Küste, Süfswasserquellen sprudelnd 
aus dem Meere hervortreten. Die Kraft, mit wei- 
ther diese süfsen Wasser aus dem Meere hervor- 
sprudeln , ist so grofs , dafs sie für kleine Kähne 
einen oft gefährlichen Wellenschlag verursacht. Auch 
holen Schiffe, die nicht in Xagua einlaufen wollen, 
zuweilen ihren Süfswasser-Vorrath daselbst. Das 
Wasser ist um so süfser, je tiefer es geschöpft wird. 
Auch die Lamartins oder Mannati haben die süfsen 
Wasser entdeckt , und werden daselbst von den Fi- 
schern häufig gefangen. 

Eine halbe Meile östlich vom Cayo Flamenco 
trafen sie zwei zu Tage stehende Felsengründe an 
an denen sich die Wellen gewaltsam zerschlagen 
es sind dieses die Felsen Diego Perez unter 21 
5i' 10" N. Br. Abends landeten sie bei zwei an 
dem Felsen , dem Cayo de Piedras. Sie stehen ver 
einzelt am Ende der Jardiniilos und werden den 
Schiffen oft gefährlich. Der Cayo de Piedras ist 
vom Holzwuchse beinahe ganz entblöfst, weil bei 
den öfter hier stattfindenden Schiffbrüchen die 



— 379 — 

Verunglückten alles Strauchwerk , um damit Feuer- 
Signale zu machen , umhauen. Von hier aus sahen 
sie zuerst hohe Gebirge , die sich in der Richtung 
von O. N O. jenseits der Bucht von Xagua erheben. 
Diese Nacht blieben sie noch ein Mal vor Anker 
liegen , und traten den folgenden Tag in die offne 
See ein. 

Sogleich erhöhte sich die Temperatur des Was- 
sers , als sie sich von den Untiefen entfernten. Die 
See wurde indigoblau, und der Thermometer, wel- 
cher früher bei 6 l / 2 bis 8 Fufs Tiefe 22 , 6 zeigte, 
erhielt sich jetzt auf 26 , 2, bei einer Lufttempera- 
tur von 25° bis 27 . Sie versuchten in den Hafen 
von Trinidad einzufahren , weil von da aus , bei 
dem herrschenden Nordostwinde, die Überfahrt nach 
Carthagena leicht bewerkstelligt werden konnte, 
dessen Meridian zwischen Santiago de Cuba und die 
Bucht von Guantanamo fällt. Sie kamen vor der 
sumpfigen Küste der Camareos vorbei , welche 
durch den edelmüthigen und humanen las Casus 
berühmt ist. 

Der Hafen von Xagua ist einer der schönsten auf 
der Insel Cuba, aber am wenigsten besucht ; schon 
Herera sagt von ihm : er sey der schönste , so dafs 
es keinen andern auf Erden gebe. In der neuern 
Zeit wurde dieser Ruhm bestätigt, allein bis jetzt 
gibt es nur eine kleine Häusergruppe daselbst, und 
eine kleine Festung zur Verteidigung, weil ihn 
früher in Kriegszeiten die Engländer benutzten, um 

»7* 



— 5£0 — 

daselbst ihre Schiffe zu kielholen. Östlich von Xa- 
gua gewinnen die Küsten ein majestätischeres An- 
sehen, indem sicli die Berge den Küsten nähern. 
Ihre Höhe beträgt zwar nicht über 3oo Toisen, aber 
sie imponiren durch ihre steile Abschichtung und 
die zackige Gestaltung der ganzen Gruppe. Die 
Küste ist hier dermafsen steil (aecore) , dafs Schifte 
ganz nahe an sie hinankommen, und zwar selbst 
Fregatten sich ihr überall bis zur Ausmündung des 
Rio Guaurabo nähern können. Als nächtlicher 
Weile die Luft bis auf 23° sich abgekühlt hatte, und 
der Wind vom Lande her wehete , brachte er wie- 
der jenen herrlichen Geruch von Blüthen und Honig, 
der die Luft um Cuba so herrlich auszeichnet. Das 
Wachs von Cuba ist ein Erzeugnafs europäischer 
Bienen, und macht, wie wir oben gezeigt haben, 
einen bedeutenden Handelsartikel der Insel aus. 
Vor der Ankunft der Spanier ward auf Cuba kein 
Wachs gesammelt, wie Christoph Colambus aus- 
drücklich erwähnt. Er fand daselbst zwar einen 
grofsen Wachskuchen , welchen er auch in einer 
Audienz dem Könige Ferdinand überreichte, es 
wies sich jedoch nachher aus, dafs dieses Wachs 
als Handelswaare von Mexiko eingeführt worden 
war. Bedeutsam war das erste mexikanische Pro 
dukt , welches im November 1492 den Spaniern in 
die Hände fiel , nicht Gold, sondern ein Erzeugnifs 
der Landwirtschaft , zum richtigen Zeichen, dafs 
dieses der wahre Reichthum des Landes sey. Häfc- 



— 38i — 

tcn die Spanier mehr nach Wachs als nach Gold ge- 
trachtet , so wären jetzt wahrscheinlich Mutter und 
Töchter glücklicher. Sie fuhren nun bei drei Mei- 
len der Küste entlang, und befanden sich am fol- 
genden Morgen der Ausmündung des Rio St. Juan 
gegenüber. Hier ist ein Landungsplatz , der aber 
allen Seefahrern, aufser Schmugglern und Piraten, 
zuwider ist, weil die Luft von Mosquitos und Za- 
cundos wimmelt, wie auf dem Cassiquiare. Dieser 
Hafen liegt unter 23°, 4°' 5o" Länge. Die Berge, 
welche den Hafen beherrschen, erreichen liier kaum 
23o Toisen Höhe. Herr von Humboldt brachte 
einen Theil der Nacht auf dem Verdecke zu. Er 
erstaunte über die öden Rüsten , wo nicht ein ein- 
ziger Lichtfunke das Daseyn auch nur einer Fischer- 
hütte andeutete. Von Batabano bis Trinidad ist 
nicht ein einziges Dorf vorhanden , und kaum findet 
man zwei oder drei Corales für Rühe oder Schweine. 
Zur Zeit des Columbus war diese Rüste bewohnt. 
Wenn man hier Brunnen gräbt, oder wenn bei gros- 
sen Wassern der Boden ausgespült wird, so kom- 
men nicht selten steinerne Äxte nnd Rupfergeräthe 
zum Vorscheine , welche von den vormaligen Be- 
wohnern herrühren. Auf Cuba und Haiti kommt 
allerdings viel Rupfer vor , und die Menge mufste 
die Einwohner zur Schmelzung desselben veranlas- 
sen. Columbus meldet : in Haiti würden Massen 
von gediegenem Rupfer, 6 Aroben schwer, gefun- 
den, und die Piroguen von Yucatan , denen er an 



— 382 — 

den Ostliüsten von Cuba begegnete , führten unter 
andern Handels waaren aus Mexiko auch Tiegel zum 
Schmelzen des Kupfers. 

Sie fuhren nun in einem Wasser von 60 Toiscn 
Tiefe; die Temperatur desselben war 4°> 2 höher, 
als die der seichten Wasser bei Batabano. Am 14« 
liefen sie in den Rio Guaurabo, einen der zwei 
Häfen der Stadt Trinidad de Cuba, ein. Hier hoff- 
ten sie nun mit einem Paquetboote nach Carthagena 
segeln zu können. Sie landeten gegen Abend, und 
wurden nun von einigen calalonischen Krämern lu- 
stig und munter eingeladen, sie nach der Stadt zu 
begleiten. Die Fahrt nach der Stadt glich der der 
alten Johannisritterfahrt. Sie safsen nämlich alle 
zu zw ei und zwei auf einem Pferde , und Herr von 
Humboldt und Bonpland zögerten nicht , das naive 
Anerbieten anzunehmen. Die Entfernung der Stadt 
beträgt ungefähr vier Meilen auf einer beinahe wa« 
gerechten Ebene, die mit dem schönsten Pflanzen- 
wüchse bedeckt ist. Einen besondern Reiz dersel- 
ben bildet die Corypha Miraguama, ein Palmbaum 
mit silberfarbnen Blättern, den unsere Freunde 
hier zum ersten Male sahen , und welcher der Ge- 
gend einen eigenthümlichen Reiz verleiht. Dieser 
schöne und fruchtbare Erdstrich wartet noch auf 
Menschenhände, um sehr reiche Ernten zu liefern. 
Gegen W f esten wird die Aussicht malerisch, da sie 
sich nach den Kalkgebirgen der Lomas de St. Juan 
öffnet, welche 1800 bis 2000 Fufs Höhe hat , und 



— 383 — 

südwärts steil abgestutzt ist. Die nackten Gipfel 
stellen theils Kuppen , theils wirkliche Nadeln und 
eigentliche Hörner dar. Obwohl die Temperatur 
zur Zeit der Nordwinde niedrig ist, so erfolgen 
doch niemals Schneeniederschläge , wiewohl öfter 
Reif sowohl auf diesen , als auch auf den Bergen 
von Santiago angetroffen wird. Beim Austritte aus 
dem Walde erblickt man eine Reihe von Hügeln, 
deren südlicher Abhang mit Häusern bedeckt ist. 
Dieses ist die Stadt Trinidad, welche der Gouver- 
neur Velasquez 1 5 1 4 ? aus Veranlassung der reichen 
Goldminen , welche im Thale des Rio Ariamo soll- 
ten entdeckt worden seyn , gegründet hat. Die 
Strafsen sind alle auf steilen Abhängen befindlich, 
und es herrscht, wie überall im spanischen Ame- 
rika , die Klage über die schlechte Auswahl des Bo- 
dens zur Gründung der Städte. Am nördlichen 
Ende steht die Kirche von Nuestra Sennora de la 
Papa, welche ein berühmter Wallfahrtsort ist, und 
700 Fufs über der Meeresfläche erhaben liegt. Man 
geniefst hier eine prachtvolle Aussicht über den 
Ocean , über beide Häfen , über einen Wald von 
Palmbäumen und nach der Gruppe der hohen Ge- 
birge St. Juan. 

Sie gelangten glücklich nach Trinidad , und wur- 
den daselbst bei dem Verwalter der königlichen 
Pflanzung, Herrn Munnoz , mit der liebenswürdig- 
sten Gastfreundschaft empfangen. Trinidad liegt 
nach der Beobachtung des Herrn von Ilumbodlt un- 



— 384 — 

tcr 2i°, 48' 20" N. Br. und 82 , n* 7" W. L. Der 

Statthalter von Trinidad , dessen Gerichtsbarkeit 
sich über einen bedeutenden Theil der Insel er- 
streckte, war ein Neffe des berühmten Astronomen 
Antonio Ulloa. Er gab unsern Reisenden ein 
grofses Fest , zu welchem auch mehrere ausgewan- 
derte Franzosen von San Domingo geladen waren, 
die ihren Fleifs und ihre Einsichten nach Cuba über- 
gebracht hatten. 

Die Ausfuhr von Trinidad ist keineswegs so be- 
deutend, als man denken sollte. Die Stadt führt 
noch keine vollen 400 Kisten Zucker aus. Trinidad 
hat zwei Hafen , von denen jedoch keiner noch die- 
jenigen Verbesserungen erhalten hat, deren sie von 
Natur aus iahig sind. Die Bocca de Rio Guaurabo 
gewährt, seit sie durch eine Batterie vertheidigt 
wird, einen sichern Landungsplatz, der jedoch von 
Winden keineswegs geschützt ist. Solche Fahr- 
zeuge, die nicht tief gehen, oder die zum Theil 
ausgeladen werden , können sich stromaufwärts 
bis auf eine Meile der Stadt nähern. Die Paquet- 
boote ziehen diesen Hafen vor, da sie sicher lan- 
den können, ohne eines Piloten zu bedürfen. Der 
Hafen von Cisilda ist ein mehr geschlossener, tief 
landeinwärts gelegener Ort ; man bedarf jedoch 
hier der Piloten , weil er mit einer Menge Klip- 
pen verschlossen ist. Der Leuchtthurm war durch 
das Abfeuern der Kanonen völlig zerfallen; auch 
leidet der Hafen von Cisilda Mangel an süfsem 



— 385 — 

Wasser, welches auf eine Meile weit hergeholt 
werden mufs. 

Die Bevölkerung von Trinidad mit den umliegen- 
den Pacbthöfen, in einem Umkreise von 2000 Toi- 
sen , beträgt 19,000 Seelen. Die Zucker- und Caf- 
feepflanzungen sind von grofser Ausdehnung, und 
europäische Brotfrüchtc werden nur weiter gegen 
Villa Clara hin angebaut. 

Einen sehr angenehmen Abend brachten sie noch 
im Hause eines sehr reichen Einwohners , des Don 
Antonio Padrön zu, wo die ganze vornehme Ge- 
sellschaft von la Trinidad versammelt war. Auch 
hier war der muntere und lebhafte Geist der Be- 
wohner von Cuba, besonders der Frauen, sehr auf- 
fallend, und dieser Geist läfst eine einstige sehr 
hohe Stufe der Cultur ahnen. In der Nacht vom 
i5. verliefsen sie la Trinidad. Es widerfuhr ihnen 
die Ehre , dafs sie der Stadtmagistrat in einem 
mit carmesinrothem Damast ausgeschlagenen Staats- 
wagen nach dem Hafen führen liefs , und ein Geist- 
licher hatte in einem Sonnettc ihre Reise nach dem 
Orinoko besungen. Dieser Auszug war freilich 
feierlicher, als der Einzug, wo zwei auf einem 
Pferde safsen. 

Auf dem Wege nach dem Hafen hatten sie eine 
entzückend schöne Erscheinung , mit der sie nac 
zweijährigem Aufenthalte in der heifsen Zone schon 
hätten vertraut seyn sollen. Nirgends anderswo, 
versichert jedoch Herr von Humboldt 9 hatte er eine 



— 386 — 

solche Menge leuchtender Insekten gesehen (elater 
noctilucus). Das Gras am Boden , die Äste und 
Blätter der Bäume, alles glänzte von röthlichem be- 
weglichem Lichte, dessen stärkerer oder schwäche- 
rer Glanz vom Willen der Thiere, die ihn hervor- 
bringen, abhängt. Es war, als hätte das Sternfirma- 
ment des Himmels sich auf die Savane niedergesenkt. 
In den Hütten armer Landleute dienen ein Dutzend 
solcher Insekten in einer durchlöcherten Kürbis- 
flasche als Nachtlampe, bei der man alles Benöthigte 
finden kann. Man darf die Flasche nur rütteln, um 
das Insekt zu reizen, und den leuchtenden Schei- 
ben, die sich zu jeder Seite seines Bruststückes be- 
finden, einen erhöhten Glanz zu geben. Das Volk 
nennt sie ewig brennende Laternen. Sie erlöschen 
auch in der That nur durch Krankheit oder den Tod 
der Insekten, welche sich durch etwas Zuckerrohr 
leicht ernähren lassen. 

Da die Brise in nordöstlicher Bichtung immer 
heftiger wehte, so wollte man die Caymas-Inseln 
vermeiden , die Strömung trieb sie dennoch durch 
dieselben hin. Allmählich verloren sie nun Trini- 
dad , die Palmenwäldcr und endlich die Insel aus 
dem Gesichte. Sie verliefsen die Antillen in dem 
Augenblicke, wo der Sturm der Sclavencmpörung 
auf St. Domingo den gesammten Archipel zu ergrei- 
fen und zu verschlingen drohte. Glücklicherweise 
ist diese Drohung nicht in Erfüllung gegangen. Wo 
der Sturm entstand, hat er sich wieder gelegt. Eine 



— 387 — 

freie Negerrepublik hat sich auf Haiti gebildet, und 
gibt der Weltgeschichte das erste Beispiel eines ci- 
vilisirten Negerstaates. Ackerbau, aber nicht der 
Anbau der Colonialerzeugnisse , ist der Gegenstand 
der Beschäftigung bei diesem schwarzen Volke. Möch- 
ten nur die Antillen, durch dieses Beispiel gewarnt, 
immer solche Mafsregeln ergreifen, welche ihre 
Sicherheit befestigen. Da jedoch die sichersten An- 
stalten jederzeit auch die menschlichsten sind , so 
ist zu wünschen, dafs eine allmählige Auflösung der 
Sclavenbande jedem gewaltsamen Sprengen dersel- 
ben zuvorkomme. Selbst die Freiheit wird zu theuer, 
wenn sie durch gewaltsames Vergiefsen von Men- 
schenblut und durch] die Gräuel einer Revolution 
erkauft werden soll. 

Und so hätte ich denn meinen jungen Lesern das 
Wesentlichste des Reiseberichtes des Herrn von 
Humboldt wieder erzählt, so weit es ihm bisher ge- 
fallen hat, uns davon zu unterrichten. Er geht nun 
hin, um eine Reise um dieW T elt zu machen; allein 
er bleibt in Amerika, besucht Neu -Granada, Peru, 
Guatemala und Mexiko, um gleichsam durch höhern 
Willen gezwungen, sein Vorhaben: die spanischen 
Colonien in Amerika zu durchforschen, auch aus- 
zuführen. Ich habe nichts von dem verschwiegen, 
was ich für meine jungen Leser passend hielt, und 
nur das übergangen, was ihnen unverständlich, und 
eben darum langweilig geworden wäre. 



— 388 — 

Würden dadurch meine jungen Freunde auch 
Freunde der Natur, fühlten sie sich für ihre Maje- 
stät begeistert und angetrieben, der Erhenntnifs der- 
selben diejenige Zeit zu widmen, welche man ge- 
wöhnlich dem Müfsiggange und gefährlichen Zer- 
streuungen weiht, so hätte ich meine Absicht er- 
reicht. — 

Ende des vierten Bändchens. 



Inhalt des vierten Bändchens. 



E 



Siebentes Buch. c . 

oeito 
ilftes Kapitel. Töpfer- Waare der Indianer. — Die 
Landschaft bis zu den schwarzen Wassern 5 

Zwölftes Kapitel. Die schwarzen Gewässer. — San 

Fernando de Atabapo 14 

Dreizehntes Kap.itel. Neuer Reiseplan. — San Fer- 
nando de Atabapo. — Fahrt auf dem Guaviarc in den 
Atabapo. — St. Balthasar 30 

Vierzehntes Kapitel. Fahrt auf dem Rio Temi. — 

Der Fels der Mutter. — Reise nach Javita 34 

Fünfzehntes Kapitel. Javita. — Reise an den Rio 

Negro. 44 

Achtes Buch. 

Erstes Kapitel. Fahrt auf dem Rio Negro. — Der 

Teufelstanz. — Reise bis zur Mission Frauzesco Solano 5o, 

Zweites Kapitel. Die Menschenfresser. — Fahrt bis 

Mandavaca r6 

Drittes Kapitel. Fahrt bis zur Gabeltheilung. — Nacht- 
Besuch Yom Jaguar 86 

Viertes Kapitel. Die Gabeltheilung des Orinoko . . 96 

Fünftes Kapitel. Der Ober • Orinoko. — Esmeralda. — 
Das Curare. — Das Juviafest. — Juvia. — Schilf und 
Bast . . . 108 

Sechstes Hapitel. Der Lauf des Orinolio oberhalb Es- 
meralda. — Abreise von Esmeralda. — Tiger . . . .123 

Siebentes Kapitel. Die Hohle von Ataruipe. — Reise 

nach Carichana , i38 

üibl.naturh.Rciscn.lV. ,ft 



Seite 

Achtes Kapitel. Mission von Caritfhana. — Mission 

Uruana. — Die Otomahen oder Erdfresser i/ f 8 

Neuntes Kapitel. Reise nach Angostura löy 

Zehntes Kapitel. Umgebungen von Angostura, — Die 
Krokodille. — Die Mündung des Orinoko. — Das Steigen 
und Fallen der Ströme löS' 

Eilftes Kapitel. Das rechte Ufer des Orinoko. — 
Die Mission von Carony, — El-Dorado. — Der Parime« 
See i 7 8 

Neuntes Buch. 

Erstes Kapitel. Abreise von Angostura. — Die Mission 
der Cariben. — Historische Bemerkungen über die Völker 
Amerika's 191 

Zweites Kapitel. Bemerkungen über die Cariben . -199 

Drittes Kapitel. Abreise von Cari. — Villa del Pao. — 
Reise nach Neu - Barcellona. — Betrachtungen über die 
Steppen 211 

Viertes Kapitel. Erscheinungen in den Hannos, — 

JSeu -Barcellona. — Aufeulhalt daselbst. — Ausflüge . . 220 

Fünfte 9 Kapitel. Reise nach Cumana. — Aufenthalt 

daselbst. — Abreise nach der Havannah 280 

Sechstes Kapitel. Allgemeine statistische Bemerkungen 

über Venezuela «4° 

Siebentes Kapitel. Gestaltung des Landes. — Un- 
ebenheiten des Bodens. — Bergkuoten, — Ebenen . . »5» 

Achtes Kapitel. Fortsetzung des Vorigen, — Becken 
und Thäler. — Höchste Spitzen. — Die übrigen Berg- 
gruppen 268 

Zehntes Buch. 

Erstes Kapitel. Reise nach Cuba ■. 281 

Zweites Kapitel. Allgemeine Bemerkungen über die 

Antillen 289- 

Drittes Kapitel. Politische Beschreibung der In-el Cuba 296 



Seite 

Viertes Kapitel. Fortsetzung der Beschreibung der 
Insel Cuba, — Gröfse. — Beschaffenheit. — Bevölke- 
rung. — Sclaveu 3o8 

Fünftes Kapitel. GeistigeBildung auf der Insel Cuba. — 

Öffentliche Anstalten. — Produkte 3 18 

Sechstes Kapitel. Die Verwendung der Sclaven. — 

Caffee. — Tabak. — Wachs. — Handelsverkehr . . .33« 

Siebentes Kapitel. Wünsche für die Industrie und 

das Loos der Sclaven 34» 

Achtes Kapitel. Rüstung zur Abreise. — Falsche Nach- 

richten 354 

Neuntes Kapitel. Abreise von Batabano. — Seefahrt 

zwischen den Inseln 366 

Zehntes Kapitel. Geschichtliche Erinnerungen. — Fahrt 

auch Trinidad, — Abreise nach dem Festiande , , . , 3/4 



•h.